BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Die Alles-Mögliche-Illustrierte mit Hollywood-Faible, die Springer für den europäischen Kultursender Arte herstellt

Von Christian Bartels
18.08.2020 •

Hätten Sie’s aktiv gewusst? Arte, den deutsch-französischen bis gesamteuropäischen Kulturkanal, gibt es auch zum Lesen. Das monatliche „Arte-Magazin“ kann man preiswert abonnieren und dabei noch eine „exklusive Prämie“ auswählen (sofern man nicht lieber den Klimaschutz fördern“ möchte). Die vor allem durch Abos und mit 8851 Stück im Einzelverkauf zu derzeit 3,20 Euro verbreitete Auflage liegt den aktuellen Mediadaten zufolge (PDF) knapp unter 100.000. Seit 2015 wird die Zeitschrift vom Axel-Springer-Konzern produziert (vgl. MK-Meldung). Das wird nach einem Pitch unter interessierten Verlagen auch für fünf weitere Jahre so bleiben, wie kürzlich bekannt wurde. Da ist sogar von 150.000 Exemplaren verbreiteter Auflage die Rede.

Das 84-seitige Heft lässt sich gut und vor allem flott durchblättern. Es beginnt mit einem Editorial von Arte-Präsident Peter Boudgoust, das in der aktuellen Ausgabe Nr. 08/2020 so sommerlich-freundlich klingt („Ich wünsche Ihnen einen erholsamen August und viel Vergnügen mit dem Arte-Programm“), dass es schon im Sommer 2019 gestimmt haben und im Sommer ’21 auch noch gültig sein dürfte. Darauf folgt eine Wundertüte aus vielen Bildern mit vielen kurzen Texten. Zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 werden in einer Spalte drei Bücher in je vier Zeilen vorgestellt. Manche eher werbliche als analytische Texte über neue Arte-Produktionen begegnen aufmerksamen Lesern am Anfang („Mit Arte um die ganze Welt“), in der Mitte (im Programmteil) und am Ende des Hefts (im „Filmfinder“ oder „Dokufinder“) in ähnlicher Form. Größere Aufmerksamkeitsspannen scheint Arte seinem Publikum nicht zuzutrauen.

Die Titelstory immerhin ist vier Seiten lang. Die aktuelle August-Ausgabe porträtiert Meryl, die Magische“ Streep, also „die Hollywood-Ikone“, „die Königin von Hollywood“ bzw. „unverstellte Göttin“, wie Arte auf den ersten Seiten aus dem Lobhudeln gar nicht mehr herauskommt. Zum Glück schlagen Arte-Sendungen oft einen anderen Tonfall an. Das Porträt führt eine lange Reihe mit Protagonisten des nicht mehr jungen, eher junggebliebenen, US-amerikanisch geprägten Popkultur-Mainstreams als Titelstars des „Arte-Magazins“ fort. So zeigte das Blatt zuletzt etwa Jack Nicholson, Jimi Hendrix, Tina Turner und Blondie-Sängerin Debbie Harry auf seinen Titelseiten. Okay, Romy Schneider war auch mal drauf. Und was mit Internet und Kulinarik geht immer. Auf die Idee, dass da ein europäischer Kultursender dahintersteckt, kommt man allerdings kaum.

Wow, James Bond mochte Beethoven!

Dabei geht es im Heft durchaus um Europäerinnen und Europäer. Doppelseitig wird in der aktuellen Ausgabe Elsa Dreisig interviewt, die Sopranistin dänisch-französischer Herkunft, die an einer Berliner Oper engagiert ist und nun in Salzburg singt. Dass sie gängigen Schönheitsidealen nicht entspräche, kann ihr niemand nachsagen. Mario Adorf ist vielleicht nicht ganz der „Weltstar“, als der er hier auch wieder apostrophiert wird, hat aber von Rom aus in guten Filmen in ganz Europa mitgewirkt. Sollte er, der in Kürze 90 Jahre alt wird, zu alt für eine Titelseite wirken, gäbe es die (vom „Arte-Magazin“ kleinformatig auch genutzte) Möglichkeit, ihn als jungen Mann mit Latin-Lover-Ausstrahlung zu zeigen. (Am Rande: Mit der Entscheidung, statt der im Heft zu Themen wie „Rassismus, Sexismus und Homophobie in der Musikindustrie“ interviewten Musikerinnen Joy Denalane und Ilgen-Nur auf dem Titel doch lieber ein älteres Foto des früher jüngeren Bruce Springsteen zu zeigen, erzielte der „Rolling Stone“, eine der sehr wenigen noch bei Springer erscheinenden Zeitschriften, übrigens gerade Aufmerksamkeit).

Der seltsame Drall des gedruckten Magazins des europäischen Kulturkanals zu Hollywood zieht sich seit Jahren durch die Hefte. Die aktuelle Ausgabe stellt in einem viertselseitigen Textchen Schauspielerin Audrey Tautou vor, deren bekanntesten Film, „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2000), Arte am 2. August (20.15 Uhr) auch noch einmal zeigte. Bei ihr hatte „Hollywood an ihre Tür“ geklopft und sie hatte dann mit Tom Hanks gedreht, erfährt man. Und ein paar Zitate aus den Nuller Jahren liest man. Was Tautou seit 2010 jen- bzw. diesseits von Hollywood so macht, erfährt man nicht. Und Charlotte Gainsbourgh, deren Film „Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ Arte direkt nach „Amélie“ ausstrahlte? Erst recht Fehlanzeige.

