Aus der Mottenkiste

Die Bugs der deutschen Medienpolitik: Eine Replik auf Carsten Brosda

Von Kai Burkhardt
19.12.2014 •

19.12.2014 • Im Jahr 1946 versuchte Mrs. Grace Brewster Murray Hopper, Lieutenant der US Navy Reserve, herauszufinden, weshalb einer der leistungsfähigsten Computer der Welt, der Harvard Mark II, alle Sekunden einen Fehler meldete und abstürzte. Als die große Dame der Computerforschung den Fehler gefunden hatte, klebte sie neben das Ergebnis ihrer Untersuchung ins Logbuch die Ursache: eine tote Motte, ein „Bug“ wie sie notierte. Der Begriff „Bug“ war unter Elektronikpionieren gebräuchlich, avancierte nach Hopper aber schnell zum Synonym für einen Computerfehler, der durch Unvollständigkeit, Ungenauigkeit oder Mehrdeutigkeiten in der Programmierung zustande kommt.

Programmierer wissen, dass eine Software frei von Bugs unmöglich herzustellen ist; sie versuchen deshalb bei ihrer Arbeit lediglich, eine so geringe Fehlerdichte wie möglich zu erreichen. Rechtzeitig aufgedeckt, ist ein Programmierfehler denn auch nicht besorgniserregend. Der Fehler kann entweder „gedebugt“ werden oder aber im Programm verbleiben, wenn von dem Fehler keine große Gefahr ausgeht. Bleibt ein gravierender Fehler indes unentdeckt und türmen Programmierer auf einem solchen Bug Schicht über Schicht neuer Software-Strukturen, kann ein harmloser Bug in einen vollkommen neuen Schaltkreis geraten und das ganze System zum Einsturz bringen.

Ein gemeinsamer Medienstaatsvertrag

Im August erinnerte ein in der „Funkkorrespondenz“ (als Vorabdruck aus dem „Jahrbuch Fernsehen 2014“) erschienener Artikel von Carsten Brosda, Leiter des Amts für Medien in der Hamburger Senatskanzlei, zu einem möglichen länderübergreifenden Medienstaatsvertrag daran, dass die deutsche Medienordnung auf zahlreichen Bugs aufbaut und die Ordnung deshalb einstürzen wird – nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber doch mit absoluter Sicherheit (vgl. FK-Heft Nr. 33/14). Am 6. November gab Olaf Scholz (SPD), der den avisierten Medienstaatsvertrag als Regierungschef der Hansestadt Hamburg koordiniert, bei einem Colloquium des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin zu erkennen, dass er den gegenwärtigen Regulierungsrahmen nicht revolutionieren wolle, sondern nach Möglichkeiten fahnde, die vorhandenen Werkzeuge besser aufeinander abzustimmen.

Seine politische Erfahrung schütze ihn davor, so Scholz, den medienjuristischen Überbau als Ganzes in Frage zu stellen und die Zuständigkeit der Länder etwa durch neue Institutionen herauszufordern. Das Ziel sei, so der Hamburger Bürgermeister, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Medien insgesamt zu erhöhen und die Regulierung kohärenter zu gestalten. In Aussicht stellte er gleichwohl, dass die für die öffentlich-rechtlichen Mediatheken geltende Sieben-Tage-Regelung fallen und er im Kreise der Regierungschefs anregen werde, die Kriterien für den Rechtsbegriff „Meinungsmacht“ kritisch zu hinterfragen. Die Regionalfenster der privaten Fernsehsender halte er hingegen für erhaltenswert, wenngleich er sich vorstellen könne, den Sendern größere Wahlfreiheit beim Regulierungsrahmen einzuräumen.

Insgesamt entstand der Eindruck, dass der gemeinsame Medienstaatsvertrag die Rundfunkänderungsstaatsverträge ummanteln soll wie der Sarkophag von Tschernobyl das strahlende Monstrum – nur dass die Rundfunkverträge unter diesem Mantel weiterbearbeitet werden. Dies wirft die Frage auf, wie bindend eine Rechtstradition eigentlich sein darf, wenn Länderchefs über die Zukunft nachdenken wollen und die Bezugspunkte der Rechtstradition mit dem gegenwärtigen technischen Umfeld nicht mehr ohne weiteres in Einklang zu bringen sind. Innovative Entwicklungen finden jedenfalls außerhalb des deutschen Mediensystems statt, was in den 1950er und 1960er Jahren durchaus anders war. Die berüchtigte ARD-„Tagesschau“-App etwa setzt auf einer Technik auf, die kalifornische Tüftler erfunden haben, die kein großes Budget hatten und dem Personal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks offenbar dennoch um Lichtjahre voraus sind.

Das Dilemma der hiesigen Medienpolitik besteht darin, dass vor allem das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die historischen Rahmenbedingungen zementiert hat und sie nur noch über einen sehr breiten gesellschaftlichen Konsens zu ändern sind. Bei der gegenseitigen Abneigung der deutschen Medienunternehmen und ihrer politischen Vertreter ist ein solcher Konsens allenfalls bei konsequenter Deregulierung zu erwarten und selbst dann dürfte man sich nicht zu viel erhoffen.

