Casting und Charisma

Der Fünf-Minuten-Slot: Die Momentifizierung der Politik durch mediale Mechanismen

Von Torsten Körner
28.12.2019 •

Ist die Beziehung zwischen Medien und Politik – die kommunikative und symbolische Interpenetration dieser beiden Systeme – in eine neue Phase getreten? Mehr als jemals zuvor steht Politik unter dem Druck des Moments, ihm, dem Moment, gilt es gewachsen zu sein und zugleich perfekte Momente zu inszenieren, sich selbst auf den Punkt, auf den Moment zu trimmen, um dem kommunikativen Geschwindigkeitsrausch standhalten zu können. Clownspolitiker wie US-Präsident Donald Trump und der britische Premierminister Boris Johnson gewinnen Wahlen, weil sie die Dilemmata ihrer Gesellschaften zwar langfristig nicht lösen, aber doch in Zeichen, Bildern, ja, durch die eigene leibliche Präsenz ein kurzfristiges Lösungsversprechen inszenieren können.

Die vierte Gewalt wird zu nullten Gewalt, wenn sie Clowns wie Donald Trump oder Boris Johnson ins Amt verhilft, die die staatliche Gewaltenteilung in Frage stellen. Die Macht dieser massenmedialen Wellenreiter speist sich gerade aus der extremen Polarisierung der Meinungen, Bilder, Botschaften und Gesten, die sie auslösen und für die sie stehen. Sie clownifizieren die Medien und die Medien clownifizieren sie, doch aus der wechselseitigen Stigmatisierung geht nur der Clownspolitiker als Sieger hervor. Diese Giganten des politischen Wimpernschlags beziehen ihre Macht aus der Momentifizierung, einem radikalen Präsentismus, der den Augenblick gegenüber allen anderen Zeitbahnen und Zeiterfahrungen favorisiert und damit Gesellschaften ihrer Geschichte und Geschichten beraubt. In dieser sinn- und ideenentleerten Wüste reüssiert der Schockpolitiker mit seinem Sein als Scharfrichter der Checks and Balances.

Das Symptom eines kommunikativen Burn-outs

Die Beziehungen der Clownspolitiker zu ihren Parteien sind dabei hochgradig destruktiv, da sie ihnen gegenüber wie Invasoren agieren, die die Parteien als Sprungbrett für ihre eigene Karriere nutzen, sie zugleich aber mittelfristig mindestens destabilisieren, wenn nicht zerstören. Der Politclown ist ein Symptom des kommunikativen Burn-outs der politischen Klasse. Charismatiker sind keine in Sicht, Technokraten wollen die Wähler nicht mehr sehen, also betritt der Clown als Charismatiker-Ersatz die Arena.

Blickt man ausgehend von Figuren wie Donald Trump und Boris Johnson nach Deutschland, entdeckt man zwar keine Clowns in höchsten Staatsämtern, aber auch hier begegnet man der Diktatur des Moments und einer anhaltenden Sehnsucht nach Charisma. Unter diesen Auspizien erschien das Charisma-Casting der SPD, die Suche nach neuen Parteivorsitzenden, wie ein letztes, verzweifeltes Manöver, charismatische Führungsfiguren zu finden, das Auswahlverfahren transparent zu gestalten und zugleich die eigene Partei zu reanimieren. Der komplexe Prozess aber war und ist krisenanfällig und hat nun zwei Kandidaten gekürt, die weder Clowns noch Charismatiker sind, sondern…was? Farblose Repräsentanten eines Parteiflügels, der sich die Oppositionsrolle als Jungbrunnen herbeiwünscht? Marionetten eines Machtspielers namens Kevin Kühnert? Die Gewinner einer Castingshow namens „SPD’s next Top-Willy“?

Das Ergebnis – Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans – ist zumindest paradox, denn obwohl das Urwahlverfahren der SPD deutlich Züge einer Casting-Show trug, gewannen am Ende nicht die stärksten Live-Performer, sondern zwei GroKo-Skeptiker, die im Gegensatz zu anderen Paaren des linken SPD-Flügels (Nina Scheer/Karl Lauterbach oder Hilde Mattheis/Dierk Hirschel) eher eine diffuse und moderate GroKo-Skepsis an den Tag legten. Was „mit Walter und mit Eskia“ auf den 23 Regionalkonferenzen geboten wurde, waren eher magere als magische Momente.

