BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Sieh an, RTL 2 sendet immer noch Nachrichten: Sie sind zu kurz, um relevant zu sein, treffen aber meistens den passenden Ton

Von Christian Bartels
19.11.2020 •

Oh, RTL 2 hat noch eine eigene Nachrichtensendung? Jawohl, und so etwas – Nachrichtensendungen boulevardesker Privatsender mit hohem Anteil eher jungen Publikums – war einst ein medienpolitisch heißes Eisen. Grob vereinfacht: Wer am Ende des 20. Jahrhunderts eine Lizenz fürs technisch vor allem dank Kabelnetz und früher Digitalisierung zwar beträchtlich vergrößerte, dennoch beschränkte Fernsehsender-Frequenzspektrum bekam und kein Nischen-, sondern ein „Vollprogramm“ ausstrahlte, musste einen gewissen Informationsanteil und damit Nachrichten im Programm haben.

Das war zweifellos berechtigt, schon weil viele zuschauten und sich – jenseits der werbefreien Nachrichten – mit Werbespots im Programm viel Geld verdienen ließ. Die weitere Entwicklung verlief freilich schnell: Via Satellit und erst recht übers omnipräsente Internet erreichen längst völlig unlizenzierte Anbieter aus aller Welt Menschen in aller Welt mit Bewegtbildern aller Art – US-amerikanischen Wahlsendungen, staatlich geprägten Sichtweisen etwa Russlands oder Chinas in unterschiedlichen Sprachen oder islamistischen Interpretationen europäischer Werte –, ohne dass deutsche (oder andere Medienwächter) den Überblick haben oder eingreifen könnten. Nachhutgefechte um „Drittanbieter“-Verpflichtungen des einst großen Senders Sat 1 liefen dennoch bis in dieses Jahr (und erfüllten immerhin die Aufgabe, zu zeigen, was für gestrige Was-mit-Medien-Gesetze in Deutschland gelten). Aus solchen Gründen also hatte auch RTL 2, einer der etwas größeren Privatsender der zweiten Generation (der viel weniger mit RTL zu tun hat, als sein Name andeutet, sondern zu über 64 Prozent Nicht-Bertelsmann-Firmen gehört), Nachrichten ins Programm genommen.

In der MK, als sie noch Funkkorrespondenz hieß, waren die RTL-2-Nachrichten vor zehn Jahren ein Thema. Da liefen sie zur „Tagesschau“-Zeit um 20.00 Uhr, waren rund 15 Minuten lang und Kollege Harald Keller fand, sie wiesen zumindest „in die richtige Richtung“. Und in der MK waren die „RTL 2 News“ – so heißt die Sendung – nochmals 2018 Thema, als Einsparungsprozesse – wie sie in allen Medienkonzernen geschehen – zur Schließung der eigenen RTL-2-Nachrichternredaktion, zur Vergabe des Produktionsauftrags an die Kölner RTL-Tochter Info-Network, zur Vorverlegung auf den Nachmittag und zur Verkürzung der Gesamtdauer auf rund sechs Minuten führten.

„Brenzlige Stimmung“ heißt: Es brennt was

Auch 2020 gibt es noch „RTL 2 News“. Linear laufen sie derzeit zwischen den Sendereihen „Hartz und herzlich“ und „Krass Schule – Die jungen Lehrer“ gegen 17.00 Uhr. Non-linear online lassen sich die jeweils jüngsten fünf Ausgaben ‘episodenweise’ bei tvnow.de ansehen. RTL 2 ist ein auch als trashig empfundenes Programm mit Sendereihen wie „Frauentausch“ und „Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern?“, wie „Promis auf Hartz IV“ und „Hartz Rot Gold – Armutskarte Deutschland“. Nun, welche Eindrücke gewinnt man, wenn man hier nach der im September 2018 vollzogenen Umstrukturierung jetzt einmal zwei Wochen lang die um mehr als die Hälfte gekürzte RTL-2-Nachrichtensendung verfolgt?

