BARTELS BETRACHTUNGEN

Ist Twitter wichtig? In Berlin wurde eine Studie zur von Donald Trump beeinflussten „Twitter Diplomacy“ vorgestellt

Von Christian Bartels
29.11.2019 •

Ist Twitter denn nun wichtig? Ja, nein, jein, lautet die Antwort und deren letzter Teil trifft am meisten zu. Das ungefähr zeigte sich am 22. November in Berlin bei der vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) ausgerichteten Veranstaltung „Twitter als Medium politischer Kommunikation im transatlantischen Vergleich“. Hier wurde die noch nicht veröffentlichte Studie „Twitter Diplomacy. Außen- und Sicherheitspolitik in Zeiten von Social Media“ vorgestellt. Erstellt wurde die Untersuchung vom IfM zusammen mit Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität Universität (LMU) München und der Universität Bielefeld, gefördert von der Stiftung Mercator.

Twitter werde oft mit einem Kurznachrichtendienst verwechselt, sei aber „das schnellste Universalmedium“, sagte Lutz Hachmeister, der das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik seit kurzem nicht mehr leitet (vgl. MK-Meldung), aber die Studie seinerzeit als Direktor des IfM initiiert hatte. Er erinnerte an dessen vorangegangene Studie über deutsche Politiker und an knapp ein Jahrzehnt alte Thesen Alan Rusbridgers. Twitter könne, hatte der damalige „Guardian“-Chef und Digitalisierungspionier zum Beispiel prophezeit, die Rolle von Nachrichtenagenturen übernehmen.

Das stimmt schon insofern, als Twitter alleine wenig hermacht. Breit diskutiert werden Tweets erst, wenn sie in den älteren Medien abgedruckt, verlesen oder in sie eingebunden werden. Mindestens 97 Prozent der Deutschen nutzen die Plattform gar nicht und ahnen dementsprechend zunächst auch nichts von den dort oft engagiert und noch öfter erregt bis erbittert geführten Diskursen. Twitter zu ignorieren, um das Schwinden der eigenen Bedeutung zu mildern, ist indes für klassische Medien auch keine Lösung – spätestens seitdem US-Präsident Donald Trump die Plattform strategisch von Amts wegen nutzt. „Boom. I press it, ... and, within two seconds, ‘We have breaking news’“, lautet ein bekanntes Trump-Zitat.

Die Forscher aus München und Bielefeld haben nun Trumps Tweets zum Thema EU und europäische Twitter-Reaktionen darauf verglichen. Dazu erstellten sie eine „Frequent-Terms“-Analyse von Trumps Tweets und präsentierten sie in Form einer Wortwolke. Am größten als Trumps meistbenutzter Begriff erschien dabei – „Donald Trump“. Es geht dem Präsidenten bei Twitter-Kommunikation eben vor allem um Innenpolitik und Selbstdarstellung gegenüber seinen Wählern. Was die Aufgabe der Forscher angesichts der derzeit „46,5 Tsd.“ im Account @realDonaldTrump verzeichneten Tweets erleichterte: Europa und die EU kommen nicht in ausreichendem Ausmaß vor, um es ebenfalls in die Wortwolke zu schaffen. Um Diplomatie und Außenpolitik, erst recht gegenüber Europa, geht es Trump eben kaum.

Donald Tusk twittert rege für Europa

Ob sich tatsächlich von einem „fundamentalen Wandel“ in Weltpolitik und Diplomatie sprechen lässt, weil Twitter „diplomatische Kommunikation für alle sichtbar“ macht, wie Jasmin Siri von der LMU München postulierte? Vielleicht müsste man Nutzungen der Plattform durch womöglich wieder etwas diplomatischer orientierte künftige Supermachts-Präsidenten abwarten. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, in denen durchgestochene Diplomatenpost-Inhalte oder freundschaftliche Beziehungen unter Staatslenkern (wie Helmut Kohl sie noch in Boris Jelzins Sauna spielen ließ) binnen weniger Wochen oder Tage alte Konflikte beilegen oder neue Kriege auslösen konnten. Inzwischen wäre das (oder zumindest Letzteres) in Near-by-Echtzeit möglich.

Immerhin stießen die Forscher auf diverse Twitter-Reaktionen auf Trump in der unscheinbaren EU. Der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, twitterte beispielsweise so rege für das gute alte Europa, dass sein polnischer Name in Berlin manchmal Trump-artig als „Donäld Task“ betont wurde. Frankreichs öffentlichkeitsgewandter Präsident Emmanuel Macron setzte Trump das programmatische #MakeOurPlanetGreatAgain entgegen. Und, sieh an, auch der wohl im Bundesaußenministerium ersonnene, programmatisch bescheidene, dafür leicht verständliche Hashtag #europeunited taucht immer mal wieder auf Twitter auf.

Interessanter ist die Beobachtung, dass Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson, der sowohl von der Frisur her wie auch über seine Innen- und seine kontinentale Außenpolitik wie ein Trump-Nachahmer erscheint, global-außenpolitisch anders, nämlich proeuropäisch twittere. Zwar sucht man bei @BorisJohnson lange vergebens nach Europa, stößt dann aber in der Tat auf sowas. Vielleicht also schweißen Trumps gelegentliche Attacken aufs EU-Europa dieses zusammen. Dann täte es immerhin ein Spitzenpolitiker.

