BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Ein lesenswertes Heft der Otto-Brenner-Stiftung zur deutsch-deutschen Medien-Zeitgeschichte

Von Christian Bartels
24.03.2021 •

Stiftungen gibt es viele, auch wenn oder gerade weil es in den Details des Stiftungsrechts rasch kompliziert wird. Dass Stiftungen keineswegs immer gemeinnützig sind, mag noch einleuchten. Dass laut Abgabenordnung zwar „Modellbau und Amateurfunk“ gemeinnützig sein können, nicht jedoch Journalismus, wie das junge Forum Gemeinnütziger Journalismus beklagt, ist da schon weniger nachvollziehbar. Viele Stiftungen stehen bekannten Institutionen nahe. Wenn solche Stiftungen Studien veröffentlichen, hält sich Aufmerksamkeit meist in Grenzen, weil im Regelfall belegt wird, was die Institutionen gerne sehen. Und was die Konrad-Adenauer- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Böll- oder Bertelsmann-Stiftung wollen, weiß man ja.

Wo sich das anders verhält: bei der Otto-Brenner-Stiftung (OBS). Das ist die Wissenschaftsstiftung der Industriegewerkschaft Metall (IG Metall). Doch den zahlreichen Veröffentlichungen der OBS, die ihren Sitz in Frankfurt am Main hat, lässt sich keineswegs immer Gewerkschaftsnähe ansehen. Häufig handelt es sich um die Publikation von Studien, die mit dem Medienbereich zu tun haben; siehe erscheinen im Rahmen der Reihe „OBS-Arbeitspapier“.

Über die Veröffentlichungen der Stiftung wird immer mal wieder kontrovers diskutiert, aber selten an bekannten Diskussions-Frontverläufen entlang. Die vom Journalismus-Professor Michael Haller 2017 erstellte Studie „Die ‘Flüchtlingskrise’ in den Medien“ zum Beispiel wollte aufzeigen, „dass große Teile der Journalisten ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion ihrer Medien vernachlässigt haben“, und hat tatsächlich Unterschiede zwischen ‘gut gemeint’ und ‘gut’ belegt.

Die Medien und die Teilung Deutschlands

Ihrer Zeit fast sogar voraus war die 2020 erschienene Untersuchung „Medienmäzen Google: Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt“ der netzpolitik.org-Journalisten Ingo Dachwitz und Alexander Fanta. Das zeigt sich 2021, da außer Google mit seinem „News-Showcase“-Projekt auch Facebook bezüglich seines Angebot „Facebook News“ deutsche Verlage und Medienunternehmen mit viel Geld umgarnt, wobei die „mehr als 100 Medienmarken“, die Facebook bereits gewann, die genaue Summe, die ihnen jeweils zukam, keinesfalls öffentlich nennen dürfen. Dass Datenkraken kooperierenden Verlagsmedien sowohl „Reichweite und Klicks bringen“ als auch ohne öffentlich bekannte Maßstäbe Geld zahlen, und anderen eben nicht, dürfte sich zu einem größeren Problem digitaler Medien entwickeln. Womit die Frage, ob sich Verlagen, die ja im derzeitigen Medienwandel mehr oder weniger ums Überleben kämpfen, solche Kooperationen vorwerfen lassen, nicht beantwortet ist. Was das mit der IG Metall zu tun hat? Eben.

Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?“, heißt die neueste OBS-Veröffentlichung, die von der Stiftung selbst als „Diskussionspapier“ bezeichnet wird. „Bis heute erweist sich der Osten als massenmediale multiple Problemzone“, schreibt Jupp Legrand, der Geschäftsführer der Stiftung, im Vorwort. Das gilt einerseits natürlich auch kommenden Landtagswahlen. Andererseits ist die Frage, ob die nicht mehr neuen, doch jüngeren Bundesländer in gesamtdeutschen Institutionen wie etwa der ARD unterrepräsentiert sind, im Vorfeld der Ende Dezember vorigen Jahres an Sachsen-Anhalts CDU gescheiterten Rundfunkbeitragserhöhung mit einem Knalleffekt aufgepoppt. Eindeutig ja, unterrepräsentiert, würde Lutz Mükke sagen, der Autor der Studie, und er belegt das mit einem Schnelldurchlauf durch deutsch-deutsche Medien-Zeitgeschichte. Vieles dürfte eher westdeutsch geprägten Zeitgenossen kaum präsent sein.

Die Auseinandersetzungen um DT64

Zum Beispiel das Jugendradio DT64, das seinen Namen zwar dem von der FDJ organisierten „Deutschlandtreffen der Jugend" anno 1964 verdankte, doch im Herbst ’89 einen „rasanten Selbstermächtigungsprozess“ hinlegte. Dass DT64 seinerzeit früh über die ersten Leipziger Montags-Demos berichtete, sicherte seine Existenz nicht. Proteste Tausender Jugendlicher, die sich für den Erhalt des Senders stark machten, nützten nichts, das Ende von DT64 zeichnete sich ab.

