BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Apropos Clubhouse: Wie sollte Journalismus mit neuen Apps umgehen? Vielleicht am besten erstmal gar nicht

Von Christian Bartels
03.02.2021 •

Apps sind beliebt. Nutzer mögen zum Beispiel, dass sich mit ihnen gut viel Zeit auf den Lieblingsmediengeräten verbringen lässt. Oder auch, „dass es für quasi jedes und sei es noch so alltägliche und gewöhnliche Verhalten eines Menschen eine App gibt, die den Alltag in eine Aneinanderreihung von Achievements verwandelt…“ Anbieter von Apps, zu denen auch viele Medienunternehmen gehören, schätzen eher, dass Nutzer AGBs rasch zustimmen, den Apps viele Rechte einräumen und dadurch der Zugang zu Einnahmen leichter als sonst im Netz ist. Das große Hallo, das die App „Clubhouse“ in Deutschland jüngst auslöste, als sie durch einen prominenten Politiker und einen „Skandal“ (wie außer „Bild“-Medien etwa auch der „Spiegel“ schrieb) breit bekannt wurde, ist insofern kein Wunder.

Dieses Clubhouse, das ist, „als habe jemand Twitter fürs Radio vertont“ (zeit.de), bzw. es ließe sich „als Twitter mit Ton beschreiben, nur dass nicht alle mitmachen dürfen. Oder als ‘Anne Will’ ohne Bild“ („Süddeutsche Zeitung“). Wobei ja bei „Anne Will“ auch nicht alle mitmachen dürfen, außer mit dem Hashtag #annewill auf Twitter, und bei Clubhouse viele mitmachen können (sofern sie eingeladen werden und ein Apple-Gerät besitzen, denn für Googles Android-Betriebssystem gibt es die App noch nicht). Es ist kompliziert und durchaus neuartig.

Der „Ramelow-Maßstab“ für Medienkompetenz

In solch einer nicht undiffusen Gesprächssituation hatte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), der oben gemeinte prominente Politiker, der bei Clubhouse mitmacht, die Bundeskanzlerin in einem seiner Auftritte einmal „Merkelchen“ genannt und bekannt, während der Kanzlerin-Ministerpräsidenten-Konferenzen, die derzeit oft und sehr lange wegen Corona tagen (und dabei Ergebnisse erzielen, die in noch mehr noch längeren Diskussionen sehr unterschiedlich bewertet werden), ein Handy-Spiel zu spielen. Das erregte viel Kritik. Ramelow hat sich daraufhin selektiv entschuldigt und allerhand traditionelle Interviews zur Erklärung nachgeschoben. Der „Zeit“ sagte er etwa, dass er das Handyspiele-Geständnis ja schon „im Stadtfernsehen von Gotha“ gemacht hatte. In der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) brachte er seinen Namen proaktiv als neuen „Ramelow-Maßstab“ ins Spiel, der fortan als Muster für Politiker bei Clubhouse gelten könne – oder für Medienkompetenz an sich: „Die Nutzungskompetenz wird künftig in der Einheit Ramelow gemessen“ und seine ersten Clubhouse-Auftritte könnten als „Null-Ramelow“ für geringe Kompetenz stehen, sagte er wiederum im „Zeit“-Interview.

Warum und wie Ramelow was genau bei Clubhouse gesagt hatte, lässt sich nicht rekonstruieren, weil es Aufzeichnungen nicht gibt, außer mutmaßlich bei der App in Kalifornien, die sich um die europäische Datenschutzgrundverordnung wenig schert und, wie die AGBs nahelegen, die zukunftsträchtige Geschäftsidee verfolgt, einen Datenberg aus Tondokumenten anzuhäufen. So etwas dürfte umso wertvoller werden, je mehr die Menschen in ihre Geräte und mit ihnen reden.

Zugleich entspann sich bemerkenswert früh eine vielstimmige öffentliche Diskussion über Chancen und Risiken der neuen App. „Wie kann Journalismus künftig mit Clubhouse umgehen und wie geht Clubhouse mit dem Journalismus um? Und zwar möglichst so, dass die Unmittelbarkeit der App nicht vollkommen verlorengeht und am Ende doch wieder alle dasselbe reden wie jeden Abend in den Talkshows oder bei Pressekonferenzen?“, fragte beispielsweise die „FAZ“-Medienseite.

