BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Medienmetropole Gütersloh: Ein Stadtrundgang auf Bertelsmanns Spuren in der kleinen ostwestfälischen Großstadt

Von Christian Bartels
20.09.2021 •

Gleich am Hauptbahnhof von Gütersloh ragt, wie man aus dem Zug heraussehen kann, ein Antennenmast oder eher -turm von solch gewaltigem Ausmaß empor, wie es für die Mitte einer kleinen Großstadt erstaunlich ist. Steht der Turm da als Zeichen, was für eine große Rolle die Kommunikation spielt in Gütersloh, am Hauptsitz von Bertelsmann, des achtzehntgrößten Medienkonzerns der Welt? Mal aussteigen, schließlich erschien jüngst zum 100. Geburtstag von Reinhard Mohn, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Bertelsmann-Verlag praktisch neu gründete, auch der Stadtrundgang „Auf den Spuren Reinhard Mohns in Gütersloh“ (PDF). Bertelsmann ist 2021 ja wieder ein großes Thema, etwa weil der Konzern nun seinen traditionsreichen Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr in seiner Kölner Fernsehgruppe RTL aufgehen lässt oder weil bei RTL selbst neuerdings nachrichtlich-journalistische Ambitionen eine größere Rolle spielen.

Reinhard Mohn wurde am 29. Juni 1921 in Gütersloh geboren. Sein 100. Geburtstag war eher ein regionales Ereignis – abgesehen davon, dass Thomas Schuler bei uebermedien.de unter der Überschrift „Bertelsmann klittert schon wieder die eigene Geschichte“ schilderte, wie ein neues, natürlich bei Bertelsmann erschienenes Buch „Mohns zweifelhafte Rolle in und nach der Nazi-Zeit“, die in den 90er Jahren unter größerer Beachtung aufgeklärt wurde, wieder „verklärt“. Schuler war an der Aufklärung beteiligt und schrieb unter anderem 2004 das Buch „Die Mohns – Vom Provinzbuchhändler zum Weltkonzern“.

Der sprichwörtliche „Geist der Eickhoffstraße“

Der Antennenmast steht unmittelbar am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) und gehört zur Gütersloher Niederlassung der Deutschen Telekom. Davor symbolisieren Kabeltrommeln, dass Kommunikation immer noch mit Hardware und körperlicher Arbeit zu tun hat. Am ZOB sorgen ein „Made-in-Bärlin“-Döner und eine McDonald’s-Filiale für so etwas wie urbanes Flair. Die C&A-Filiale gegenüber ist gleich ein Punkt des Mohn-Stadtrundgangs: „In der damaligen Bahnhofstraße, der heutigen Eickhoffstraße, errichtete 1868 Heinrich Bertelsmann in zweiter Generation das neue Druck- und Verlagshaus, das bis 1976 als Firmensitz von Bertelsmann fungierte. Das Gebäude ist inzwischen abgerissen, aber der sprichwörtliche ‘Geist der Eickhoffstraße’ war noch lange Zeit in der Belegschaft aller ‘Bertelsmänner’ präsent.“ Auch wenn der Shopping-Brutalismus aus einer späteren Epoche stammt: Einen speziellen genius loci kann man sich am ZOB von Gütersloh vorstellen.

Punkt 1 des Rundgangs ist Güterslohs wirklich ganz anschauenswerte Hauptsehenswürdigkeit: der Alte Kirchplatz. Ringförmig rund um die Apostelkirche, im Kern aus dem 13. Jahrhundert, stehen Fachwerkhäuser. So sehen Ortskerne sehr alter Orte in Westfalen aus. Gleich fällt auf, dass in der Nähe noch eine, immerhin auch schon über 160 Jahre alte und ebenfalls evangelische Kirche steht. Könnte die nicht nur wirtschaftshistorische, sondern auch gegenwärtige Bedeutung Güterslohs, wo in der Carl-Bertelsmann-Straße und der Carl-Miele-Straße zwei Unternehmen ihren Sitz haben, die auf so hardcore-globalisierten Märkten wie dem der Medien und dem der Waschmaschinen weiter gut mithalten, mit der „protestantischen Ethik“ zu tun haben, deren Zusammenhang mit dem „Geist des Kapitalismus“ Max Weber postulierte?

