BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Statt Netflix hochzujubeln, sollte Medienjournalismus auch mal auf den Stromverbrauch von Streaming hinweisen

Von Christian Bartels
17.01.2020 •

Medienjournalismus ist eine Nische. Seine Themen erreichen die ganz große Öffentlichkeit selten. Manchmal aber schon, etwa im (trotz langweiliger „Klartext“-Überschrift) interessanten Interview, das Springers „Bild am Sonntag“ mit dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) führte. Es geht um alles Mögliche rund um die Bundesliga. Unter anderem sagt Christian Seifert: „Seit über einem Jahr werden in den deutschen Medien Netflix und Amazon Prime und deren Qualität äußerst positiv besprochen. Bei der Vergabe der Golden Globes hatten die großen Networks ABC, CBS und NBC null Nominierungen, Netflix hatte mehr als 30. Die Qualitätsverbesserung im Bereich Serien und Filme durch die neuen Streaming-Anbieter ist schon außergewöhnlich.“

Der Zusammenhang ist die laufende Versteigerung von künftigen Fernseh- bzw. Bewegtbildrechten, für die sich laut Seifert mehr Unternehmen denn je interessieren. Die Bundesliga ist der teuerste und am schnellsten noch teurer werdende deutsche Medieninhalt. Zwar scheint unwahrscheinlich, dass der Streaming-Marktführer Netflix sich plötzlich in den teuren Sportrechte-Markt einschaltet. Dass aber DAZN, das „Netflix des Sports“, und/oder Amazon künftig Bundesliga-Rechte ergattern, ist wahrscheinlich. Vor allem diese beiden Streaming-Anbieter teilen sich ja ab der übernächsten Saison die Rechte an der Fußball-Champions-League. Womöglich wollte Seifert die Fans darauf vorbereiten, dass es bei Bundesliga-Live-Spielen ähnlich kommen könnte. Zumal DAZN ja schon einige Rechte hat.

Und in der Sache hat Seifert Recht: Vor allem Netflix besprechen deutsche Medienressorts gedruckt und online ja gerne „äußerst positiv“. Eine der großen überregionalen Nichtboulevardzeitungen durchzublättern, ohne auf mehrere Hinweise zu „packenden“ Netflix-Serien zu stoßen, ist kaum möglich. Womit die Medienressorts natürlich weithin auch Recht haben: Die Qualität der Medieninhalte, zumal fiktionaler Serien, steigt – nicht so stark wie die Breite, aber gewaltig.

Der Wettbewerb der Streaming-Anbieter belebt viele Geschäfte positiv. Um Ideen, auf denen deutsche Filmschaffende lange sitzen bleiben konnten, solange allenfalls ARD und ZDF (die vor allem 90-minütige Krimis wollten) und einheimische Privatsender (die deutsche Fiktion lange kaum wollten) darum konkurrierten, herrscht inzwischen schönster Wettbewerb. Natürlich macht die Erfahrung, für globale Anbieter zu arbeiten, die Filmschaffenden besser. Und noch weitere Effekte ließen sich aufzählen (nur bei Fußball nicht unbedingt; ob Sportreporter besser werden, wenn sie für Sender oder Firmen arbeiten, die Fußballrechte immer noch teurer bezahlen, lässt sich bezweifeln). Ausdrücklich freut sich Christian Seifert außerdem über die „immer leistungsfähigeren Bildschirme bei TV, PC, Tablet und Smartphone“.

Und das ist ein Punkt, wo Medienjournalismus einhaken könnte bis müsste. Sicher kommen immer neue Geräte auf den Markt, die immer hochauflösendere Bildwelten immer schärfer zeigen können, und für bestimmte Inhalte mag das sinnvoll sein. Aber es gibt eine andere Seite, die in deutschen Medien seltsam verhallt: Streaming verbraucht, wie der Begriff schon andeutet, Strom, und zwar immer mehr. „Leistungsfähigere“ Geräte tun es erst recht.

Die Hälfte der Emissionen des zivilen Flugverkehrs

Gelegentlich klingt das Thema ja an. Im Dezember warnte EU-Kommissarin Margrethe Vestager, die als Mitglied schon der vorigen Kommission und Quasi-Spitzenkandidatin bei der Europawahl zu den wenigen hierzulande halbwegs bekannten EU-Spitzenpersönlichkeiten gehört, in einem deutschen Interview: „Wenn man sich zum Beispiel Filme im Internet-Streaming ansieht, ist das sehr energieintensiv.“ Mitunter schwappen solche Warnungen durchs Internet und über die Ticker. Dazu werden sie gerne in vermeintlich griffige Vergleiche verpackt: „Wer zum Beispiel zehn Minuten lang über die Cloud ein Video in HD-Qualität anschaut, verbraucht dabei so viel Strom wie ein elektrischer Backofen, der fünf Minuten mit 2000 Watt auf voller Stufe im Heizbetrieb läuft“, heißt es im eben zitierten Text. Im Juli bemühte das Online-Portat heise.de den Fun-Fact, dass „allein durch Online-Pornographie […] weltweit so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt“ werde „wie in Rumänien“, vielleicht weil „Videostreaming ist für ein Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich“ etwas undramatisch klingt. „Ein Prozent des gesamten weltweiten Stromverbrauches entfällt vollständig auf das Anschauen von Videos“, formulierte dann der „Tagesspiegel“ zur IFA im September 2019 zupackender.