Die Moderatorinnen Meike Gehring, Steffi Brungs und Kathi Wörndl und ihr Kollege Christoph Hoffmann führen im Wechsel durch die „RTL 2 News“ – stehen im Studio vor der eingeblendeten Kölner Rheinfront; die postmodernen Kranhäuser sind dabei zentraler als der Dom zu sehen. Die Sendung pflegt einen ungezwungenen Tonfall. „Trump verhält sich lange ungewöhnlich ruhig“, heißt es etwa über den US-Präsidenten, oder: Er „redet die Ausschreitungen nach der Wahl regelrecht herbei“. Ist von „brenzliger“ Stimmung in den USA die Rede, wird eine angezündete Stars-and-Stripes-Fahne im Bild erst unbewegt, dann auch im Filmbericht gezeigt. Formulierungen wie Trump „twittert sich wieder die Finger wund“, und zwar zum „vermeintlichen Wahlbetrug“, bringen die Strategie des Präsidenten, der das Amt einfach nicht abgeben will, auf den Punkt.

Zur selben Zeit verwendete die ARD-„Tagesschau“ in ihrer länglichen 17.00-Uhr-Ausgabe mindestens zweimal die Formulierung, dass Donald Trump für den behaupteten Betrug „keine Beweise vorlegte“. Dabei weiß doch jeder, der in den vergangenen Jahren ein paarmal von ihm hörte, dass Trump selten bis nie Beweise vorzulegen pflegt. Und begibt die ARD-Formulierung sich nicht framingtechnisch in die Rahmen, die Trump vorgibt, weil im Unterbewusstsein hängen bleibt, dass noch keine Beweise vorliegen? Das Befremdliche in Trumps Verhalten zu benennen, gelingt dem knapp-prägnanten Tonfall der „RTL 2 News“ oft etwas besser als engagierten öffentlich-rechtlichen Reportern.

Statt „Messerattacke“ das prägnantere Wort „Terrorangriff“

In einem Kurzbericht steht eine RTL-Reporterin mit Schutzhelm und Plexiglasmaske inmitten einer Art Demonstration in Portland. Das mag wie performativer Aktionismus wirken. Sich sowohl vor Viren als auch vor der allerorten bei Demonstrationen eskalierenden Gewalt schützen zu müssen, leuchtet andererseits auch ein. Da hätte man gern mehr gewusst – und findet natürlich im Online-Angebot von RTL, das sich ja mit Macht zum auch non-linearen Anbieter wandelt, ähnliche Berichte wie diesen der Reporterin Liv von Boetticher. Die Kurzberichte für RTL 2 entstehen – wie erwähnt – bei der RTL-Tochter Info-Network, die zahlreiche Nachrichtenformate der Sender der RTL-Gruppe für unterschiedliche Kontexte produziert und mit ntv auch einen mehr oder weniger veritablen Nachrichtensender bestückt, der ebenfalls Teil der RTL-Gruppe ist. Mehrfachverwertung von Inhalten, zumal von aufwendig erstellten Reporterberichten, zieht sich durch alle Medienformen. Zeitungsverlage wie Madsack und Funke versuchen so, das Geschäftsmodell der Tageszeitung zu erhalten. Das verdient keinen Vorwurf mehr. Bloß, dass die Kurzberichte bei RTL 2 verdammt kurz sind.

Viele Vertreter der Bundesregierung vor Kameras zu bitten, erhöht die Informationsdichte nicht unbedingt wesentlicher als die Gefahr, regierungsnah rüberzukommen. Das zeigen öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen. Bei RTL 2 tauchen derzeit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn häufig, aber eher kurz auf. Einmal äußert sich die so kompetente wie eloquente Virologin Marylyn Addo, so dass die in manchen Milieus gern erhobene Klage über zu viele ältere weiße Männer in den Medien nicht trägt. Mitunter sind Nachrichtenfilme unnötigerweise mit Musik untermalt. Aber das verhält sich bei den ARD-„Tagesthemen“ und dem ZDF-„Heute-Journal“ ja sehr häufig auch so (und fast könnte man sagen, dass RTL 2 eher bessere Pianisten beschäftigt als das ZDF).