Die gegenwärtige Erlebnis- und Konsumkultur, die „Spaß- und Casting-Gesellschaft“, steht unter dem Imperativ des „magischen Moments“. Die großen medialen Momentmaschinen YouTube und Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat (Claim: „The fastest way to share a moment!“) sind die Manufakturen und die Lieferhelden des Moments. Eine Generation gründet ihre Existenz auf Momente, auf das Kreieren und Teilen, das Designen und Kommentieren von Momenten. Das Individuum schrumpft sich selbst zum Momentum oder wird zu ihm geschrumpft. Der liberale Kapitalismus gebiert in jedem Moment neue Slogans, um den Moment zu monumentalisieren: „Sei frei für festliche und kuschelige Momente“ – „Sei frei für Momente in Punk und Glam“ – „Sei frei für klassische oder glitzernde Momente“.

Jeder Moment ist ein ganz profanes Sinnstiftungskirchlein

Der Versandhändler Zalando hat diese und viele andere Sprüche im Gepäck. Sie alle implizieren, dass das Individuum sich selbst erschafft, indem es anschafft, indem es Momente erwirbt, statt sie zu erleben, indem es sich eine Geschichte mit Artikelnummer zulegt, statt diese Geschichte zu erfahren, selbst zu erzählen. Unter dieser Diktatur des Instantismus, in der die Geschwindigkeit selbst zur Geschichte wird, in der die Unverzüglichkeit des Erlebens hergestellt wird, noch bevor klar ist, was erlebt werden soll, haben es Politik und Politiker besonders schwer, weil sie unter Entertainment-Parametern anzutreten haben.

Nun ist die Heiligung des Moments nichts Neues, allerdings war es früher eine Gottesinstanz selbst, die den Moment weit über den Alltag hinaushob. Und versuchen nicht all die Jäger des Glücksmoments diese verlorengegangene metaphysische Aufladung zu wiederholen? Die Epiphanie, die Offenbarung des Herrn im Zeitmaß und Raumgefüge des Menschen, ist der göttliche Moment, der eine stabile Gott-Mensch-Beziehung und Seinssicherheit garantiert; auch die Transsubstantiation, die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi, ist eine momentane und punktuelle Beziehungsstiftung zwischen Gott und Glaubenden, zwischen Sterblichkeit und Unendlichkeit, zwischen Individuum und Kosmos. Nur…die heutige Momentifizierung der Welt gebiert keine Götter, sondern jeder Moment ist ein ganz profanes Sinnstiftungskirchlein im Mahlstrom des postmodernen Kapitalismus. Der Mensch ist ein Sinnselbstversorger, der Momente sammelt wie das Eichhörnchen Nüsse vor dem Winter. Der Moment selbst ist Gottesersatz, spirituelles Schatzkästlein ohne Heiligen Geist. In dieser säkularen Erlebnislandschaft, einer Kultur der Unmittelbarkeit und medial generierten Jetztzeit agiert der Politiker wie ein Getriebener, der dem Publikum eine höhere Ordnung garantieren soll, die aber kein Fundament mehr hat, weder auf dem Boden der Tatsachen noch im Himmel oder in der Bibliothek der Ideen.

Die Suche nach dem Super-Sozi musste deshalb zwangsläufig in Aporien und Paradoxien enden, weil das gewählte Suchverfahren und das zu Suchende (der „Heilsbringer“) in einen unauflöslichen existentiellen Zielkonflikt gerieten. Das Urwahlverfahren der SPD wurde von widerstreitenden Zeitempfindungsachsen geprägt. Ein langer diachronischer Schnitt vom 1. Juli bis zum 6. Dezember (so lange dauerte der gesamte Ausleseprozess) kollidierte mit einem extrem kurzen, synchronen Performance-Slot von fünf Minuten, der den Bewerberpaaren und dem Einzelbewerber auf den 23 Regionalkonferenzen (vom 4. September bis zum 12. Oktober) als Rede- und Präsentationszeit zugestanden wurde. Allein diese konfligierenden Zeitschienen provozierten paradoxe Effekte in der Medienöffentlichkeit, die auch dadurch selbst zur Akteurin wurde und durch ihre Formatvorgaben und Rezeptionsmuster tief in den demokratischen Prozess eingriff. Spottanfällig war die lange Kandidatensuche der SPD sowieso, worauf im Einzelnen nicht eingegangen werden muss; als Beleg mag nur ein Witz aus der Satiresendung „Extra 3“ (ARD/NDR) vom 22. August dienen: „Man sagt, in der Zeit, in der die SPD nach einem Vorsitzenden sucht, finden die Buddhisten fünf Dalai Lamas.“

