BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Spendenfinanzierter Journalismus? Das Geld für einen Blog wie netzpolitik.org kommt auch nicht aus der Steckdose

Von Christian Bartels
31.12.2019 •

Die Zeit um Weihnachten ist in allen Lebensbereichen Spendenzeit. Am Rande des Einkaufstrubels bitten umso mehr Menschen um Geld. Wer noch Post auf Papier bekommt, erhält viele Spendenbitten-Briefe. Und im Internet verhält es sich ähnlich. Am bekanntesten sind wohl die ‘Störer’, die sich bei Wikipedia im Dezember immer von oben ins Bild schieben. Oder doch die auf taz.de, die saisonunabhängig erscheinen (und sich mit einem Klick auf „Gerade nicht“ einfacher wegklicken lassen).

Zugegeben, in gedruckter Form etabliertere Zeitungen bitten online nicht um Spenden. Sie setzen inzwischen verstärkt auf kostenpflichtige Artikel, die meist mit einem Plus-Zeichen (wie bei „Spiegel Online“ und faz.net) oder mit einem ausgeschriebenen „Plus“ (wie bei sueddeutsche.de) gekennzeichnet; daneben gibt es weiterhin in größerer Zahl die frei zugänglichen Beiträge, die die Reichweite für Werbeeinnahmen bringen sollen. Ob dieser Spagat zwischen Abo- und Anzeigenfinanzierung nachhaltig funktioniert, bleibt unklar. Praktikable Modelle zur Finanzierung von Online-Journalismus gibt es vermutlich bei den gern als Vorbilder genannten Zeitungen „New York Times“ und „Guardian“, die von der globalen Durchsetzung der englischen Sprache profitieren. Aber im deutschen Sprachraum?

Erfolge auf Mittelwegen zwischen Reichweite ohne Bezahlschranken und verlässlichen Einnahmen dank Bezahlschranken gibt es. Sie werden gern vermeldet: „Bisher unterstützen 12.265 Mitglieder dieses Projekt“, so informiert etwa die Plattform Krautreporter. „Finanziert wird Übermedien von inzwischen mehr als 3800 Abonnentinnen und Abonnenten“, liest man ein wenig unkonkreter bei einem anderen Portal der Medienmedien-Welt. Misserfolge werden ebenfalls vermeldet – wiederum in Form von Spendenaufrufen. „Schaffen wir es nicht, werden wir am Nachmittag des 31. März für sämtliche Mitarbeitenden der Republik die Kündigung aussprechen“, droht aktuell das ambitionierte schweizerische Online-Medium republik.ch.

„Die höchste Auszeichnung, die der Bund zu vergeben hat“

Wo sich nun auch ein Wikipedia-artiger Störer überraschend ins Bild schiebt, allerdings von unten und nur bei deaktiviertem Adblocker: auf netzpolitik.org. Dem Blog, der im September 2019 sein 15-jähriges Bestehen feierte und der auf dem Feld, das sein Namen wohl am besten benennt, weiterhin ziemlich konkurrenzlos ist, fehlen „in diesem Jahr […] noch knapp 64.000 €“, hieß es da Mitte Dezember. „Aktuell haben wir eine Mehrheit für die Spendenbanner-Vorschaltseite bekommen“, erklärt Markus Beckedahl, der Gründer und Chefredakteurvon netzpolitik.org. Entscheidungen fallen dort meist im Konsens des Kollektivs, das eigentlich gegen Spendenaufruf-Störer und Bezahlschranken ist. Dass es nun zustimmte, liege „auch daran, dass wir noch weit im Minus standen und einigen bewusst wurde, dass das Geld nicht aus der Steckdose kommt“, so der gebürtige Bonner Beckedahl. Gerade weil entsprechende Hinweise, wie sie anderswo online längst gewohnt (und immer rasch weggeklickt) sind, hier fehlen, neigt man dazu, zu vergessen, dass auch netzpolitik.org weitgehend spendenfinanziert ist.

