BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Kandichecks statt „Candy Crush“: Bei ARD-Anstalten kann man sich zur Bundestagswahl online Kandidatenchecks anschauen

Von Christian Bartels
30.08.2021 •

„Der Staat soll aktiv neue Arbeitsplätze fördern, statt bestehende Arbeitsplätze mit viel Geld zu retten.“ Stimmt man dem zu oder nicht? Schwierige Frage, schon weil man abschätzen müsste, wie es mit solchen Arbeitsplätzen weitergehen würde, wenn sie nicht mehr neu sind und gefördert werden. Gut, dass als Antwortoptionen bloß vier graue Balken zwischen einem Daumen-rauf- und einem Daumen-runter-Symbol zur Auswahl zur Verfügung stehen. Es kann auch gar nicht jeder antworten, sondern nur, wer in Baden-Württemberg für den Bundestag kandidiert – im SWR-Kandidatencheck, aus dem die eingangs zitierte Entscheidungsaufforderung stammt. Für Rheinland-Pfalz checkt der SWR ebenfalls Kandidaten, indem er ihnen Gelegenheit bietet, drei Fragen schriftlich zu beantworten (und zehn weitere per Tipp auf einen von vier Balken, oder so).

Einen ganz anderen, Videos enthaltenden Kandidatencheck zur Bundestagswahl veranstaltet der WDR. In derselben Optik nimmt der NDR Bundestagskandidaten aus seinen vier Bundesländern unter die Lupe. Wenn man sich in einzelne vertieft, etwa hier beim Göttinger Alt-Grünen Jürgen Trittin, der seine ganze Telegenität ausspielt, zeigt sich in der Adresszeile, dass der NDR-Check auf wdr.de läuft. Da haben also zwei ARD-Anstalten, gewiss kostensparend, zusammengearbeitet. Die drei per Video zu beantwortenden Hauptfragen lauten bei WDR und NDR unterschiedlich, die schriftlich beantwortbaren Satzergänzungs-Spielchen sind identisch. „In meiner Freizeit schlägt mein Herz für…“ erhält oft Antworten, die auf Kochen und/oder Kultur mit Freunden und/oder Familie hinauslaufen.

Der WDR ist der deutsche Pionier solcher Online-„Kandidatenchecks“. 2017 gewann sein von einem finnischen Vorbild inspirierter Landtagswahl-Check den Grimme Online Award [Transparenzhinweis: Ich gehörte damals zur Nominierungskommission]. „Das ist ein cooles Projekt, so richtig Öffentlich-Rechtliches at its best“, sagte WDR-Internet-Redakteurin Julia Lüke damals im blog.grimme-online-award.de-Interview.

Inzwischen ist die Zeit nicht nur vorangeschritten, sondern auch schneller geworden. Gab es 2017 „genau vier Minuten Zeit“ pro Kandidat, bekommen vier Jahre später alle „die gleichen drei Fragen“ gestellt und haben „pro Frage maximal eine Minute Zeit“ zum Antworten. Und die Produktionsmittel haben sich ebenfalls geändert. 2017 gehörte zum Konzept, „dass wir alle unsere Aufnahmeorte und Studios mit einbeziehen“. Heute stellen alle sich „in selbst gedrehten Videos“ vor. Zumindest bei WDR und NDR. Andere ARD-Anstalten checken aktuell keine Kandis (etwa der HR, der 2018 mal checkte).

Bundestag ins Dorfgemeinschaftshaus

Der MDR checkt in nur einem der drei Bundesländer, für die er zuständig ist. Wie man hier schon auf der Überblicksseite am jeweils gleichen Hintergrund erkennt, wurde in Sachsen nicht selbst gefilmt. Hier bekommen alle bis zu 18 identische Fragen gestellt, von Menschen, die nicht zu sehen sind (und schon deshalb in nicht besonders interessiertem Tonfall fragen, weil Nachfragen, die sich ergeben könnten, dem Konzept widersprächen): „Jeder Kandidierende“, ist dazu auf der entsprechenden Webseite des MDR Sachsen nachzulesen, „hat genau vier Minuten Zeit, Fragen zu beantworten. Dann ist Schluss. Es gibt Kandidierende, die mit Antworten auf zwei Fragen die kompletten vier Minuten füllen, und es gibt solche, die es bis zur 18. Frage schaffen und dann sogar noch Zeit haben.“ 

Was immerhin zu Entertainment-Effekten führen kann wie bei dieser Kandidatin der satirisch gemeinten Partei „Die Partei“, die alle Fragen flott beantwortet, dabei in einer Menge mauer Pointen auch gute Antworten versteckt (oder geschmacklose? „Welche Partei wäre Ihr Lieblingspartner?“ – „Nach der Machtübernahme ist das egal“) und einen vielleicht guten Gedanken: Um „beim Klimaschutz voran[zu]kommen“, einfach „auf[zu]hören, vom Wetter zu reden“, könnte ja eine Idee sein. Jedenfalls hat sie noch Kamerazeit übrig und stellt sich der Herausforderung, weiter in die Kamera zu schauen, ohne zu lachen – was allenfalls ein bisschen, dank wiederholten Fassens an die eigene Nase, gelingt.

Für Kabaretthumor sorgt „Die Partei“ in den Kandichecks recht verlässlich. Ihr Kandidat aus der württembergischen Hölderlin- und Harald-Schmidt-Stadt Nürtingen etwa will sich „für die Verlegung des Bundestags in das Bempflinger Dorfgemeinschaftshaus stark machen“.

