BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Die Talkshowisierung der ARD-Jahrespressekonferenz: Ein Kessel Buntes mit Überlänge und ohne Interaktion

Von Christian Bartels
13.12.2019 •

Sagt Jessy Wellmer, die so gute wie sympathische „Sportschau“-Moderatorin, die mit „Hier spricht Berlin“ (RBB) auch Teil der im Herbst dieses Jahres antizyklisch gestarteten neuesten ARD-Talkshow-Offensive ist: „Herr von Schirach, ich könnte Ihnen ewig zuhören! Aber Sie haben wahrscheinlich nicht Lust, ewig zu reden.“ Entgegnet der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach, der zur Zeit für die ARD-Filmtochter Degeto und Produzent Oliver Berben (Moovie) das Filmereignis „Der Feind – Recht oder Gerechtigkeit“ vorbereitet, ganz gelassen: „Doch, doch.“

Der schöne Dialog trug sich nach gut anderthalb Stunden der ARD-Jahrespressekonferenz am 3. Dezember in Hamburg zu, auf der viele Programmereignisse des Ersten für das Jahr 2020 vorgestellt wurden. Von Schirach redete dann doch nicht ewig, weil die ARD noch allerhand anderes vorzustellen hatte. Als nach rund zwei Stunden schließlich der für Mai angesetzte Themenabend zu Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag inklusive eines weiteren Eventfilms vorgestellt worden war, schien der ideale Schlusspunkt endlich erreicht.

Der Schwiegervater von Ingo Zamperoni

ARD-Programmdirektor Volker Herres, der Rockstar unter den ARD-Hierarchen, hatte Beethoven charakterisierend „Heute würde man sagen, er war ein Rockstar“ gesagt; Wellmers Komoderator Ingo Zamperoni hatte erzählt, dass seine Tochter bereits die „Ode an die Freude“ auf dem Cello spielen kann. Und vielleicht hätte man vom sympathischen „Tagesthemen“-Moderator noch gern erfahren, ob der US-amerikanische Schwiegervater die Enkelin schon die Europahymne hat spielen hören. Diesen Schwiegervater wird man 2020 in Zamperonis ARD-Doku „Meine amerikanische Familie und ich“ kennenlernen, weil er nicht nur 2016 Donald Trump gewählt hat, sondern es 2020 noch überzeugter tun werde, wie der Schwiegersohn prognostiziert hatte.

Doch der Schlusspunkt auf dieser Pressekonferenz war noch nicht erreicht. Denn es folgte auf das schöne öffentlich-rechtliche Thema Beethoven auch noch dies: Höhepünktchen des ARD-Vorabendprogramms. Nachdem Vorabendprogramm-Koordinator Frank Beckmann (NDR) nach vorne getreten war, zeigte er sich zunächst ob des schwachen Begrüßungsapplauses spielerisch enttäuscht und bekam im zweiten Anlauf tatsächlich stärkeren Applaus. Wahrscheinlich müssen erfolgreiche Programmplaner auch über gute Warm-upper-Qualitäten verfügen. Zur Belohnung ließ Beckmann einen Trailer zur neuen Werberahmen-Krimiserie WaPo Berlin“ abspielen, in der Polizeibeamte und ein süßer Hund namens Stulle „auf den Gewässern von Berlin“ unterwegs sind. Die nächste Staffel der Serie „WaPo Bodensee“ (vgl. MK-Kritik), zu der sich „WaPo Berlin“ geografisch irgendwie verhält, blieb unangeteasert.

Dafür gewährte Beckmann noch erste Einblicke in die 33. Staffel „Großstadtrevier“. Da in der vorigen Staffel die „alte Wache“ explodiert ist, bezieht das Team dieser traditionreichen Werberahmen-Krimiserie nun neue Büros. Ehrlich gesagt, selbst im Vergleich mit der Fülle üblicher ARD-Eigenwerbe-Trailer-Verhältnisse ist dieser Trailer bemerkenswert langweilig, zumindest für Menschen, die sich eher für spektakuläre oder gute Spielfilme oder ambitioniertes Dokumentarisches oder sowas interessieren. Das machte es für die anschließenden Trailer zu neuen ARD-Märchenfilmen und fürs Remake der 70er-Jahre-Kinderserie „Pan Tau“ – deren Hauptdarsteller, ein britischer Pantomime, anschließend noch Zauberkunststückchen vorführte (die zweifellos viele Kinder bezaubert hätten, wenn welche anwesend gewesen wären) – schwer, auch noch zu begeistern. Immerhin, als die Pressekonferenz nach mehr als zweieinhalb Stunden vorbei war, war deutlich geworden, dass die ARD 2020 sehr, sehr viel Programm anbieten wird.

Wenn der Vorabendkoordinator Applaus einfordert

Um fair zu bleiben: Dass der Vorabendkoordinator auf einer Pressekonferenz Applaus einforderte, war im Kontext nicht so ungewöhnlich, wie es zunächst vielleicht klingen mag. Zum Zeitpunkt seines Auftritts waren bereits sehr viele Gäste nach vorn gekommen und durch viel Klatschen begrüßt worden. Im Publikum waren offenkundig deutlich mehr darstellende Künstler und Manager der ARD vertreten als Journalisten – einerseits des talkshowigen Pressekonferenz-Konzepts wegen. Andererseits geht es der Hamburger Programmpresse so wie allen gedruckten Medien: Sie ist nicht mehr, was sie mal war. Der Vielzahl der dort publizierten Programmzeitschriften wegen wurde Hamburg einst zur Hauptstadt für Fernseh-Presseveranstaltungen.

