BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Digitales statt Gedrucktes? Die Geschichte von papierner Kommunikation ist noch lange nicht vorbei

Von Christian Bartels
15.12.2021 •

Zeitungen und Zeitschriften werden zusehends noch weniger abonniert und verkauft, Auflagen sinken Quartal für Quartal, manches Gedruckte verschwindet ganz – wie auch die „Medienkorrespondenz“, die mit der am 17. Dezember erscheinenden Print-Ausgabe Nr. 25-26/2021 eingestellt und durch einen „digitalen Mediendienst“ unter anderem Namen ersetzt wird. Zugleich weisen Buchverlage im Weihnachtsgeschäft, aber auch manche Zeitungen darauf hin, dass Papier zum Drucken teurer wird und trotzdem nicht immer so schnell wie gewohnt und im üblichen Ausmaß geliefert werden kann. Neigt sich die Zeit gedruckter Medien nun wirklich ihrem Ende zu? Der Buchwissenschaftler Daniel Bellingradt von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat einen historischeren Blick auf das Thema und meint: Nein. „Es gibt eine materielle Zukunft von Papier in einer digitalen Welt“ – und über den CO2-Fußabdruck von Gedrucktem auf nachwachsendem textilen Rohstoff einerseits und Inhalte, die auf den riesigen Serverfarmen der „Cloud“ zum Abruf bereitgestellt werden, andererseits wird noch ganz anders diskutiert werden als derzeit. Dazu im Rahmen dieser Kolumne das nachfolgende Gespräch von Christian Bartels mit Daniel Bellingradt. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Christian Bartels: Herr Bellingradt, in Ihrem Buch Vernetzte Papiermärkte: Einblicke in den Amsterdamer Handel mit Papier im 18. Jahrhundert“ beschreiben Sie anhand des europäischen Papierhandels der frühen Neuzeit das menschengemachte Artefakt Papier“ als aussagekräftiges Wirtschaftsgut und als relevantes Material für Kommunikationszusammenhänge. Dabei beschäftigen Sie sich auch mit der Materialität“ des Trägermediums Papier. Oder heißt es Medienträger?

Daniel Belingradt: Der Begriff „Trägermedium“ wird in manchen Disziplinen genutzt, etwa der Kommunikations- oder Literaturwissenschaft, ist eigentlich aber unpräzise. Trägermedien sind die materielle Form von Datenträgern unserer schrift- und bildorientierten Kommunikation: Steine, Papyrus, Holz, Pergament, Papier und so weiter. Auf dieses Material werden Zeichencodes in der Fläche angeordnet; erst mit der materiellen Form wird der Zeichnende sinnlich erfahrbar. Aber: Die „Trägermedien“ tragen nicht nur passiv Zeichencodes, sondern haben auch eine eigene materielle Existenz und Formungsgeschichte. Diese wichtigen materiellen Eigenschaften fallen beim Begriff „Trägermedien“ hinten runter.

Jedenfalls, als Datenträger für Schrift- und Bildmedien und in Kommunikationszusammenhängen generell hat Papier seinen Höhepunkt schon länger überschritten, oder?

Nein, das stimmt so nicht. Sowohl Papierherstellung als auch Papierverbrauch steigen weltweit kontinuierlich weiter an. Jedes Jahr sind neue Rekorde zu verzeichnen: mehr Papierproduktion, mehr Papiernutzung, mehr Papierbücher in den Buchhandlungen. Der Traum vom „Paperless Office“ ist auf ernüchternde Weise ausgeträumt. Verwaltungsprozesse sind papierbasierte Abläufe. Es gibt eine materielle Zukunft von Papier in einer digitalen Welt. Zum Beispiel arbeiten weniger als zehn Prozent der Unternehmen in Deutschland vollständig papierlos, trotz Videokonferenzen und E-Mails. Drucker als Geräte und ein, global gesehen, unfassbar niedriger Papierpreis sind schuld daran. Ein signifikant anderes Bild ergibt sich allein für Zeitungen und Zeitschriften. Hier ist der Höhepunkt an Papierverbrauch überschritten, ein Kipppunkt erreicht. Die „FAZ“ teilte kürzlich mit, dass sie zum ersten Mal mehr Leser online erreicht, 34 Millionen, als gedruckt, 32 Millionen Leser. Die gedruckten Auflagen gehen zurück, die Klicks auf den Online-Angeboten der Zeitungen nehmen zu.