Durchgedrungen sind solche Vergleiche allerdings nicht – nicht mal in die eigenen Streaming-Portale-im-Überblick“-Überblicke, die der steigenden Zahl der Anbieter wegen regelmäßig aktualisiert wiederkehren. Etwas eindrucksvoller liest sich, dass die durch Videostreaming erzeugten CO2-Emissionen „knapp der Hälfte jener Emissionen entsprechen, die durch den gesamten zivilen Flugverkehr entstehen“, wie die Stiftung Warentest informiert – zwar im kostenpflichtigen Kleingedruckten weit hinten nach dem konventionell begeistertem Vorspann („…räumen…Oscars, Emmys und Golden Globes ab“), aber immerhin.

Die Zahlen und Vergleiche stammen meist von der Pariser Denkfabirk The Shift Project“, die mehrmals im Jahr neue (und etwas unübersichtliche) Exposés zum Thema „The unsustainable Use of Online-Video“ herausgibt. Klar, das Thema ist wie jedes vielschichtig. Streaming, über das ja auch YouTube und öffentlich-rechtliche Mediatheken ihre Videos verbreiten (und Spotify und seine Wettbewerber Musik und Podcasts), ist bequem und hilft zweifellos, individuell bessere Medienangebote zu finden. Auch der Kolumnist schaut außer Nachrichten und ARD-„Sportschau“ kaum noch linear fern, sondern streamt eher. Netflix und DAZN sind auch nicht böse. (Amazon ist es, würde der Kolumnist sagen, aber nicht wegen seiner Streaming-Angebote, sondern vieler anderer Dinge wegen).

Die legendenumwobene „Stickyness“

Aber zur Gemengelage gehört der Stromverbrauch beim Streaming dazu – und journalistische Medien mit dem Anspruch, die Meldungen (die Anbieter und Interessenverbände gerne im Rekordsound vorformulieren) nicht weiterzureichen, sondern sie auch einordnen wollen, müssten allerwenigstens in Überblicksdarstellungen auch darauf hinweisen.

Wenn schon nicht, um die „ökologischen Folgekosten auf die gesellschaftliche Rechnung“ zu setzen (wie Dietrich Leder gerade forderte), dann zumindest, damit Leser klassischer Zeitungen wie mutmaßlich Christian Seifert das ganze Bild im Blick haben. Und damit Streaming-Anbieter außer mit Hunderten Serien und Milliarden-Produktionsbudgets auch mit Engagement für regenerative Energie werben.

Natürlich muss niemand auf Streaming zu verzichten. Aber sinnvolle Tipps gibt es ja. Einige gibt das Shift Project, nur scheinbar paradox, auf YouTube. Dort steht das Video „Dieses Video wärmt das Klima: Sieh es dir an!“ seit Juli 2019 online und erzielte gut 22.000 Aufrufe – bemerkenswert wenige, zumal für ein englischsprachiges und in weiteren Sprachen (darunter Deutsch) untertiteltes Video. Wahrscheinlich empfiehlt der YouTube-Algorithmus es niemandem weiter.

Zu den wichtigsten Zwecken dieses geheimen Algorithmus zählt ja die legendenumwobene „Stickyness“ der dank raffiniert personalisierter Tipps immer länger dranbleibenden Nutzer, die sich in YouTube-Rekorden à la „Eine Milliarde Stunden Wiedergabezeit täglich“ äußert. Zu den Ratschlägen des Shift Projects dagegen gehört, das tägliche Videostreaming auf eine Stunde am Tag zu beschränken, was als Durchschnittswert für alle, die keine Dauer-Bingewatcher sind und außer Videogucken auch noch andere Aktivitäten verfolgen, okay wäre. Insofern ist YouTube ein idealer Ort, um sich gegen „digitalen Überkonsum“ zu engagieren. Bloß dringt damit dort niemand durch.

Die Stiftung Warentest gibt ebenfalls sinnvolle Tricks zum Emissionen-Senken, zum Beispiel: „Auflösung runter. Gerade auf dem Handy reichen auch 720p statt 4K.“ Und: „Hören Sie Musik nicht über YouTube, sondern lieber über Musikstreaming-Dienste.“ Und noch einer verdient hier zitiert zu werden. „TV statt Netz. Sehen Sie TV-Sendungen lieber über Antenne, Satellit oder Kabel, statt sie zu streamen“, lautet er.

Digitales Radio ist ein weites Feld und selbst den meisten Medienressorts zu kompliziert, um häufig drüber zu berichten. Wer überhaupt mal von DAB plus gehört hat (was für große Teile der Bevölkerung eher nicht gilt), dürfte zweifeln, ob dieser digitale Standard sich schon in diesem Jahrzehnt durchsetzen wird oder erst in den 2030ern. Oder aber ob Niedersachsens Beispiel Schule macht und lineares Digitalradio aufgegeben wird.

Ob die hausbackene Werbekampagne der Digitalradio-Initiative überzeugt, darüber ließe sich ebenfalls streiten. Warum wirbt DAB plus nicht wenigstens auch damit, dass digital im Radio Musik hören weniger energieintensiv und daher umweltschonender ist, als sich ungefähr die gleiche Musik streamen zu lassen? In einer Zeit, in der selbst die Erz-Umweltsau Ryanair (zumindest in Radiowerbespots in Berlin) mit dem Spruch „Wir alle möchten derzeit unseren ökologischen Fußabdruck verringern“ wirbt, dürfte das durchdringen.

17.01.2020/MK