Illusion: Twitter und Reichweite für journalistische Medien

Antworten auf solche Fragen zu geben, fällt nicht leicht – außer auf die gute Frage, wie Journalismus künftig mit Clubhouse umgehen sollte: vielleicht am besten erstmal gar nicht. Der Journalismus hat ja allerhand Aufgaben, die mindestens genug Chancen und Risiken bieten. Er muss nicht mit jedem neuen Scheiß umgehen. Pardon, das sagt man allenfalls und sollte es nicht schreiben. Allerdings soll Bodo Ramelow im Verlauf seiner frühen Clubhouse-Auftritte ebenfalls „Scheiße“ gesagt bis gerufen haben, wie zeit.de und dann auch das Feuilleton der „SZ“ schrieben. (Und medien- und damit kulturhistorische Bedeutung besitzt das Wort ja, wie unter anderem in den sog. soz. Medien dokumentiert ist).

Der „Tagesspiegel“ benannte als Chance des Clubhouse-Prinzips, dass „die Hemmschwelle, von Ohr zu Ohr rumzuhassen, im akustischen Raum größer“ scheine „als auf der Tastatur“, was fast so schön wäre, wie es unwahrscheinlich ist. Sonst liegen ja wenig Anzeichen dafür vor, dass mündliche Äußerungen, die einstweilen immer noch einen Tick schneller getätigt werden können, grundsätzlich friedfertiger sind als schriftliche, bei denen die Möglichkeit, während des Schreibens über den Inhalt nachzudenken, zumindest theoretisch eingebaut ist. „In den USA ist Clubhouse längst schon in den Empörungs- und Hassstrudeln angekommen“, wusste Andrian Kreye in der „Süddeutschen“ als Kenner der US-amerikanischen Szene zu berichten.

Man kann es natürlich schön oder gut finden, dass neue Netzwerke, um die es sich bei Apps wie Clubhouse auch handelt, schnell wachsen, weil das immerhin die Dominanz der Milliarden-Plattformen von Facebook, Google & Co mindert. Zu Facebooks und Googles Stärken zählt, Journalismus zu marginalisieren und zu einer unter vielen – allesamt interessanten, allesamt austauschbaren – Gattungen von Content zu machen. Dass klassischer Journalismus mit dem Mitmischen auf neuen Plattformen grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht hat, würde wohl niemand mehr behaupten. Womöglich erhöht Facebook die Reichweite journalistischer Medien, wenn diese alle aktuellen Anforderungen von Facebook erfüllen, so wie es die Reichweite ja auch erhöht, wenn Suchmaschinenoptimierer neue Andeutungen Googles antizipieren. Allerdings erhöht es immer auch die fatale Abhängigkeit von dominanten Plattformen.

Vielleicht wirkt die App in die älteren Medien zurück

Dass Twitter, die unter Journalisten bislang beliebteste Plattform, journalistischen Medien viel Reichweite beschert, hat sich auch längst als Illusion entpuppt. Anstatt dahin, dass via Twitter empfohlene Artikel viel gelesen oder wenigstens geklickt werden, gehen Trends eher dahin, dass differenziertere Kontexte, denen provokant zugespitzte Zitate entstammen, niemand mehr beachtet. Wer etwas beachtet haben will, muss gefälligst genau das in einen Tweet schreiben oder kopieren. Dann besteht die Chance. Auch so etwas kann Faszination entfalten, klar. Und wenn sich daraus ergibt, dass einzelne Journalisten erfolgreich mit Apps und Plattformen umgehen, können sie selbst oder auch ihre Medien daraus gewiss Nutzen ziehen. Aber den Anspruch, gleich mit jedem neuen Online-Phänomen umzugehen, braucht sich der arme Journalismus in den aktuellen Krisen/Chancen-Situationen wirklich nicht aufzubürden.

Vielleicht freilich, falls Clubhouse länger wirken sollte, kann es zurückwirken auf die journalistischen Medien und die Politik, die sowieso zu oft miteinander „abhängen“, wie Klaus Raab im Altpapier schrieb. Dass „alle dasselbe reden wie jeden Abend in den Talkshows oder bei Pressekonferenzen“, wie die „FAZ“ mit Recht monierte, ist schon lange ein Irrweg, den endlich mal aufzugeben gut wäre. Was auch immer Bodo Ramelow genau sagte, all das ließe sich außer im Stadtfernsehen von Gotha in anderen klassischen Medien ebenfalls sagen. Ob man Sprache einfach sofort spricht oder nicht ganz so unmittelbar aufschreibt, sie bietet die Chance, selbst zu bestimmen, was man sagen und aussagen will. Wenn neue Apps dazu beitragen, das wieder bewusster zu machen – nur zu.

03.02.2021/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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