Bild-TV

Springers Kampfblatt kämpft für Sat 1

Von Dieter Anschlag
08.10.1992 •

Montag, 5. Oktober 1992, einige Blicke ins Blatt namens „Bild“: Auf Seite 1 erfahren wir etwas über das Abendprogramm dieses Tages von Sat 1: „Sein Gesicht darf nicht gefilmt werden. ‘Ich will nicht auf der Straße als Sohn von Roy Black erkannt werden’, erklärt Torsten Höllerich (16) mit dem Rücken zur Kamera. Er spricht heute Abend (20.15 Uhr, Sat 1) erstmals über seinen Vater: ‘Er hat mir nie die Liebe gegeben, die ich von ihm wollte.’ Mehr Seite 4.“ Dort weist Bild mit einem längeren Bericht auf die „Sondersendung ‘Roy Black Special’ von Sat 1“ hin. Zur Ergänzung ist ein Foto abgedruckt, in dessen Bildzeile noch einmal betont wird, was der private Fernsehsender zu leisten vermag: „Sat 1 zeigt heute unbekannte Familien-Aufnahmen.“ Auf Seite 6 schließlich folgt groß die Anzeige für die den „Bild“-Lesern schon redaktionell angediente Sendung: „Ganz in Black. Heute 20.15. Immer volles Programm. Sat 1.“

Auf Seite 8 enthüllt „Bild“ an diesem 5. Oktober in einer kleineren Meldung, dass der Präsident eines Fußball-Bundesliga-Klubs „Blau im TV“ war. Der eigentliche Enthüller, so erfährt man aus dem Text, war wieder Sat 1: Ein Interview des Privatsenders zeigte, wie Schalkes Vorsitzender Eichberg betrunken „stammelte“. Auf Seite 10 lesen wir die Überschrift „5 Millionen Zuschauer: Da kam nur ‘ran’ ran“. Im Text folgt das Neueste über „die Fußball-Sendung von Sat 1“: „‘run’  auf ‘ran’“, heißt es unter anderem, „Spitzenwert erstmals über der 5-Mio-Grenze“. Auf dass die ARD-„Sportschau“ angesichts solcher Zahlen erblasse.

Nach der Lektüre des Boulevardblatts ist man an diesem Montag über Sat 1 wirklich im Bild. Sat 1 auf der Titelseite, auf Seite 4, Seite 6, Seite 8 und Seite 10 – Sat 1 in größerem oder kleinerem Ausmaß auf fünf von insgesamt zwölf „Bild“-Seiten. Der Springer-Verlag, der „Bild“ herausgibt, ist mit 20,0 Prozent an dem privaten Fernsehsender Sat 1 beteiligt. Dass „Bild“ dem Treiben des TV-Kanals so viel wohlwollende Aufmerksamkeit widmet, erscheint darum nur logisch. Das war es jedoch längst nicht immer. Während der 80er Jahre gab es keinen größeren Intimfeind für Sat 1 als „Bild“. Woher der plötzliche Wandel?

Leo Kirch wird vom Feind zum Freund

Zur Erinnerung: Außer dem Hamburger Springer-Verlag ist (unter anderem, aber mitentscheidend) auch der Münchner Filmgroßhändler Leo Kirch an Sat 1 beteiligt. Lange Jahre waren diese beiden Medienmagnaten erbitterte Konkurrenten. Denn als Kirch sich Mitte der 80er Jahre auch als Großaktionär beim Springer-Verlag eingekauft hatte, wollten dessen Manager nicht gerade Leo Kirch auch noch zum heimlichen Herrscher ihres Hauses hochkommen lassen. So arbeiteten die Springer-Leute über den eigentlich gemeinsam mit Kirch getragenen Privatsender Sat 1 an entscheidender Stelle gegen Kirch. Die dadurch entstehenden Reibungsverluste erwiesen sich für den TV-Kanal als katastrophal. Nutznießer der zwei, die sich stritten, war ein Dritter: Helmut Thoma, alerter Chef beim privaten Konkurrenzprogramm RTL plus, machte seinen Sender unterdessen zur Nummer 1 unter den Privaten. Sat 1 ist seitdem nur ewiger Zweiter.

