Corona, Fußball, Herzstillstand

Massive Ausbeutung eines Großereignisses: Die Europameisterschaft im Fernsehen

Von Dietrich Leder
16.07.2021 •

Als am Sonntag (11. Juli) kurz vor Mitternacht das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft zwischen Italien und England mit dem Elfmeterschießen im Londoner Wembley-Stadion zu Ende ging, war es, als ob den an diesem Abend hochgepeitschten Emotionen jedwede Energie entzogen worden wäre. Sicher, auf den Fernsehbildern, die das ZDF live aus London übertrug, sah man, wie die siegreichen Italiener jubelten, doch man erkannte auch, dass ihr Torwart Gianluigi Donnarumma, der die letzten beiden Elfmeter der Engländer gehalten hatte, eher stoisch über das Feld stiefelte, als wäre nichts Besonderes geschehen.

In Nahaufnahmen war zu sehen, dass die meisten englischen Spieler apathisch auf dem Rasen kauerten, als könnten sie das, was gerade geschehen war, gar nicht fassen; einige trösteten die Mitspieler, die ihre Elfmeter verschossen hatten. Und im Stadionrund sah und hörte man nur den Jubel der wenigen italienischen Fans unter den zugelassenen 60.000 Zuschauern. Die englischen Fans schwiegen betreten. Nach fünfeinhalb Jahrzehnten hatte es ihre Mannschaft endlich mal wieder in ein Turnierendspiel geschafft und verlor das ausgerechnet im Elfmeterschießen, mit dem die Engländer seit vielen Jahren fast nur schlechte Erfahrungen gesammelt hatten.

Dabei hatte es für sie im Finale gut angefangen: Die Engländer waren früh in Führung gegangen, als Luke Shaw in der zweiten Spielminute den Ball volley zum 1:0 ins italienische Tor drosch. In der ersten Halbzeit war England auch die bessere Mannschaft, ohne sich allerdings größere Chancen zu erspielen. In der zweiten Hälfte konzentrierten die Engländer sich dann auf die Defensive, was sich als Fehler herausstellen sollte. Nun wurden die Italiener von Minute zu Minute gefährlicher, bis Leonardo Bonucci denn auch einen Abpraller zum 1:1 ins Tor schob (67.).

Das Endspiel: Diese Freude, diese Enttäuschung

In den letzten Minuten der regulären Spielzeit wie auch in der Verlängerung geschah nicht mehr viel. Nur kurz vor dem Ende der zweiten Halbzeit der Verlängerung wurde es noch einmal kurz hektisch, als der englische Trainer Gareth Southgate mit Marcus Rashford und Jadon Sancho zwei Stürmer für das Elfmeterschießen ein- und zwei defensive Spieler auswechseln wollte. Noch war das Spiel nicht zu Ende, es drohte zudem Gefahr durch einen Eckstoß der Italiener. Rashford und Sancho, denen Southgate während des gesamten Turniers nur für wenige Spielminuten das Vertrauen geschenkt hatte, kamen nun im EM-Finale noch auf den Platz, beide hatten noch einige wenige Ballberührungen. Fast hätte der Wechsel nicht geklappt, weil es in den letzten Minuten beinahe keine Spielunterbrechung mehr gab.

Dann kam es zum Elfmeterschießen, in dem erst Rashford den Ball an Pfosten setzte und dann Sancho ihn so schwach schoss, dass Donnarumma ihn halten konnte. Da der englische Torwart Jordan Pickford die Schüsse der Italiener Andrea Belotti und Jorginho pariert hatte, musste nun Bukayo Saka als fünfter Schütze für England treffen, damit seine Mannschaft das Elfmeterschießen fortsetzen konnte. Doch der mit 19 Jahren jüngste Spieler auf dem Feld schoss ähnlich schwach wie Sancho und Donnarumma hielt erneut.

