BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Internet-Kommunikation: In der Coronakrise läuft gerade das größte Medienexperiment aller Zeiten

Von Christian Bartels
03.04.2020 •

Das Internet, in dem sämtliche Medienformen zusammenwachsen, wird noch schneller noch wichtiger. Ob wir es wollen oder nicht so. In der Coronakrise läuft gerade das größte Medienexperiment aller Zeiten.

Nichts wird bleiben, wie es vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg einmal war – Sätzen wie diesem begegnet man gerade ziemlich oft, obwohl gar nicht mehr sehr viele Zeitgenossen noch persönlich vom Zweiten Weltkrieg herausgefordert wurden. Es ist natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen (so wie Herausforderungen ja auch grundsätzlich als Chancen zu verstehen sind). Dass vieles sich noch stärker verändern wird, als es das vor der Pandemie tat, ist klar. Vor allem nimmt die Bedeutung des Internets, in dem sämtliche Medienformen zusammenwachsen, noch rasanter zu. So viele Menschen mit so viel Medienzeitbudget wie derzeit waren noch nie darin unterwegs.

Das Internet eignet sich, nur zum Beispiel, zum Einkaufen (zumal wenn es kein Problem mehr darstellt, das Bestellte in Empfang zu nehmen, weil alle immer zu Hause sind), zum sogenannten Homeoffice sowie für Videotelefonate und -konferenzen. Es bietet für Kinder alles Mögliche sowohl zum schulartigen Lernen als auch zum ablenkenden Unterhalten. Am besten funktionieren die Mischformen. Alles Mögliche zum Unterhalten, Ablenken und Lernen für ältere Menschen bietet das Internet überdies. Es eignet sich für Live-Auftritte von Künstlern, die unmittelbar vor Publikum nicht mehr auftreten dürfen, und für Hobbykeller-Fernsehen“, das überkommene Prominente à la Thommy Gottschalk in, ähm, authentischem Ambiente zeigt.

Internet-Kommunikation ist oft eben keine richtig klassisch öffentliche im Sinne der alten Medien, geschweige denn eine rein private, sondern schon wieder eine Mischform mit vielen Vor- und erst recht Nachteilen. Übrigens gibt es ungefähr alles, was es als tönendes Bewegtbild gibt, auch ohne Bild als Podcast. Dass Bildfreiheit häufig ein Vorzug ist, zeigt sich gerade auch oft gut.

Mediengrenzen gibt es nicht mehr

Natürlich gibt es in ebenfalls unüberblickbarem Ausmaß – und in scharfer Konkurrenz um dieselbe Zeit derselben Nutzer – weiterhin Text in Schriftform mit unbewegten Bildern, also Presse. Gerade steigen die ermittelten Nutzungswerte fast aller Medienformen, auch die der „täglichen Leser von werbefinanzierten Online-News“ und von „kostenpflichtigem Premium-Content“. Ja, es hagelt außer Allzeithochs“ und Zuschauerrekorden“ angeblich auch starke Verkäufe im Einzelhandel“, wobei es natürlich auch im Walde pfeift. Schließlich gilt für schon früher schwierige Geschäftsmodelle jetzt erst recht, dass nichts bleiben darf, wie es war.

Aktionen von Gruner+Jahr, dem Zeitschriftenverlag des Bertelsmann-Konzerns, seine Angebote online vorübergehend kostenlos (also monetär, natürlich aber schon datenabgabepflichtig) zur Verfügung zu stellen, kann man kritisieren, muss es aber nicht. Der Datenkrake Amazon hält es ebenso und wird vermutlich weiterhin erheblich erfolgreicher beim Anlocken später zahlender Kunden sein. Zum Angebot von G+Js stern.de zählen selbstverständlich längst auch Tönendes und Bewegtbilder (etwa eine Talkshow, die zumindest mit dem gewaltigen öffentlich-rechtlichen Talkshow-Angebot keinen Vergleich zu scheuen braucht). Fast überall wird längst beinahe ungefähr alles angeboten. – Dass es überdies weiterhin auch lange Texte ganz ohne Bewegtbilder und mit allenfalls sparsamen Illustrationen gibt, muss hier im Internet-Auftritt der Medienkorrespondenz nicht betont werden ;-)

Alle lernen gerade vieles

In dieser unvollständigen Aufzählung fehlt sehr vieles, etwa der Aspekt, dass ebenfalls über die Internet-Infrastruktur Begegnungen mit Virusinfizierten anonymisiert und vielleicht dennoch sinnvoll nachverfolgt werden können. Das könnte zur Überwindung der herrschenden Grundrechte-Einschränkung beitragen (und wird natürlich angezweifelt). Und der vermutlich allerwesentlichste Internet-Aspekt fehlt: dass im Netz und in den Netzwerken Informationen, scheinbare Informationen und sämtliche Meinungen in allen möglichen Formen zirkulieren – etwa, um nur ein Beispiel für ein solches Spektrum zu nennen, die Meinung, dass Atemschutzmasken gar nichts nützen, die, dass sie mit am besten schützen, und ein paar Meinungen dazwischen auch (wobei extreme Meinungen grundsätzlich besser funktionieren). Zur Zeit zirkulieren sie oft besonders unhierarchisiert. Das mag bei allen Unterschieden wirklich an den Zweiten Weltkrieg erinnern, in dem viele Menschen vermutlich auch nicht wussten, wie er ausgeht, oder zweifelten…

