BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Wirklich altes Papier: Eine Ausstellung in Leipzig über den Beginn des Zeitungsdrucks vor 370 Jahren

Von Christian Bartels
27.10.2020 •

370 Jahre, das ist im Dezimalsystem kein ganz großes Jubiläum. Groß allerdings ist der Anlass: Im Jahr 1650 erschien die allererste Tageszeitung der Welt. Das geschah in Leipzig, weshalb dort im Deutschen Buch- und Schriftmuseum nun die Kabinettsausstellung „370 Jahre Zeitungsdruck“ läuft.

Gute Gründe, nicht bis zum etwas größer klingenden 375-Jährigen zu warten, mag es geben: In Leipzig selbst werden bereits keine Zeitungen mehr gedruckt, seitdem vor knapp einem Jahr der Madsack-Verlag seine Druckerei dort schloss. Das hatte mit einem anderweitig vergebenen Druckauftrag der „Bild“-Zeitung zu tun. Das benachbarte Thüringen dürfte gar zum ersten Bundesland ganz ohne Zeitungsdruck werden, wenn die Funke-Mediengruppe Ende 2021 ihr Druckzentrum in Erfurt mit 270 Mitarbeitern schließen wird. Die Thüringer Zeitungstitel „sollen künftig am Funke-Standort in Braunschweig und bei externen Dienstleistern gedruckt werden“, meldete der MDR.

Zuvor schon hatten Planspiele derselben Verlagsgruppe, „eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten“ zu gewährleisten, Aufsehen erregt – weil sie so verstanden wurden, dass eine Versorgung mit auf Papier gedruckten und verteilten Angeboten nicht mehr zu gewährleisten sei. Überhaupt werde, Unternehmungsberatern zufolge, 2025 „die Zeitungszustellung in 40 Prozent aller Gemeinden nicht mehr wirtschaftlich sein“. Die Gründe – der Mindestlohn für Zusteller und eher noch die umso längeren Wege, die diese wegen der schrumpfenden Zahl der Abonnenten zurücklegen müssen – werden in der Branche diskutiert und sind natürlich auch Politik. Schließlich beschloss die Bundesregierung im Sommer dieses Jahres, demnächst nach noch ziemlich unbekannten Kriterien 220 Millionen Euro Presse-Subvention zu verteilen. Jedenfalls: Gründe zur Annahme, dass die Zukunft gedruckter Tageszeitungen insbesondere in Ostdeutschland nicht mehr ewig währt, bestehen.

Wolfenbüttel oder: Föderalismus von Anfang an

Diese Entwicklungen hängen auch damit zusammen, dass Zeitungen eine deutsche Erfindung sind. Als allererste in den „Presßen“ entstandene Zeitung gilt die „Relation“, die ab 1605 in der damals noch deutschen Reichsstadt Straßburg gedruckt wurde. Deren älteste noch erhaltenen Ausgaben sind einen Tick jünger: Sie stammen aus dem Jahr 1609, aus dessen Januar noch ältere Ausgaben einer anderen, der vermutlich also zweitweltältesten Zeitung vorliegen. Die hieß „Aviso“ und erschien in Wolfenbüttel. Zum 400-Jährigen gab es 2009 natürlich einen Festakt. Da es sich bei der „Wolfenbütteler Zeitung“ um eine Lokalausgabe der Zeitung aus der größeren Nachbarstadt handelt, veranstaltete den Festakt die „Braunschweiger Zeitung“. Verlagsgeschäftsführer Bodo Hombach hielt dabei „ein Plädoyer für Qualitätsjournalismus“. Von Braunschweig war eben schon die Rede: Seit 2007 bildet die „Braunschweiger Zeitung“ den Funke-Standort, der ab 2022 durch den Druck von Thüringer Zeitungen besser ausgelastet werden soll.

Die Geschichte der deutschen Zeitungen fasziniert unter anderem durch ihren Föderalismus von Anfang an: Wolfenbüttel war auch im 17. Jahrhundert keine brodelnde Metropole, sondern bloß Hauptstädtchen des kleinen Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel, weil das größere Braunschweig sich von dessen Fürsten zumindest ein wenig unabhängig gemacht hatte. Andererseits bildet diese föderalistische Geschichte inzwischen auch einen Teil des Problems der deutschen Zeitungslandschaft: Noch immer gibt es nirgendwo sonst so viele unterschiedliche Blätter – mit „rund 350 Tageszeitungen, die Gesamtauflage lag Ende 2019 bei immer noch stattlichen 13,5 Millionen gedruckten Exemplaren“, und zwar pro Tag, ist es der größte Zeitungsmarkt in Europa.

In Zeiten von seit vielen Jahren schon und Quartal für Quartal weiter sinkenden Auflagen führt das zu noch verschärfteren Einsparungs- und Schrumpfungs-, Konzentrations- und Fusionsprozessen. Also zu laufend neuen schlechten Nachrichten von Druckerei- und Redaktionsschließungen, die das Image des Mediums Zeitung weiter runterziehen. Das ist ähnlich schade, wie die Konzentrationsprozesse unvermeidlich sind. Wie lässt sich möglichst viel von der historischen Zeitungsvielfalt und ihrer dezentralen Qualität erhalten? Können Modelle, wie die erwähnten Zeitungsgruppen Funke und Madsack sie mit ihren Zentralredaktionen fahren, deren Inhalte immer mehr Lokalzeitungsmäntel füllen, dazu beitragen? Das sind offene, spannende Zukunftsfragen.