Das Wembley-Stadion, dass trotz Corona mit 60.000 Zuschauern gefüllt war, hatte sich nach der frühen Führung der Engländer in ein Tollhaus verwandelt. In der Live-Übertragung sah man, wie auf den Gesichtern der Fans eine ungläubige Freude lag. Und dann war es, als wäre die große Erwartung auf den EM-Titel, die in den Tagen zuvor von den Medien im Land geschürt worden war und die sich in Massenszenen in der Londoner Innenstadt am Endspieltag zeigte, die in der Vorberichterstattung zu sehen waren, nach der 3:4-Niederlage gleichsam implodiert. Ihre Enttäuschung war in diesem Augenblick interessanter als die Siegesfeier, die von der UEFA routiniert abgespult wurde. Wie würde die englische Gesellschaft auf diese Enttäuschung reagieren, war die Frage, die man sich am Fernsehgerät kurz nach Mitternacht stellte.

„The Games must go on“

Es hatte während dieser Fußball-Europameisterschaft viele emotionale Höhepunkte gegeben. Der erste war vielleicht die Minute, als am 21. Juni die dänische Nationalmannschaft in ihrem letzten Gruppenspiel gegen die zu dieser Zeit entkräftete Russen noch ein letztes Tor zum Endstand von 4:1 schoss. In dem vom Ersten Programm der ARD live übertragenen Spiel hatten sich die Dänen auch gegen die Widrigkeiten eines Schiedsrichters durchgesetzt, der einem russischen Spieler nach einem taktischen nicht die vorgeschriebene zweite gelbe Karte zeigte und ihn damit vom Platz gestellt hätte und der wenig später sogar einen Elfmeter gegen Dänemark wegen eines Vergehens im Strafraum pfiff, das so strafwürdig nur er gesehen hatte.

Aber es war nicht nur die Dramaturgie des Spielablaufs, die die Stimmung im Kopenhagener Stadion hochkochen ließ, wo sich die Dänen durch das 4:1 dann doch noch fürs Achtelfinale qualifizierten (sie schafften es schließlich bis ins Halbfinale). Es war vor allem die Erinnerung daran, was ebendort Tage zuvor am 12. Juni geschehen war. An jenem Samstag war in der Begegnung gegen Finnland der Spielmacher und Antreiber der dänischen Mannschaft, Christian Eriksen, der seit Januar 2020 für Inter Mailand spielt, auf dem Platz abseits des Balls und ohne Einwirkung eines Gegners zu Boden gestürzt und reglos liegen geblieben. In der Zeitlupe war zu sehen, wie er zusammenbrach, als hätte ihn der Schlag getroffen. Tatsächlich hatte der Spieler, wie sich später offiziell mitgeteilt wurde, auf dem Platz einen Herzstillstand erlitten. Zum Glück hatten das seine Mitspieler und der Mannschaftsarzt sofort erkannt, so dass ein Notfallmediziner ihn mit einem Elektroschockgerät (Defibrillator) reanimieren konnte.

Dass man das weiß, liegt auch daran, dass die Live-Regie des Fernsehens ab dem Moment, in dem das Spiel unterbrochen wurde, sich ausführlich diesem besonderen Ereignis widmete. Die Kameras zeigten immer wieder in Nahaufnahmen, wie die Mitspieler Eriksens geschockt reagierten oder wie dessen Lebensgefährtin von einem der Spieler getröstet wurde. Um Nahaufnahmen von Eriksen zu unterbinden, hatten seine Mitspieler früh einen Kordon um ihn und die behandelnden Ärzte und Sanitäter gebildet. Doch das hinderte die Live-Regie nicht daran, die Kameraleute anzuweisen, durch die Beine und Arme der Umstehenden einen Blick auf die Notrettungsmaßnahmen zu erheischen. Das ZDF, das an diesem Tag in Deutschland übertrug, übernahm lange das Live-Bild aus Kopenhagen. Zu den größten Leistungen von ZDF-Kommentator Béla Réthy gehörte, dass er in dieser Situation über weite Strecken schwieg. Seine Sprachlosigkeit war die beste Reaktion auf das, was geschehen war.

