Das schöpferische Wort

Über die Hörspielfassung des Romans „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon

Von Ruthard Stäblein
03.07.2020 •

Das Parterre will unterhalten, die Loge herausgefordert werden. So lautete das Rezept von Shakespeare. Beide Publika sucht auch Thomas Pynchon. Die sich auf die Schenkel klopfen und auf jeden Witz hereinfallen, wie die Geistesakrobaten, die jede intertextuelle Windung verstehen. Nur steigt die Frustrationsschwelle bei Pynchon gleich am Start so steil an wie die Parabel einer V2-Rakete. Und ebenso steil fällt die Bereitschaft der Leser, die Flugbahn des Romans weiter zu verfolgen. Der Crash ist geradezu programmiert. Der 1200 Seiten dicke Buchklotz verstaubt im Regal. Selbst hartgesottene Leser wie der Regisseur Klaus Buhlert geben beim ersten Mal auf. Und geben ihr Scheitern auch zu.

Nun haben sich dieser vielfach geprüfte und für sein Lebenswerk ausgezeichnete Hörspielregisseur sowie sein ebenso erfahrener Hörspieldramaturg Manfred Hess (SWR) – die gemeinsam schon Herausforderungen wie Homers „Ilias“ (2007/08) als Koproduktion von Deutschlandfunk und Hessischem Rundfunk (HR) und den „Ulysses“ von James Joyce für den SWR und den Deutschlandfunk (2012) gemeistert haben – diese unendlich schwierige Aufgabe vorgenommen, Thomas Pynchons Roman „Die Enden der Parabel“ (Originaltitel: „Gravity’s Rainbow“) für das Radiopublikum hörbar zu gestalten. Ein Unternehmen, das die nobelpreisgekrönte „Parabel“-Mitübersetzerin Elfriede Jelinek begrüßte und zum Scheitern verurteilt sah (zweiter Übersetzer: Thomas Piltz).

Weltweit zum ersten Mal

Der Ansatz von Hess und Buhlert besteht darin, gemäß dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für ein größeres Publikum einen Zugang zur Weltliteratur zu schaffen, selbst zu den gewaltigen Werken, zu den „Achttausendern“, wie sich Dramaturg Manfred Hess ausdrückt. Hess hat sich damit einen alten Studententraum erfüllt, den er durch seine Beharrlichkeit weit über zehn Jahre verfolgte. Er erhielt weltweit zum ersten Mal von dem 1937 geborenen US-amerikanischen Autor, der sich sonst gegen alle Anfragen sperrt, direkt das Recht, dessen Hauptwerk als Radiohörspiel umzuarbeiten, das heißt, auch zu kürzen, also zu verändern. Nur die obszönen Stellen wollte Pynchon nicht zensiert und die Gedichteinlagen, Songtexte, Limericks nicht musikalisch komponiert sehen.

Regisseur Klaus Buhlert gelingt auch gleich der Anfang und damit der erste Zugang zum Werk. Er verkürzt die Sätze, stellt sie um und baut eine beeindruckende, gewaltige Geräuschkulisse auf, die den Hörer nach London in den letzten Kriegswinter von 1944/45 versetzt, als ein „Heulen“ von Sirenen über den Himmel der Stadt kommt. Es knistert. Londoner Bürger werden mit Eisenbahnwaggons evakuiert, man hört den dumpfen Schlag der Puffer, „wie sich Metall an Metall reibt“. Regen fällt. Scheinbar reale Geräusche, die abrupt abbrechen.

Sogleich wird deutlich, dass es sich um eine imaginäre Szene handelt, um einen Albtraum des Geheimdienstchefs Pirate Prentice (Felix Goeser). Buhlert erschafft einen halluzinatorischen Echoraum. Stimmen wandern von rechts nach links, von oben nach unten, von hinten nach vorne, sind nicht genau zu orten, außer der Erzählerstimme von Franz Pätzold. Die kommt meist mittig, haut den Hörer direkt an, knarzend, schnoddrig, cool. Wenn sie nicht ersetzt wird durch einen Perspektivwechsel und die weichere, angenehmere Stimme von Felix Goeser. Darüber schwirren Geräusche, zuweilen illustrierend, zuweilen in irreale Sphären entführend. Darunter liegen von Buhlert zitierte bzw. komponierte Musikakzente eingeblendet oder als Trenner und dann wieder als motivisch verbindendes Glied zwischen den einzelnen Episoden.

