BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Ist der Begriff „Doku“ noch immer nicht ausgehöhlt genug?

Von Christian Bartels
11.06.2021 •

Vorab: An der Aussage der „Doku im Ersten“, die die ARD am 7. Juni (Montag) nach den „Tagesthemen“ zeigte, gibt es nichts auszusetzen. Der Cum-Ex-Skandal, um dessen laufende Aufarbeitung es geht, ist vermutlich wirklich „der größte Steuerraub der Deutschlands“, wie der Off-Kommentar gleich in den ersten Sekunden betont. Mit mehr als 10 Milliarden Euro ist der entstandene Schaden sogar defensiv geschätzt. Insofern trifft der Titel „Der Milliardenraub“.

Selbstverständlich kommt vieles aus dem hochkomplexen Themenfeld in der dreiviertelstündigen WDR/NDR-Produktion von Michael Wech, Massimo Bognanni und Petra Nagel nicht vor, auch der gerade erst beendete Prozess „für die Geschichtsbücher“ (SZ). Deutlich wird jedoch, dass die juristische Aufarbeitung sowohl schon sehr lange dauert als auch „noch Jahrzehnte“ weitergehen wird. Und das auch deshalb, weil Behörden lange nicht oder sogar falsch agierten und selbst, als sie mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiteten, dennoch Kenntnisse verschwiegen. Sogar die BaFin, die seit dem Wirecard-Skandal unter Beschuss steht, war früh informiert und sah sich groteskerweise zu Verschwiegenheit verpflichtet, was die Staatsanwaltschaft nicht so sieht und ein niederländischer Journalist „Totalausfall“ nennt.

Zum Glück, so lässt sich sagen, bleibt die Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker seit Jahren beharrlich dran. Insofern trifft auch der Untertitel der Dokumentation: „Eine Staatsanwältin jagt die Steuer-Mafia“. Der Film verzettelt sich nicht darin, die „nahezu undurchschaubare Masche“ (Off-Kommentar) mit den lateinischen Präpositionen „cum“ und „ex“ erklären zu wollen, sondern konzentriert sich auf die Protagonistin. Und macht dennoch deutlich, dass trotz erster Gerichtsurteile, die insgesamt im Sinne der Anklage ergingen, die Sache nicht endgültig geklärt ist.

Die Angeklagten berufen sich sozusagen darauf, dass Steuerberater berechtigt seien, Schlupflöcher zu finden und auszunutzen. Das sagt Steueranwalt Hanno Berger im Film mit Aussagen aus dem Jahr 2015. Damals besuchten ihn WDR-Reporter in der Schweiz, wo er seit 2012 lebt. Inzwischen will er sich nicht mehr äußern, halte die damaligen Äußerungen aber aufrecht, heißt es. Damals ließ er sich bereitwillig filmen, las etwa für die Kamera in der FAZ, ging über Parkplätze und blickte auf die Schweizer Alpen.

An der Aussage des Films gibt es nichts auszusetzen, aber an der Machart

Ebenso stellte sich nun die Protagonistin für solche Aufnahmen zur Verfügung. Die Staatsanwältin geht durch Köln, vor allem auf der Deutzer Rheinseite entlang, so dass Türme der Innenstadt pittoresk ins Bild geraten, obwohl ihre Behörde, wie auch nicht selten zu sehende Luftaufnahmen gut zeigen, ganz woanders sitzt. Sie kommt mit Akten unterm Arm ins Büro, sitzt hinter noch größeren Aktenstapeln am Schreibtisch, schaut aus Treppenhausfenstern, von draußen und von drinnen gefilmt, und trinkt dabei Kaffee. Durch Markisen aus einem anderen Fenster schaut sie außerdem. Muss all das sein?

Anne Brorhilker wird sich etwas gedacht haben, als sie ihre Zustimmung zu diesen Aufnahmen gab. Es geht natürlich um Schnitt- oder Antextbilder, die gezeigt werden können, während im Off-Kommentar gesprochen wird. Und Brorhilker setzt in zahlreichen Aussagen überzeugend Punkte, spricht von „organisierter Kriminalität“, gegen die Ermittler „Mechanismen wie in der Hackerszene“ bräuchten. Die konsequente Haltung der Staatsanwältin, dass die Cum-Ex-Betrüger sich nicht, wie in Deutschland oft üblich, durch Bußgelder freikaufen dürfen, wird plausibel. Wie gesagt, an der Aussage gibt es nichts auszusetzen.

Aber an der Machart. Schon die Inszenierung von Protagonistin und Antagonist zeigt, wie händeringend die Autoren überlegt haben müssen, wie sie den komplexen Stoff bloß bebildern können. Es ist noch viel schlimmer. Rund zur Hälfte besteht die knapp 45-minütige „Doku“ aus nachgestellten Szenen, in denen – immerhin transparent – links unten im Bild klein der schriftliche Hinweis „Szene nachgestellt“ erscheint.

