BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Die Spitze liegt in der Breite: Im Wahlkampf stoßen mehr Kanzlerkandidaten denn je auf mehr Medieninteresse denn je. Wohin führt das?

Von Christian Bartels
17.07.2021 •

Drei Kanzlerkandidaten gibt es derzeit und drei nach der Bundestagswahl denkbare Koalitionen. Oder mehr, zumindest wenn man die schwarz-rote Groko mitrechnet, die niemand mehr möchte, nach der Wahl, aber auch kaum noch das Adjektiv „groß“ trüge? Jedenfalls sind sehr viele Wahlkämpfer unterwegs, zumal die Parteien, die bloß Spitzen- statt Kanzlerkandidaten nominiert haben, in den pausenlos veröffentlichten Meinungsumfragen der im September mutmaßlich drittstärksten Partei eng auf den Fersen sind. Diese nominelle Vielfalt trifft auf so viel audiovisuelles Medieninteresse wie noch nie.

ARD und ZDF engagieren sich in Sachen Bundestagswahlkampf gewohnt stark. Dass RTL mit den Neuzugängen Jan Hofer und Pinar Atalay (früher ARD) und Pro Sieben, das die Eigenproduktion von Nachrichten wieder aufnimmt und Linda Zervakis von der ARD-„Tagesschau“ holte, neue Ambitionen hegen, ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Dass das historische Privatsender-Duopol der Bertelsmann-Sender und der Unterföhringer aufgebrochen werden wird, wenn im August, „noch vor der Bundestagswahl“, Springers neuer „Bild“-Fernsehsender startet, vielleicht noch nicht ganz.

Und das sind natürlich noch gar nicht alle, die das politische Spitzenpersonal interviewen wollen. Zwar bekam Rezo, der junge YouTuber, CDU-Chef Armin Laschet, den aussichtsreichsten Kanzlerkandidaten, nicht zum Interview für die Streaming-Plattform Twitch, YouTube und „Zeit Online“ (wobei „Die Zeit“ natürlich doch Spitzenkandidaten-Interviews führen kann, wann immer sie will); dafür bekam „Brigitte“, also die unter diesem Vornamen erscheinende Frauenzeitschrift mit der gleichvornamigen Chefredakteurin Brigitte Huber, den Zuschlag für drei gut einstündige Kanzlerkandidaten-Interviews. Zwei sind absolviert, unter dem Rubrum „Brigitte-Live-Talk“, hier sind sie weiterhin zu sehen. Wie war’s?

Als die Reihe Anfang Juli mit der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock startete, ging es auf der Online-Startseite brigitte.de, auf der das von der Hamburger Redaktion in Berlin geführte Interview live gestreamt wurde, um die Themenfelder „Royals“, „Fashion“, „beste Feuchtigkeitscremes“ und, am ehesten politisch, „Body Positivity“. Im Video-Livestream funktionierte der Ton irgendwie nicht, was aber wenig schadete, da „Brigitte“ über den Verlag Gruner+Jahr zu Bertelsmann gehört wie RTL und daher dessen Nachrichtensender n-tv ebenfalls übertrug, bei dem alles gut zu verstehen war.

Baerbocks Aussagen à la „Für mich ist das Wichtigste, selbstkritisch zu sein“ dürften, auch wenn Interviewerin Huber einmal etwas wie „Wahnsinn, wie selbstkritisch Sie sind!“ entfuhr, allenfalls überzeugte Anhänger noch weiter überzeugt haben. Doch Wortwechsel wie „Ihre Mutter hat mal gesagt: Kind, rede langsam“ – „Meine Mutter hat das gesagt..?“, weckten Interesse. Es war wohl eher die Oma, die den Rat gegeben hatte, an den Annalena sich wohlweislich nicht hielt. Schließlich hatte Baerbock mit der bereits an-eskalierten Aufregung um das unter ihrem Namen erschienene Buch Brisanz mitgebracht. Bei „Brigitte“ trug sie mit der wunderlichen Einschätzung, sie habe „die öffentlichen Quellen“ genutzt und ja „kein Sachbuch“ geschrieben, zur Aufregungsverlängerung bei. Es sollte um „die großen Herausforderungen unserer Zeit“ statt um kleinliche Fragen gehen, so lautete ungefähr ihre Argumentation. Da hilft Schnelligkeit des Redens selbstredend.

Als durchaus instruktiv erwiesen sich Spielchen im Stile des aus den „Was nun, …?“-Interviews (ZDF) bekannten Satzergänzungsspiels. Eines bei „Brigitte“ besteht darin, Zitate den beiden anderen Kanzlerkandidaten zuzuordnen oder zu bekunden, welches einem sympathischer ist. Da demonstrierte Baerbock, dass sie mitdenkt und geltende Regeln einhält. Sie war es, die die Interviewerinnen daran erinnerte, dass noch aufgelöst werden musste, ob nun Olaf Scholz (SPD) oder CDU-Konkurrent Laschet nach eigenen Angaben „fast jeden Schlager der 70er Jahre im Wortlaut“ kennt. (Falls Sie’s wissen wollen: bei Min. 56:50 im Video). Sie könne Helene Fischer singen, sagte Baerbock (ohne zu singen) und „Über sieben Brücken musst du gehen“ findet sie gut. Das ist koalitionsfähig.

Eine weitere Rubrik lädt die Kandidaten zum Kommentieren von eingeblendeten „Fotos aus Ihrem Leben“ ein. Baerbock wurde unter anderem eines von einem Besuch im Irak gezeigt, bei dem sie, wie es dazu in ihrem Buch heißt, den Tränen nahe gewesen sei. „Kann man denn so Politik machen?“, lautete die Frage. Die Kandidatin gab die gute Antwort, dass „zwischen Härte in manchen Situationen und Empathie und menschlicher Nahbarkeit“ kein Widerspruch bestehen müsse und bezog klar Stellung gegen Islamismus, um den es eigentlich mit keinem Wort ging.