Insgesamt 520 Produktionstage

Klaus Buhlert hat in den Studios des Deutschlandradios in Berlin und des Südwestrundfunks in Stuttgart bis zu fünf verschiedene Mikros im Raum verteilt. Zum Teil auch im schalltoten Raum, um so verschiedene Raum-Atmos aufzupfropfen. Dann hat er die diversen Aufnahmen im eigenen Studio gemischt und die Geräusche und die eigene Musik eingespielt. Und zuletzt alles auf Stereo gesetzt. Mit insgesamt 520 Produktionstagen. Der promovierte Akustiker ist mit allen Manierismen der digitalen Technik gewaschen. Auf diesem Gebiet kann ihm keiner im deutschen Hörspiel das Wasser reichen. Er reißt Räume auf, bringt Stimmen zum Wabern und Geräusche zum Klirren und Flirren. Realistische und surrealistische, irrationale, paranoide Szenen laden sich klanggepolt gegenseitig auf. Die einzelnen Figuren werden so zu Gespenstern. Sie haben keine Konturen. Sie sind flach, vorhersehbar, „Simulakren“, wie ausgeschnitten aus dem postmodernen Bilderbuch des französischen Medientheoretikers Jean Baudrillard.

Klaus Buhlert kann diese Theorie bedienen, denn er ist ein technoider Zauberer. Und er ist ein großer Meister in der Führung von Schauspielern. Er hat den direkten Draht zu den großen Stars der Szene: Franz Pätzold, Felix Goeser, Golo Euler, Bibiana Beglau, Jens Harzer, Thomas Thieme, Wolfram Koch, Corinna Harfouch, Jenny König, Lars Rudolph, Jens Wawrczeck; um nur die wichtigsten und markantesten Stimmen zu nennen. Buhlert baut für sie Bretter, ohne die sie sonst im unverständlichen Sumpf des Textes von Pynchon versinken würden, wie es Felix Goeser in einem Begleitgespräch für die Ursendung von SWR 2 ausdrückte.

Es heißt, manch eine Schauspielerin wollte auch aufgeben. Kein Wunder bei den zum Teil brutalen, frauenverachtenden Szenen, die Pynchon vorgibt, um die von Raketen besessenen, erotischen Machtphantasien von Männern bloßzustellen. Und Klaus Buhlert konnte sie alle bei der Stange halten. Er kennt alle Schauspieler, die im deutschen Theater einen Rang und Namen haben und auch mit einem Mikro und einem schwierigen literarischen Text umgehen können. Corinna Harfouch etwa spielt mit Bravour die alternde Ufa-Diva Greta Erdmann, die eine masochistische Folterszene mimt und dabei gefilmt wird. Eine Szene, in der sie jüdische Kinder mordet, bleibt der Darstellerin erspart. Greta quält ihre Tochter, verführt den amerikanischen Lieutenant Tyrone Slothrop (Golo Euler), der durch das Deutschland des Kriegsendes 1945 abenteuerlich herumirrt auf der Flucht vor Geheimdiensten. Er ist auf der Suche nach der Ursache seiner geheimnisvollen Erektionen, die immer dann auftreten, wenn sich eine V2-Rakete in London mit einem Geheul ankündigt, das erst zu hören sein wird, nachdem sie explodiert ist, weil sie schneller als der Schall fliegt. Was zu einer Umkehr von Ursache und Wirkung und zu steten Zeitsprüngen im Roman führt.

Slothrop erfährt im kriegszerbombten Deutschland, dass er von seinen Eltern als Kind an einen Chemiker der I.G. Farben für ein Pawlowsches Experiment verkauft und dann konditioniert zu einer Ejakulation wurde, die bei dem Geruch von einem Plastik auftritt, das später der V2-Rakete den Überschall verschafft. Wenn sich Greta Erdmann alias Harfouch wiederum diese polymere Plastikhaut überstreift, die ihr Geschlecht freilässt, wird sie zum fetischisierten Körper, der die Männer erotisiert. Wie sie schon zuvor als masochistische Filmdiva einen V2-Raktetenkonstrukteur dazu aufreizte, mit einer Antifaschistin eine Tochter zu zeugen. Als Slothrop später diese Ilse einmal im Jahr von seinem SS-Direktor zugeführt bekommt, weiß er nicht, ob es wirklich seine Tochter ist oder jedes Mal eine andere. Der Erzähler führt das darauf zurück, dass das menschliche Auge im Film getäuscht und von der Wirklichkeit abgelenkt wird, wie der Zweite Weltkrieg wiederum ablenken sollte von der Weiterentwicklung der V2- zur Mondrakete (was wiederum den Kern der Film- und Kriegstheorie des Medientheoretikers Friedrich Kittler bildet).

