BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Die Bildergalaxis des digitalen Zeitalters: Über die Wirkmacht von Fotos und Videos

Von Christian Bartels
14.06.2020 •

So viele Fotos und Videos wie jetzt gab es noch nie, und so schnell Wirkung entfalteten Bilder erst recht noch nie. Der „Iconic Turn“ des Digitalzeitalters ist, mit voller Wucht, eingetroffen. Als Trendbegriff ist „Iconic Turn“ ein älterer Hut. Das Buch gleichen Titels, das Hubert Burda (ältere Mitbürger erinnern sich...) schrieb, ist bereits ein Jahrzehnt alt. Gemeint war und ist die Wende von der textbasierten „Gutenberg-Galaxis“ des Gedruckten, das ab dem 15. Jahrhundert ähnlich revolutionär wirkte wie in der Gegenwart die Digitalisierung, bloß viiiel langsamer, hin zur von Bildern bestimmten Galaxis.

Und die zeigt sich derzeit so eindeutig und global-gleichzeitig wie wohl nie zuvor. Sicher auch darin, dass YouTuber sowas wie die neuen Leitartikler sind. Vor allem aber darin, wie „ikonische“ Bilder – meist bewegte und wenn unbewegte, dann solche, die es bewegt auch gäbe – die Entwicklung, die Medien und die Menschen treiben. Die schon sprichwörtlich gewordenen „8 Minuten und 46 Sekunden“, in denen der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis, bis er starb, von einem Polizisten auf den Boden gepresst wurde, dürften als die Bilder, die am schnellsten die meisten Reaktionen ausgelöst haben, in die Mediengeschichte eingehen. Und vor wenigen Jahren wäre es noch unwahrscheinlicher gewesen, dass eine zufällige Zeugin diese Szene aufgenommen hätte, weil Kameras schwerer, teurer und weniger verbreitet waren, und unwahrscheinlicher, dass Aufnahmen sich so schnell verbreitet hätten, weil Bandbreite zum Rauf- und Runterladen von Videos knapper war.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Zur Wirkung des Videos, das das Sterben von George Floyd zeigt, trugen weitere, kurz zuvor entstandene Videos bei. Ein vielfach beschriebenes zeigt eine weiße US-Amerikanerin, die ihres Hundes wegen in verbalen Streit mit einem schwarzen US-Amerikaner gerät. Offenkundig folgt sie einem eingespielten Reflex, ruft auf ihrem Handy die Polizei an und behauptet, von dem Schwarzen bedroht zu werden – was sichtlich nicht stimmt. Das Video, in dem beide Personen zufällig denselben Nachnamen Cooper tragen, wirkt wie gemacht, um sowohl rassistische Vorurteile als auch den erst recht rassistischen Umgang mit ihnen zu zeigen.

Von einer Art aktueller Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zeugt es außerdem: Zwar will die Frau sich zunutze machen, dass man dank Taschentelefonen überall telefonieren kann. Dass jedes Telefon serienmäßig (mindestens) eine Kamera und ein Mikrofon enthält, die alles aufzeichnen und schneller veröffentlichen können, als die Polizei kommen könnte, scheint ihr allerdings nicht bewusst zu sein. Als Lehrstück für schnelle Verbreitung kann das Video überdies dienen. Es ist auf Twitter, Facebook und YouTube zu sehen und lief in den USA im traditionellen Fernsehen etwa bei CNN, Fox News und NBC. CBS hatte dann als erstes die Nachricht, dass ihr Arbeitgeber die Frau entlassen hat.

Die Gegenseite, wenn man den amtierenden US-amerikanischen Präsidenten auf ihr verortet, produziert natürlich auch schon lange und routiniert Bilder. Donald Trump ist nicht bloß auf der Höhe der Medienentwicklung, sondern einer ihrer einflussreichsten Treiber. Das Bild von Donald Trump mit der Bibel in der Hand vor der St.-John’s-Kirche in Washington, das vermutlich als unbewegtes gedacht (und auch hierzulande auf vielen Zeitungstitelseiten zu sehen) war – wird es „in die Geschichtsbücher der USA eingehen“? Das vermutete, etwas rückwärtsgewandt tagesschau.de.

Oder wird künftige Geschichts-Apps doch eher die Produktionsgeschichte interessieren, also wie der Präsident „sich den Fußweg zu einer nahe dem Weißen Haus gelegenen Kirche mit Tränengas freischießen“ ließ? Vielleicht beides nebeneinander. Zeigt beispielsweise diese Fotomontage eines indischen Portals neben dem Trump-Foto seine Produktionsbedingungen oder eher symbolisch einen anderen Tränengas-Einsatz? Nicht so wichtig. Bilder wirken oft gewaltig, aber keineswegs immer durch Authentizität, die oftmals ja schwer nachzuvollziehen ist.

Die Demokratisierung der Produktionsmittel

Kürzlich in Berlin wurden der ZDF-Journalist Arndt Ginzel und ein Kameramann am Rande einer Gerichtsverhandlung verbal und auch handgreiflich attackiert. Ginzel wurde 2018 durch Filmaufnahmen des Pegida-Demonstranten bekannt, der nicht gefilmt werden wollte – obwohl Filmaufnahmen von Demonstrationen natürlich legal sind – und der wegen seiner Wut und seines Hutes daraufhin als „Hutbürger“ bekannt wurde. Netzpolitik.org zeigt diverse Bilder vom Berliner Vorfall, unbewegte und bewegte. Einige hatte Ginzel zunächst auf seinem Twitter-Account veröffentlicht.