Aber das ZDF setzte dem Live-Bild, das eine externe Firma im Auftrag des europäischen Fußballverbands UEFA produziert und auf das die übertragenden Fernsehsender kaum Einfluss haben, nichts entgegen. Es übernahm das sogenannte Weltbild, das allen Sendern zugeliefert wird, für das die Kameras den Kampf eines Fußballspielers ums Überleben zeigen wollten. Peter Körte bezeichnete dies in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Ausgabe vom 20. Juni) zu Recht als „etwas Obszönes“. Dass das ZDF später aus der Übertragung ausstieg und ausgerechnet eine Folge seiner Serie „Der Bergdoktor“ sendete, in der es, wie Körte schreibt, um die Reanimation einer Frau und eines Kindes ging, bewies die Hilflosigkeit des Senders, der gegen 20.15 Uhr zum Spiel zurückkehrte, als es nach anderthalbstündiger Pause wieder angepfiffen wurde. Mittlerweile hatte sich der Zustand von Eriksen stabilisiert und er war in einem Krankenhaus wieder bei Bewusstsein.

Der alte Claim klebt unauslöschlich am Fernsehbild

Dass es zur Wiederaufnahme des Spiels kam, das Finnland dann 1:0 gewann, war ein weiterer Skandal. Zwar wurde zunächst behauptet, es sei „auf Wunsch beider Mannschaften“ fortgesetzt worden, wer aber sah, wie die dänischen Fußballer apathisch auf dem Platz standen, der wusste, dass ihre Gedanken sicher nicht beim Spiel, sondern bei ihrem Freund und Mannschaftskameraden waren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die UEFA aufgrund ihres Regelwerks ansonsten nur eine Fortsetzung für den nächsten Tag um 12.00 Uhr für möglich erachtet hatte. „The Games must go on“ – dieses Prinzip hatte einst Avery Brundage bemüht, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als er nach dem Anschlag der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ auf die israelische Olympia-Mannschaft bei den Sommerspielen 1972 in München den Fortgang der Veranstaltung dekretiert hatte.

Die Spiele müssen weitergehen, damit das Geschäftsmodell nicht kollabiert, von dem so viele profitieren, nicht zuletzt die Funktionäre eines internationalen Sportverbandes wie der UEFA, die ja auch die Idee ausgeheckt hatten, dass diese Europameisterschaft in elf verschiedenen Ländern ausgetragen wird, darunter das in Asien gelegene Aserbaidschan. Eine Idee, die schon vor Jahren unsinnig war, als man sie ersann, und die nur der Geldschneiderei diente. Und an dieser Idee auch in Zeiten von Corona noch festzuhalten, kann man schließlich nur als Aberwitz bezeichnen.

Daran, dass die UEFA weiter auf dem Claim alten „UEFA EURO 2020“ beharrte, der dann auf jedem Fernsehbild eines Spiels dieser EM im Jahr 2021 unauflöslich rechts oben klebte, konnte man erkennen, dass der Verband die Pandemie, die im letzten Jahr die Europameisterschaft hatte ausfallen lassen, in diesem Jahr zu ignorieren trachtete. Das führte dazu, dass die UEFA von den Städten, in deren Stadien Spiele stattfanden, verlangte, dass sie unabhängig vom jeweiligen Pandemie-Gefahrenstatus Zuschauer zulassen. Eine Erpressung, nichts anderes. Wurden Spieler positiv getestet, wurden allein sie und nicht ihre Gegner, denen sie im Spiel überaus nahegekommen waren, in Quarantäne geschickt. Eine Absurdität angesichts all dessen, was die Menschen in Corona-Zeiten durchlebt haben und durchleben. Die Selbstherrlichkeit, mit der die UEFA agiert, beweist, dass sie, die stets davon spricht, dass der Sport unpolitisch sei, längst zu einer politischen Größe geworden ist, die anderen ihren Willen aufzwingt. Dass die Verbandsfunktionäre dabei eine gewisse Nähe zu Autokraten und Diktaturen verspüren, ist also kein Zufall, sondern Prinzip.