Nach der kurzen Top-Nachricht folgt bei den „RTL 2 News“ ein Block noch kürzerer Beiträge, manchmal mit den Worten „Was Ihr vom Tag noch wissen müsst“ eingeleitet. So kommen in Nachrichtenlagen, an denen mancherorts die Berichterstattung ausufert, obwohl gar keine Entscheidungen fallen (wie bei den US-Präsidentschaftswahlen), dann weitere Inhalte vor. „Terrorangriff in Nizza“ ist dabei bei RTL 2 eine prägnantere Benennung als das verharmlosende Wort „Messerattacke“, das die „Tagesschau“ und ARD-Nachrichten als Bezeichnung für islamistische Mordtaten verwenden. Zum Terroranschlag in Wien äußert sich der zu Recht oft befragte „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk vor einem RTL-Mikrofon.

„Der Schutzengel hat geholfen“

Und die komplizierte Geschichte der beiden austro-türkischen „Männer mit Migrationshintergrund“, die in Wien Passanten und Polizisten vor dem islamistischen Mörder retten halfen, wird bei den „RTL 2 News“ natürlich auch erzählt. Wenn dabei ein junger Mann, der den Erdogan-Vornamen Recep trägt, in ein hochkant, also per Smartphone gefilmtes Bild in österreichischem Deutsch „Der Schutzengel hat geholfen“ sagt, sagt das viel aus, das schwer in Text zu fassen wäre. (Falls Sie es lesen wollen: Deniz Yücel berichtete für die "Welt" darüber.) Der Wiener Mörder wird verpixelt gezeigt und namentlich nicht genannt – anders als der unverpixelt gezeigte, mit Klarnamen bezeichnete Attentäter von Halle, gegen den zur Zeit der Prozess läuft. Das entspricht jeweils dem Vorgehen von RTL, das ja durchaus seriöse, deutlich längere Nachrichtensendungen ausstrahlt, allerdings beim Umgang mit einer fürchterlichen Familientragödie in Solingen vor kurzem gemeinsam mit den „Bild“-Medien „ohne jedes journalistische Ethos“ handelte.

Im dritten Abschnitt der „RTL 2 News“ wird es bunt, aber trotz Berücksichtigung von für Sender der RTL-Gruppe relevanter Prominenz wie „dem“ (Michael) Wendler nicht so schlimm, wie boulevardferne Zeitgenossen befürchten könnten. „App-Tipps“ sind häufig ein Einfallstor für Werbung so wie Apps nahezu immer ein Einfallstor für alles aufsaugende Datenkraken sind. Doch eine „Klopapier-App“, die einen Überblick über in umliegenden Drogeriemärkten vorrätige Bestände bietet, ist nicht bloß ganz lustig, sondern könnte auch einen Beitrag gegen das Hamstern leisten.

Der gern Instagram-gespeiste, also oft hochkant gefilmte Boulevard-Abschnitt der „RTL 2 News“ bewegt sich geschickt in der Grauzone zwischen Unterhaltsamkeit und relevanten Informationen. Dass US-amerikanische Film- und Popstars zum Wählen aufrufen, überrascht nicht, dass keineswegs ganz Hollywood gegen Donald Trump votierte, sondern mit Kirstie Alley eine halbwegs prominente Schauspielerin für ihn, vielleicht schon. Dass ein Polizeieinsatz wegen eines vermeintlichen Banküberfalls dann auf einen Musikvideo-Dreh des Gangsterrappers Kollegah traf, ist außer einem breit vermeldeten Kuriosum auch eine aussagekräftige Nachricht zumindest über das Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main.