Dass Papier aus Holz hergestellt werden kann, ist eine historisch jüngere Entwicklung. Vorher waren Lumpen, sozusagen Altkleider, der wichtigste Rohstoff. Hatte das die Materialität des Papiers verändert?

Der Rohstoff zur Herstellung von frühneuzeitlichem Papier in Europa, das sind seit dem 14. Jahrhundert Naturfasern aus Flachs und Hanf. Diese Naturfasern fand man einerseits in Textilien, in „Lumpen“, also zerrissener Kleidung, konnte sie andererseits aus der Ware Papier selbst gewinnen. Weil zerrissener Kleidungsstoff, Hadern, eine wichtige Ressource für die benötigten Naturfasern war, wird frühneuzeitliches Papier auch als „Hadernpapier“ bezeichnet. Und weil dieser Faserbrei am Ende aus einer Bütte geschöpft wurde, nannte man die Papiere auch „Büttenpapier“. Erst seit dem frühen 19. Jahrhundert wird Holz als Faserstoff verwendet. Man spricht nun vom Holzschliffverfahren. Flachs, Hanf, Baumwolle, Holz sind aber allesamt textile Rohstoffe. Auch für unser modernes Papier heute nutzen wir weiterhin einen textilen Rohstoff.

Wäre es wieder möglich, aus Lumpen Papier herzustellen? Viele Kleidungsstücke werden ja billiger verkauft als eine Wochenzeitung.

Man könnte nicht einfach aus Pullovern Papier herstellen. In unseren Klamotten sind so viele chemische Zusatzstoffe drin, dass es zu aufwändig wäre, die Bestandteile zu trennen. Aber handgemachtes, handgeschöpftes Papier, etwa als Briefpapier mit Wasserzeichen, ist ein großer Markt, erst recht zur Weihnachtszeit. Nicht nur Museen, auch spezielle Papier-Offizine bieten an, selber per Hand Papier herzustellen. Die Handpapiermacherei ist eine existierende Nische.

Hinter dem Display brummen riesige Serverfarmen

Die holzverarbeitende Medienindustrie aber hat irgendwann nach der Jahrtausendwende dann verpeilt, wie sehr das neue Internet und die völlig andere Verfügbarkeit von Informationen all ihre Geschäftsmodelle umpflügen wird

Mediennutzungsprognosen waren schon immer heikel – vor allem wenn sie die Zukunft betreffen [lacht]. Im 20. Jahrhundert meinten Experten, Computer seien nur etwas für kleine Nischenmärkte. Die Geschichte kennt zahlreiche dieser Nutzungs-Fehleinschätzungen. Zum Beispiel als in Europa das neue Trägermedium Papier und das seit tausend Jahren genutzte Pergament konkurrierten, etwa ab 1500. Da verkündeten nicht wenige, dass sich Papier niemals durchsetzen werde, weil Pergament genauer bedruckbar und länger lagerbar sei. Langfristiges Sichern von Daten war schon immer ein wichtiges Argument – wie heute, wenn es um Datensicherheit und das Speichern in der Cloud geht.

Aber dass Pergament haltbarer als Papier ist, stimmte und müsste dann ja noch stimmen?

Ja. Bei Pergament kann man von einer Haltbarkeit von mehreren tausend Jahren ausgehen, wenn die Lagerungsbedingungen gut sind. Wie lange Papier haltbar ist, hängt von den verwendeten Rohstoffen ab. Frühneuzeitliches Hadernpapier hält mehrere hundert Jahre, modernere Papiere schaffen manchmal nur 50 bis 100. Abgesehen von Steinen, in die Zeichen gemeißelt werden, ist das haltbarste Trägermaterial, das die Menschheit seit der Spätantike nutzt, Pergament – also beschriftete und bemalte Tierhaut. In jedem größeren Pergament-Buch steckt eine kleinere Tierherde. In Großbritannien wurden Gesetzestexte bis vor kurzem auf Pergament festgehalten. Wenn es der Menschheit wirklich wichtig ist, dann lagert sie in Salzbergwerken: auf Keramikplatten, und nicht in der Cloud.