Wie problematisch das Regelwerk ist, nach dem die UEFA Spiele live übertragen lässt, bewies dann erneut ein Vorfall während der Übertragung des Spiels Deutschland gegen Portugal am 19. Juni in München. Kurz vor Anpfiff sah man in der Live-Übertragung der ARD für einen kurzen Moment, wie ein Mann mit einem gelben Motorgleitschirm am Spielfeldrand zu landen versuchte. Er geriet nur zufällig ins Bild. Die Live-Regie schnitt sofort auf Einstellungen um, in denen von dem Gleitschirm nichts zu sehen war. Aufnahmen von Zuschauern zeigten später, dass der Flieger in der Höhe des Stadiondachs an einen Draht geraten war, der ihn ins Trudeln brachte und zu einer riskanten Landung zwang, bei der glücklicherweise nur zwei Menschen leicht verletzt wurden. Wie sich herausstellte, war das Ganze eine Protestaktion der Umweltorganisation Greenpeace, die vom Gleitschirmflieger einen großen Latexball mit einer Aufschrift gegen den EM-Sponsor Volkswagen in die Münchner Arena schweben lassen wollte. Der Flieger touchierte bei dieser Aktion vermutlich ein Drahtseil, an dem die Spidercam hängt, mit der Flugaufnahmen vom Fußballgeschehen ermöglicht werden. Dadurch geriet er ins Trudeln und hätte womöglich abstürzen können.

Die Zensur des Live-Bildes

Man muss das als doppelte Idiotie bezeichnen: Die Organisation Greenpeace wollte mit der Aktion, die einen Sponsor der Europameisterschaft kritisieren sollte, von der Öffentlichkeit des Fußballspiels profitieren, von der sie die UEFA wiederum durch die Zensur des Live-Bildes auszuschließen suchte. Dass die Aktion dann in einem Unfall endete, der von etwas ausgelöst wurde, was zum Equipment der die Öffentlichkeit herstellenden Fernsehübertragung gehört, kann man nur noch als besondere Pointe dieser Idiotie bezeichnen. Tatsächlich darf nach den Pflichten, die von der UEFA der übertragenden Produktionsfirma aufgeherrscht werden, nichts in der Übertragung erscheinen, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Zu dem, was nicht erscheinen soll, gehören politische Statements, die auf Plakaten geäußert werden, ebenso wie Werbebotschaften von Firmen, die nicht zum Kreis der UEFA-Geschäftspartner zählen, aber auch Aktionen von Menschen, die nackt flitzend über das Spielfeld laufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Live-Übertragung dieser Spiele ist demnach nicht die journalistische Darstellung dessen, was tatsächlich geschieht, sondern dessen, wie es die UEFA gerne hätte.

Wie man sich dagegen wehren kann, bewies das ZDF am Endspieltag, als während der Begegnung ein Flitzer über das Spielfeld lief. Im Weltbild war davon nichts zu sehen. Nur an den merkwürdigen Einstellungen war zu merken, dass etwas nicht gezeigt werden sollte, was der Kommentator Oliver Schmidt denn auch wortreich beschrieb. Doch dann schaltete die deutsche Regie jene Kamera ein, die oberhalb von Schmidt und seinem Co-Kommentator Sandro Wagner angebracht war und vor der sie zu Beginn der Übertragung geäußert hatten, was sie von diesem Finale erwarteten. In der Totalen dieser Kamera sah man dann ZDF-exklusiv, wie der Flitzer von Ordnern abgeführt wurde. So sollten sich in Zukunft alle Sender verhalten, die Sport nicht nur unter Aspekten eines unterhaltsamen Spektakels, sondern auch unter sportjournalistischen übertragen wollen!