So richtig bekannt wurde der Blog im Jahr 2015 durch „die höchste Auszeichnung, die der Bund an Journalisten zu vergeben hat“, wie Beckedahl scherzt: den „Landesverrat“-Vorwurf. Nur der 1962 zum „Sturmgeschütz der Demokratie“ geadelte „Spiegel“ und eben netzpolitik.org erhielten dieses Prädikat – der Blog erhielt es durch den damaligen Verfassungschutzchef Hans-Georg Maaßen, der inzwischen auf seine Weise ja auch Medienprominenz erlangt hat.

Der absurde Vorwurf wurde schnell fallengelassen und Teil des Image von netzpolitik.org, das damals aber schon Spenden für eine mögliche juristische Auseinandersetzung zu sammeln begann. „Mit Spenden, die wir dann nicht für den Prozess brauchten, konnten wir zwei volle Stellen schaffen“, erzählt Beckedahl,„davor saßen fünf Leute auf dreieinhalb Stellen.“ Und die älteren Journalisten von klassischen Medien, die zum Berichterstatten übers spektakuläre Thema in die Redaktion kamen, seien über die beengten Verhältnisse erstaunt gewesen. „Manchmal kam morgens die ‘Tagesschau’ und am Nachmittag schon wieder“, obwohl es für öffentlich-rechtliche Kamerateams in den Räumlichkeiten arg eng gewesen sei, so Beckedahl. Die inzwischen elfköpfige Redaktion konnte sich am alten Sitz, dort wo Berlin-Mitte in den Prenzlauer Berg übergeht, mittlerweile etwas ausbreiten.

„Eine Ursünde des Journalismus“

Was Finanzierungsmodelle angeht, war netzpolitik.org schon immer kompetent aktiv und ist es weiter. „Wir sind das erste Medium, das Bitcoin-Spenden akzeptiert und die Kommunikation mit dem Finanzamt aufgenommen hat, wie solche Spenden bewertet werden“, sagt Beckedahl. Im November 2019 zählte netzpolitik.org e.V. zu den Gründern des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das eine Stärkung des „gemeinwohlorientierten, nicht kommerziellen Journalismus“ durch eine Reform des Gemeinnützigkeitsrechts fordert. Gemeinnützig ist der eingetragene Verein netzpolitik.org aus Verbraucherschutz-Gründen. Journalismus an sich kann derzeit nicht als gemeinnützig anerkannt werden. Ob der Ansatz Teil einer Lösung der Journalismusfinanzierungsprobleme ist oder eher Teil neuer Probleme, darüber lässt sich streiten. 2019 sorgte die Aberkennung des Gemeinnützigkeits-Status etwa von Attac für Aufsehen. Für An- wie Aberkennung sind die Finanzbehörden zuständig und dass die nicht staatsgebunden seien, wird niemand lange behaupten. Doch sinnvoll ist es natürlich, in der Abgabenordnung Journalismus wenigstens „Modellbau und Amateurfunk“ gleichzustellen, wie das Forum argumentiert.

Mit Anzeigenfinanzierung hat der Blog ebenfalls experimentiert. Und man kam zudem Schluss, darauf zu verzichten. „Kunden, die in politischen Kontexten werben, sind oft unangenehme Kunden“, weiß Beckedahl. Werbung von Google und Facebook etwa würde der Blog nicht zeigen wollen, da diese Konzerne häufig Thema kritischer Berichterstattung sind. Abgesehen davon würden die meisten netzpolitik.org-Leser solche Anzeigen auch nicht sehen, weil sie Adblocker aktiviert haben. Solche Werbeblocker bringen zwar die so überschaubaren wie volatilen Geschäfte mit Online-Journalismus als Werberahmen in Gefahr, weshalb etwa Axel Springer unverdrossen dagegen klagt. Andererseits „tracken“, also verfolgen nicht ausgeblendete Werbeanzeigen Nutzer und deren Bewegungen durchs Internet. Was für netzpolitik.org wiederum ein Thema ist. „Wir werden dich nie tracken, um deine Daten zu verkaufen“, lautet ein Versprechen des Blogs, das natürlich wieder in einen Spendenaufruf mündet: „Diese Unabhängigkeit hat einen Preis.“

