BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Wer soll das alles hören? Die deutsche Podcast-Landschaft ist inzwischen so unüberschaubar wie unüberhörbar

Von Christian Bartels
28.05.2020 •

„Über 17.000 Podcasts“ allein in Deutschland zählte im März der Dienstleister Podimo. Bloß auf „mehr als 6000“ regelmäßige Podcasts in Deutschland, dafür „weltweit 300 Millionen“, kam „Werben & Verkaufen“ zum Jahresanfang 2020. Unüberhörbar viele Podcasts – also Audioinhalte zum zeitsouveränen Abruf – gibt es jedenfalls. Wer soll das alles hören?

Diese Frage ist weder neu noch richtig gestellt. Niemand soll alles hören. Und genauso berechtigt wäre es, zu fragen, wer all die vielen, häufig guten Texte lesen soll, die nicht selten ohne Zeilen- und Zeichenbegrenzung im Internet stehen, und wer all das abrufbare Bewegtbildmaterial von wenigen Sekunden Länge bis hin zu vielstündigen Serienstaffeln anschauen soll.

Menschheit und Medien befinden sich eben in einer Übergangsphase. Die Text-, Ton- und Bildmedien, deren Anzahl und Angebot schon während der frühen Digitalisierung stark anstieg, als die Knappheit der Frequenzen und sonstiger Ressourcen überwunden wurde, stellen mehr oder weniger alles, was sie auf traditionelle Weise zum Lesen, Hören und Sehen anbieten, außerdem zur nicht-linearen Nutzung ins Netz. Und viele neue Konkurrenten aus aller Welt stellen ebenfalls Inhalte dazu. Eigentlich tun das alle Menschen. Dass jeder Empfänger zumindest potenziell auch Sender ist, ist ja ein älterer Hut. (Daher wird alles immer unüberschaubarer.)

Hören beim Putzen oder beim Autofahren

Die Entwicklung läuft auf Mischformen hinaus. Das Radioprogramm Deutschlandfunk Nova zum Beispiel besteht praktisch vollständig aus Podcasts, die eben auch linear gesendet werden (allerdings nur digital, das heißt als Webradio oder via DAB plus; im analogen UKW-Radio herrscht ja weiter Frequenzknappheit). Und „32 x Beethoven“ war eine Radiosendung mit festem Sendeplatz, dienstags um 19.05 Uhr bei BR-Klassik, allerdings mit Folgen von unterschiedlicher Länge. Ist das nun Podcast oder Sendung? Egal ist das. Schubladen führen im Internet allenfalls dazu, dass etwas weniger gut gefunden wird.

„32 x Beethoven“ ist vor allem ziemlich gut. Igor Levit und Anselm Cybinski reden hier anspruchs- bis voraussetzungsvoll über Musik, was dadurch aufgefangen wird, dass Levit am Klavier sitzt und immer wieder anspielt, worüber gesprochen wurde und wird. Das setzt übrigens auch einen großartigen Kontrapunkt zum Gebrauchs-Geklimper, das immer öfter öffentlich-rechtliche Dokumentationen und sogar Nachrichtensendungen untermalt. Im Unterschied zu linearen Sendungen, die im harten Wettbewerb darauf setzten und weiter setzen, bloß niemanden zu überfordern, sind Podcasts oft anspruchsvoll.

Inzwischen steigern Medienkonzerne strategisch die Unüberschaubarkeit der deutschen Podcast-Landschaft. Das von Bertelsmann (RTL) betriebene Angebot audionow.de zeigt sich als „Local Hero der Audio-Plattformen“ auf solch „spektakuläre Blockbuster-Eigenproduktionen“ wie den „erfolgreichsten deutschen Pärchen-Podcast“ mit Oliver und Amira Pocher stolz. „Die besten Podcasts der ARD“ – darunter den vom NDR mit den „Coronavirus-Updates“ des Virologen Christian Drosten – bietet die Audio-Now-App ebenfalls an.

Viel zu bieten, das ist für Podcast-Plattformen eher noch wichtiger, als Exklusives zu bieten. Fyeo.de heißt die Plattform, mit der die andere noch große Privatsender-Gruppe Pro Sieben Sat 1 nachlegte. Auch dort wird viel geredet. Dann wäre da der talkshow-prominente Journalist Gabor Steingart, der mit der Firma Media Pioneer Publishing und einem Schiff namens „Pioneer One“, das künftig in Berlin auf der Spree schippert, ein kleines Medienimperium oder zumindest ein ambitioniertes Geschäftsmodell aufbauen möchte. Worauf es ganz besonders basieren soll: auf – teilweise täglichen – Podcasts.