Es sei nicht verschwiegen, dass einzelne der Experten, die in großer Zahl die Studios von ARD und ZDF während der Vor- und Nachberichterstattung bevölkerten und zu allem nur Denkbaren ihre Meinung absondern sollten, klare Worte zum Geschehen im Fall Eriksen fanden. Vor allem Christoph Kramer, Fußball-Profi bei Borussia Mönchengladbach, kritisierte im ZDF die Fortsetzung des Spiels Dänemark gegen Finnland ebenso deutlich wie plausibel. Er erläuterte auch vollkommen zu Recht, weshalb man die dänischen Spieler gar nicht erst hätte fragen dürfen, ob sie nun nach der langen Spielunterbrechung wieder antreten wollten oder nicht. Ähnlich gut wie Kramer im ZDF waren im ARD-Studio Almuth Schult und Kevin Prince Boateng. Vor allem die ehemalige Nationaltorhüterin Schult erwies sich als belebendes Element; sie nahm kein Blatt vor den Mund, analysierte die Spiele klug, scheute keine Kritik und ließ es sich auch nicht nehmen, mal minutenlang zu kichern, als Boateng (inzwischen Hertha BSC Berlin) einen merkwürdigen Begriff mehrfach verwandte.

Ebenso zu loben sind die Co-Kommentatoren Thomas Broich (ARD), Ariane Hingst und der bereits genannte Sandro Wagner (beide ZDF). Ihre Stärke zeigte sich vor allem darin, dass sie bei den Live-Spielen genauer schauten als die jeweiligen Hauptkommentatoren. Während sich Ariane Hingst gegenüber Claudia Neumann eher zurückhielt, übernahm Sandro Wagner mit seiner Selbstironie und seiner schnellen Auffassungsgabe als Sidekick von Béla Réthy fast die Hauptrolle. Beim Endspiel (20,9 Mio Zuschauer, Marktanteil: 64,4 Prozent) kommentierte Wagner zusammen mit Oliver Schmidt, der überraschenderweise im ZDF den Vorzug vor Béla Réthy erhalten hatte. Wagner entgleisten zwar mitunter die Metaphern, etwa wenn er einem Spieler, den er als „Staubsauger vor der Abwehr“ bezeichnete, dann zuschrieb, dass er „Feuer löscht“, aber es gelangen ihm auch immer wieder schöne Formulierungen wie zum Beispiel die, dass der italienische Stürmer Federico Chiesa „selbst in der Zeitlupe schnell“ sei. Vielleicht der größte Vorteil dieser sachkundigen Co-Kommentatoren: Sie hindern ihre Nebenleute an sinnlosem Geplapper.

Die Parteilichkeit von Bastian Schweinsteiger

Ein besonderer Fall unter den Fachleuten war bei dieser Fußball-EM Bastian Schweinsteiger, den die ARD engagiert hatte. Er stand mit der Sportjournalistin Jessy Wellmer (RBB) in den Stadien des jeweils wichtigsten Tagesspiels, wenn es von der ARD übertragen wurde. Den beiden hatte die ARD wohl die Aufgabe erteilt, eine Art Kopie des frotzelnden Duos Gerhard Delling und Günter Netzer abzuliefern, das von 1998 bis 2010 für die ARD agiert und für seine Kaspereien einst sogar einen Grimme-Preis erheischt hatte. Das führte leider nur dazu, dass sich Frau Wellmer mit Anspielungen, Witzchen und Kokettieren peinlich abmühte, aus dem meist stoffeligen Herrn Schweinsteiger einen eloquenten Gesprächspartner zu zaubern.