„Ausstieg ist keine Option“

Seitdem Peter Altmaier (CDU), mutmaßlich wegen immer mehr und wichtiger gewordener sonstiger Aufgaben, auf Twitter kürzertritt, mangelt es an hochrangigen deutschen Politikern, die in Tweets mehr äußern als das, was sie auch in jedes Mikro sagen würden. Bei der Studien-Vorstellung waren mit der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) und dem CDU-Veteranen Ruprecht Polenz zwei relative Powertwitterer dabei, die eigenhändig statt durch Social-Media-Teams twittern und deutlich fünfstellige Follower-Zahlen haben. Zum nicht sehr überraschenden Ergebnis der Studie hatten sie interessant gegensätzliche Meinungen. Chebli benannte bekannte Nachteile des Twittern: dass es zu Verknappung und Provokation treibe, dass es Bedrohungen nach sich ziehe, und wie viel extremen Hass es gebe, wovon sie als muslimische Frau umso erfährt. Doch „Ausstieg ist keine Option“, sagte sie, vielmehr müssten deutsche Politiker mehr twittern, um „das Feld nicht den Rechten zu überlassen“.

Polenz hatte festgestellt, wie viel Zeit viele Menschen in den sozialen Medien verbringen, und sich daraufhin von seinem Sohn Accounts einrichten lassen. Sein Offener Brief an den YouTuber Rezo („Die Zerstörung der CDU“), den eigentlich ein ungenanntes älteres Medium angefragt habe, das dann aber doch keinen Platz gehabt habe, erzielte so gut eine Million Klicks. Seither ist der 73-Jährige (der als langjähriger Vorsitzender des ZDF-Fernsehrats ja auch Anteil daran hat, dass das ZDF zu dem wurde, was es nun mal ist) ein digitales Zugpferd seiner Partei. Twitters Wechselwirkungen mit klassischen Medien sieht Polenz pragmatisch: Journalisten wollten und bräuchten ja Politikerzitate und bekämen sie via Twitter einfacher und schneller, als wenn sie anrufen (und dann gar noch Aussagen autorisieren lassen) müssten. Außenpolitisch allerdings sieht Polenz Twitter „außerordentlich problematisch“, da die Plattform gerade nicht konfliktdämpfend wirke, sondern Anforderungen der klassischen Diplomatie wie dem Gesicht-wahren-Lassen und dem Aushalten von Ambiguitäten entgegenläuft.

Mehr Ressourcen, „verschenkte Zeit“

Sawsan Chebli forderte für den Bereich der Politik eine Aufstockung der Ressourcen für die sozialen Medien. In ihrer Zeit als Sprecherin des damaligen Außenministers Walter Steinmeier (SPD) habe bereits ein sechsköpfiges Social-Media-Team im Auswärtigen Amt gewirkt, Steinmeiers Nachfolger Heiko Maas (SPD) habe dann noch aufgestockt. Doch das sei noch nicht genug. Andererseits betonte Chebli mit Recht, dass es „verschenkte Zeit“ sei, die „ellenlangen Diskussionen“ unter Tweets zu verfolgen, in denen sich auch sehr viel Hass äußere.

Es war etwas schade, dass Dorothee Bär (CSU), seit März 2018 im Kabinett der Bundeskanzlerin Staatsministerin für Digitalisierung, bei der Präsentation der Studie nicht dabei war. Bärs polarisierend verkürzte, dabei nicht falsche Aussage Auf Twitter sind nur Politiker, Journalisten und Psychopathen“ darf, so viel steht fest, weiterhin in keinem deutschen Twitter-Einschätzungsversuch fehlen.

Ganz gut wiederum, dass auf der Berliner Veranstaltung der Politikberater Johannes Hillje den Blick darauf lenkte, dass „das digitale Massenmedium der deutschen Gesellschaft“ das deutlich mehr genutzte Facebook sei. Das sei „Bürgersprechstunde“, Tweets hingegen seien „Journalistenbriefing“. Noch besser, dass er dann auch 8chan erwähnte – jenes „Imageboard“ bzw. Bilderforum, das nach den rechtsextremistischen Amokmorden in Halle kurz breiter in der Berichterstattung auftauchte, weil sich der Mörder darin radikalisiert haben könnte. Ob deutschen Verfassungsschützer 8chan vertraut war, ist unklar. Jedenfalls hatten es die Politiker, die nach heftigen Diskussionen im Bundestag das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedeten, nicht auf dem Schirm gehabt – obwohl 8chan durchaus als ein soziales Medium gelten kann.

Ambiguitäten, die ausgehalten werden müssen

Trotz des nahezu monopolistischen Infrastruktur-Charakters, den viele sogenannte sozialen Medien und Plattformen ausstrahlen (und umso stärker annehmen, je mehr sie von häufig steuerfinanzierten Social-Media-Teams aus Politik und Institutionen bespielt werden), gibt es immer noch weitere Plattformen. Das ist unter juristischen und Hassbekämpfungsaspekten schwierig, unter Vielfaltsaspekten durchaus schön und eine der Ambiguitäten, die ausgehalten werden müssen.

Zu den größten Fehlern, die im Umgang mit Twitter gemacht werden können, gehört jedenfalls erstens, es für unwichtig zu halten und zum Beispiel etwas Unwesentliches halbkonzentriert zu twittern. Und zweitens, es für sehr wichtig zu halten und zum Beispiel all die, die sich gerade engagiert bis erregt zu aktuellen Trendthemen äußern, mit einem repräsentativen Ausschnitt der Gesellschaft zu verwechseln. Wobei es sich bei diesen beiden Einschätzungen bloß um die (zugegeben: auch unterm Einfluss von Twitter gebildete) Meinung eines Journalisten handelt, die schon deswegen nicht zu wichtig genommen werden sollte.

• Die vollständige Studie „Twitter Diplomacy. Außen- und Sicherheitspolitik in Zeiten von Social Media“ wird laut IfM in den nächsten Wochen auf der Webseite des Instituts abrufbar sein.

29.11.2019/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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