BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Grundfalsch: Wenn öffentlich-rechtlicher Inhalt nicht für alle da ist, sondern exklusiv für Instagram‑Nutzer

Von Christian Bartels
24.04.2020 •

Zwischen Christian Drostens Coronavirus-Podcast, dem „Die-Zerstörung-der-CDU“-Video des blauhaarigen YouTubers Rezo, Textblogs älterer Schule und dreidimensional ansehbaren Augmented-Reality-Anwendungen umfassen die Nominierungen zum diesjährigen Grimme Online Award (GOA) mehr oder weniger die ganze Breite des unendlichen Internets. So ungefähr ist der Internet-Preis des Grimme-Instituts auch gedacht. An den meisten Ecken und Enden tut sich immer wieder was, das diskutiert zu werden verdient. 

Bekannt gegeben wurden die Nominierungen in Zeiten von Corona selbstverständlich nicht auf einer Pressekonferenz, so wie auch die Preise am 25. Juni „weitgehend ohne Publikum“ verliehen werden sollen und wie auch die Nominierungskommission (der der Kolumnist dieses Jahr erneut angehörte) nur per Videokonferenz tagte. Dabei gab es „heftige Diskussionen“, heißt es in einer Nomkom-Erklärung, in der auch von „einigen tollen Instagram-Projekten“ die Rede ist. Und besonders darüber wurde gestritten. Per Mehrheitsbeschluss wurde mit „Wende_Rewind“ ein Instagram-Angebot des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) zum 30. Jahrestag des Mauerfalls für den GOA nominiert. Der Kolumnist hat dagegen gestimmt. 

Klickt man auf eine der quadratischen Bildkacheln, die bei Instagram auf nach unten endlosen Seiten prangen, oder auf eines der kreisrunden Bilder oben auf der Seite, die zu den Video-„Stories“ führen, erscheint auf dem Bildschirm Aufforderungen wie „Zum Fortfahren einloggen“ oder „Melde dich an, um diese Story anzusehen“ und bleiben jeweils aufdringlich stehen. Bis man sich anmeldet oder aufgibt. Unangemeldet lassen sich viele Inhalte auf Instagram nicht ansehen. Muss das sein?

„Registriere dich, um weitere Konten zu finden, die dir gefallen“

Klar, global agierende Plattformen wie YouTube, Facebook und eben auch Instagram mit Milliarden Nutzern und meist auch Milliardeneinnahmen, diese Plattformen, die sich gern „soziale Medien“ nennen und oft auch überall so genannt werden, werden immer noch wichtiger. Der mediale Plattformkapitalismus, wie man auch sagen könnte, stellt klassische ältere Medien vor ein längst älteres Problem.

Wer viele Menschen erreichen will, erst recht jüngere als die im Schnitt weit über 60-jährigen Zuschauer von ARD und ZDF, muss in diesen Online-Reichen aktiv werden. Erst recht ist klar, dass die Öffentlich-Rechtlichen, die von allen Geld bekommen und aus denen niemand austreten kann, Inhalte auch dorthin bringen müssen, wo sich viele junge Beitragszahler aufhalten. Wenn die Rundfunkanstalten, viele ihrer Sendungen und allerhand sendungsunabhängige Online-Angebote auf YouTube eigene Kanäle laufend neu füllen, stärken die Öffentlich-Rechtlichen einerseits weiter die Marktmacht von Googles Gratisinhalte-Videoportal.

Doch andererseits erreichen sie Zuschauer, die ansonsten eher kein Fernsehgerät einschalten würden. Vor allem: Auf YouTube lässt sich alles unangemeldet ansehen. Die meisten Zuschauer (oder Hörer, denn reine Audioformate wie der Drosten-Podcast werden zur Noch-Weiter-Verbreitung auch auf YouTube raufgeladen) bezahlen wie fast überall im Internet lediglich mit Nutzerdaten. Für Twitter, das kleine Politiker-Journalisten-Psychopathen-Netzwerk, gilt das ebenso. Und in deutlich engeren Grenzen sogar für Facebook. Zumindest lassen sich einzelne Facebook-Posts auch unangemeldet aufrufen, wie zum Beispiel dieser, in dem sich „Heimat“-Regisseur Edgar Reitz mit den Oberhausener Kurzfilmtagen über den Kultursender 3sat ärgert. Es mag dabei auf Facebook eine große Störer-Einblendung erscheinen, aber die lässt sich mit einem Klick auf die unscheinbare Zeile „Jetzt nicht“ entfernen und taucht auch nicht sofort wieder auf.