Erst als Peter Tamm, einer der vehementesten Kirch-Opponenten, bei Springer den Stuhl des Vorstandsvorsitzenden freimachte (für Günter Wille), mutierte 1990 die Springer-Kirch-Fehde zu einer Allianz. Inzwischen ziehen beide bei mehreren Privatsendern die Fäden. Außerdem teilen sie sich brüderlich gleich die Anteile an der neu gegründeten Münchner Sportrechteagentur ISPR, die seit dieser Saison die TV-Rechte an der Fußball-Bundesliga besitzt. Angesichts dieser neuen Konstellation kam Sat 1 als dem größten und damit wichtigsten TV-Projekt von Springer/Kirch besondere Bedeutung zu. Denn jetzt geht es darum, aus Sat 1 wirklich etwas zu machen: nämlich den Topsender des deutschen Privatfernsehens und damit den größten Einnahmescheffler auf diesem expandierendem Werbemarkt. Die Bundesliga spielt in diesem Konzept die wichtigste Rolle. Sie soll den nötigen Einschaltquoten-Sockel bringen, von dem aus Sat 1 in der Publikumsgunst weiter aufholen kann. Die ISPR schusterte die exklusiven Erstübertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga also natürlich Sat 1 zu. Der Start der Bundesliga-Saison im August 1992 markiert damit praktisch auch den Zeitpunkt für den Beginn der Aufholjagd von Sat 1, dem Sender mit dem Biedermann-Image, gegenüber RTL plus, dem juvenilen Überflieger mit „Tutti-Frutti“-Appeal.

Seit diesem Zeitpunkt ist nun auch „Bild“ mit signifikanten Flankierungsmaßnahmen für Sat 1 dabei. Klar, auch andere Printmedien sind im elektronischen Bereich als Gesellschafter an elektronischen Medien engagiert und nutzen diese Interessenkonvergenz aus. Wer beispielsweise die Medienseiten der Zeitungen des mächtigen Essener WAZ-Konzerns liest, dem wird nicht entgehen, dass hier RTL plus recht gut wegkommt – die WAZ ist mit 10,0 Prozent an dem Kölner Privatsender beteiligt. Die nordrhein-westfälischen Zeitungsverleger sind am privaten Radio NRW, das heißt an den jeweiligen Lokalstationen, beteiligt. Dies führt dazu, dass Zeitungen wie, ein wahlloses Beispiel, die „Münstersche Zeitung“ und die „Westfälischen Nachrichten“ in Münster in ihren Lokalteilen jeden Tag brav an exponierter Stelle das Programm ‘ihrer’ Radio-NRW-Lokalstation Antenne Münster abdrucken. Derart geläufige Kooperationen sind der Konkurrenz und den Aufsichtsbehörden zwar als kleinere Form der Medienkonzentration ein Dorn im Auge, halten sich hingegen in Grenzen. Ja, selbst Springers „Hörzu“ ließ ihre Präferenz gegenüber den Sendern ihres eigenen Hauses bisher nur eher zurückhaltend erkennen.

Die indirekte Methode: Wie ein Printmedium Fernsehen beeinflusst

Die konzertierte Aktion von Sat 1 und „Bild“, dem rechtspopulistischen Kampfblatt der deutschen Presselandschaft, nimmt jedoch angesichts der herausragenden Breitenwirkung („Bild“-Auflage: knapp 4,5 Mio) eine besondere Stellung ein. Zum einen ist die Aktion nicht nur ein Versuch wettbewerbsverzerrender Einflussnahme, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hat. Sie ist zum anderen die indirekte Methode, wie ein Printmedium Fernsehen und den betroffenen Sender zum Träger seiner Ideologie machen kann. Die „Bild“-Ausgabe vom 5. Oktober ist kein Einzelfall.

Eine Liste mit weiteren Beispielen, wie „Bild“ im redaktionellen Teil fürs Sat-1-Programm wirbt, nimmt bereits imposanten Umfang an. Wenn Günther Strack zu Sat 1 wechselt, erlebt das TV-Publikum „den besten Strack, den es je gab“ („Bild“, 15.8.); Ulrich Meyer macht bei Sat 1 eine „Einspruch“-Sendung, und „alle sprechen jetzt davon“ („Bild am Sonntag“, 16.8.); Sat 1 startet seine neue Fußball-Bundesliga-Sendung „ran“, und „Sieger Beckmann“ [der Moderator, d.Red.] lässt dort gleich die „Bilder fliegen“ („Bild am Sonntag“, 16.8.). Die perfideste Reklame in dieser Reihe war die „Bild“-Titelseite vom 5. August, als unter der Schlagzeile „Selbstmord-Schock im TV“ für das Sat-1-Magazin „Akut“ geworben wurde. Die lange Liste mit solchen Fallbeispielen ergab sich noch nicht einmal aus regelmäßiger täglicher Beobachtung, sondern nur aus stichprobenartiger „Bild“-Lektüre. Vergleichbare Wertschätzung für andere Sender lässt sich dabei in „Bild“ gleichzeitig nicht feststellen.