Immer wieder gehen Anzugträger und einzelne Hosenanzugträgerinnen entschlossen mit schlanken Koffern durch Gänge, sitzen an Konferenztischen, vor Bildschirmen, Projektoren oder Landkarten. All das ist unscharf gefilmt, obwohl Gesichter ohnehin nicht ins Bildfeld geraten. Die Kleindarsteller heften Fotos an Pinnwände, hantieren an Tastaturen und öffnen ihre Köfferchen. Gerne fährt die Kamera an größeren oder kleineren Wasserflaschen und bereitgestellten Gläsern entlang. Wenn die Kleindarsteller Cum-Ex-Betrüger verkörpern und es aus deren Sicht wieder was zu feiern gibt, stoßen sie mit einem Getränk an, das Whisky sein dürfte. Einmal symbolisiert der Computer-Vorgang des Kopierens mit Strg+C und Strg+V (oder mit Apfel+C – in welchem Betriebssystem gearbeitet wird, lässt sich nicht erkennen), wie Ministerialbeamte Vorschläge der Bankenlobby unmittelbar in Gesetzestexte übernahmen. Da transportiert die nachgestellte Szene immerhin eine Information.

Hoffnungen, dass die beliebig-belanglosen Bilder kostengünstig aus einem Bebilderungs-Pool entnommen wurden, in den „Doku“-Macher immer greifen, wenn ihnen sonst nichts einfällt, erfüllen sich nicht. Manchmal schreiben die Darsteller etwas handschriftlich auf Papier – Begriffe wie „Aufsätze gegen Bezahlung“ oder „gute Kontakte ins BMF“ (was für Bundesfinanzministerium steht); es sind jeweils Begriffe, die zur selben Zeit auch im Off-Kommentar fallen. Ausmaß und Aufwand für das alles sind grotesk, zumal das nachgestellte Material überwiegend weder Informationswert besitzt noch visuelle Attraktion ausübt. Es bildet einen Bildteppich, der ähnlich wie der nahezu pausenlose Musikteppich den gesprochenen Text als einzige sinnstiftende Ebene unterstützen soll.

Gewiss ist das Thema nicht leicht zu visualisieren, wie bereits die nicht nachgestellten Bilder zeigen. Außer der Staatsanwältin, gehend oder lesend, sind das vor allem Luftaufnahmen von Behördensitzen oder der Frankfurter Banken-Skyline mit ins Bild eingeblendeten Zeitstempeln (allerdings teilweise grob falschen, was ein Schwenk offenbart, der unter anderem ein erst seit 2020 existierendes weißes Hochhaus in der Nähe der Frankfurter Messe zeigt, und das passt dann eben nicht, wenn dazu die Einblendung „Frankfurt, 18. Juni 2006“ zu sehen ist).

Solche Reenactment-Dokus benötigen eine andere Genre-Bezeichnung

Dabei gäbe es Alternativen. Die „zigtausende Akten“ etwa, von denen oft die Rede ist, wären vielleicht nicht aufregender anzusehen, würden aber jene Authentizität ausstrahlen, die nachgestellte Szenen naturgemäß nicht besitzen. Statt vieler kurzer Aussagen redender Köpfe lieber ein paar längere Bögen zu zeigen, in denen Komplexität vertieft erklärt werden könnte, wäre noch eine Möglichkeit. Talkshows schaut sich das Publikum doch auch an. Bedenken „Doku“-Autoren überhaupt noch, dass nachgestellte Szenen die Glaubwürdigkeit ihrer Filme immer beeinträchtigen und zumindest alle im Publikum, die die Überzeugungen der Autoren nicht von vornherein teilen, skeptisch machen? Wenn Reenactments in einem Ausmaß eingesetzt werden, das günstigenfalls ermüdet oder gar lächerlich erscheint, müsste Mut, auch mal unbewegte Bilder zu zeigen, leichtfallen.

„Ermöglicht durch eine jahrelange intensive, investigative Recherche von WDR/NDR und ‘Süddeutscher Zeitung’ gibt der Film tiefe Einblicke in das, was hinter den Kulissen geschah“, heißt es in der Ankündigung der ARD. Tatsächlich zeigt er leider gar nicht, welche journalistische Recherche wie ungefähr angestellt wurde, dafür aber mit erheblichem Aufwand für nichts als diese „Doku“ errichtete Kulissen. Da braucht es gar keinen Hinweis auf die regelmäßigen Nischen-Aufreger um das, was „dokumentarisch“ noch bedeutet. Dokus, die zur Hälfte mit nachgestellten Szenen arbeiten, „dokumentieren“ allenfalls auf der Tonebene etwas. Sie benötigen eine andere Genre-Bezeichnung – oder besser noch eine Selbstverpflichtung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, den Anteil an Reenactments in dokumentarischen Sendungen auf ein vertretbares Maß zu begrenzen.

Wie gesagt: Das geduldige staatsanwaltschaftliche Vorgehen gegen bestens vernetzte Finanzkriminelle ist hoffentlich ein Durchbruch. Und davon im ARD-Programm zu berichten, ist publizistisch sinnvoll. Doch formal ist „Der Milliardenraub“ (1,19 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,0 Prozent) leider ein weiterer Dammbruch, der das schwer mitgenommene „Doku“-Genre auf groteske Weise weiter aushöhlt.

11.06.2021/MK

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