Mükke zitiert, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Deutschen Radiopreis 2019 sagte: „Ich erinnere mich an die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um den Ost-Berliner Jugendsender DT64 vor und nach dem Mauerfall. Er war lange Jahre der einzige Sender, der Rock, Pop und andere populäre Musik im Programm hatte. Er war ein Ventil und der Staatsführung ebenso lange ein Dorn im Ohr.“ Insgesamt dreißig Zeilen werden zitiert und natürlich kommt der „Wind of Change“ der Scorpions vor, Steinmeier ist schließlich Niedersachse. „Für jene, die die DT64-Geschichte miterlebten, mag Steinmeiers Selbstbehauptungs-These wie Hohn oder zumindest ahnungslos-wohlmeinend klingen“, kommentiert Mükke dann. Dabei ist Steinmeier doch einer, der vorhandenen Konsens oft gut in Worte fasst. Das Beispiel zeigt schlagend, dass es äußerst unterschiedliche Sichtweisen auf die deutsch-deutsche Medien-Zeitgeschichte gibt und Ostdeutsche sich in vermeintlich gesamtdeutschen Diskursen nicht wiederfinden.

Ostdeutsche Abo-Problemzone

Natürlich kommt auch die neugeschaffene Drei-Länder-Anstalt Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) vor, die zwar sofort zum Gegenstand „hämischer Negativ-Berichterstattung“ wurde, nicht aber ihrer allen Staatsferne-Konstrukten spottenden Gründungsgeschichte wegen, sondern wegen des „großen Anteils an seichter Unterhaltung“ in ihrem Fernsehangebot. Inzwischen sind west- und norddeutsche Dritte Programme dem MDR Fernsehen in puncto Seichtigkeit weit voraus, und statt des Bayern Udo Reiter hat der MDR eine ostdeutsche Intendantin [und hier muss natürlich ein Transparenzhinweis stehen: Die „Altpapier“-Kolumne, für die ich regelmäßig schreibe, erscheint seit 2017 beim MDR Thüringen].

Wie ohnehin in den Medien verändert sich vieles. Grundlegende Besserung diagnostiziert die Studie dennoch nicht und umreißt beispielsweise die „ostdeutsche Abo-Problemzone“: „Laut IVW verkaufte die FAZ im ersten Quartal 2020 in den Neuen Bundesländern täglich nur rund etwa 7900 Exemplare (exklusive Berlins). Das sind 3,4 Prozent der verkauften Gesamtauflage von 235.000 Exemplaren. Die SZ kam im selben Verbreitungsgebiet sogar nur auf rund 8300 Exemplare, was 2,5 Prozent der verkauften Gesamtauflage von 326.000 Exemplaren entspricht.“ Und der „Spiegel“, so Mükke, komme „laut Selbstauskunft“ auf lediglich rund 25.000 Abonnenten im Osten (exklusive Berlin), wobei seine aktuell verkaufte gesamtdeutsche Auflage bei wöchentlich 642.000 Exemplaren liege. Was dem ostdeutschen Anteil an der Bevölkerung nicht entspricht, dem ostdeutscher Perspektiven in den Medien aber vielleicht doch.

Wenn zwei Revolutionen zusammenwirken

Das überstrapazierte, oft herablassend und/oder abwertend verwendete Reizwort „abgehängt“ taucht im schlanken, 50-seitigen Heft überhaupt nicht auf. Doch zeigt Mükke, wie weit über das Wirken der ja längst häufig kritisierten Treuhandanstalt hinaus solch ein Abhängen medial verlief, indem er den Blick auf eine deutsch-deutsche Medien-Zeitgeschichte öffnet, deren Details viele Zeitgenossen schon deshalb kaum parat haben dürften, weil hier zwei „Revolutionen“ zusammenwirkten: erst die friedliche ostdeutsch-osteuropäische um 1989, wenig später die ähnlich disruptive digitale Revolution. Auch wenn das Thüringer Lokalzeitung-Geschäft der Essener „WAZ“-Gruppe noch jahrelang „Renditen in zweistelliger Millionenhöhe“ bescherte, als ihr westdeutsches Stammgeschäft schon roten Zahlen schrieb, wie der ehemalige „Thüringer-Allgemeine“-Chefredakteur Sergej Lochthofen zitiert wird – inzwischen macht die Funke-Gruppe ja überall Standorte dicht. (Wobei: in Thüringen besonders radikal).

Am Ende seiner Studie („OBS-Arbeitspapier“ Nr. 45) wartet Lutz Mükke mit einer Handvoll nicht immer glücklich formulierter „Handlungsempfehlungen“ auf. Eine lautet: „Quoten für Ostdeutsche sollte gesamtgesellschaftlich als Gerechtigkeitsdiskussion ernst genommen werden“, was einerseits einleuchtet. Andererseits werden Quoten für Frauen und für Menschen mit Migrationshintergrund ja ebenfalls mit Recht beschlossen oder gefordert. Und um zu klären, ob das zu quotierten Quoten führen sollte und könnte, bräuchte es vermutlich noch ein paar Studien. Über vieles im OBS-Heft „Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?“ ließe sich also streiten. Aber genau das, also anhand gut und pointiert zusammengestellter Daten und Beispiele Anlass zu sinnvollen Diskussionen zu bieten, ist ja das Beste, was Studien gemeinnütziger Stiftungen leisten können.

24.03.2021/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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