BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Es war einmal das Zeitgeist-Genre: Über einen Roman des eher unbekannten Starjournalisten Michael Hopp

Von Christian Bartels
02.03.2021 •

Oh, ein Journalisten-Roman von über 650 Seiten Umfang. Gut, bis zum Anhang mit vielen Bildern sind’s nur 578 Seiten. Mal reinschauen. Immerhin verspricht der kleine Hamburger Textem-Verlag, der Michael Hopps erstes Buch herausbringt, „drei Ebenen“. So soll es außer um „die Existenz als Mann und Vater“ auch um das „Leben als Journalist in den Zeitströmen der letzten 50 Jahre“ gehen. Und die dritte Ebene deutet der Buchtitel an: „Mann auf der Couch“ – Psychoanalysen also in gewaltigem Ausmaß.

Nun ja, Michael Hopp ist gebürtiger Wiener, also Freud-affin. Und als Journalist hat er den „Wiener“ entscheidend mitgeprägt, eine ähnlich legendäre wie ehemalige Zeitschrift, die es unter diesem Namen nicht nur in Wien gab (und nominell dort noch gibt), sondern auch in Deutschland sowohl unterm Originaltitel als auch in Form der bekannteren Variation „Tempo“. Hopp war oder ist ein eher unbekannter Starjournalist, könnte man sagen. Sein Buch liest sich erst einmal gut, als so eine Wundertüte wie Zeitschriften es einst waren. Biografisch geht es um viele Frauen, um bisexuelle und schwule Lebensphasen des Autors, aber auch, immer ausführlich, um die schwierige Kindheit, echte Krankheiten und simulierte, Alkoholismus und spektakulärere Drogen und eine Privatinsolvenz.

Zur Kaskade von Bekenntnissen und Geständnissen im Buch gehören Hass auf sich selbst und auf den Vater. Das wird oft arg persönlich, aber kulturhistorisch grundiert, indem zusehends Personen der Zeit- und Mediengeschichte auftauchen. Etwa Österreicher, die auch nach Deutschland wirkten. Wie zum Beispiel der Journalist Günther Nenning (1921-2006), der längst nicht nur in der frühen „3-nach-9“-Talkshow von Radio Bremen mitmischte. Er zählt zu Hopps nicht wenigen „Vaterfiguren“. Die Katze des Karikaturisten Manfred Deix (1949-2016) urinierte mal auf Hopps Jacke. Und einmal schauten Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit in der Redaktion der von Nenning herausgegebenen österreichischen Zeitschrift „Neues Forum“ vorbei, weil eine Ausgabe der ORF-Talkshow „Club 2“, bei der sie mitgewirkt hatten, in dem Blatt, für das Hopp zu jener Zeit tätig war, auch gedruckt veröffentlicht werden sollte, oder so.

Die Medien und ihre Formen haben sich im fast halben Jahrhundert, in dem Michael Hopp als Journalist arbeitete, eklatant gewandelt. Das demonstriert sein Buch „Mann auf der Couch“ vielfältig. Wenn Hopp vollständig Texte ausbreitet, die seine Oma einst für ihn oder über ihn schrieb und die er selber ankündigt mit den Sätzen „Ich ertrage es nicht, diese Texte zu lesen. Dem Leser mag ich es aber nicht ersparen“, oder wenn er aus eigenen Kindheitsgedichtchen und Schularbeiten aus den 1960er Jahren zitiert, dann zeigt sich, dass die Zeit, in der Lektoren mit Autoren rangen, ob einiges nicht besser weggelassen werden sollte, auch vorbei zu sein scheint.

Freiräume wie nie mehr wieder

Die Oma als eine der wichtigsten Frauen im Leben des Autors wurde im Lauf der Jahrzehnte wohl von zwei zu „Doktor Von“ und „Doktor Zu“ verschlüsselten Psychoanalytikerinnen in Hamburg und München, übertrumpft. Muss all sowas per Buch veröffentlicht werden?, könnten weniger von Psychoanalytikerinnen geprägte Leser sich fragen. Sie dürften dennoch weiterlesen, da Hopp noch immer ähnlich gut schreibt, wie ihm unter anderem die Oma und Günther Nenning bescheinigten. Und immerhin, auf Seite 280 beginnt das Kapitel „Tempo“.

„Tempo“ war eine deutsche – Hamburger – Variante der Zeitgeist-Zeitschrift „Wiener“, die in den 1980ern und 90ern außer in Wien auch in München als deutsches Magazin erschien. Das Genre „Zeitgeist“ war erfrischend neu. Das Personal wechselte schnell, viele Medienösterreicher blieben in Deutschland, eine ganze Feuilletonisten-Generation blieb. Zwischen Christian Kracht und Claudius Seidl zählt Hopp zwölf Namen auf, „die sich später fest im deutschen Feuilleton und am Buchmarkt etablieren konnten“, und das wären noch nicht alle. Die „Tempo“-Redaktion hatte „große Freiräume, inhaltlich wie finanziell, wie es sie vielleicht nachher in der deutschen Verlagsgeschichte nie mehr gab“, schreibt er sicher zu Recht. So wie damals in den mittleren 1980er und frühen 90er Jahren wurde es nie wieder.