Lohnt es sich nun, die Leipziger Ausstellung zu besichtigen? Eindeutig: Nö! Die Kabinettsausstellung zeigt in fünf Vitrinen ein sehr kleines Allerlei. Jede kurze Internetrecherche ist informativer. Dass vom Zeitungsaspekt der Haptik, dem Durchblättern, nichts spürbar ist, liegt bei fast 400 Jahre altem Papier nahe. Es wird aber auch sonst kaum etwas erzählt, weder wie Leipzig als Messestadt auch zur Buch- und Druckstadt wurde noch wie die Zeitungserscheinung sich verdichtete, und zwar getrieben vom Dreißigjährigen Krieg. Die Vorboten dieses bis ins 20. Jahrhundert hinein schlimmsten in Deutschland geführten Krieges erhöhten den Bedarf an Nachrichten – also „Zeitungen“, denn die Begriffe wurden ursprünglich synonym benutzt. 

Weitere Zeitungen entstanden in Basel 1610, in Frankfurt am Main 1615, in Berlin 1617, in Hamburg im Jahr des eigentlichen Kriegsbeginns 1618. Der Übergang von drei- oder viermaligem Erscheinen pro Woche zu regelmäßig sechsmaligem desselben Titels war es dann, der die „Einkommenden Zeitungen“ 1650 zur „derzeit ältesten bekannten Tageszeitung“ (Wikipedia) machte. Auch dieser Übergang hatte mit Kriegsfolgen zu tun: Leipzig war nach dem Dreißigjährigen Krieg noch bis 1650 von schwedischen Soldaten besetzt. Nach deren Abzug hatten die sächsischen Kurfürsten wieder was zu sagen und gaben dem Leipziger Drucker Timotheus Ritzsch ein „Privileg“, „über die gewöhnlichen wöchentlichen Ein- und Außlendischen Ordinar-Zeitungen zu drucken und zu verkauffen“.

Die erste Meldung kam aus Moskau

Wobei „Privileg“ solch ein Monopol bedeutete, wie es Zeitungsverlage heute, wenn sie die Erscheinungsgebiete ihrer Lokalausgaben arrondieren, auch anstreben. Und auch beim Blick in die in Fraktur gedruckten, aber gut lesbaren 370 Jahre alten Blätter selbst lässt sich an die Gegenwart anknüpfen. Als erstes in der ersten erhaltenen Ausgabe – die immerhin ist in Leipzig zu sehen – wird aus Moskau gemeldet, dass dort Rebellen bekämpft werden. Was ungefähr im Jahr 2020 ja auch geschieht. Geordnet waren die Nachrichten übrigens nicht, sondern sie wurden schnelligkeitsgetrieben nach Reihenfolge des Eingangs gedruckt – ähnlich wie heutzutage die Timelines in sog. sozialen Medien, zumindest wenn man bei Twitter die Option „die neuesten Tweets anzeigen“ wählt. Und während die Erscheinungsweise gedruckter Zeitungen sich einst zur Tageszeitung (und in späteren Jahrhunderten mit Morgen- und Abendausgaben noch weiter) verdichtete, dürfte eine „Entdichtung“ des Rhythmus bevorstehen. Die „taz“ als relative Vordenkerin der Tageszeitungsbranche überlegt seit Jahren, irgendwann demnächst das tägliche Gedrucktwerden aufzugeben und sich auf weniger gedruckte Ausgaben oder nur noch eine am Wochenende zu beschränken, während die werktäglichen Ausgaben digital-ungedruckt verbreitet werden sollen. Ist das die gegenläufige Entwicklung zu der, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vonstattenging?

Parallelen zur Mediengegenwart lassen in der Zeitungsgeschichte viele finden. Da müssen nicht einmal die bereits in den meisten vergangenen Epochen auch schon beklagten Informationsfluten bemüht werden. Schade also, dass es im Zeitungsland Deutschland zwar viele oft rührige, aber sehr dezentral verteilte kleine Zeitungsmuseen gibt, aber keine große Ausstellung über das Medium Zeitung zustande kommt. Obwohl die Zeit drängt…

Was so eine Ausstellung zum Beispiel schön zeigen könnte (und in Leipzig immerhin zu sehen ist): wie gut wirklich altes Papier sich über Jahrhunderte erhält. Wie viel von dem, was im frühen 21. Jahrhundert alles so geposted und ins Internet gestellt wird, wird wohl im Jahre 2390 noch gespeichert und verfügbar sein, falls sich jemand dann noch dafür interessieren sollte?

27.10.2020/MK

Anno 1650: Abbildung bei Wikipedia, die eine Seite der „Einkommenden Zeitungen“ zeigt, der bisher ältesten bekannten Tageszeitung

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