Das heutige Gütersloh entstand aus mehreren Dörfern, die teils lutherisch oder calvinistisch, teils katholisch geprägt waren. Die alte Kirche war zwei Jahrhunderte lang eine Simultankirche. Laut Rundgang-Faltblatt stellte Carl Bertelsmann in den 1830ern in unmittelbarer Nähe seine „erste Handdruckpresse auf“. Das Gebäude, in dem sie sich befand, steht jedoch nicht mehr. „In der Reichspogromnacht 1938 fiel das Haus nationalsozialistischen Brandstiftern zum Opfer“, heißt es im Faltblatt. In der antisemitischen Pogromnacht 1938 wurde ein Haus in unmittelbarer Nähe der alten Kirche zerstört, echt? Das müsste erklärt werden. In Schulers Buch wird es erklärt: 1938 befand sich im einstigen Bertelsmann-Stammsitz das Bürowaren-Geschäft einer jüdischen Familie.

Reinhard-Mohn-Brunnen und Reinhard-Mohn-Straße

Rundgang-Punkt 2 ist das Gütersloher Stadtmuseum. Es wird ehrenamtlich betrieben und derzeit nur an Wochenenden geöffnet. Dann befinden sich in der Nähe noch das Gymnasium, das Reinhard Mohn einst besuchte und immer noch in Betrieb ist, und davor der „Reinhard-Mohn-Brunnen“ (Punkt 4), den das Konzern-Management Mohn zu seinem 70. Geburtstag 1991 verehrte. „Die Einweihung des Reinhard-Mohn-Brunnens fand 1993 im Beisein des Künstlers Karl Ulrich Nuss auf dem Vorplatz der Stadthalle statt.“ Heute könnte der Brunnen den Betrachter zu einem Selfie einladen. Definitiv hat er was mit Kommunikation zu tun. Und zeigt, dass bei Bertelsmann immer viel Gewese um Mohn gemacht wurde. Zum Beispiel gibt es auch einen kaum bekannten Nico-Hofmann-Film mit Spielfilm-Anteilen, in dem Sebastian Koch Reinhard Mohn spielte.

Punkt 7 des Rundgangs ist „Mohns Park“, den 1904 Reinhards Großvater und 1937 dann Gütersloh kaufte. Solange er den Mohns gehörte, war der Park umzäunt, steht in Schulers Buch. „Heute verfügt der Park u.a. über eine in den 1970er Jahren errichtete Minigolfanlage und einen Spielplatz mit Kinderseilbahn“, steht im Faltblatt. Gütersloh ist stolz auf seinen eigentlichen Stadtpark. Mohns Park ist kein überdurchschnittlich schöner Park, enthält aber Spielplätze und viele Bäume, ist also sinnvoll. Ansehen muss man ihn aber wirklich nicht, zumal er durchaus außerhalb liegt.

Gütersloh ist gar nicht ganz klein, bemerkt man beim Rundgang. Ja, es ist sogar eine kleine Großstadt, seit es die 100.000-Einwohner-Grenze übersprang. Das verdankt sich außer der wirtschaftlichen Bedeutung auch der Eingemeindung vieler Dörfer, die hinter Maisfeldern außerhalb der Kernstadt liegen und immer noch ziemlich dörflich wirken (oder es täten, wenn nicht so starker Verkehr hindurch rauschte). Das zeigt sich auf der Fahrt zum abschließenden 12. Punkt des Rundgangs: „Aus Anlass seines 100. Geburtstages wird die Straße ‘An der Autobahn’ in ‘Reinhard-Mohn-Straße’ umbenannt. Die Stadtverwaltung und der zuständige Ausschuss für Kultur und Weiterbildung befürworten die Anregung des Heimatvereins Gütersloh. Damit erinnert die Stadt Gütersloh abermals an ihren ehemaligen Ehrenbürger Reinhard Mohn, dem sie sich bis heute in starkem Maße verpflichtet fühlt.“