Peinlicher noch die Parteilichkeit, die Schweinsteiger an den Tag legte. Für seine einstigen Mannschaftskollegen von Bayern München fand er stets nur lobende Worte. Selbst zu Thomas Müller, der bei der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen England (0:2) meist hilflos über den Platz gelaufen war, fiel ihm nichts Kritisches ein. Manuel Neuer bezeichnete er gar nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft im Achtelfinale gegen die Engländer als besten Torhüter des Turniers. Das war eine in doppelter Hinsicht befremdliche Aussage. Zum einen, weil Neuer zumindest bei einem der englischen Tore nicht souverän wirkte. Zum anderen, weil ja noch viele Spiele für andere Torhüter zu spielen waren. Am Ende wurde denn auch Gianluigi Donnarumma zu Recht nicht nur als bester Torhüter, sondern auch als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Angesichts seiner Lobhudeleien für die Bayern-Spieler kam einem der Verdacht, dass Schweinsteiger seinen Job beim Fernsehen als eine Art Trainee für einen Posten bei seinem ehemaligen Verein FC Bayern München ansieht, so wie es Oliver Kahn vormachte, der einst jahrelang beim ZDF die Spieler dieses Vereins, bei dem er heute als Sportvorstand amtiert, in den Himmel gelobt hatte.

Dass Schweinsteiger dann nicht nur für seine alten Kumpel vom FC Bayern die Reklametrommel rührte, sondern auch für die Modefirma, deren Kleidung er vor den ARD-Kameras trug, und für den Hersteller der Uhr, die an seinem Handgelenk saß, kam während des Turniers auch noch heraus. Die Modefirma veröffentlichte bei Twitter ein Foto, das Schweinsteiger in ihrer Kleidung bei der ARD zeigte, und er selbst twitterte ein Bild, das ihn während der Halbzeitpause eines Spiels mit ebenjener Uhr zeigte. Zuschauern war zudem aufgefallen, dass Schweinsteiger bei dieser Übertragung das Mikrofon in die andere, also die uhrtragende Hand genommen hatte, so dass man die Uhr auch im Live-Bild besser sehen sollte. Die ARD sollte schleunigst den Vertrag mit der mehrfachen Reklamefigur Schweinsteiger beenden.

Viele der EM-Spiele verliefen auf einem guten Niveau, entfachten phasenweise eine große Spannung und lösten – wie angedeutet – in den Stadien, aber auch vor den Fernsehgeräten starke Emotionen aus. Dass die Kommentatoren von ARD und ZDF gelegentlich erkennen ließen, dass ihre Herzen für die Außenseiter schlugen, wurde hier und dort kritisiert. Aber diese menschliche Schwäche war ihre geringste. Deutlich problematischer war der Lobgesang, den ein Kommentator wie Florian Naß (ARD) anstimmte, wenn es um die deutsche Mannschaft ging, etwa beim Achtelfinale gegen England. Da wurden banale Überlegungen des Trainerteams zu umfassenden Strategien hochgelobt, wurden die Stärken einzelner Spieler herausgestrichen, ihre Verletzungen, wenn sie dennoch aufgestellt werden, ignoriert, und Fehler während des Spiels lange nicht wahrgenommen.

Beim deutschen Gegner ging Florian Naß genau umgekehrt vor. So kritisierte er während der ersten Halbzeit mehrfach den englischen Stürmer Harry Kane, der seit vielen Spielen nicht mehr für die Nationalmannschaft getroffen habe und auch in dieser Begegnung kaum am Ball gewesen sei. Entsprechende Schwächen deutscher Spieler wurden nicht erwähnt. Dass Timo Werner ebenso wenige Ballkontakte in derselben Zeit hatte und dass er die einzige deutsche Chance in den ersten 45 Minuten eher kläglich vergab, wurde nicht angesprochen. Grundsätzlich beschrieb Naß nicht, was er sah, sondern er beschrie das, was er sich wünschte (einen Sieg der deutschen Mannschaft). Nachdem die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw durch das 0:2 gegen England ausgeschieden war, blieb man nachfolgend zumindest von solchen Kommentaren verschont.

