BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Die Musiktruhe als Vorgängerin des Smartphones: Museen zur Medienarchäologie von Wolfenbüttel bis Fürth

Von Christian Bartels
29.06.2020 •

 Der Rundfunk ist noch keine 100 Jahre alt. Im Lauf der Zeit haben sich Rundfunkempfangsgeräte nicht nur ganz schön verändert, als eigenständige Geräte haben sie sich beinahe verflüchtigt. Radios schrumpften auf die minimale Größe von Chips, die wie viele andere in sogenannte Smartphones eingebaut werden. Oder wurden: Während Empfänger fürs analoge UKW-Radio lange standardmäßig in Handys verbaut wurden, sind solche für digitales, den Strom- und Datenvolumenverbrauch schonendes DAB-Radio in Smartphones kaum enthalten. Ob der Digitalradio-Standard sich überhaupt noch durchsetzen wird, darüber können Radio-Aficionados bekanntlich lange streiten. Jedenfalls bestehen viele Radios inzwischen eigentlich nur noch aus den Lautsprechern, die man in oder auf den Ohren tragen kann, aber nicht muss.

Gewiss sind Geräte zum Fernsehen, das auch unter den Rundfunkbegriff fällt, oft ziemlich groß. Die meisten, die die „Stiftung Warentest“ in ihrer Datenbank aufführt, haben eine Bilddiagonale zwischen 140 und 165 cm. Im Grunde beschränkt diese Größe sich allerdings auf den Bildschirm. Der ganze Rest in Form von Röhren, der bis ins dieses Jahrtausend hinein Fernsehgeräte wuchtig, tief und schwer machte, ist verschwunden. (Und auf dem Smartphone lässt sich ja auch fernsehen.)

Die rasante Entwicklung sehr unterschiedlicher, lange Zeit großer Geräte ist interessanter Stoff für Museen. Was-mit-Rundfunk-Museen gibt es quer durch Deutschland. In Bad Laasphe am Rothaargebirge und südöstlichen Rand Westfalens etwa befindet sich ein Radio-Museum, das derzeit allerdings Corona-Virus-halber noch geschlossen zu haben scheint.

Als Radios „Hawaii“, Fernseher aber auch „Astronaut“ hießen

Den vielleicht besten Überblick über die deutsche Rundfunkgeräte-Geschichte gibt das Rundfunkmuseum im fränkisch-bayerischen Fürth. Das schönste Museum mit den spektakulärsten Geräten indes sitzt im niedersächsischen Wolfenbüttel: Es ist das „Kuba-Tonmöbel-Museum“, das seinen Namen im Übrigen nicht wegen der Karibikinsel trägt, obwohl das Benennen von Radios nach Traumreisezielen wie Hawaii lange Mode war (und die Insel vor der Castro-/Che-Guevara-Revolution 1959 ja zum Westen gehörte). Der nach dem Krieg in Niedersachsen gelandete Schlesier Gerhard Kubetschek hatte, als er das Unternehmen Kuba gründete, einfach seinen in der Wehrmacht der Nazi-Zeit vereinfachten Rufnamen als Markenzeichen eingetragen.

Seine Firma stellte ab 1948 „Tonmöbel“ her, die das Erfolgsrezept der Smartphones unter damals völlig anderen Bedingungen auch schon beherzigten: viele unterschiedliche Funktionen in einem Produkt zu vereinen. „Musiktruhen“ und „Fernsehtruhen“ konnten außer Radios und/oder Fernsehern zum Beispiel auch Schallplattenspieler, Plattenhalter und Tonbandgeräte enthalten – sowie verspiegelte und ausgeleuchtete Schrankfächer für eine Flasche Cognac (oder Kräuterschnaps, wie er in Wolfenbüttel weiterhin hergestellt wird) und entsprechende Gläser.

Natürlich waren diese Truhen ziemlich schwer. Knapp 200 Kilogramm soll das spektakulärste Ton- und Fernsehmöbel von Kuba wiegen und nur von vier Menschen gemeinsam zu transportieren sein – auch wegen seiner extravaganten Form: Die „Komet“-Truhe kann einem im Internet als „the most ass-kicking retro home entertainment system ever made“ begegnen und steht in Museen zwischen Frankfurt am Main und New York. Sie kann als ikonisch für die „Nierentisch“-Ära der Nachkriegszeit gelten, auch wenn oder gerade weil die zackig asymmetrische Spitze des drehbaren Aufsatzes sich von weich geschwungenen Nierenformen abhebt.

Dennoch verkauften sich Kuba-Geräte so erfolgreich, dass der Gründer seine Firma mit vier Produktionsstandorten im mittleren und südlichen Niedersachsen, an denen insgesamt mehr als 4000 Menschen arbeiteten, im Juli 1966 für stolze 80 Mio DM an den US-amerikanische Konzern General Electric veräußern konnte. Woraufhin es bald bergab ging: Das Wolfenbütteler Werk schloss 1996, nachdem es an AEG-Telefunken weitergereicht worden war. Von der Größe zeugen noch die einstigen Fabrikhallen nahe der Wolfenbütteler Altstadt. Im vierten Stock des Bürogebäudes befindet sich das Kuba-Tonmöbel-Museum.

Dort lässt sich eine große Sammlung von Rundfunkgeräten aller Art besichtigen, etwa Tefifone und den nach eigenen Angaben „ältesten funktionsfähigen Farbfernseher in Deutschland“ (einem Gerät des US-Unternehmens RCA). Oft regulär geöffnet hat das Museum nicht, sondern nur „jeden zweiten Samstag im Monat von 14.00 bis 18.00 Uhr“, aber Uwe Erdmann, der 1. Vorsitzende des Kuba-Museums-Vereins, und sein Team öffnen auch auf Anfrage gerne – sofern die derzeitigen Corona-Regeln eingehalten werden, was in der großzügig angelegten Räumlichkeiten kein Problem darstellt.