Ein Hörspieltrip durch das zerbombte Deutschland

Ein deutscher Filmregisseur dreht für die alliierte Propaganda einen Film, der suggeriert, die Nazis würden Hereros für die Raketenforschung einsetzen. So ein „Schwarzkommando“ tritt dann „wirklich“ in Nordhausen im Konzentrationslager Dora-Mittelbau auf, wo die V2 produziert wurde. Es gibt keine „Realität“ mehr, sondern der Film erzeugt einen Film und der Roman ist selbst ein Film, den wir gerade sehen, worauf der Regisseur Buhlert im Hörspiel durch ein wiederholt auftretendes Rattern eines alten Filmprojektors anspielt. Sex, Macht, Gewalt, militärische Forschung, psychologische Konditionierung und Manipulation, Überwachung, Paranoia, Film, Rassismus, Zweiter Weltkrieg. Alles hängt mit allem zusammen und ist ziemlich verwirrend. Wenn etwas im Mittelpunkt stehen könnte, dann ist es die V2-Rakete selbst und ihr ominöses „Schwarzgerät“, auf das alle Männer im Roman, die Geheimdienste, Wirtschaftskartelle, die Russen, die Amerikaner, „scharf“ sind.

In der Ursendung des Hörspiels im Programm SWR 2 am 17./18. und 18./19. April in zwei Nächten wurden zwischen die einzelnen Episoden Gespräche mit Beteiligten und Experten eingefügt, übrigens geführt von dem kundigen Literaturkritiker Denis Scheck („Druckfrisch“, ARD). Scheck im Gespräch über Pynchon mit Schauspielern, mit Literatur- und Militärhistorikern – das waren Sternstunden der Vermittlung von Literatur im Radio! So wurde etwa auf „Moby Dick“ von Herman Melville hingewiesen. Wie dort Käpt’n Ahab vom weißen Wal so seien bei Pynchon die Männer von der V2 besessen.

Für Verständnis sorgt auch Regisseur Klaus Buhlert dadurch, wie er den Roman gekürzt und bearbeitet hat. Er schafft etwas Orientierung für den Zuhörer, indem er einen Handlungsstrang auf den amerikanischen Abenteurer Slothrop zuschneidet. So wird der Roman tendenziell zu einem Roadmovie, getrimmt auf einen Hörspieltrip durch das zerbombte Deutschland, das aus Anlass des diesjährigen 75. Jahrestages des Kriegsendes im Radio gesendet werden kann. Aber das ist nur eines von vielen „Enden der Parabel“.

An manchen Enden schneidet Buhlert jedoch zu viel ab. So kürzt er oft die Sexszenen auf die Highlights zusammen und lässt obszöne Stellen gleich ganz weg. Vielleicht ist das einem Impuls freiwilliger Selbstkontrolle und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschuldet. Jedenfalls verfehlt er dabei den Stil von Pynchon, seinen „Spirit“. Pynchon treibt die sadistischen und masochistischen Sexspiele auf die Spitze, einerseits um den phallischen Machtwahn der Raketenmänner bloßzustellen und zu karikieren. Andererseits um literarische Vorbilder wie Nabokov zu parodieren. Schließlich bricht Pynchon die Spitze ab. Die Erregung kippt ins Komische. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Gerade die ausführliche Beschreibung der Einzelheiten wirkt abschreckend und wird lächerlich.

Franz Pätzold ist die Leihstimme des Autors

Buhlert jedoch kastriert den Witz. Bei ihm ist nichts von Pynchons Pastiche eines Nabokov zu spüren, wenn er die 16-jährige Nymphe Katje Borgesius, die alle Männer verführen will und von einem Mann manipuliert wird, mit Bibiana Beglau besetzt, die viel zu tief und herrisch spricht. Selbst bei harmlosen Stellen setzt Buhlert die Schere ein. „Büromädchen stülpen ein paar Pullover weniger über, geben ihren Brüsten eine Chance der Sichtbarkeit.“ Buhlert streicht den zweiten Teil des Satzes. Und damit auch die Anspielung auf die 1960er Jahre. Denn Pynchons „Parabel“ endet dort, seine V2 landet in einem Kino in Los Angeles.

Die typischen Sechziger-Jahre-Haschischszenen hat Buhlert mit seinen Sprechern gut einstudiert. Sie atmen sogar so, als seien sie bekifft. Und auch seine psychedelischen Musikeffekte treffen jene Hippiezeit. Es fehlt jedoch der Geist der Beatniks, von „ACID“-Porno, Kerouac, Burroughs und Allen Ginsberg. Pynchon hatte zwar verboten, seine Liedtexte und Gedichte zu vertonen, aber Buhlert hätte sie, à la Ginsbergs Geheul „Howl“, als Sprechgesang aufführen können. An wenigen Stellen macht er das auch, zum Beispiel mit Lars Rudolph, verblüffend gut. Wenn aber die „chorus line“ wegfällt, die Pynchon so oft popironisch einsetzt, fällt auch der konfrontative Kontrast von U und E, von Parterre und Loge weg.

