Begegnung mit sich selbst

Das Ende der „Lindenstraße“: Abschied von einer Serie, die versuchte, das unfassbare Leben anschaulich zu machen

Von Dieter Anschlag
29.03.2020 •

In Zeiten der Coronakrise wird nicht zuletzt auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk wiederentdeckt. Gelobt wird, dass er einen guten Job macht, in Sachen Information, mit vermehrtem Kinder- und Bildungsfernsehen, mit seinen Hörfunkprogrammen und Podcasts. Bei Twitter etwa fiel auf, wie viele ARD, ZDF und Deutschlandradio wertschätzen in diesen Tagen, und es gab auch so einige Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender, die darauf verwiesen, dass sich nun doch zeige, wie wichtige die Existenz und die Arbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seien. Alles schön und gut und richtig. Aber...

Am Sonntag (29. März) ist die „Lindenstraße“ zu Ende gegangen. Unter dem Titel „Auf Wiedersehen“ wurde die 1758. und definitiv letzte Folge ausgestrahlt, sie durfte sogar fünf Minuten länger sein als üblich, lief von 18.50 bis 19.25 Uhr im Ersten. Zuvor rief die ARD der Kultserie noch ein bigottes „Bye Bye Lindenstraße“ entgegen, von 18.00 bis 18.50 Uhr gab es diesen Rückblick auf 34 Jahre und vier Monate „Lindenstraße“. Man könnte diesen Abschied, der ein Rauswurf war, als eine der schwärzesten Stunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland bezeichnen. Die Senderverantwortlichen wollten die „Lindenstraße“ nicht mehr und ordneten auf Nimmerwiedersehen die Zwangsräumung an.

Vielfalt und Diversität

Die „Lindenstraße“ stand für gesellschaftlich relevantes fiktionales Fernsehen. Es ist viel darüber geschrieben worden und es gibt nur wenige, die in Frage stellen, dass es so war. Es geht nicht darum, dass die „Lindenstraße“ filmisch das Niveau heutiger Netflix-Serien nicht erreichte. Entscheidend war, dass sie par excellence für das stand, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk im besten Sinne bedeutet. Die „Lindenstraße“ nahm die Zuschauer ernst, hat Thematiken behandelt, die sonst in keiner deutschen Serie behandelt wurden, sie stand früh für Vielfalt und Diversität, für Courage und Aktualität. Und sie hat bei alldem die Menschen unterhalten, auf intelligente Weise. Für all das kann man Hans W. Geißendörfer, dem Erfinder der Serie, nur dankbar sein. Er hat damit das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Republik geprägt. Die Serie war viel mehr als ein Fernsehkult, sie war ein Fernsehgut.

Dann kam der November 2018, als der WDR, der produzierende Sender, das Ende der „Lindenstraße“ verkündete. Zur Begründung dafür sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres: „Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie.“ Es ist eine verheerende Begründung, denn sie bedeutet übersetzt nichts anderes, als dass für die ARD die Einschaltquote der alles entscheidende Faktor für Programmentscheidungen ist. Dabei muss man es ganz deutlich sagen: Von der Quote hängt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts ab, er hat eine äußerst sichere Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag, den die Menschen im Land zahlen, und das macht ihn sehr autonom.

Weniger öffentlich-rechtlich

Nun wäre es vielleicht kein Problem, die seit Dezember 1985 ausgestrahlte „Lindenstraße“ abzusetzen, wenn es im ARD-Programm nur so wimmeln würde vor gleichwertigen anderen fiktionalen Angeboten. Doch das ist im „Rote-Rosen“-Kosmos der ARD überhaupt nicht der Fall, für die „Lindenstraße“ gibt es keinen Ersatz. Was etwa bekommt das Publikum ab April 2020 im Ersten zu sehen statt der „Lindenstraße“? Mehr „Sportschau“ und mehr „Brisant“. Keiner hat etwas gegen Sport (wir vermissen ihn gerade in der Coronazeit), aber dass es davon generell zu wenig gäbe im Fernsehen, wird auch niemand behaupten. Und dass die ARD sich etwas darauf einbildet, dass sie ab nun, wenn „Brisant“ auch sonntags zu sehen ist, das Boulevard(!)magazin an sieben Tagen in der Woche im Programm hat, lässt einen nicht mehr wirklich daran glauben, dass sie noch auf der richtigen Spur ist.