Und da wird Beckedahl kämpferisch: „Das intransparente Überwachen des Nutzerverhaltens als Geschäftsmodell für Journalismusfinanzierung ist eine Ursünde des Journalismus.“ So etwas könne „kein nachhaltiges Geschäftsmodell sein“. Darüber lässt sich vielleicht streiten. Aber dass Datenkraken wie Google und Facebook über viel effizientere und dank der ständig wachsenden Datenberge fortlaufend noch effizienter werdende Trackingmethoden verfügen als Anbieter und Ausspielflächen von Online-Werbung, die sich ja auch an die Datenschutz-Grundverordnung der EU halten müssen (und künftig womöglich an weitere Regeln etwa der „E-Privacy“, falls die EU-Organe sich darauf noch einigen können – worüber kaum jemand so aktuell wie netzpolitik.org berichtet…), liegt auf der Hand. Falls es da wirtschaftlichen Wettbewerb gibt, ist er längst entschieden.

Aktivismus oder Journalismus?

Oft gestellt wurde den Machern von netzpolitik.org die Frage (und sie wird ihnen manchmal immer noch gestellt), ob der Blog nicht Aktivismus betreibe, also eher keinen Journalismus. Beckedahls Antwort dazu lautet: „Ein Teil von uns hat einen aktivistischen Hintergrund. Aber wir berichten transparent aus der Perspektive der digitalen Grundrechte und halten journalistische Standards ein.“ Tatsächlich fällt bei netzpolitik.org die Trennung von Bericht und Kommentar oft positiv auf, die klassischen Medien (etwa wenn seit jeher scharf Trump- oder Brexit-kritische Korrespondenten aus den USA oder London berichten) keineswegs immer leicht fällt. Auch vor diesem Hintergrund ist transparenter Einsatz für „digitale Grundrechte“ – und sei er aktivistisch – nicht weniger journalistisch als das Geschäftsmodell, journalistische Inhalte für geheime Algorithmen von Googleund Facebook zu optimieren und so zu präsentieren, dass sie vor allem möglichst oft angeklickt werden.

Um es nicht zu vergessen: Auch jenseits der Journalismusfinanzierung entwickelt netzpolitik.org sinnvolle Innovationen, was im deutschen Online-Journalismus nicht gerade oft geschieht. Etwa beim für viele Medien leidigen Thema der Nutzerkommentare, die aufwendig moderiert werden müssen, damit dort nichts teuer Justiziables erscheint. Nachdem der Blog über 200.000 Kommentare veröffentlichte, die in frühen Jahren auch zur Vernetzung wichtig waren, wurde beschlossen, die zusehends „unkonstruktive Anschlusskommunikation“ durch; „Ergänzungen“ zu ersetzen, das heißt, durch von der Redaktion aus den weiterhin vielen Kommentaren ausgewählte konstruktive Beiträge. Was dazu führt, dass unter Beiträgen oft tatsächlich weiterführende Informationen zu lesen sind oder kompetente Kritik steht, und das in überschaubarem Ausmaß.

Sicher haben die meisten Institutionen und Menschen, die um Spenden bitten, welche verdient. Netzpolitik.org als ziemlich unverzichtbare Ergänzung der Medienmedien-Landschaft hat es ebenfalls – auch wenn die Störer nerven. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, die ja nur der eingespielteste Anlass für Bitten um Spenden ist und nicht die einzige Zeit, in der welche gebraucht werden.

31.12.2019/MK
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Spendenaufrufe von netzpolitik.org, taz und Wikipedia (zum Vergrößern auf die jeweilige Abbildung klicken)

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Wikipedia-Danksagung für Spenden, die bis Ende des Jahres 2019 eingingen

Abbildungen: Screenshots