Ist diese Art Kandidatencheck „ein zutiefst öffentlich-rechtliches Angebot“, wie die WDR-Redakteurin 2017 postulierte? Na ja.

Es bietet den regionalen Service, viele Direktkandidaten im jeweils eigenen Wahlkreis einmal zu sehen. Und sicher ist fair, dass nicht nur Christ- und Sozialdemokraten eingeladen werden und Vertreter von welcher Partei auch immer, die noch in Landtagen und Rundfunkräten sitzen, sondern dass sich hier auch, nur zum Beispiel, Tierschutzpartei, MLPD und Team Todenhöfer mal äußern können.

Demokratisierung der Produktionsmittel

Auf der Höhe der Zeit sind die Checks, wenn man den Begriff „Höhe“ wertneutral versteht oder auf die Demokratisierung der Produktionsmittel bezieht: Längst hat halt jeder Kandidat mindestens eine Kamera in der Tasche, die ausreichend hochwertiges Bewegtbildmaterial produziert. Was für die Sender preiswerter sein dürfte, aber auch mehr Potenzial für Politiker-Selbstdarstellung bietet.

Andererseits hat sich herausgestellt, dass es auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, Menschen jeglicher politischer Couleur unwidersprochen Forderungen erheben zu lassen. Oft ist es das ja nicht mal, wenn mehrere Menschen unterschiedlicher Überzeugung einander im Talkshow-Studio widersprechen.

Die Kandichecks spiegeln die ziemlich unermessliche Breite des Medien-Wahlkampfs: Mehr Kanzler- und Spitzenkandidaten denn je treffen auf mehr Interesse relativ großer, nachrichtlich interessierter Medien denn je. Dass diese Entwicklung im Bundestagswahljahr 2021 weniger zu flächendeckenden Diskussionen um Lösungsansätze für die zahlreichen, jeweils komplexen Probleme führt, sondern eher zu flachen Diskussionen um das gleichgültige Selbe, in denen alle auf weitere Fehler der Gegenseiten hoffen, hat sich inzwischen gezeigt.

Weiter unten in der künftigen Hierarchie geht’s ebenfalls in die Breite. Inzwischen hält die Bertelsmann-Stiftung es für möglich, dass der nächste Bundestag sogar „mehr als 1000“ MdBs umfassen könnte. Entsprechend viele Kandidaten verfügen ebenfalls über mehr mediale Möglichkeiten denn je. Wer halbwegs ernsthaft kandidiert, muss ja sowieso auf möglichst vielen Kanälen kommunizieren, kann sich also auch für öffentlich-rechtliche Kandichecks filmen oder filmen lassen. Erwischt man als Zuschauer die richtigen Videos, begegnet man hier oft sympathisch ernsthaftem Bemühen und wird womöglich weniger von Politikverdrossenheit gepackt als beim Talkshow-Ansehen.

„Das Dümmste, das Sie bisher gehört haben?“

Das Zufallsprinzip muss jedenfalls walten. In Baden-Württemberg „haben 482 von 747 Kandidierenden am SWR-Kandidatencheck teilgenommen: 340 Männer, 138 Frauen und 4 diverse Personen“, meldet der SWR, womit die „Teilnahmequote“ einen Tick höher läge als in Rheinland-Pfalz (63,5 %), dem anderen SWR-Bundesland. Im NDR-Norddeutschland liegt die Quote mit „mehr als 70 Prozent“ noch höher, der WDR meldet eine höhere absolute Zahl (mehr als 500 Kandidaten).

Der MDR beantwortet seine selbst gestellte Frage „Soll ich mir alle Kandidaten ansehen?“ entwaffnend mit: „Alle Videos anzuschauen, würde mehr als 13 Stunden dauern.“ So lange kann ja kaum jemand in die deutlich abwechslungsreichere Twitter-Timeline schauen… Wer jedoch schwer anders nutzbare Wartezeit mit dem Spielen von „Candy Crush“ totschlägt (wie ein namhafter Ministerpräsident bekundete), könnte stattdessen auch Kandichecks ausprobieren.

Instruktiver aber sind Formate, die bei aller vergleichbarkeitsorientierten Standardisierung einen Hauch von Interaktion bieten, wie direktkandidatin2021.de. Da stellt die freie Journalistin Susanne Lang für den Bundestag kandidierenden Frauen ebenfalls elf identische Fragen (meist auch mit ähnlich leidenschaftsfreier Intonation), gestattet sich aber ab und zu Nachfragen. Offene journalistische Fragen wie „Ob auf Twitter oder am Wahlkampfstand: Was war das Dümmste, das Sie im Zusammenhang mit Ihrem politischen Engagement bisher gehört haben?“ eröffnen mehr Spielraum als Sätze wie (beim SWR-Kandidatencheck Rheinland-Pfalz) „Der Bund soll die technische Ausstattung von Schulen, Schülern und Lehrern mit einem weiteren Förderprogramm zukunftsfähig machen“, denen jeder zustimmen würde, bloß meistens folgenfrei. Und wenn die Kandidatin der äußerst umstrittenen Partei namens „Die Basis“ auf die Frage „Ihr bisher größter politischer Erfolg war…“ antwortet: „…steht noch aus“, scheint für einen Moment alles Wesentliche gesagt.

30.08.2021/MK

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