Während eher nicht überraschte, dass Baerbock bei „Brigitte“ in keine Bredouille geriet, in die sie auch niemand bringen wollte, konnte schon verblüffen, was für ein Heimspiel im nächsten „Brigitte-Live“-Interview Armin Laschet hatte. So souverän war der Unions-Kanzlerkandidat fernsehöffentlich zuletzt selten zu sehen. Und das lag nicht allein daran, dass er sich, anders als die Mitbewerberin, nicht mehr verrenken musste, um seine sehr groß auf der Leinwand hinter ihm gezeigten Fotos zu sehen. „Sie waren fünf Jahre Frauenminister“, lautete der gute Einstieg in eine der ersten Fragen. „Gleichberechtigung ist in jedem Fall auch Männersache“, so lautete eine der ebenfalls ordentlichen Antworten des Ex-Frauenministers. Und wenn er als Kanzler nachts einer neu ausgebrochenen Krise wegen geweckt würde – dann würde er sofort „europäisch denken“. War das nicht bemerkenswert scharfe Kritik an Angela Merkel, die die meisten ihrer großen Entscheidungen ja ohne europäische Beratschlagungen auch an den folgenden Tagen getroffen hatte? Mitunter wären Nachfragen schön gewesen.

Dafür bekundete Laschet als Einblick in sein Privatleben, dass er mitunter bis 4.00 Uhr nachts Serien schaue, „zuletzt eine über einen Bürgermeister in Marseille“. Den Titel wisse er nicht mehr – dabei hatte er ihn schon ausgesprochen. „Marseille“ auf Netflix müsse das gewesen sein, wusste Twitter sogleich. So aktiviert man Communities. Muss man sich wundern, dass Laschet zum Südthüringer CDU-Wahlkreis-Kandidaten Maaßen nicht das nachgefragte „Machtwort“ sprechen wollte, wie es das ZDF im kurzen Fußballspiel-Pausen-„Heute-Journal“ tat (und online ausführlicher)? Nicht unbedingt, zumal Laschet die Wichtigkeit eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks natürlich betonte. Dass es auch für den Journalismus wichtig sei, „sich nicht jede Woche die Themen bestimmen zu lassen“ durch jemanden, der regelmäßig die Stöckchen wirft, nach denen nicht zu springen sich die Medien hinterher immer wieder vornehmen, ist kein übles Argument. Die bewährte Merkel-Methode, wenig bis keine Angriffsfläche zu bieten, beherrscht Laschet inzwischen.

Ist es schlimm, dass scharfe Nachfragen auch da ausblieben, wo sie nahelagen? Im Gegenteil gut, wenn mal andere Facetten potenzieller Kanzler aufscheinen und so rundere Bilder entstehen als in den häufigeren Kurzinterviews? Das liegt im Auge der Betrachter und am Kontext, in den diese es setzen. Spitzenleistungen des scharfen Politiker-Interviews erwartet im Deutschland der frühen 2020er Jahre ohnehin niemand, außer vielleicht von Marietta Slomka an guten „Heute-Journal“-Abenden (und dann wären es ja wieder Kurzinterviews). Wenn Tina Hassel (ARD) oder Bettina Schausten (ZDF) und jeweils ein Sidekick Spitzenpolitiker befragen, verläuft alles im engen Rahmen der Erwartungen. Und dass entlarvende Interviews RTL auf Pinar Atalay aufmerksam gemacht hätten, würde auch niemand behaupten.

Die Herausforderung für Politiker liegt darin, Ähnliches auf immer noch mehr Kanälen so zu variieren, dass es halbwegs Interesse weckt oder wachhält und vor allem später nicht gegen sie verwendet werden kann. Und die Stärken der deutschen Politik- und Wahlkampf-Fernsehberichterstattung liegen in ihrer Breite. Das relativ meiste Lob bekommt seit etwa einem Jahr, vielleicht seit Peter Unfried in der „taz“ ein lobendes Porträt über ihn veröffentlichte, ZDF-Talker Markus Lanz – der selber vielfältig von der Breite profitiert. Einerseits von der enormen Breite seiner Sendeflächen à 225 Minuten pro Woche seit Jahren, andererseits von der Breite des Angebots an Gästen, die fast alle gerne kommen und sich der Gefahr, „gegrillt“ zu werden, aussetzen.

Inzwischen will die ARD eine eigene, noch Lanz-artigere Talkshow, meldete der „Spiegel“ – was zwar den Zeitgenossen, die das öffentlich-rechtliche Medienangebot für zu umfangreich und angesichts des Umfangs für viel zu gleichförmig halten, in die Hände spielen, aber womöglich auch die ermittelten Einschaltquoten erhöhen würde. Und der nächste Bundestag, wen immer der dann zum Kanzler wählt, dürfte noch größer werden, obwohl schon der jetzige das zweitgrößte Parlament der Welt ist. Das Verschleppen einer sinnvollen Wahlrechtsreform zählt zu den nachhaltigen Leistungen der Groko-Bundesregierung. Die Breite wird größer, also breiter. Das ist ein Metatrend in der Politik wie in den Medien.

17.07.2021/MK

„Brigitte Live“ mit Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: Es ging um Themen wie „Royals“, „Fashion“, „beste Feuchtigkeitscremes“ und „Body Positivity“

Foto: Screenshot


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