Die überflüssige Sendung „Sportschau-Club“

ARD und ZDF wechselten sich bei den Live-Übertragungen in bekannter Manier ab; einige Spiele waren exklusiv beim Telekom-Sender Magenta TV (4 Mio Kunden) zu sehen, der alle 51 EM-Begegnungen übertrug, dessen Leistung hier aber mangels eines Abonnements nicht besprochen werden kann. ARD und ZDF mühten sich wie seit vielen Jahren, das teure sportliche Großereignis so umfassend wie möglich für ihre Programme auszubeuten. Beide lieferten deshalb zu den Spielen jeweils ein umfangreiches Vorprogramm, in dem sich Alexander Bommes (ARD) und Jochen Breyer (ZDF) abwechselnd alle Mühe gaben, die Vorfreude zu wecken und Spannung zu schüren. Beide agierten in Studios, in denen wegen Corona nur wenige Zuschauer zugelassen waren, so, als säßen sie vor einem großen Publikum. Das wirkte ebenso übertrieben wie der Einsatz einer Band, die im ARD-Studio den Anwesenden einheizen sollte.

Der Zwang zur massiven Ausbeutung sportlicher Ereignisse brachte eine überflüssige Sendung wie den „Sportschau-Club“ (ARD) hervor, in dem bei diesem EM-Turnier am späten Abend im Ersten Esther Sedlaczek, die mit Beginn der Europameisterschaft vom Pay-TV-Sender Sky zur ARD gewechselt war, mit Micky Beisenherz noch einmal all das besprach, was man in den Stunden zuvor schon endlos beredet hatte. Beisenherz, der nicht nur als Moderator, sondern auch als Gagschreiber arbeitet, beweist nebenbei, wie man selbst bessere Pointen, die bei ihm eher selten sind, durch falsches Tempo oder falsche Betonung verschenkt.

Spannender war da schon in der Talkshow von Markus Lanz (ZDF) am 23. Juni – und also noch vor dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft – der Auftritt des ehemaligen Spielers und Trainers und heutigen Fußballfunktionärs Ewald Lienen (FC St. Pauli). Er legte nach der Vorrunde die Schwachstellen der deutschen Mannschaft offen und schlug Alternativen zu den hilflosen Wechseln von Bundestrainer Joachim Löw vor. Lienen bezeichnete in seiner Kritik Löw als „Übungsleiter“. Dieser Übungsleiter, der bei seinen Auftritten im Fernsehen meist eine unglückliche Figur machte, der ernste Fragen weglächelte, scherzend gemeinte eher nicht verstand und Kritik stets übelnahm, hatte mit der Niederlage gegen England seine Schuldigkeit getan, seine Amtszeit war mit diesem Tag vorbei. Mit ihm endet auch ein Stück Fernsehgeschichte.

Vor dem Anpfiff des Endspiels hatten sich beide Mannschaften und auch das Schiedsrichter-Team niedergekniet, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Wie wenig diese symbolische Handlung mit der Wirklichkeit der Fans zu tun hat, bewiesen die Reaktionen auf die Niederlage des englischen Teams. Nun spielte die Hautfarbe der Spieler, die ihre Elfmeter vergeben hatten, auf einmal wieder eine Rolle. Sie wurden deshalb öffentlich beleidigt und geschmäht. Das, könnte man sagen, betraf aber nur England, oder? Wer so denkt, hat etwas anderes verdrängt, was sich während der EM ereignet hatte. Der deutsche Nationalspieler Leroy Sané wurde nach seinem Auftritt gegen Ungarn in der Öffentlichkeit heftig kritisiert. Er hatte sicher nicht gut gespielt, aber die Massivität der Kritik hatte nichts mit dieser schwachen Leistung zu tun, sondern mit seiner Hautfarbe. Denn ein Spieler wie Thomas Müller, der gegen England mindestens so schwach wie Sané gegen Ungarn gespielt hatte, wurde bei weitem nicht so kritisiert.

16.07.2021/MK

` `