Bei Instagram fehlt sogar diese Option. Instagram schließt nicht angemeldete Nutzer besonders rigide aus. „Zum Fortfahren einloggen“, heißt es. Oder: „Anmelden, um dich auf Instagram mit der ganzen Welt zu verbinden.“ Oder auch: „Registriere dich, um Fotos und Videos von Freunden anzusehen und weitere Konten zu finden, die dir gefallen.“ Welche Option außerdem besteht: „Mit Facebook anmelden“, also sich über einen laufenden Facebook-Login zusätzlich bei Instagram anzumelden. Schließlich gehört Instagram zu Mark Zuckerbergs Konzern.

2019 hatte Facebook in eindeutiger „Abkehr von früheren Versprechen“ (netzpolitik.org) die Milliarden-Nutzer-Datenbanken seiner zugekauften Tochterfirmen Instagram und WhatsApp mit der eigenen zusammengeführt. Es gab vereinzelte Proteste, aber sonst wenig Reaktionen. Zwar waren die Versprechen Datenschützern, Medienwächtern und Kartellbehörden gegeben worden; doch um von solchen nationalen oder föderalistischen Institutionen behelligt werden zu können, ist das weltumspannende Multi-Milliarden-Netzwerk Facebook-Insta-WhatsApp längst zu groß.

Die „WebApp“ namens freies Internet

Und da wird es für öffentlich-rechtliche Anstalten mehr als bloß heikel: Muss man, um womöglich preiswürdige Inhalte anzusehen, die aus dem Rundfunkbeitrag bezahlt wurden, auch noch ein Konto beim Top-Datenkraken anlegen? Auch das bei jungen Zielgruppen populäre Netzwerk Instagram zu bespielen, mag aus Sendersicht nötig bis in Ordnung sein. Und eingespielte Kompromisslösungen gibt es ja: Funk, das fernsehunabhängige gemeinsame Jugendangebot von ARD und ZDF, erreicht den größten Teil seines Publikums via YouTube, Instagram oder Snapchat. „Da wir niemanden auf Drittplattformen oder soziale Medien drängen möchten, sind alle Videos unserer Formate aber auch […] in einem eigenen Player auf der ‘WebApp’ von Funk verfügbar“, heißt es auf funk.net/transparenz. Das Zitat spiegelt schön, wie unterschiedlich unterschiedliche Internet-Generationen ticken: „WebApp“ meint das eigentliche Internet, also in die in jedem Browser aufrufbare Internet-Adresse funk.net.

Das WDR-Instagram-Angebot „Mädelsabende“ gewann 2018 einen Grimme Online Award, hatte seine Inhalte aber weitgehend parallel im freien Internet verfügbar gemacht. In diesem Jahr lange in der Nomkom-Diskussion war ein von der „Tagesschau“, also dem zuständigen NDR verantwortetes Angebot ebenfalls zum Thema 30 Jahre Mauerfall, das ebenfalls primär für Instagram und das vergleichbare Snapchat konzipiert wurde. „Die Inhalte […] werden auch unter throwback89.de ohne Anmeldung bei sozialen Netzwerken verfügbar sein“, stand dazu im „Tagesschau“-Blog. Dieses mit neu gedrehten fiktionalen Szenen arrondierte Angebot erreichte Instagram-Nutzer, lässt sich aber zugleich auch unangemeldet im freien Internet ansehen.

Sicher erfordert es zusätzlichen Aufwand, Inhalte auf unterschiedlichen Geräten, Betriebssystemen und Browsern verfügbar zu machen. Aber die öffentlich-rechtlichen Sender haben dank Rundfunkbeitragseinnahmen so viel Budget wie niemand sonst im deutschen Internet. Unüberschaubar viele Ausspielkanäle und eigene Internet-Seiten haben sie außerdem. Mit dem Rundfunkbeitrag, den alle bezahlen müssen, dazu ermuntern, sich bei Facebooks Instagram zu registrieren, ist grundfalsch – fand zumindest der Kolumnist und stimmte gegen die Nominierung des RBB-Projekts „Wende_Rewind“.