Durch das gestaffelte und mehrphasige Urwahlverfahren entstand für die Öffentlichkeit einerseits das Empfinden der Unübersichtlichkeit und der stillgestellten Zeit und zugleich erlebten die Kandidaten auf den Regionalkonferenzen Augenblicke totaler Entblößung und Atemlosigkeit, weil sie immerzu unter Zeitdruck standen. Ein weiterer paradoxer Effekt dieser Road-Show war der Clash von serieller und situativ-spontaner Performance: Der Zwang, sich 23 Mal als originell und authentisch zu verkaufen, bewies zugleich, dass man sich nicht 23 Mal neu erfinden kann. Auch früher mussten Politiker im Wahlkampf in Serie reden, aber jetzt kann der Zuschauer (sofern er will) online jede dieser Instant-Reden miteinander vergleichen, wodurch er zum Zeugen und Koproduzenten einer Charisma-Schmelze wurde und wird.

Das Speed-Dating bei der SPD‑Vorsitzendensuche

Blicken wir detaillierter auf den Ablauf und die Dramaturgie der 23 Regionalkonferenzen, die weitgehend nach demselben Muster abliefen. Im ersten Schritt hatten sich die sieben Bewerberpaare in einem fünfminütigen Zeitfenster vorzustellen, blieben also zweieinhalb Minuten für jeden der beiden. Dann folgte eine Fragerunde, wobei die Kandidaten auf Barhockern saßen und ein Moderator Fragen stellte. Die Antworten durften jeweils eine Minute lang sein. Es folgte eine zweite Fragerunde, bei der das Publikum den Kandidaten Fragen stellen durfte, auch hier betrug das Antwortfenster lediglich eine Minute. Abschließend, vierte und letzte Stufe, traten alle Bewerber noch einmal vor und warben für sich mit einem zweiminütigen Abschlussstatement (also eine Minute pro Person).

Man kann sich leicht vorstellen, dass dieses rigide Zeitregime, das straff durchgezogen wurde, die Antworten und die Antwortgebenden miniaturisierte, sie zu Unterworfenen und Sich-Unterwerfenden stempelte. Da gab es kein Aufbegehren, keine Revolution gegen die Zeitdiktatur, da besaß jeder Moderator – schnipp-schnapp – mehr Macht als die potenziellen Parteivorsitzenden, die auf offener Bühne geschrumpft wurden, ehe sie rhetorisch zu Riesen werden konnten.

Auch die Wörter schienen sich der Tyrannei der vorgeschriebenen Redezeit zu beugen, denn sie verloren ihr Resonanzvermögen, ihre Strahlkraft und ihre Gravitas. Wenn sieben Paare sieben Mal nacheinander sagen, was die SPD für eine tolle Partei ist (14 rote Liebesschwüre), dann glaubt das nicht einmal mehr der tiefgläubigste Sozialdemokrat. Der Fünf-Minuten-Slot provozierte viel unfreiwillige Komik: Ralf Stegner präsentierte sich als das Maschinengewehr der Partei, Gesine Schwan protestierte gegen ihr zugedachten Beifall („Das geht alles von der Redezeit ab“), Nina Scheer litt an Atemnot, nachdem ihr Partner Karl Lauterbach sein Zeitbudget überzogen hatte, die Blicke der Redenden klebten eher an der Uhr zu ihren Füßen als an den Gesichtern des Publikums.

Wohl noch niemals zuvor hat eine Partei ihre Repräsentanten so sehr dem Entertainment unterworfen wie in diesem Fall, ohne dass die Kandidaten dafür in besonderer Weise trainiert worden wären. Auch hier war das Ergebnis paradox: Das Format giert nach Authentizität, verlangt aber den Bewerbern vor allem Kalkül und Künstlichkeit ab. Oft erwischte man sich bei dem Empfinden, hier sängen Schlagerstars wie einst Milli Vanilli, jenes berüchtigte Pop-Duo, das von Frank Farian produziert wurde und zum Vollplayback nur die Lippen bewegte, weil es nicht singen konnte.

