BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Drehen unter Pandemie-Bedingungen: Tragen „Tatort“-Kommissare künftig Mundschutz?

Von Christian Bartels
10.05.2020 •

Drehbuchautoren zählen zu den Berufsgruppen, die es unter den Bedingungen der Corona-Pandemie nicht leicht haben. Wie muss aussehen und soll sich anfühlen, was demnächst in Dreh geht, damit es über die nächsten Jahre Bestand haben kann?

Gerade ist häufig von Drehbuch-Umschreiben die Rede. Film- und Fernsehproduktion gehören schließlich zu den zahlreichen Branchen, in denen während der Coronakrise der Betrieb weitgehend stillstand oder noch immer -steht. Man kann, bis es irgendwann denn weitergeht, nur versuchen, sich auf die Zukunft bestmöglich vorzubereiten. Außer für die tägliche ARD-Telenovela Rote Rosen“, die für ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem natürlich höchste Systemrelevanz besitzt, wurde zuletzt kaum etwas gedreht.

Von umgeschriebenen Drehbüchern berichtet einerseits Renan Demirkan. Es würden „über 60-Jährige [...] herausgeschrieben“, weil sie aus Altersgründen zur Risikogruppe des Coronavirus zählen, beklagt die 64-jährige Schauspielerin und Autorin. Tatsächlich informierte „Dahoam is Dahoam“, eine weitere öffentlich-rechtliche Daily (ausgestrahlt im BR Fernsehen), als sie ostentativ mit Mund-Nasen-Schutz die Dreharbeiten wieder aufnahm: „Die Zahl jener Darstellerinnen und Darsteller, die zu einer Risikogruppe gehören, wurde reduziert.“ So etwas könnte sich für viele Schauspieler, die zum großen Teil ja einen prekären Beruf ausüben (und auf anderen Standbeinen wie den Theatern ebenfalls höchst betroffen sind), in der Tat als existenzielle Bedrohung erweisen. Fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte solch ein Schritt außerdem die Gefahr bergen, dass dieses sein vor allem ebenfalls älteres Publikum entfremdet.

„Noch über Monate oder Jahre“

Andererseits beteuerte die ARD selbst auf eine Nachfrage der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Corona-Krise bedeutet in vielen Bereichen Mehrausgaben. Beispielsweise müssten viele Drehbücher umgeschrieben werden.“ Da ging es also darum, dem möglichen Eindruck entgegenzutreten, die Rundfunkanstalten könnten aus der Coronakrise finanziell sogar gut herauskommen. Immerhin finden viele teure Sportereignisse zumindest in diesem Sommer nicht statt. Und all die derzeitigen Sondersendungen mit Interviews per Videoschalte und Talkshow-Runden mit Mindestabstand lassen sich ja vergleichsweise preiswert herstellen. Doch befinden sich die Auftragnehmer, die für die Sender eigentlich jetzt die Filme und Serien für Herbst und Winter drehen sollten, natürlich in Not und werden durch auch „freiwillige Sofortmaßnahmen“ von ARD und ZDF unterstützt.

Die finanziellen Folgen der Coronakrise sind für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwer einzuschätzen – und so ähnlich ist es ja für alle öffentlichen Haushalte und eigentlich ja für alle. Schon weil die weitere Entwicklung der Pandemie und ihre möglichen nächsten Wellen auch kaum einzuschätzen sind. „Das neue Virus wird, darüber ist sich die Wissenschaft einig, noch über Monate oder Jahre auf dem Erdball zirkulieren“, schrieb gerade einer der Star-Virologen.

Das macht es längst nicht nur, aber eben auch für Drehbuchautoren schwierig. Zu den Geschäftsmodellen für Fernsehfiktion gehört, dass alles nach der Erstausstrahlung noch ein paar dutzend Male wiederholt wird. Was wären die Dritten Programme der ARD ohne die „Tatort“- und Degeto-Film-Wiederholungen, die sie täglich bundesweit ausstrahlen? Was wären Nachspielsender wie ZDFneo und 3sat ohne Wiederausstrahlungen dessen, was zuvor in den großen Programmen lief? Und dass die Mediatheken, in denen Serien und Filme inzwischen monatelang zum zeitsouveränen Abruf verweilen, dringend ein wenig Anschluss an die kaum mehr einholbare US-amerikanische Streaming-Konkurrenz gewinnen müssen, ist auch klar. Wie also muss aussehen und soll sich anfühlen, was nun in Dreh geht, damit es über die nächsten Jahre Bestand haben kann?

