BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Bitte kein Musikgeklimper mehr in den Fernsehnachrichten von ARD und ZDF

Von Christian Bartels
24.09.2020 •

Das „Heute-Journal“, das Nachrichtenmagazin des ZDF, verdient Lob dafür, dass es sonntags inzwischen verlässlich zum Alltagssendetermin um 21.45 Uhr läuft. Am 13. September ging es natürlich um den Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das „Heute-Journal“ zeigte die Zelte, die das abgebrannte Lager provisorisch ersetzen, und hatte einen Korrespondenten auf der Insel, den Moderator Claus Kleber live befragte.

Der zweite Bericht der Sendung blickte auf die seit dem Brand noch gescheitertere EU-Flüchtlingspolitik zurück: Fotos zeigen die Leiche des ertrunkenen Alan Kurdi. Raunt es leise im akustischen Hintergrund, wenn der kleine Junge mit verpixeltem Gesicht am Strand liegt? Oder zu den Fotos von Flüchtlingsbooten und Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer? Spätestens, als eine Landkarte mit den (bekanntlich nicht vielen) EU-Staaten, die Flüchtlinge aufnehmen wollen, kurz zu sehen ist, sind leise, aber deutlich Pianoklänge zu hören. Muss das sein? Würde eine wenige Sekunden lang eingeblendete Landkarte ohne Musik Publikum zum Wegschalten veranlassen? Wirkt das schreckliche Bild der Kinderleiche ohne Audiodesign nicht?

Im weiteren Verlauf der durchaus gelungenen Sendung – Klebers Interview mit dem griechischen EU-Kommissionsvizepräsidenten Margaritis Schinas machte deutlich, dass von einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik der EU keine Rede sein kann – verzichtete das ZDF auf Untermalungsmusik. Bis zum letzten Beitrag: In der Anmoderation spricht Kleber, den Begriff süffig englisch betonend, das Problem der „Fake News“ an. Der knapp dreiminütige Beitrag stellt die neue, „hochaktuelle“ (Kleber) Ausstellung „Von Luther zu Twitter“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin vor. Im Film zu sehen sind wieder unbewegte Bilder, erst von Martin Luther auf bedrucktem Papier, dann das Donald-Trump-Foto, das den Twitter-Account des US-amerikanischen Präsidenten ziert. Hier ertönt von Anfang an Muzak, mutmaßlich gemeinfreies Geklimper. Ganz besonders, wenn altes Papier gezeigt wird. Sie verstummt nur, wenn der Kurator der Ausstellung, der Soziologe Harald Welzer, seine Ziele erklärt. Offenbar soll Musik kompensieren, wenn auf der Bildebene kurz mal was Unbewegtes erscheint. Dabei steht die Kamera niemals still, sondern fährt pausenlos auf die Objekte zu oder an ihnen entlang.

Lösen Schwarzweiß-Fotos Umschaltimpulse aus?

Dazu eine kleine, nicht-empirische Stichprobe im Lauf der folgenden Woche nach dieser „Heute-Journal“-Ausgabe: Häufig setzen die öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichtenmagazine Musik ein, wenn sie gegen Sendungsende im sozusagen feuilletonistischen Teil Kulturelles empfehlen. Etwa die neue, ebenfalls in Berlin zu sehende Ausstellung des Fotografen Harald Hauswald. Noch bevor der Sprecher des Beitrags anhebt, um zu erklären, wer Hauswald ist, erklingt der erste Ton. Als würden die nicht bunten, leicht sepia getönten Schwarzweiß-Fotos alleine nicht wirken oder Anlass zum Umschalten geben.

Bei ernsten Themen verkneifen sich die Nachrichtenmagazine Musikeinsatz meist. Etwa wenn „Heute-Journal“ und ARD- „Tagesthemen“ erst über das im Ruhrgebiet aufgedeckte mutmaßlich rechtsextreme Netzwerk bei der Polizei berichten, dann über die tagesaktuellen flüchtlingspolischen Berliner Debatten und dann jeweils über Ursula von der Leyens erste Rede zur Lage der EU – dass die Nachrichtenmagazine von ARD und ZDF unterschiedliche Themen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, ereignet sich eher selten.