Auf TikTok über Jan Hofers Krawatten lachen

Jedenfalls ist es höchste Zeit, dass die Öffentlich-Rechtlichen gemeinsame Strategien dafür entwickeln, wie das Ausspielen von Inhalten auf sogenannten sozialen Medien weder zu Lasten der eigenen Plattformen noch zu Lasten der Rundfunkbeitragszahler geht, die etwas digitale Souveränität behalten (zum Beispiel: nicht Facebook beitreten) wollen. Ideen gibt es ja genug. Eine ist die „Plattform für Qualitätsinhalte“, für die Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), während der Zeit seines ARD-Vorsitzes (2018/19) vehement eintrat. Deren Ziel wäre selbstredend nicht, YouTube oder andere Plattformen zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen. Automatisch würde sie Maßstäbe setzen, wie beitragsfinanzierte Sender alles, was sie für Drittplattformen herstellen, außerdem auf einer eigenen Plattform ausspielen – auf der sie auch selber kontrollieren können, wie ihre Inhalte präsentiert werden. Und jene wertvollen Erfahrungen über Nutzervorlieben selber sammeln können, dank derer YouTube oder der bezahlpflichtige Aufmerksamkeitskonkurrent Netflix so konkurrenzlos gut sind.

Welche laufende Entwicklung das Inhalte-Ausspielen auf „Drittplattformen“ sowohl leichter als auch schwieriger macht: Es werden mehr. Leichter macht es die Sache, weil einzelne Plattformen schwerer monopolähnlichen Status gewinnen können. Schwieriger wird es, weil jede Plattform eigene Mechanismen entwickelt und eine eigene Sprache erfordert.

Mit TikTok ist inzwischen die erste global erfolgreiche Milliarden-Plattform wichtig, deren Zentrale nicht in einem westlichen Staat sitzt, sondern in China. (wobei sämtliche westlichen Plattformen außer dem schwedischen Spotify US-amerikanische sind). Wie heißt es so nett in der oben erwähnten GOA-Nomkom-Erklärung: „Falls jemand eine TikTok-Nominierung vermisst, es ist in diesem Jahr noch nicht soweit. Sorry Jan Hofer, wir haben trotzdem gelacht!“

Na ja. Nicht jeder lachte über „das heitere Krawatten-Filmchen“ mit Sprecher Jan Hofer, mit dem die „Tagesschau“ im November 2019 auf dieser Plattform debütierte. Wie sinnvoll es ist, dass sich das ARD-Nachrichten-Flaggschiff auch noch auf TikTok tummelt, darüber ließe sich ebenso streiten wie über die Frage, ob es der „Tagesschau“ ja vielleicht gelingen kann, auf der besonders bei jungen Nutzern besonders beliebten Plattform kritische, vielleicht sogar China-kritische Berichte so zu platzieren, dass auch solche Berichte die Nutzer der Plattform erreichen. TikTok kann „Videos von politischen Protesten und Demonstrationen unterdrücken und darüber hinaus auf vielfältige Weise bestimmen, welche Inhalte sichtbar und welche unsichtbar sind“, hat jedenfalls netzpolitik.org recherchiert. Immerhin aber lässt sich darüber auch dann und in Kenntnis des Krawattenfilmchens streiten, wenn man kein angemeldetes TikTok-Mitglied ist.

Die Plattformen werden mehr. Ihre nicht nur intransparenten, sondern auf streng geschäftsgeheimen Algorithmen basierenden Regeln verändern sie laufend, auch im Wettbewerb miteinander (wie überhaupt mit allen Medien). Die öffentlich-rechtlichen Medien, die das (durch die Coronakrise noch viel größer gewordene) Privileg sicherer Rundfunkbeitragseinnahmen genießen, müssen dringend Wege finden, damit sinnvoll und im Interesse aller ihrer Beitragszahler umzugehen. Die umstrittene Nominierung des RBB-Instagram-Projekts beim Grimme Online Award 2020 hat somit eine Grundsatzfrage aufgeworfen, die die Öffentlich-Rechtlichen dringend beantworten müssen.

24.04.2020/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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