Wenn beide sich ihre Masken abnehmen

Einen Eindruck gibt „Dahoam is Dahoam“: „Gruppenszenen und Szenen mit großer körperlicher Nähe wurden aufgelöst und dramaturgisch neu gedacht“, heißt es in der oben verlinkten Mitteilung. Wird man, dass sich beim ZDF-„Herzkino“ die Rosamunde-Pilcher-Heldin in ihren Traumprinzen verliebt, demnächst daran erkennen, dass beide ihre Masken abnehmen, womöglich sich gegenseitig? Werden jüngere SchauspielerInnen zu den Großeltern umgeschminkt, die in den ARD-„Endlich-Freitag“-Familienfilmen dazu gehören? Müssen in künftigen Krimis, ob „Tatort“ oder „Polizeiruf“ (ARD), ob „Wilsberg“ oder „Helen Dorn“ (ZDF), die Kommissare Mund-Nasenschutz-Masken tragen, wenn sie sich in geschlossenen Räumen aufhalten, die nicht der eigene Haushalt sind? Einfach, damit sie bei Wiederholungen 2021 oder 2023 nicht uralt wirken?

Sicher gibt es Lösungsideen. Vielleicht lassen entscheidende Dialogszenen sich back to back drehen, einmal mit Mundschutz, einmal ohne, ähnlich wie in der frühen Tonfilmzeit Szenen in mehreren Sprachen nacheinander gedreht wurden. Vielleicht bestehen sogar Möglichkeiten, computeranimierte Mundschutze nachträglich digital einzufügen, wenn neue Lockdown-Lagen es erfordern. Oder hilft einfach der Föderalismus und in neu zu entwickelnden „Anhalt-Krimis“ aus Dessau und Zerbst oder „Vorpommern-Krimis“ aus Greifswald und Anklam können Kommissare weiterhin unverhüllt Verdächtige verhören? Als bemerkenswert vorausblickend erweist sich jedenfalls, wie früh und breit die deutsche Fernsehindustrie sich schon den Schauplatz Schweden erschlossen hat. Dort, wo das ZDF bereits 85 „Inga-Lindström“-Neunzigminüter (und Krimis mit deutschem Personal ja auch) angesiedelt hat, herrscht im Umgang mit dem Virus ja ein „Sonderweg“.

Zwar beansprucht deutsche Fernsehfiktion eher selten, Normalität zu zeigen, aber als Kulisse gehört sie an sich dazu. Und die viel beschworene neue Normalität“ (Olaf Scholz), die nun für unbestimmte Dauer herrschen dürfte, wirft viele Fragen auf. Selbstredend bietet sie auch Chancen – wobei der Satz, dass Krisen immer auch Chancen sind, bereits derart überstrapaziert ist, dass er sich selbst für Fernsehkrimi-Drehbücher kaum mehr eignen dürfte.

Erfahrungen mit Ungewissheit

Aber zum Beispiel könnte es leichter werden, Schul- und Lehrerserien zu drehen, weil deutlich weniger Kinder mitwirken müssen. Kinder unter 16 dürfen ja nur drei Stunden täglich drehen. Ohnehin werden Massenszenen der Abstandsregeln wegen künftig mit weniger Komparsen auskommen. Wenn außerdem weniger gereist, dafür mehr durch die Videoanrufe erledigt wird, an die sich alle gewöhnt haben, könnten Dreharbeiten überhaupt billiger werden. Oder hat sich die „etwas zu genussvoll vom deutschen Fernsehen gefeierte Krisenästhetik“ (spiegel.de) schon in den zahlreichen Formaten verbraucht? Davon gab es in der frühen Corona-Krise ja viele – sicher wegen hohen Bedarfs, wegen überschaubarer Produktionskosten vermutlich aber auch.

Doch gemach, wenn die deutsche Fernsehindustrie, die seit Jahrzehnten jährlich Aberhunderte neue Krimis ausstößt, etwas beherrscht, dann den Umgang mit verbrauchten Ideen. Vielleicht führen die Erfahrungen mit Ungewissheit, die gemacht wurden und weiter gemacht werden, sogar zu anspruchsvolleren Drehbüchern, in denen seltener als bislang nach 44 oder 88-einhalb Minuten alle Fragen geklärt sind.

Es gibt jedenfalls gute Gründe, auf die Ergebnisse der ersten Dreharbeiten unter Immer-noch-Pandemie-Bedingungen gespannt zu sein – sogar dann, wenn man auf neue Fernsehkrimis eigentlich überhaupt nicht gespannt ist.

10.05.2020/MK