BARTELS BETRACHTUNGEN

Journalisten sollten öfter mal etwas „so genannt“ nennen (statt immer alles so, wie es Hersteller – oder Terroristen – gerne hätten)

Von Christian Bartels
25.10.2019 •

Christian Bartels hat rund zwei Jahre lang eine Medienkolumne für evanglisch.de geschrieben. Ende August 2019 beendete das Internet-Portal der evangelischen Kirche die Publikation der Kolumne. Sie wird ab jetzt bei der MK fortgeführt. Zweimal im Monat gibt es künftig auf medienkorrespondenz.de „Bartels’ Betrachtungen“ zu Entwicklungen in der Medienwelt. Heute Kolumne Nr. 1. Christian Bartels ist freier Medienjournalist, er ist unter anderem auch einer der Autoren der Online-Medienkolumne Das Altpapier. Außerdem betreibt er den Deutschland-Reiseblog Überallistesbesser.de. • MK 

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Nicht nur die Konzerne Google/Alphabet und Amazon und deren freie Mitarbeiter, wo immer sie gerade unterwegs sind, können mithören bzw. nachhören, was Nutzer von „Smartspeakern“ so sagen (oder sonst für Geräusche von sich geben). Anbieter von Anwendungen für diese Geräte können es auch, sofern sie die Apps entsprechend programmieren. Das haben forschende Berliner Hacker herausgefunden, hieß es gerade in einer mittelstark beachteten Meldung. Nutzer sollten „niemals – auch nicht auf Nachfrage aus dem Gerät hin – ihr Passwort preisgeben“, rät ein Infokasten in der Online-Version eines „Süddeutsche“-Artikels zum selben Anlass: „Wenn ein Smartspeaker danach fragt, ist das ein klarer Hinweis auf einen Hacker-Angriff.“

Zweifellos bieten Geräte mit Markennamen wie „Google Home“ oder „Echo“ (für Amazon-Produkte) jede Menge Potenzial für Klugheit: erstens für ehrliche Forscher, die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) programmieren und die Spracherkennung verbessern, damit Hard- und Software ihre Nutzer akustisch und dann auch sinngemäß noch besser verstehen können. Das soll helfen, den Nutzern noch besseren Zugang zu für sie noch relevanteren Informationen zu geben, so lautet ein Sprachbaustein, den die Konzerne auf kritische Anfragen gerne dazu bereitstellen

Das allerbeliebteste Adjektiv des politischen Diskurses

Das erfordert zweitens längst und dringend, dass „Voice-Search“-Optimierer unter Hochdruck daran arbeiten, Angebote ihrer Auftraggeber für sprechende Lautsprecher relevanter zu machen als Angebote der Konkurrenz. Drittens bieten die Geräte also auch für smarte Hacker und Programmierer Spielraum, ob sie nun gute Zwecke verfolgen (wie es die Berliner Forscher taten) oder böse. Viertens ist die Intelligenz der Kunden gefordert, um zu erkennen, wann ihre Lautsprecher aktiviert wurden und ob noch andere Menschen mithören als die, mit denen sie sowieso rechnen müssen.

Dass die Geräte selbst, für die schon zu ihrer deutschen Markteinführung vor über drei Jahren ermittelt worden war, dass ihre Besitzer „im Schnitt dreimal so viele Produkte auf Amazon kaufen wie der Durchschnittskunde“, smart sind, dürfte allerspätestens jetzt widerlegt sein. Warum zum Teufel werden sie also weiter „Smartspeaker“ genannt – selbst in Meldungen wie „Wie Smartspeaker zu Wanzen werden“ („Spiegel Online“)? Vermutlich, weil deutsche Nachrichtenmedien sich angewöhnt haben, werbliche Bezeichnungen von Herstellern für deren Produkte einfach zu übernehmen. Da können „Smartspeaker“ – von denen laut „Süddeutsche“ erst einige hunderttausend in Deutschland verkauft wurden – auf den Abermillionen „Smartphones“ aufbauen. Letzterer Begriff dürfte uneinholbar in der Sprache verankert sein. Vieles trifft er natürlich gut. Mit internetfähigen Touch-Telefonen an entlegenen Orten genau die Informationen abrufen zu können, die man dort braucht, ist viel wert. Bloß ein bisschen dürfte der Begriff auch dazu beitragen, dass Zombies unter Kopfhörern, die pausenlos auf die Displays schauend durch Städte laufen und Glück haben, nicht überfahren zu werden, sich „smart“ wähnen.

Ähnlich verhält es sich mit den „sozialen Medien“. Da haben Facebook, YouTube & Co. das allerbeliebteste Adjektiv des politischen Diskurses, das weit über die Sozialdemokraten und die Christlich Soziale Union hinaus alle deutschen Parteien für sich reklamieren, gekapert und werden von Multiplikatoren unverdrossen so genannt, obwohl sie zumindest nach deutschen Gesetzen ja gar nicht als Medien gelten (und vieles dafür tun, damit es auch nicht so kommt).