„Bild“ und Sat 1 – das ist zur Zeit eine offen sichtbare Zweierbeziehung, die kaum zu bremsen ist. Die hamburgische Landesmedienbehörde (HAM), zuständig für die Vergabe von Fernseh- und Hörfunklizenzen in der Hansestadt, bezieht bei den Abwägungen für Lizenzvergaben bereits die Situation auf dem Printmarkt mit ein, weil der Springer-Verlag den Zeitungsmarkt an der Elbe monopolartig beherrscht. So hat die HAM bereits gedroht, Tele 5 die terrestrischen Frequenzen in Hamburg zu entziehen, weil auch an diesem Sender Springer und Kirch maßgeblich beteiligt sind. Die Gefahr, dass sich ein einseitiger Print-Fernseh-Verbund zu einem Ideologie-Monopol verquickt, liegt auf der Hand. Die Obacht der HAM macht deshalb Sinn.

Ideologie-Monopol: Kontrolle praktisch unmöglich

Doch Hamburg ist nicht die gesamte Bundesrepublik. Gegensteuern ist darum in einem Fall wie bei „Bild“ und Sat 1 praktisch unmöglich. Sat 1 wird sich der Fürsorge von „Bild“ auch künftig sicher sein dürfen – und hat sie auch nötig. Denn Springer und Kirch haben über die ISPR und Sat 1 Hunderte von Millionen in die Fußball-Bundesliga investiert. Um (wirkliche oder vermeintliche) Stars wie Mike Krüger, Margarethe Schreinemakers, Karl Dall, Ulrich Meyer, Heinz Sielmann, Mario Adorf, Klausjürgen Wussow, Hardy Krüger oder Günther Strack für Eigenproduktionen einzukaufen, hat Sat 1 weitere Millionensummen investiert. Hemmschuhe wie Petra Kelly hat der Sender rausgeworfen. Jetzt müssen die Quoten und der Gewinn aus den Werbeeinnahmen auch steigen, mehr steigen als bei RTL plus, und schneller.

Werner E. Klatten, Vorsitzender der Sat-1-Geschäftsführung, hat am 27. August in Frankfurt am Main versprochen, der Marktanteil von Sat 1 werde Ende 1992 deutlich über 13 Prozent liegen. Im Lauf des Jahres 1993 könne Sat 1 rund 15 Prozent erreichen. Zum Vergleich: Im August 1992 hatte Sat 1 einen Marktanteil von 11,8 Prozent gegenüber 16,7 Prozent von RTL plus; mit einem Anteil von 12,4 Prozent lag Sat 1 bei der täglichen durchschnittlichen Sehdauer im ersten Halbjahr 1992 um mehr als zwei Prozent hinter RTL plus.

Wie schwer die Aufholjagd für Sat 1 ohnehin wird, zeigen Meldungen, dass der Marktanteil von Sat 1 in den Kabelhaushalten von 21,9 Prozent 1988 auf 13,8 Prozent (bisher) im Jahr 1992 gesunken ist. Und angesichts immer weiterer neu entstehender Sender – Vox, n-tv, RTL 2, Euronews, deutscher Musikkanal – sind der Expansion des TV-Zuschauer- und Werbemarktes Grenzen gesetzt. Allein hat ein Sender da ganz schön zu kämpfen. Wenn man, rein zufällig, einen Mitkämpfer hat wie „Bild“, kann einem das schon herrlich zupass kommen. Sat 1 und „Bild“ – eine starke Gemeinschaft. Wie, wenn nicht so, könnte Springer seine kommerziellen und ideologischen Ziele besser verwirklichen? Vorschlag: Im Erfolgsfall sollte Sat 1 sich in „Bild‑TV“ umbenennen. Noch korrekter wäre vielleicht „Sat Bild“.

08.10.1992/FK

 

• Text aus Heft Nr. 41/1992 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrrespondez)

08.10.1992/MK

` `