Artes gedruckte Fixierung auf älteres Hollywood zeigte sich auch, als es um den „ewigen Mythos Beethoven“ ging. Dazu hieß es im Dezember 2019: „‘Für Elise’: Das Klavierstück in Popsonglänge ist in den Telefon-Warteschleifen der Welt zu hören, und James Bond verführt dazu ein Bond-Girl. ‘Für Elise’ spielt eine Schlüsselrolle in Roman Polanskis Horror-Klassiker ‘Rosemary’s Baby’ (1968) und begleitet den Auftritt des Nazi-Schurken, gespielt von Christoph Waltz, in Quentin Tarantinos ‘Inglourious Basterds’ (2009) als ironischer Soundtrack der bürgerlich-germanischen Hochkultur.“ Beethoven wäre gewiss stolz gewesen, wenn er das im Alter von 198 bzw. 239 Jahren noch hätte erleben dürfen.

Das ist natürlich kein Grund zur Aufregung. Es ist ja nur eine Zeitschrift, die jeder sofort weglegen kann (und niemand mehr auf den Fernseher, seitdem alle Bildschirme flach sind). Und die seltsame Scheu, Europäisches größer zu präsentieren, führt zum Sender selbst. Bei Arte wirken bekanntlich beide Stränge des hochkomplexen deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens und das kaum unkomplexere Arte France zusammen. Europäisches Programm scheint nirgends gut zu funktionieren. Deshalb drehen die großen deutschen Sender ihre Kroatien- und Bretagne-Krimis und Cornwall-Schmonzetten ja lieber selber.

Vielleicht hat es auch etwas zu bedeuten, dass Arte die weiterhin bemerkenswerte dänische Serie „Forbrydelsen“, deren drei Staffeln das ZDF ab 2008 unter dem Titel „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“ sendete, inzwischen unter dem eher noch langweiliger klingenden Titel „The Killing“ wiederholt. Auf diesen Titel weist eine Eigenanzeige in der August-Ausgabe des „Arte-Magazins“ hin (in dem die große Zahl der Eigenanzeigen darauf deutet, dass das Geschäft mit gedruckter Werbung für „hoch gebildete, einkommens- und konsumstarke“ Leser, von denen die Mediadaten sprechen, im Moment wohl verdammt schwierig ist).

Und zugegeben: Als Wundertüte zum Zeitvertreib funktioniert das Arte-Heft. Wer in die Texte einsteigt, entdeckt außer vielem, das einen nicht interessiert, auch Interessantes – ähnlich wie im Arte-Programm (und in dem aller öffentlich-rechtlichen Sender). Gut sind die Hinweise, die das „Arte-Magazin“ auf Mediatheken-Verweildauern gibt, bei denen es sich ja auch um eine Wissenschaft für sich handelt.

Die „Hörzu“ lässt grüßen

Es ist bloß schade, dass die opulent gemachte Zeitschrift, mit der der europäische Kulturkanal für sein Programm werben möchte, so uneuropäisch wie möglich rüberzukommen versucht, in der visuellen Gestaltung ganz besonders. Schade auch deshalb, weil es gar nicht sein muss: In Frankreich erscheint Springers gedrucktes monatliches „Arte-Magazin“ nicht, sondern eine von Arte France selbst publizierte wöchentliche Version. Und die ist ein Fest für die Augen, schon wenn man auf die Titelseiten schaut: Da geht’s um Griechen, Guillaume Galliene (wie der Name andeutet, ein französischer Schauspieler), Elsa Dreisig in Salzburg, „Richard III.“, Sofie Grabol aus „Kommissarin Lund“/„The Killing“, Simone Signoret, das Kinomotiv „Amour fou“ und, was Deutsches angeht, um Beethoven und Berlin. In so einer Reihe schadet natürlich auch die große Schauspielerin Meryl Streep nicht. Europas Geschichte und Gegenwart, Kultur und Zukunft sind bunt, zeigt sich. Im thematischen Vergleich mit dem französischen Pendant wirkt Springers deutsches „Arte-Magazin“ wie eine globalisierte Version der Programmzeitschrift-Illustrierten „Hörzu“ (mit der Axel Springer bekanntlich einst seine Karriere begann, wobei sein Verlag das Blatt 2013 dann aber verkaufte).

Immerhin, komplett europäisch geht es am Ende des Hefts auf der „Genießen“-Seite im Ressort „Agenda“ zu. In der Rubrik „So isst Europa“ werden Rezepte vorgestellt, aktuell für Apfelschlangl aus dem Salzkammergut. Auch das ist keineswegs schlimm, sondern schmeckt wahrscheinlich sogar gut. Allerdings hätte jeder Presseverlegerverband recht, der sich darüber echauffierte, dass öffentlich-rechtliches Kulturfernsehen mit so etwas gedruckt auf dem schwierigen Zeitschriftenmarkt mitmischt. Wobei: Es ist ja eine Abteilung des Konzerns des amtierenden Zeitungsverlegerverbands-Präsidenten Mathias Döpfner, die das „Arte-Magazin“ macht.

18.08.2020/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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