SUV, einsilbig deutsch ausgesprochen?

Und natürlich geht die Unsitte über digitale Medien hinaus. Würde die Abkürzung „SUV“ für besonders schwere Pkws einsilbig deutsch ausgesprochen statt als drei einzelne Buchstaben englisch, hätten die Autohersteller sich sicher dagegen gewehrt. Selbst wenn man auf Anhieb weiß, dass die Abkürzung für „Sport Utility Vehicle“ stehen soll – sinnvoll ist sie aus keinem anderen Blickwinkel als dem der kosmopolitisch klingenden Verschleierung. Wer daran nicht mitwirken will, sollte lieber „Geländewagen“ sagen und schreiben. Schon weil da wunderbar mitschwingt, dass solche Wagen in dicht beparkten Innenstädten, in denen die Straßen meistens in Ordnung sind (außer wenn sie zu oft von zu schweren Fahrzeugen befahren werden), eher unangemessen erscheinen, während sie in ländlichere Regionen durchaus passen mögen.

Klar, die Verwendung und erst recht Setzung von Begriffen ist längst zum politischen Kampffeld geworden. Jeder hat seine Narrative (auch wenn er die eigenen besser nicht so nennen sollte) und niemand, der über irgendetwas spricht oder schreibt, kann dabei nicht nicht framen. Der Internet-Auftritt der ARD-„Tagesschau“ erntete im Blog kohlenspott.de berechtigte „Sprachverschmutzungs“-Kritik. Zwar stehen an beiden Seiten der Artikelüberschrift „Es wird zu ethnischer Säuberung führen“, bei der es sich um das Zitat eines interviewten Nahostexperten handelt, Anführungszeichen. Doch um „ethnische Säuberung“, immer noch einer der krassesten Euphemismen der jüngeren Zeitgeschichte, würden noch einmal welche gehören. Vermutlich hat Guido Steinberg den Satz „Das wird aus meiner Sicht zu einer ethnischen Säuberung führen“, den er ganz am Ende des nicht kurzen, durch viele Link-Kästchen grafisch noch erheblich gestreckten Interviews sagt, es so gemeint oder gesprochen. Vielleicht hat er am Telefon Anführungszeichen in die Luft gemalt. Genau das aber: im unmittelbaren Kontext noch halbwegs erkennbare Zitate in anderen, weniger gut erkennbaren Kontexten wie Überschriften weiterzuverwenden, ohne sie nochmal als solche kenntlich zu machen, das trägt zu „Sprachverschmutzung“ bei.

Unterschwellige Gewöhnung an unangemessene Begriffe

Vom „Islamischen Staat“ spricht Steinberg natürlich auch, ohne Anführungszeichen, aber mit bestimmtem Artikel im Singular. Schließlich verwenden die meisten deutschen Nachrichtenmedien die vereinfachte Eigenbezeichnung der ISIS-Terroristen längst, ohne sich noch Gedanken darüber zu machen, ob sie so im Unterbewusstsein des Publikums nicht sämtliche islamischen Staaten diskreditieren. Es ist ein schwieriges Terrain.

Die Hektik des Nachrichtenalltags ist groß, besonders dort, wo rund um die Uhr viele Meldungen für Ticker, Startseiten und Timelines sogenannter sozialer Medien erzeugt werden müssen (und oft durch mehr oder minder aufwendiges Weiterverarbeiten eingehender Meldungen generiert werden). Da sind billige Vorwürfe schnell erhoben. Allerdings: Gerade dort, wo viele Überschriften von den meisten Nutzern gar nicht angeklickt werden, sondern eher im Augenwinkel und am Rande der Aufmerksamkeit an ihnen vorbeirauschen, dürfte die Gefahr unterschwelliger Gewöhnung an unangemessene Begriffe durch deren Wiederholung besonders groß sein.

Öfter mal Anführungszeichen (oder Anführungszeichen in den Anführungszeichen) zu setzen und ab und zu ein „sogenannt“ einzustreuen, könnte helfen. Journalisten sind zwar kaum noch Gatekeeper, aber Multiplikatoren von Inhalten, die in sog. soz. Medien sehr gerne weitergeteilt werden, sind sie vielleicht mehr denn je. Wenn sie ihre Kernkompetenz, Dinge präzise zu benennen, fahren lassen und unreflektiert bis beflissen werbliche Produkt-Eigenbezeichnungen übernehmen, drücken sie diese in die Umgangssprache – und tragen dazu bei, Journalismus noch schneller überflüssig zu machen, als er es ohnehin zu werden droht.

25.10.2019/MK