Zurück zur Materialität: Displays, auf denen inzwischen viele Menschen journalistische Texte lesen, haben auch eine?

Aus Sicht nicht nur der Buchwissenschaft: Ja. Bild- und Schriftmedien sind Artefakte von menschlicher Kommunikation und diese Kommunikation ist in materieller Form wahrnehmbar. Das Display ist Teil eines Endgerätes, auf dem wir in der Fläche organisierte Zeichencodes darstellen können. Und natürlich gehört dieses Endgerät zur materiellen Existenz des Datenträgers dazu. Hardware und Software und Cloud gehören zusammen – die nicht ganz so sichtbare Infrastruktur unserer Kommunikationsströme und Mediennutzungen muss mitgedacht werden. Hinter dem Display brummen riesige Serverfarmen, die Unmengen an Strom verbrauchen, Wärme abgeben und gekühlt werden müssen und daher meistens in nördlichen Regionen stehen.

Das ist Segen und Problem zugleich

Wobei die Nutzer der Endgeräte davon wenig mitbekommen und auch wenig mitbekommen sollen, wie schon der wolkige Werbebegriff Cloud ausdrückt.

Nachhaltigkeitsfragen nach den Energiebilanzen der Kommunikationsstrukturen werden in Zukunft deutlicher und lauter gestellt werden. Was die Klimadebatte derzeit an Themen andeutet, wird auch unsere Kommunikationsgewohnheiten erfassen. Dann werden wir uns überlegen, ob wir wirklich jedes Video auf TikTok hochladen müssen. Dann ist zu klären, ob Papier aus nachwachsenden und wiederverwertbaren textilen Rohstoffen beim CO2-Fußabdruck nicht besser abschneidet als Online-Kommunikationszusammenhänge. Aus dem künstlichen Gegensatzpaar „Papier“ und „digitale Medien“ muss ein Blick auf zusammenhängende Infrastrukturen der Herstellung und Bereitstellung werden. Die Energiebilanzen unserer schrift- und bildorientierten Kommunikation werden in der nahen Zukunft zu mächtigen Argumenten.

Schriftliche Texte müssen auf fast allen Displays mit allen anderen, sozusagen suggestivkräftigeren Mediengattungen und noch mehr rivalisieren – mit bewegten Bildern aller Art mit Spielen, laufend aufpoppenden Nachrichten und anrufenden Freunden. Schadet das der Wirkung von Texten im Vergleich zu der, die sie auf Papier entfalten können?

Die Endgeräte sind Alleskönner – das ist Segen und Problem zugleich. Sogenannte Medienkonkurrenz an sich gab es schon immer, das ist der Normalfall. Neu ist, dass die Medienkonkurrenz inzwischen auf einem Nutzungsgerät stattfindet. Was mein Mainzer Kollege Gerhard Lauer in seinem Buch „Lesen im digitalen Zeitalter“ sagt, dass die digitalen Medien das Buch in sich aufnehmen, gilt auch für alle anderen Medienformate. Unsere heutigen digitalen Endgeräte absorbieren viele mediale Darstellungs- und Nutzungsszenarien. Das macht die Nutzungszeit von Medien nicht wesentlich länger, die bleibt endlich, aber die Konkurrenz um Aufmerksamkeit intensiver. Zugleich muss man die Ermüdungserscheinungen beim Auf-Bildschirme-Schauen im Blick behalten. Die Augen ermüden vor allem bei regelmäßiger Nutzung wechselnder Displays, also wenn man tagsüber auf den Monitor im Büro schaut, zwischendurch aufs Smartphone und abends dann auf einem Tablet oder einem Fernsehgerät eine Serie ansieht. Umgekehrt kann es die Augen entspannen, wenn man zum Beispiel ein Buch aus Papier liest. Die Geschichte von papierner Kommunikation ist noch lange nicht vorbei. Mehr Digitalität führt auch zu einem deutlicheren Bewusstsein und einer Sehnsucht nach anderen medialen Formaten.