Insofern lernen viele Internet-Nutzer und -Anbieter (die oft genug identisch sind) im größten Medienexperiment aller Zeiten gerade vieles. Zum Beispiel, praktisch gedacht, was sinnvoll ist und was weniger sinnvoll. Vieles lässt sich besser nutzen, wenn es individuell am besten passt: wann Kinder, die den ganzen Tag zu Hause einen eigenen Rhythmus haben, etwas lernen sollten, oder wann und wie man Artikel konsumiert, die vor ein paar Tagen entstanden sind, oder man Serienstaffeln schaut, die vor einem Dreivierteljahr gedreht wurden.

Konzerte von Musikern und Sendungen nach Art des klassischen Fernsehens, über die nach Wünschen der Macher und Auftraggeber möglichst viel Publikum zugleich diskutieren sollte, müssen live stattfinden. Und viele Mischformen gibt es: Was Virologen wie Christian Drosten – dem das medienhistorische Verdienst, die Gattung Podcast durchgesetzt zu haben, nicht mehr zu nehmen ist – sagen, möchte man lieber früher als später hören, aber lieber, wenn man die notwendige Ruhe dafür hat als unbedingt live. Wenn im ZDF-„Heute-Journal“ Marietta Slomka einen Bundesminister oder Ministerpräsidenten interviewt, verhält es sich ähnlich. Nachrichtensendungen sind das Wichtigste, was lineares öffentlich-rechtliches Fernsehen zu bieten hat (was keineswegs heißt, dass sie immer oder grundsätzlich gut sind).

Ein KulturTube gegen die Datenkraken

Gerade die Öffentlich-Rechtlichen, die sich aktuell – nicht zu Unrecht – als noch wichtiger empfinden als ohnehin immer, können derzeit wertvolle Lehren ziehen. Etwa was die Fülle ihrer Angebote betrifft. Lineares Fernsehen funktioniert weiter – und umso besser, je wichtiger seine Sendungen sind. Wenn ein möglichst großes Publikum echte Ereignisse gespannt erwartet. Sicher sind ein paar Nebenkanäle mit kuratiertem Repertoire, an das sich aktuell anknüpfen lässt oder das auf bevorstehende Ereignisse gespannt macht, weiterhin sinnvoll. Sie könnten sogar solche Talkshows wiederholen, die sich als spannend erwiesen haben. Doch müssen nicht alle Talkshows wiederholt werden, wenn sie für hartgesottene Fans ohnehin non-linear zum Abruf bereitstehen. Umso wichtiger wären möglichst ziel(gruppen)genau konzipierte Programme und nicht-lineare Angebote: für Kinder unterschiedlichen Alters und für Erwachsene mit unterschiedlichen Interessen.

Wiederum vielversprechend erscheinen Mischformen. So forderte gerade das ZDF-Fernsehratsmitglied Leonhard Dobusch ein „KulturTube“ von ARD und ZDF, nicht um Googles YouTube oder Facebooks Instagram „zu ersetzen, sondern um eine öffentlich-rechtliche Alternative jenseits von Tracking und Werbefinanzierung mit regionaler Verankerung zu bieten“. Der Bedarf zeigt sich so deutlich wie noch nie. Es müsste nicht sein, dass viel Engagement und viele durchaus gute Ideen öffentlich-rechtlicher Anstalten zwangsläufig dazu beitragen, den ohnehin gewaltigen Einfluss der Datenkraken unumkehrbar noch weiter zu stärken. Und dass die beiden größten linearen Programme zur selben Zeit Talkshows zum selben Thema bieten, mit dem Bundeswirtschaftsminister in der ARD und dem Bundesfinanzminister im ZDF, zeigt, dass das lineare Fernsehen in der gewaltigen Breite der Jahrtausendwende seinen Höhepunkt überschritten hat, und zwar nicht erst in diesem Frühjahr.

Wenn die Herausforderung bestanden ist und überall jede Menge (hoffentlich oft richtige) Lehren gezogen werden, werden hoffentlich auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – die es zur Zeit auch nicht leicht haben, aber ökonomisch exponentiell leichter als ihre privatwirtschaftliche Konkurrenz jenseits des kalifornischen Plattformkapitalismus – ihre linearen und nicht-linearen Angebote neu justieren.

Dass die Menschen, wenn sie die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg endlich hinter sich haben, ihre elektronischen und meistens internetfähigen Geräte erst einmal ausschalten oder weglegen werden, um auch mal wieder nach draußen zu gehen, zählt schließlich zu den wenigen Gewissheiten, die es gerade gibt.

03.04.2020/MK

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