Wenn es um „große Verleger hanseatischen Zuschnitts, ihre Dynastien und ihre Geldberge“ geht, um Thomas Ganske, dessen Jahreszeiten-Verlag mit „Tempo“ damals bewusst „Millionen verbrannt“ hatte, weil andere Titel ja mehr Millionen einspielten, scheint sich ein Sittengemälde der letzten großen Zeit des Zeitschriften-Journalismus anzubahnen. Ganske war noch so eine „Vaterfigur“, die unter den aus Wien geholten „Königssöhnen“ dann aber „Markus, den ich“, so Hopp, „in Wien zum ‘Wiener’ geholt hatte“, vorgezogen habe. Damit ist Markus Peichl gemeint: „Tragisch, dass er nach ‘Tempo’ nie wieder ein größeres Heft machen konnte“, schreibt Hopp nett. Tragisch aber auch, dass Peichl insgesamt deutlich mehr Einfluss auf die deutsche Medienlandschaft nahm, könnte man sagen, weniger deshalb, weil Hopps folgende Projekte große Relevanz hätten entfalten können, als darum, weil Peichl im Geschäft des TV-Talks Akzente gesetzt hatte, als Redaktionsleiter etwa von Reinhold Beckmanns ARD-Talkshow (1999-2014), die noch immer nachwirken.

Rolling Stones und Leberwürste

Hopp war später unter anderem Chefredakteur von verwechselbaren Fernsehzeitschriften. In der „Wiener“-/„Tempo“-Ära hatte sich die Rivalität der Verlage verschärft, die jedes halbwegs erfolgversprechende Rezept auf Teufel-komm-raus kopierten, was zu ein paar kurzfristigen kommerziellen Erfolgen beitrug – und vermutlich zum beschleunigten Niedergang der Zeitschriftenlandschaft. Als die Produktionsfirma Brainpool an die Börse gegangen war und viel Geld besaß, gab sie zu Stefan Raabs Pro-Sieben-Show „TV total“ kurzzeitig eine gleichnamige Zeitschrift heraus, deren Chefredakteur auch Hopp war. [Transparenzhinweis: Dort arbeitete, noch kurzzeitiger, auch ich, der dann später, als Hopp „Fix-und-Foxi“-Comic-Hefte wiederzubeleben versuchte, ein Zeitungsporträt über ihn schrieb.]

„Also Markus und ich,…wir waren nicht ganz die Rolling Stones, aber nahe dran“, schreibt Hopp, allerdings über sich selbst auch in der „Rolle der beleidigten Leberwurst… Leberwürste haben doch dicke Haut, oder?“ Leider ist solch ein Sittengemälde der letzten wirklich großen Pressejahre dann doch nicht, was ihn heute interessiert. Stattdessen geht es wieder umso ausführlicher um die Analytikerinnen – und man könnte, sofern einen dieses Thema weniger interessiert, das Buch nun aber wirklich aus der Hand legen. Doch von nun an geht’s bergab, und zwar heftig, und das muss man doch lesen.

„Malt sich das mal wer aus, was dann wirklich passiert, wenn angesehene frühere Verlagsleiter, Chefredakteure, Anzeigenchefs, Ressortleiter, rasende Reporter auf die Rutschbahn nach unten kommen“, fragt Hopp ohne Fragezeichen. So etwas ist in der Tat ziemlich unterbelichtet, weil Journalisten zwar gerne von sich berichten, je mehr Plattformen es gibt, sich dabei aber desto mehr weitgehend auf Erfolgsgeschichten beschränken. Hopp malt es ausführlich am eigenen Beispiel aus. Das passt gut in die unmittelbare Gegenwart, in der gar die Zukunft von Gruner + Jahr, des renommiertesten deutschen Zeitschriftenverlags ungewiss erscheint.

Angst vor Altersarmut

Aktuell ist es außerdem, weil auch das Geschäftsfeld „Corporate Publishing“, also das Erstellen gedruckter Medien für Unternehmenskunden statt für zahlende Leser, im Buch vorkommt: „‘Storytelling’ ist das Produkt, das wir heute verkaufen, so eine Mischung aus dem, was früher Journalismus war, P.R., Werbung und Grimms Märchen“, so umschreibt Hopp, was seine kleine Agentur heutzutage anbietet und was – trotz ostentativ höchstwertiger „Referenzen“ im Internet-Auftritt – offenbar schon vor Corona nicht mehr blendend lief. Längst tummeln sich auch alle größeren Zeitschriftenverlage auf dem Terrain.

In „Mann auf der Couch“ geht es dann auch noch um Angst vor Altersarmut, um Depression, die Auswirkungen des Alters auf Körper und Sex, weitere Trennungen und private Familiengeschichten. Muss das veröffentlicht werden, gar noch als Buch? Man liest jedenfalls weiter. Und irgendwann ergeben auch die eingefügten Textdokumente aus sämtlichen früheren Schaffensphasen des Autors Sinn, etwa der Text „ICH BIN 35. ICH BIN ERWACHSEN“ von 1990 aus dem „Wiener“ („…Ich wasche täglich die Haare. Ich ziehe jeden Tag ein frisches Hemd an. Ich will meinen Vater nicht umbringen und mit meiner Mutter nicht schlafen…“).

Das muss damals, als es das Internet noch kaum gab, eine ziemliche Provokation gewesen sein, schon weil jeder Satz mindestens ein „Ich“ enthielt. Narzisstisch bis hemmungslos aus subjektiver Perspektive schreiben, so dass Leser sich sowohl fragten, ob sie das für bare Münze nehmen sollten, als auch, ob sowas veröffentlicht werden muss, das war damals neu. Jetzt ist Michael Hopp 65 und schreibt genau so. Bloß dass im fortgeschrittenen Alter die Zukunft keine großen Perspektiven mehr bietet, sondern Anlass zu allerhand Sorgen. Ungeheuer konsequent ist das.

02.03.2021/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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