E-Books, die es ja schon etwas länger gibt, gehört also nicht gerade die Zukunft –wie die erwähnten Zahlen vom Papierbuch-Markt ja schon nahelegen 

Der E-Book-Markt für 2020, also in einem kompletten Corona-Jahr, in dem die Buchhandlungen zum Teil geschlossen waren, ist in der Jahresbilanz nicht wirklich deutlich gewachsen. Der sogenannte Boom war ein Sturm im Wasserglas. Über die Beliebtheit von E-Books wird ja bei den Einkäufen abgestimmt: Der Marktanteil in Deutschland liegt bei knapp acht Prozentin Frankreich bei nur siebeneinhalb Prozent, in den USA sind es gut 22. Das heißt: Der ganzegroße Rest sind Bücher aus Papier. Was auch daran liegt, dass die meisten E-Books schlecht gemacht sind. Ein PDF-Angebot ist für sehr viele kein E-Book mit Mehrwert. Das wird sich wohl noch ändern, solche Experimente finden ja schon statt.

Periodische Papiermedien verschwinden kontinuierlich weiter. Manche komplett wie jetzt die „Medienkorrespondenz“, andere verlieren jedes Quartal an Auflage. Das verursacht Zeitungs- und Buchverlagen inzwischen Probleme, im Wettbewerb mit Online-Händlern und Verpackungsherstellern genug neues Papier kaufen zu können. Ist das ein vorübergehendes Problem oder wird sich das verstärken?

Lesen ist eine Kulturtechnik mit Gewöhnungseffekt

Jeder zusätzliche Online-Einkauf befördert einen ohnehin schon seit Jahren bemerkbaren Trend: Verpackungsmaterial ist für die Papierbranche ein lukrativeres Produkt als andere Papiersorten. Das führt zu Anpassungen in der globalen Produktion und mittelfristig zu weniger verfügbarem Papier für Buchverlage, Presseverlage und Verwaltungen. Doch erst wenn Papier deutlich teurer würde – und das müsste es angesichts des Ressourcen-Aufwandes und des Ressourcen-Verbrauchs der Branche sein –, käme es zu wirklichen Mangelsituationen. Wir haben uns über Jahrhunderte an immer verfügbares und spottbilliges Papier gewöhnt, aber das ist kein Naturgesetz. Dazu kommt, dass die Lese-Sozialisation einer kompletten Generation mittlerweile großteils ohne Papierzeitungen und Papierbücher stattgefunden hat. Lesen ist eine Kulturtechnik mit Gewöhnungseffekt. Wer mit 30 keine Papierzeitung liest, wird sehr wahrscheinlich auch mit 50 kein Papier-Abo abschließen. Tageszeitungen werden wohl zu reinen Online-Produkten werden, aber berichtende Formate mit mehr Tiefgang – ich denke hier an die „FAZ“, die „Zeit“ oder die Samstagsausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ – werden alle diejenigen Leserinnen und Leser abholen, für die es einen Mehrwert hat, in Papier zu blättern. Diese Nutzung wird einen Preis haben, aber dann ist die zukünftig vielleicht dreimal pro Woche erscheinende „FAZ“ ein Statussymbol. Eine solche Nischenentwicklung wird in den verantwortlichen Positionen ja längst durchgespielt. Orientierung könnte eine andere lukrative Nische des Medienmarkts geben: die Vinyl-Schallplatte. Während alle streamen oder MP3-Files horten, floriert der Retromarkt für Vinyl-Schallplatten als die lukrativste Nische der Musikbranche.

Also werden Displays und Papier als Trägermedien für Journalismus eine Koexistenz führen. Und das Rieplsche Gesetz von 1913, dem zufolge keine eingespielte Mediennutzungsart vollständig verschwindet, hat weiter Bestand?

Riepl hatte Recht. Das Gleichzeitige im Medienverbund wird eine neue Stellung erfahren, aber das muss nicht schlecht sein. Man kann und muss Papier und digitale Medien nicht gegeneinander ausspielen. Beide haben materielle Bedingungen, Energiebilanzen und spezifische Stärken und Schwächen.

15.12.2021/MK

` `