Der Niedergang des Segments nahm 2019 weitere Fahrt auf, besonders weil der Burda-Verlag die Redaktion seiner Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ komplett aufgelöst“ hat, um diese „crossmedial stärkste Marke unter den TV-Guides“ (wie Burda sie weiterhin bewirbt) vom Wettbewerber Funke erstellen zu lassen. Viel Aufsehen hat der Schritt nicht erregt. Ob er viel Kritik verdient, darüber ließe sich streiten. Praktisch alle unter den zusehends weniger Verlagen, die noch Programmies herausgeben, haben Redaktionen zusammengelegt. Solcher, äh, Synergieeffekte wegen sind selbst auf großen Hamburger Presseveranstaltungen der Sender längst nicht mehr sehr viele Redakteure vertreten. 

Und zugegeben, auch früher wurden auf ARD-Jahrespressekonferenzen nur wenige und kaum Journalistenfragen gestellt. Meistens kreisten sie um Einschaltquoten oder um neue „Tatort“-Teams (und weil die ARD weiß, wie berichterstattende Medienmedien ticken, hatte sie auch 2019 ein neues „Tatort“-Trio mitgebracht). Allerdings, eine Pressekonferenz ganz ohne Möglichkeit, Fragen zu stellen, mutet dennoch seltsam an. In Hamburg fragten allein Jessy Wellmer und Ingo Zamperoni. Das wirkte am Anfang durchaus keck, als etwa der ARD-Wintersportexperte Felix Neureuther bekundete, er sei in seiner aktiven Zeit zum Interviewtwerden lieber zur ARD gegangen als zum ZDF, „weil die Leute bisschen mehr Ahnung haben“ – und das, nachdem ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky gerade das „höchste Maß an Synergien“ mit dem ZDF beim teuren Sportfernsehen beteuert hatte.

Wird Jessy Wellmer der neue Markus Lanz?

Aber ein paar andere Fragen als die beiden freundlichen ARD-Entertainer hätten Journalisten schon gestellt. Nur zum Beispiel, wie wichtig das Ersteigern der immer teureren Sportrechte für die Zukunft nach dem Sommer 2020 sein wird, in dem ARD und ZDF die Top-Ereignisse noch sicher haben. Oder wie es die ARD hinkriegen will, dass die nächste „Babylon-Berlin“-Staffel, die sie im Herbst nächsten Jahres zeigen wird, nicht wieder vor allem als Sky-Produktion erscheint. Die Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries waren in Hamburg anwesend und wurden (nachdem sie mit Recht mit Applaus begrüßt worden waren) von Wellmer und Zamperoni befragt. Ihre Frage, ob die dritte Staffel schwieriger zu drehen gewesen war als die beiden ersten Staffeln, stellten die beiden ungefähr so beharrlich wie sonst Spielfeldrand-Reporter den mikrofonerprobten FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller fragen, ob es leichter ist, gegen Paderborn als gegen Real Madrid zu spielen. Bruch und Fries schienen sich etwas zu wundern. Schließlich befinden sie sich eigentlich gerade auf Promo-Tour für den Pay-TV-Sender Sky, der die neue Staffel in Kürze erstaustrahlen wird, und dürften von daher interessantere Fragen gewohnt sein (oder wenigstens solche, die etwas über die dritte Staffel aussagen).

Fazit: Ingo Zamperoni gab während der PK zunehmend mehr dem Bedürfnis nach, zu jedem Programmpunkt eine familiär-persönliche Erfahrung zum Besten zu geben. Falls ihn das Nachrichtengeschäft und einzelne Dokus nicht auslasten, könnte ihn das gut als Moderator solcher Samstagabendshows wie „Klein gegen Groß“ empfehlen, in denen laut ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber (NDR) „schon nochmal sowas wie das Lagerfeuer“ flackert. Jessy Wellmer versteht so energisch wie freundlich so gut wie jeden zu so gut wie jedem Thema zu befragen: Werberahmenkrimi-Darstellerinnen nach der Freundschaft zwischen ihnen ebenso wie juristisch versierte Schriftsteller, denen man beinahe ewig zuhören könnte, nach schwereren Themen. Womöglich wird sie dereinst der neue Markus Lanz, der ja auch sämtliche Kategorien von Gästen beinhart neben- und/oder nacheinander weg befragt.

Die ARD allerdings scheint die „verdammte Verantwortung für den Geisteszustand dieser Republik“ (wie Volker Herres einleitend sagte) spürbar schwer zu empfinden. Sichtlich und hörbar leidet sie unter der gewaltigen Aufgabe, die gewaltige Menge ihrer Sendungen, zu der künftig ja auch weitere, allein für die non-lineare Mediathek hergestellte gehören, in eine sinnvolle und wenigstens für einen Teil des anvisierten Publikums befriedigende lineare Reihenfolge zu bringen. Das machte die talkshowisierte Pressekonferenz mit einem Kessel sehr bunter Gäste und ihrer Überlänge, aber ohne Interaktion eindrucksvoll deutlich.

13.12.2019/MK