Ein deutscher Altkanzler ist neu dabei

Die Wochenzeitung „Die Zeit“, die zu den wenigen gedruckten Medien mit stabilen bis steigenden Auflagen gehört, haut auch jede Menge Podcasts raus, darunter das für aberstundenlanges Befragen der jeweils gefragtesten Prominenten bekannte Angebot „Alles gesagt?“. Im Grunde setzen auch alle Verlage längst auf Podcasts. Und selbst ein deutscher Altkanzler tut es inzwischen: Am 26. Mai startete Gerhard Schröder (SPD) eine eigene Podcast-Reihe, abrufbar etwa über Spotify oder Apple. Da hat der „Tagesspiegel“ wohl recht, wenn er angesichts dessen schreibt: „Ein Ende des Podcast-Booms ist nicht in Sicht.“

Wollte diese Kolumne einen halbwegs vollständigen Überblick bieten, müsste natürlich von internationalen Konzernen wie allen voran Spotify die Rede sein, und von audible.de. Dieses Unternehmen bietet als ursprüngliches Produkt eine Art Hörbuch-Flatrate an – und gehört dem Datenkraken Amazon, dessen Geschäftsfelder solche Cloud-Dienste umfassen, die alle Streaming-Anbieter benötigen. Amazon gewinnt immer und sowieso, beim Wettbewerb der Podcast-Anbieter wie bei dem der Videostreaming-Plattformen. Und bietet auf audible.de auch eine lange Reihe eigener deutscher Podcasts. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass konzentriertes Hören auch beim Autofahren, Putzen und bei vielen weiteren Tätigkeiten möglich ist, also in Zeitfenstern, die die durchschnittliche Nutzungsdauer (die in Deutschland je nach Messung zwischen sieben und mehr als neun Stunden am Tag liegt) noch weiter erhöhen können: Bei den Podcasts läuft ein harter ein Verdrängungswettbewerb, wie überall im Internet, und vielleicht ist er bei den Podcast noch etwas härter als in anderen Bereichen.

Die viel schönere Seite derselben Medaille ist eine bemerkenswerte Erweiterung des Spektrums, das sich in den Hauptsendezeiten des Formatradios radikal verengt hat. Neben den strategisch Podcast-manischen Konzernen haben sich Labels wie Viertausendhertz oder das kuechenstud.io von Philip Banse entwickelt, dessen „Lage der Nation“ bald 200 Folgen alt werden wird.

Einen Überblick über die deutschen Herzblut-Podcasts geben zu wollen, wäre ebenfalls vermessen, zumal es natürlich immer in den individuellen Ohren der Zuhörer liegt, was wirklich gut oder zumindest charmant ist und was doch eher Laber-Podcast, bei dem alle Gesprächspartner einander erst mal zu erzählen pflegen, was sie zuletzt gegessen haben, bevor sie zum Thema vordringen.

Zwischen Reinhard Mey und Abwärts

Auf wenigstens eine so subjektive wie unvollständige Auswahl konkreter Beispiele zu verzichten, wäre aber auch falsch. Der Titel „Die Dauernörgler“ klingt sehr deutsch und ist auch so gemeint: Eren Güvercin, Engin Karahan und Murat Kayman, sprechen hier „aus der Position eines deutschen Wir“ (wie es in Folge 2 heißt). Ihr Podcast gehört zu denen, die das Themenfeld der Deutschen mit Migrationshintergrund in einer Weise ausleuchten, wie sie aus dem linearen Rundfunk leider noch kaum bekannt ist. Oder „Reflektor“: Das weite Feld der deutschen Popmusik, die von deutschen Radiosender ja auch eher stiefmütterlich behandelt wird, hat der Tocotronic-Musiker Jan Müller in bereits 18 klug geführten Interviews zwischen – nur zum Beispiel –Reinhard Mey und der Punk-Band Abwärts vermessen (ohne den Mainstream-Punkrockpop der Toten Hosen zu vernachlässigen).

Und noch zwei weitere sehr gute Podcasts seien hier genannt. Das philosophische Angebot „Was denkst du denn?“ von Nora Hespers und Rita Molzberger besticht durch eine Prägnanz des Ausdrucks, von der jede Fernseh-Talkshow (alb)träumen würde. Und der Podcast „Frauen reden über Fußball“, dessen Titel durchaus prägnant umreißt, worum es geht. Allerdings wird in ganz anderen Ligen über Fußball geredet als in klassischen Rundfunkmedien...

Die Podcast-Manie der Konzerne (und der Rundfunkanstalten), die sich nur noch als betriebswirtschaftlicher Verdrängungswettbewerb sehen/hören lässt, geht mit einer radikalen Ausdifferenzierung einher. So erhalten – neben vielen anderen Facetten – auch eine Prägnanz der Sprache und ein Purismus der Formen wieder Räume, die in Formatradios, Fernseh-Talksendungen und anderen redeorientierten Formen des klassischen Rundfunks geschwunden (und in vielen anderen Podcasts natürlich auch nicht zu Hause) sind. Niemand kann all das hören. Aber es wäre schon schön, wenn vieles Gute den Inhalte-Overkill überstehen würde.

28.05.2020/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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