Der vormalige Straßenname traf jedenfalls auch zu, wiewohl der neue Name sicher passt: Ideal günstig zur Autobahn liegen große Gebäude der Bertelsmannschen Dienstleistungsdivision Arvato. Sonst zu sehen gibt’s an der Reinhard-Mohn-Straße wirklich nichts. Eine McDonald’s-Filiale befindet sich hier, aber die gibt's ja auch am ZOB (und überhaupt insgesamt mindestens genug davon in Deutschland).

Fazit: Gütersloh ist durchaus ähnlich interessant wie viele andere deutsche Städte. Wer sich für so etwas interessiert, kann gut etwas Zeit hier verbringen. Den Stadtrundgang „Auf den Spuren Reinhard Mohns in Gütersloh“ braucht wirklich niemand nachzuvollziehen, der nicht auf eine größere Karriere im Bertelsmann-Management hofft. Interessanter wäre statt vieler ziemlich nichtssagender Stationen anderes, etwa der ehemalige Flugplatz der Stadt. Der wurde 1937 während der Nazi-Zeit erbaut und diente dann der deutschen Luftwaffe unter anderem zum Luftangriff auf Rotterdam, eröffnete also den Luftkrieg mit, der später im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland zurückschlug.

Vielleicht verdient Middelhoffs Rolle neu bewertet zu werden

Nach dem Krieg wurde der Flugplatz nicht nur militärisch von der britischen Royal Air Force genutzt, sondern auch unternehmerisch von Bertelsmann. Von hier jettete Thomas Middelhoff in die Welt – inzwischen einer der wenigen ehemaligen deutschen Topmanager, der wirklich im Gefängnis saß (nicht für das, was er in seiner Bertelsmann-Zeit tat…) und literarisch veredelt wurde, wie übrigens auch hörspielerisch. Vielleicht verdient Middelhoffs Rolle als Bertelsmann-Chef neu bewertet zu werden. Immerhin hatte er in den späten 1990ern die kommende große Bedeutung des Internets wohl richtig eingeschätzt. Der Bertelsmann-Konzern war damals mit, zum Beispiel, AOL und BOL vorn dabei. Weil vermutlich kaum noch jemand weiß, was BOL (= Bertelsmann Online) war: ein Unternehmen, das online bestellte Bücher versandte – was rückwärtsgewandt klingen mag, aber das war, wodurch gleichzeitig das US-Unternehmen Amazon zu einem der der allergrößten Konzerne der Welt aufzusteigen begann... Womöglich hätte Middelhoff einen „deutsch-amerikanischen Tech-Riesen […] auf Augenhöhe mit Google, Amazon, Facebook und Netflix“ kreiert, mutmaßte Wolfgang Michal im „Freitag“. Gut, das muss spekulativ bleiben.

Es lohnt sich jedenfalls, Bertelsmanns lange und wendungsreiche Geschichte und seine ambitionierte Gegenwart (inzwischen ist es ja der größte Buchverlag der Welt) zu betrachten. Für die deutsche und europäische Medienlandschaft wäre es gewiss gut, wenn Bertelsmann seine Bedeutung in der weiterhin dynamisch-disruptiven Medienentwicklung halbwegs erhalten könnte. Doch auf Bertelsmanns kontroversenscheue Selbstdarstellung sollte man beim Betrachten nicht zurückgreifen. Da lohnt es sich eher, Thomas Schulers Buch zu lesen. Als E‑Book ist es weiterhin erhältlich. Oder gebraucht auch über Amazon.

20.09.2021/MK

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