Doch halt, der Tagesthemen“-Bericht zur Rede von der Leyens gibt, noch bevor die Präsidentin der Europäischen Kommission im Bild erscheint, einen Mini-Überblick über die Themen, die die EU so beschäftigen: „Corona-Pandemie, Klimawandel, Krisen in Nachbarstaaten, der andauernde Druck in Flüchtlingslagern [...] – es sind keine einfachen Zeiten", sagt der Sprecher des Beitrags. In den ersten Sekunden zeigt der Dreiminüter dazu leicht verfremdet abgefilmte Fotos von Demonstrationen, von der Sonne und von Russlands Präsident Wladimir Putin. Und dazu erklingt Pianogeklimper. Es setzt aus, wenn die Kommissionspräsidentin redet und wenn ein Experte aus einer nicht weiter erläuterten „Denkfabrik“ ihre Rede kritisiert. Offenbar, diese Faustregel lässt sich ableiten, soll Musik kompensieren, wenn kurz unbewegte Bilder im Fernsehen auftauchen – ob sie aus gutem Grund eingesetzt werden wie im Fall der Ausstellungen oder weil den im Off-Kommentar gesprochenen Text ja irgendwas auf Bildebene illustrieren muss.

Sensibilität ist da. Im folgenden „Tagesthemen“-Beitrag ging es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder: Eine inzwischen erwachsene Betroffene, die ihren echten Namen nicht nennt, doch ihr Gesicht der Kamera zeigt, schildert Erlebnisse. Und vorm Bildschirm ist man froh, dass dieser Film sich nicht bemühte, passende Musikuntermalung zu finden. Vielmehr ist Vogelgezwitscher im Hintergrund zu hören und dabei belässt man es auch, was auf seine Art überzeugend ist, die junge Frau sitzt eben in einem Park.

Ein einfacher Weg, die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen

Die „Tagesthemen“ versuchen gerade, sich ein wenig neu zu erfinden. Es scheint, als könnten sie von der Umbenennung ihrer oft öden „Kommentar“-Rubrik in „Meinung“ profitieren. Manchmal werden da nun tatsächlich kontroverse Ansichten geäußert. Ob die neue „Mittendrin“-Rubrik in dem ARD-Nachrichtenmagazin eher Helikopterjournalismus darstellt oder regionale Stärken der ARD besser ausspielt, muss sich noch zeigen. Als es da um den im Saarland liegenden 1000-Einwohner-Ort Remmesweiler ging, erklingt erst mal ein Hauch von Gitarrenklängen, die offenbar an solche Soundtracks erinnern sollen, mit denen Hollywood-Filme verlassene Dörfer vorstellen. Sobald das saarländische „Smart-Village“-Projekt ins Spiel kommt, um das es in dem „Mittendrin“-Viereinhalbminüter eigentlich geht, tönt kurz zupackende Aufbruchsmusik. Immerhin aber werden die Atmo-Geräusche des pausenlos vorbeibrausenden Autoverkehrs nicht übertönt, die viel besser aussagen, worin ein Problem des Dorfes besteht. Das war’s auch schon mit Musikeinsatz in diesem Film. 

Es ist also gar nicht sehr viel Untermalungsmusik, die die Nachrichtenmagazine einsetzen. Sie fällt nur auf, wenn man drauf achtet. Dann wirkt sie nicht, als erfülle sie publizistischen oder künstlerischen Wert, sondern wenigstens wie eine Misstrauenserklärung an die Bilder (als ob Hanswalds Fotos das ZDF-Publikum vertreiben würden), oder eher noch: plump manipulativ.

Über das weite Feld der „Informationskriege“, „Fake News“ und manipulierten Nachrichten ließen sich Bücher schreiben (wie Claus Kleber es ja tut), die bloß Gefahr liefen, bei Erscheinen den dynamischen Entwicklungen schon wieder weit hinterherzuhinken. Vieles, was „Fake“ genannt wird, ist keineswegs vollständig falsch, sondern arbeitet mit Spins, bei denen sich lange darüber streiten ließe, wo sie unkorrekt zu werden beginnen. Manipulationen fangen beim „Framing“ der gewählten Begriffe an und hören bei komplett gefälschten Ton- und Bewegtbild-Sequenzen nicht mehr auf. Manchmal arg regierungsnahe, aber unabhängige öffentlich-rechtliche Medien konkurrieren mit Staatsmedien etwa der Türkei, Russlands und Chinas und mit Trump auf Twitter sowieso. Und die Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen wird von verdammt vielen Seiten oft auf ungerechte Weise in Zweifel gezogen.

Was würden ARD und ZDF also verlieren, wenn sie auf das überflüssige bisschen Untermalungsmusik in Nachrichtensendungen komplett verzichteten? Sehr viel weniger vermutlich, als sie gewinnen würden, wenn deutsche öffentlich-rechtliche Nachrichten sich unter anderem daran erkennen ließen, dass sie auf Musik (sofern sie nicht im On, bei Festakten, Staatsbesuchen oder Konzerten, über die berichtet wird, gemacht wird) einfach grundsätzlich verzichten würden. Das wäre ein sehr einfacher Weg, die eigene Glaubwürdigkeit erheblich zu erhöhen.

24.09.2020/MK

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