Über Gerichtsprozesse mit Beteiligung des prominenten Rappers Bushido berichtet etwa die „FAZ“ erheblich ausführlicher, als RTL 2 es tut. In einem Prozess gegen dessen Kollegen Fler wiederum ist RTL sozusagen Partei. Dass HipHop-Texte und die Lebensstile deutscher Rapper nichts über die Gesellschaft aussagen würden, behauptet 2020 niemand mehr. Und zusätzlich zum Tattoo-Fachbegriff „Arschgeweih“ durch den Bericht in den „RTL 2 News“ auch die „Brustgardine“ kennenzulernen, schadet nichts.

Im Bademantel im Duisburger Supermarkt

Einiges in den „RTL 2 News“ ist reiner Quatsch, der sich angesichts aufwendiger Produktionen (etwa mit Fußgängerzonen-Pärchenaktionen) wohl am ehesten als Weiterverwertung von für andere Kontexte gefilmten Berichten erklärt. Immerhin fand das alberne Experiment, im Bademantel im Supermarkt einkaufen zu gehen, in Duisburg statt. Die „RTL 2 News“ haben also nicht nur die Medienmetropolen im Blick. Das gilt auch für die unverzichtbaren Tierfilmchen. Zwar ereignete sich das global breit rezipierte Buckelwal-Maul-Abenteuer zweier Kajakfahrerinnen vor der kalifornischen Küste, doch die anderntags gezeigten Eichhörnchen stammten aus Wiesbaden.

Überall ein beliebtes buntes Nachrichtenelement sind Kinofilme, die oft eher in Form von Ausgehtipps denn von Filmkritiken erscheinen und gerne mit von den Verleihen zu Werbezwecken bereitgestellten Ausschnitten arbeiten. Auch im öffentlich-rechtlichen „Heute-Journal“ schwärmen Kinoexperten von neuen Hollywood-Filmen (und achten beim Star-Interview darauf, dass auch sie selbst gut im Bild zu erkennen sind). RTL 2 will nicht nur durch Ausschnitte und Fußgängerzonen-Voxpops auf das lange schon seine Werbeschleifen ziehende nächste „James-Bond“-Abenteuer gespannt machen, in dem eine schwarze Frau die Marke „007“ übernehmen wird, sondern stellte anlässlich der Nachricht von der deutschen Oscar-Vornominierung auch den Film „Und morgen die ganze Welt“ vor – eine SWR-WDR-BR-Arte-Kino-Koproduktion, die irgendwann im späteren Abendprogramm der ARD laufen dürfte.

Kleines Fazit nach zwei Wochen Sichtung: Die „RTL 2 News“ sind klar zu kurz, um publizistische Relevanz zu entfalten, doch von ihrem flotten, häufig prägnanten Tonfall könnten sich die Öffentlich-Rechtlichen eine Scheibe abschneiden. Weil Vermutungen, dass junges Publikum ohnehin unpolitisch sei, sich nicht bewahrheitet haben und sich durch die alle betreffende Corona-Pandemie erst recht erledigt haben dürften: Wie wäre es, die RTL-2-Nachrichtensendung wieder auszubauen? Nicht wegen gestriger deutscher Mediengesetze. Sondern weil es das lineare Programm aufwerten und einen Unterschied zum überall pausenlos empfangbaren Gestreame machen würde.

19.11.2020/MK

Einblendung des Sendetitels: Wie wäre es, die RTL-2-Nachrichtensendung wieder auszubauen? Es würde das Programm aufwerten.

RTL-2-Nachrichtenmoderator Christoph Hoffmann im Studio vor der Kulisse Kölns: Die postmodernen Kranhäuser sind zentraler zu sehen als der Dom

Eine aus dem Moderatorinnen-Trio der RTL-2-Nachrichten: Steffi Brungs

Fotos: Screenshots


Print-Ausgabe 24/2020

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