Bei Pynchon knallen lächerliche Songtexte und simple Gedichte auf artifizielle Prosa, komplexe Gedanken auf amerikanischen Slang und Rilke wird vom Dudelsack überrumpelt. Slapstick, Trash und Pulp pulsieren zu selten bei Buhlert. Und auch Rilke ist weitgehend gestrichen. Genauso schrumpft das Karnevaleske, Burleske, Exzessive, also das Rabelais-hafte in diesem Hörspiel immer dann zusammen, wenn Buhlert die Handlung vorantreibt. Er meistert aber auch bravourös absurde Szenen im zerbombten Deutschland. Einfach grandios sind die Nummern mit der Banane oder Verfolgungsszenen, bei denen dreckig gelacht wird.

Ein Hörspiel, das seinen Auftrag erfüllt

Der eigentliche Mehrwert in diesem Hörspiel liegt jedoch in der Stimme des Erzählers Franz Pätzold. Er hat mit 200 Manuskriptseiten den Löwenanteil in diesem fast 14-stündigen Hörspiel zu bewältigen. Buhlert setzt ihn sogar in Dialogszenen ein, lässt ihn Halbsätze sprechen, die dann andere Schauspieler als Rolle spielen. Aber er stellt den Erzähler Pätzold noch mehr heraus und in die Mitte als einen Rhapsoden Manfred Zapatka in seiner Hörspielfassung von Homers „Ilias“ (vgl. FK-Heft Nr. 2‑3/2008). Was mich zuerst gestört hat, ist Pätzolds Trumpf: die Coolness, die kratzige Monotonie seiner Stimme, seine Schnoddrigkeit, die Gleichgültigkeit gegenüber den „handelnden“ Figuren, die unerträglich wird. Das Apathische an ihm offenbart seine postmoderne Charakterlosigkeit.

Pätzold ist die Leihstimme des Autors, der alles beobachtet und jedes Detail gottgleich sieht. Er ist seinen Figuren immer einen Schritt voraus, so, wie das Geräusch ihrer Explosion vor dem Überschall der Rakete kommt. Anders als heutige Autoren, die davon schwärmen, welches Eigenleben ihre Figuren führen, werden die Figuren bei Pynchon an Fäden gezogen, die nicht die allmächtig scheinenden Geheimdienste ziehen, sondern der Autor selbst. Und das kann er nur, wenn er diese absolute Indifferenz bewahrt, die seine Leihstimme Pätzold schafft. So lässt er Figuren wie Slothrop auftauchen, lässt ihn unbeschadet wie einen barocken Pikaro-Helden die unmöglichsten Abenteuer und Zufälle überstehen, um ihn am Ende sang- und klanglos im Orkus verschwinden zu lassen. Identitätslos, ohne Pointe, eben postmodern. So erfüllt das Hörspiel die neutestamentarische Idee: in principio erat verbum. Im Anfang war das Wort, das gesprochene, das schöpferische Wort.

Dieses Hörspiel erfüllt seinen Auftrag, den Zugang zum Werk. Und man liest den Roman nach dem Hörspiel anders, besser noch: Man will ihn unbedingt nochmals lesen.

*  *  *  *  *

Das Hörspiel Die Enden der Parabel ist eine Koproduktion von Südwestrundfunk (federführend) und Deutschlandfunk. Urausgestrahlt wurde es bei SWR 2 am 17./18. und 18./19. April 2020 in zwei langen Tranchen, von 20.03 bis 6.00 Uhr und 20.03 bis 4.00 Uhr. Der Deutschlandfunk strahlte das Stück auf sechs Termine verteilt aus: am 18./19. April von 20.05 bis 6.00 Uhr, am 21. April von 20.10 bis 21.00 Uhr, am 25. April von 20.05 bis 22.00 Uhr, am 28. April von 20.10 bis 21.00 Uhr, am 2. Mai von 20.05 bis 22.00 Uhr und am 5. Mai von 20.10 bis 21.00 Uhr. Jeweils mit eingefügten Erläuterungen von Denis Scheck. Hintergrundinformationen zum Stück gibt es auf dieser SWR-2-Webseite. Das Hörspiel ist auch als CD-Box bei Hörbuch Hamburg erschienen.

03.07.2020/MK

` `