Ein anderes Beispiel: Man suche mal im Programmschema des Ersten nach Terminen für Dokumentationen und Reportagen, insbesondere in der Sendezeit von 18.00 bis 22.00 Uhr. Die Blaue Mauritius ist häufiger auf der Welt aufzufinden als solche Termine im Ersten. Es ist interessant, dass (nicht nur) die ARD momentan das Bildungsfernsehen wiederentdeckt. Hatte man es nicht wunderschön und ohne, dass sich allzu viel Widerstand regte, in Nischen abgeschoben, damit man mehr Krimis senden konnte? Doch plötzlich ist Bildungsfernsehen gefragt und hilfreich und verspricht Quote. Schon gibt’s mehr davon.

Am 26. März zum Beispiel zeigte die ARD das Politmagazin „Panorama“ (NDR), das normalerweise um 21.45 Uhr seinen Platz hat, plötzlich um 20.30 Uhr. Es ging auch hier unter anderem um Corona. Hätte man Volker Herres zu normalen Zeiten vorgeschlagen, politische Magazine doch zur Primetime zu senden, er hätte alle Begründungen gewusst, warum das wirklich nicht geht und warum es auch für „Panorama“ viel besser ist, wenn es später gesendet wird. Und wenn die Coronakrise vorbei ist, wird die ARD auch so schnell nicht wieder auf den Gedanken kommen, ein Politmagazin so früh zu senden. Dann geht’s so schnell wie möglich zurück zu „business as usual“, zum Primat des Marktanteils. Und das ist das Problem.

Der dementierte Bildungsauftrag

Die „Lindenstraße“, sie war kein Narkotikum und Sedativum – wie die meisten Fernsehfilme und Serien von ARD und auch ZDF –, sie war eine jahrzehntelange Gesprächs-, Begegnungs- und Konfrontationspraxis bei der die Form zumindest versuchte, den Alltag zu stellen, das zersplitternde, unsicht-unfassbare Leben anschaulich zu machen und damit dem Zuschauer zu einer Begegnung mit sich selbst zu verhelfen. Die „Lindenstraße“ unternahm wenigstens den Versuch, die Republik zu erkunden und in Individuen Geschichte einzufangen. Dieser Versuch ist in der Fiktion des deutschen Fernsehens weitgehend aufgegeben worden; stattdessen bevölkern Klischees und wirklichkeitsentleerte Typologien die Bildschirme, die jeden Tag den Bildungsauftrag der Sender dementieren.

In der „Lindenstraße“ lebte ein beinahe spiritueller, religiöser Wunsch, nämlich die Hoffnung, dass der Einzelne gefunden werden wird und man sein Schicksal für erzählenswert hielte. Dahingehend transportieren die branchenüblichen Film- und Serienwelten das Gefühl, dass es ein Leben außerhalb dieser Seifenopern nicht gibt. Sagen wir es hart und deutlich: Die öffentlich-rechtlichen Menschenbilder beschädigen das Individuum im fiktionalen Dauerflimmern nicht nur, sondern sie löschen es aus. Nicht die Krimis der Sender sind die Mörderfilme, sondern all die Schmonzetten und Dramen, die Leben behaupten, aber uns alle zum Teufel wünschen.

Die „Lindenstraße“ war einmalig. Und die ARD hätte sie locker erhalten können. Doch man hat sie ohne Not und ohne nachvollziehbare Erklärung ersatzlos eingestellt. Die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher twitterte am 28. März: „Die Absetzung der ‘Lindenstraße’ war eine der größten Fehlentscheidungen der ARD.“ Und sie hat Recht damit. Denn das Aus für die „Lindenstraße“ zeigt, wie sehr bei der ARD das Quoten-Gen die Mentalität bestimmt und dass es kein Anzeichen dafür gibt, das Hoffnung auf Umkehr nährt. Das ist mehr als traurig. Und so bleibt festzustellen, dass mit dem Verschwinden der „Lindenstraße“ das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland wieder ein Stück weniger öffentlich-rechtlich geworden ist.

29.03.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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