Ein Video zeigt, wie ein Gerichtsbeamter die Fernsehkamera runterdrückt. Das wurde natürlich nicht von der Fernsehkamera aufgenommen, sondern von einem weiteren anwesenden Journalisten per Smartphone. Nicht, dass alle Seiten gleichgesetzt werden sollen, aber es würde überraschen, wenn die Gegenseite – Sympathisanten des Rechtsextremisten Sven Liebich, dem der Gerichtstermin galt und der unter anderem einen Telegram-Kanal betreibt – nicht ebenfalls Bilder produziert hätte. Die Demokratisierung der Produktionsmittel kommt ja allen zugute.

Zusätzlich gibt es natürlich unzählige Manipulationsmöglichkeiten. Deepfakes“ sind ein Kapitel für sich. Dass es dennoch wirksamer sein kann, Massenszenen vor den Kameras zu manipulieren, die sich auf sie richten, gehört ebenfalls zur aktuellen Gemengelage in den USA. Und dass jegliches Bild aus seinem Originalzusammenhang entnommen und in völlig andere, auch gegenläufige Kontexte eingerahmt werden kann, ist ein besonders alter Medien-Hut.

Wohin führt die Entwicklung? Jedenfalls nimmt sie dem klassischen Journalisten weiter Einfluss. Der Torwächter/Gatekeeper, der bestimmt, welche Bilder sein Publikum in welchem Rahmen zu sehen bekommt, ist er weniger denn je. In Nachrichtensendungen und erst recht in gedruckten Zeitungen muss er mit Bildern operieren, die weite Teile der Zielgruppe schon mal x-mal gesehen haben. Dass der Bedarf nach zuverlässiger Einordnung der Bilderflut steigen wird, kann man immerhin hoffen. Immer noch mehr Macht gewinnen die Plattformen, die sogenannten sozialen Medien, die alle Bilder aufnehmen und ausspielen, empfehlen und dermaßen verbreiten, dass sie Angebot und Nachfrage dominieren.

Was „teilen“ bedeutet...

Natürlich ist es richtig, wichtig und gut, dass Unrecht in Form von Bildern dokumentiert verbreitet wird. Natürlich hat es, andererseits, negative Folgen, wenn Bilder von Gewalt pausenlos weiterzirkulieren. Zum Beispiel ist das Video aus Minneapolis „retraumatisierend für Opfer rassistischer und/oder körperlicher Gewalt und reduziert George Floyd auf eine afroamerikanische Leiche, wie es in der amerikanischen Ikonographie schon viel zu oft der Fall ist“, schreibt Samira El Ouassil bei uebermedien.de über solche Ambivalenzen.

Wenn der amtierende US-Präsident nun angekündigt hat, das „Providerprivileg“ der Plattformen zu reformieren, geschieht das nicht aus gesamtgesellschaftlichen oder globalen Gründen (auch wenn genau dieses Privileg dem von infrastrukturartigen Plattformen dominierten Internet überall, zumal auch in Europa, den Rahmen gibt); es geschieht aus egoistischem Grund und weil Trump wütend ist: weil Twitter einen Tweet des Präsidenten mit einem kleinen blauen Ausrufezeichen versehen hat. Das heißt dennoch nicht, dass Trump mit diesem Plan völlig falsch liegt. Ob es besser oder zumindest weniger schlecht ist, wenn die Informations- und besonders die Bilderflut durch kaum transparente, profitorientierte Konzerne gelenkt wird, die vor allem jede Art von Emotionalisierung belohnen, oder durch demokratisch-rechtsstaatlich legitimierte Instanzen, gehört zu den offenen Fragen.

Wohin also wird die Entwicklung führen? Erhöht sie die Empathie der Menschheit, weil so viel Leiden – wie dasjenige George Floyds am Ende seines Lebens – sichtbarer denn je wird? Erschöpft sie die Empathie irgendwann? Der Autor weiß es gerade auch nicht.

„Not sharing is also caring“ heißt die Überschrift des erwähnten El-Ouassil-Artikels, der unter anderem dazu auffordert, das „Teilen“, den wesentlichsten Treibstoff der sogenannten sozialen Medien, neu zu betrachten. Tatsächlich bedeutet digital teilen überhaupt nicht mehr, wie in einer ursprünglichen Bedeutung des Verbs, halbieren. Das Gegenteil, duplizieren, bedeutet es auch nicht. Wäre das Video von Georgs Floyds letzten Lebensminuten nicht einmal, sondern zweimal und dann vier- und dann vielleicht noch achtmal gespeichert und gesehen worden, wäre nicht viel geschehen. Digitales Teilen ist exponentielles Vervielfachen, von Bildern ganz besonders. Die kurzfristigen Folgen sind gewaltig, die mittel- und langfristigen Folgen noch nicht abzusehen.

14.06.2020/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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