Wie Radios von Möbeln zu mobilen Geräten wurden

Noch systematischer lässt sich die Rundfunkgeräte-Entwicklung in Fürth an einem ebenfalls authentischem Ort verfolgen: Sitz des dortigen Rundfunkmuseums ist die Verwaltung der Grundig-Werke, die einst noch größer waren als Kuba und genauso verschwunden sind – auch wenn der Markenname weiterhin auf über 500 verschiedenen Produkten“ des türkischen Besitzers des Unternehmens klebt; die Produktpalette reicht vom Hairstyler bis zu Fernsehern.

In dem Fürther Museum lässt sich gut nachvollziehen, wie frühe Radios aus der Zeit vor dem Durchbruch der Röhrentechink mit Detektorempfängern arbeiteten, die zwar das Ausgestrahlte nur leise und damit allein unter Kopfhörern hörbar übermittelten, aber auch keinen Strom benötigten, der in den 1920er Jahren ja noch keineswegs überall verfügbar war. Natürlich ist der „Heinzelmann“ zum Selberbauen zu sehen, mit dem Max Grundig nach dem Zweiten Weltkrieg durchstartete, nachdem er während des Kriegs Steuerungsgeräte für V1- und V2-Raketen hergestellt hatte.

Noch besser lässt sich die erste entscheidende Verbesserung nach den Röhren nachvollziehen: Transistoren waren schon anno 1947 klein und wurden schnell noch kleiner, so dass sich Radios von großen Statussymbol-Möbeln zu mobilen Geräten entwickelten. Deutsche Hersteller hinkten dieser Entwicklung hinterher, auch wenn der „erste 36-cm-Fernsehvolltransistor der Welt“ 1963 der Kuba-Kofferfernseher „Astronaut“ gewesen sein soll (der wiederum in Wolfenbüttel ausgestellt ist).

Zur Fülle der Fürther Geräte gehören ein Nachbau des „Einheitsfernsehers E1“, der in der Nazi-Zeit äquivalent zum Volksempfänger-Radio entwickelt wurde, jedoch wegen des zur selben Zeit begonnenen Zweiten Weltkriegs nicht in Produktion ging, und Music- oder Jukeboxen, die für den ersten Anschein von Spotify-artiger Auswahl sorgten. Zu Entwicklungen, die vorübergehend bahnbrechend waren, aber von weiteren Entwicklungen so schnell überholt wurden, dass sie nur noch medienarchäologisches Interesse verdienen, gehören der Bildschirmtext und die Bewegtbildaufzeichnung auf Magnetbändern. Da waren Grundig und der niederländische Philips-Konzern einst führend und konnten sich doch nicht durchsetzen gegen das auch längst sehr ehemalige japanische VHS-System...

Das physische Speichermedien überflüssig machende Speicherformat mp3 wurde im benachbarten Erlangen entwickelt, allerdings profitierten fränkische Gerätehersteller nicht davon. Tat es mittelfristig überhaupt irgendeiner außer Apple? Die Frage führt in die weiterhin dynamische Gegenwart. Dass die Fürther Ausstellung über die gewaltige Grundig-Pleite, die Tausende Arbeitsplätze kostete, leicht hinweggeht, ist verständlich, aber eine Schwäche des Museums.

Der Grundig-Sitz befand sich in Fürth nahe der Nürnberger Straße, die jenseits der nahen Stadtgrenze zu Nürnberg zur Fürther Straße wird und industriehistorisch hochinteressant ist. Die Straße verläuft ziemlich schnurgerade, auch weil sie auf der Strecke der allerersten deutschen Eisenbahn verläuft, die ab 1835 zwischen den beiden Städten fuhr. An ihren Rändern entstanden große Fabriken und Handelsunternehmen, von denen viele erst in diesem Jahrhundert eingingen.

So befindet sich auf der Nürnberger Seite das Gelände „Auf AEG“, wo lange Zeit Elektrogeräte hergestellt wurden und die „Konversion von Brachflächen“ mit gewissem Erfolg im Gange ist, während das Projekt „The Q“ schräg gegenüber erst ab 2021 verwirklicht werden soll. Auf den Hauptsitz von „Quelle“ (und darauf, dass der Versandhändler zunächst auch im jungen Internet erfolgreich war), verweisen ein hoher Betonturm mit den weithin sichtbaren Zeichen „Q“ und „@“ obendrauf. Industrie- und Wirtschaftsgeschichte lässt sich an der Fürther Straße in Nürnberg und der Nürnberger Straße in Fürth gut nachvollziehen.

29.06.2020 – MK

P.S.: Einen vollständigen Überblick über Rundfunkgeräte-Museen gibt diese Kolumne natürlich nicht. Es gibt, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, auch noch eines in Staßfurt in Sachsen-Anhalt. In dieser Stadt befand sich einst nicht nur das Zentrum der DDR-Rundfunkgeräteherstellung, sondern dort werden auch heute noch weiterhin Rundfunkempfangsgeräte produziert.

29.06.2020/MK

Spektakuläres Ton- und Fernsehmöbel: die „Komet“-Truhe des früheren Unternehmens Kuba

Das Rundfunkmuseum in Fürth gibt den vielleicht besten Überblick über die deutsche Rundfunkgeräte-Geschichte

Fotos: Christian Bartels


Print-Ausgabe 13-14/2020

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