Die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Ich will, um das sehr deutlich zu sagen, nicht spotten, es ist nur ein Entfremdungsempfinden, ein mitfühlendes Schämen gewesen, das mich bei alldem ergriff, auch eine innere Taubheit und Stummheit, weil mich die meisten Kandidaten mit ihrem Gesang nicht erreichten und ich das Gefühl nicht loswurde, dass der gesamte Wettbewerb zwar basisnah wirken sollte, letztlich aber doch aus dem Hintergrund gesteuert wurde. Warum zwingt man Sänger in einen Wettbewerb wie bei der Fernsehshow „The Voice“ (Pro Sieben/Sat 1), der dann aber im Gegensatz zum Original nicht vor Ort und im Hier und Jetzt entschieden wird, sondern per Briefwahl und Online-Voting?

Auffällig war auch die fehlende Glaubwürdigkeit der Paar-Konstellation: Nur die wenigstens Paare strahlten eine spannungsvolle Dialogizität aus, einen sich aneinander steigernden Synergismus. Bei einigen Paaren (Scholz/Geywitz und Hierschel/Mattheis) tendierte die Binnenkommunikation gegen Null oder die eigene Bühnenpräsenz warf dem Partner beständig Knüppel zwischen die Beine. Auch dem Siegerpaar Walter-Borjans/Esken war deutlich ein zwanghaftes Harmonieverhältnis anzumerken. Doch eine Harmonie, die immer gemacht und sichtbar hergestellt werden muss, ist keine Harmonie.

Was den gesamten Prozess aber noch fragwürdiger machte, waren nicht allein die synthetisch anmutenden Paare, sondern das fehlende evolutionäre Band zwischen den Prozess-Stationen. Von Mal zu Mal mussten die Kandidaten in fünf Minuten auf Teufel-komm-raus ihre rote Seele offenbaren, aber beim nächsten Mal, in Kamen, Neumünster, Troisdorf, München oder Berlin ging alles wieder von vorne los, alles auf Null. Es fand also kein evolutionärer Prozess statt, kein Wachsen, kein Reifen, nicht mal ein echter Wettbewerb, sondern nur eine repetitive Fabrikation von entleerten Momenten in einer momentfixierten Kultur.

Clownspolitiker inszenieren sich als Turboheiler

Das Siegerpaar Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken soll der SPD neue Glaubwürdigkeit und gesellschaftliche Resonanz bescheren, aber das Speed-Dating mit der Basis und das Casting-Show-Verfahren haben ausgerechnet ein Paar an die Spitze gehievt, das eher für den Solipsismus der SPD steht und die quälende Selbstzerfleischung der Genossen. Während bei den Grünen die beiden Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock gleichsam über ihrer Partei schweben und auch von gesamtgesellschaftlichen Hoffnungen leben, wirken Walter-Borjans und Esken wie steckengeblieben im Parteiapparat, abgeschnitten vom Leben da draußen.

Die Clownspolitiker jedoch machen auf unnachahmlich destruktive Weise vor, dass man auf keinen Fall als Geschöpf einer Volkspartei gelten darf, wenn man „das Volk“ erreichen will. Sie sind der eigenen Parteigeschichte gegenüber gnadenlos und versprechen die große Disruption mit der herkömmlichen Politik. Der Clown inszeniert sich als Turbo-Heiler, der die normale Betriebsgeschwindigkeit der Demokratie aufhebt, und verspricht, seine Eigenzeit zum Zeitmaß des Gelingens zu machen. Die Show bin ich, lasst mich hier rein! Der Bürger, versprechenstodmüde, konsensgequält, wählt den Clown als Instant-Pharmakon, er ist die Pille, die man schluckt, die süße Momentmedizin. Die Massenmedien, auch in Moment-Taktung, beliefern die Clowns, nolens volens, mit Treibstoff.

Stärker als bisher müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seinen politischen Formaten, Reportagen, Nachrichtensendungen und Dokumentarfilmen die Mediatisierung der Politik analysieren, anstatt sie selbst zu betreiben. Zu dieser basalen Pflicht- und Selbstverständigungsaufgabe gehörte die Förderung sozialer Praktiken, die den Bürger immunisieren gegen Clownspolitiker und die Monumentalisierung des Moments. Wo wir dem Allzeit-Diktat des Moments gehorchen, dort wächst die Gefahr, dass wir den Politikclowns auf den Leim gehen, weil wir Politik nur noch als Bestandteil der kurzatmigen Eventkultur begreifen, in der Leute wie Donald Trump und Boris Johnson sich als Manager des Augenblicksglücks gerieren. Ja, wir sind auf Droge, wir leben die Sucht nach Momenten, die eine Sucht ist, weil wir glauben, der antike Kairos ließe sich bestellen, in Person verkörpert wählen, mit Casting-Shows finden. Welch ein Irrtum!

28.12.2019/MK

` `