Die Bugs der deutschen Medienpolitik konnten bis heute im System schlummern, ohne großen Schaden anzurichten. Sie verhindern dabei allerdings, dass die Debatte noch einmal grundsätzlich wird und stattdessen viel Energie in unsinnige Regelungen wie den Drei-Stufen-Test oder die Netzneutralität fließt – in Probleme also, die sich durch den technischen Fortschritt von selbst erledigen dürften. Die Revision des deutschen Medienrechts muss deshalb, wenn sie nicht vollkommen fehlgehen will, im Bewusstsein der historischen Genese des Medienrechts diskutiert werden, deren Unvollständigkeit, Ungenauigkeit oder Mehrdeutigkeiten die nun folgenden Ausführungen gewidmet sind.

Bug 1: Pressefreiheit und Rundfunkneutralität

Der erste wirkungsvolle Bug kam mit der staatlichen Regulierung des (öffentlich-rechtlichen) Rundfunks in das deutsche Mediensystem. Während die Presse gegen den Staat entstand und als Mittel zur Ausweitung politischer Anteilnahme diente, ist der Rundfunk mit dem Staat und seiner regulierenden, administrativen Unterstützung in die Welt gekommen. Obwohl das Geschäftsmodell beider Medien auf Werbung und Verkauf beruht und obgleich beide mit Informationen und Unterhaltung handeln (aus kommunikationspolitischer Sicht also gleich zu betrachten sind), ist die Geschichte des Presserechts eine fortlaufende Deregulierung, wohingegen die Geschichte des Rundfunkrechts eine fortlaufende Verrechtlichung ist.

Während das Presserecht bis heute unter dem Schlagwort Freiheit segelt und Verleger äußerst sensibel auch auf gut gemeinte staatliche Unterstützung wie etwa die soeben gegründete nordrhein-westfälische ‘Stiftung für Vielfalt und Partizipation’ reagieren (vgl. FK-Hefte Nr. 11/14, 20/14 und 48/14), steht das Rundfunkrecht ganz im Zeichen der Neutralität. Während Verleger sich bis zur Selbstaufgabe als staatsfern sehen, war der Staat im Rundfunk immer präsent, weshalb das Ziel nur sein konnte, innerhalb des Rundfunks eine größtmögliche Parität der politischen Richtungen zu gewährleisten.

Der Bug dieser scharfen Trennung nach Mediengattungen ist heute zusätzlich problematisch, weil mit dem Aufkommen des Fernsehens eine starke politische Wertung zu Gunsten des Fernsehens (und eine seltsame Geringschätzung des Radios, des eigentlichen Gewinners der Digitalisierung) zum medienpolitischen Grundsatz wurde. Ausgehend von einer empirisch nie nachgewiesenen „Suggestivkraft“ des Fernsehens wird seither die Relevanz gedruckter oder per Radio gesendeter Nachrichten als weniger bedeutend bewertet.

Als der private Rundfunk Anfang der 1980er Jahre auf Sendung ging, hat die Medienpolitik diesen Bug nicht etwa behoben, sondern einen weiteren eingebaut: Die getrennte Regulierung von öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk sowie von Telemedien. Die Schützengräben zwischen den verschiedenen Branchen und damit einhergehende persönliche Fehden sind seither so sorgfältig ausgebaut worden, dass mit einem nationalen Konsens, wie Brosda dies berechtigterweise wünscht, kaum noch zu rechnen ist.

Bis zur Jahrtausendwende war all dies unproblematisch, da die Presse von politischer Einflussnahme frei blieb, Verlage florierten und Regionalzeitungen jene Informationslücken schlossen, welche die Landessender nicht ausfüllten. Mit dem Zusammenbruch des lokalen Zeitungsmarktes sind heute jedoch große Flächen der Bundesrepublik kommunikative Wüstungen, ohne dass die Politik dagegen etwas unternehmen könnte. Im Osten Deutschlands gehen die NPD oder andere radikale Parteien in die entstehenden Nischen. Dieser Rückfall in feudale, weil quasi kontrollfreie Herrschaftsstrukturen im ländlichen Raum ist eigentlich das vordringlichste Problem deutscher Politik, da es im Gegensatz zu vielen anderen Herausforderungen schon wirkungsmächtig ist. Es wäre beruhigend, wenn Carsten Brosda diese Entwicklungen zumindest als Hintergrund der Debatte erwähnt hätte.

Bug 2: Empirielose Semantik

Der zweite medienpolitische Bug besteht in der medienpolitischen Ampelsemantik aus Meinungsmonopol (rot), Meinungsmacht (gelb) und Meinungsvielfalt (grün), die nie mit einer konkreten Anschauung hinterlegt worden sind. Hundert Jahre Kommunikationswissenschaft haben nicht ausgereicht, um konkrete Prozesse darzulegen, die anschaulich machen, was eine „öffentliche Meinung“ ist und wie diese sich durch konzertierte Medienberichterstattung manipulieren ließe. Die Medienpolitik ist völlig ungeübt darin, öffentliche Kommunikation konkret zu bewerten, also zu klären, wer mit wem zu welchem Zweck und zu welcher Zeit wann kommuniziert und welche Verhaltensänderungen daraus folgen. Dessen ungeachtet arbeitet sie mit prozentualen Annahmen, die genau jene unbewiesene Wirkung voraussetzen.

Der Bundesrepublik haben diese Regeln nicht geschadet, da sie kaum je zur Anwendung kamen und wenn, dann als kartellrechtlicher Akt und nicht als medienpolitischer. In Erinnerung bleibt allenfalls der vermeintliche Triumph der Regulierer, den Verkauf der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe an den Springer-Konzern verhindert zu haben und die Sender stattdessen in die Hände der Finanzinvestoren Permira und KKR fallen zu lassen, die beide keine verlegerischen Interessen hatten und der Gruppe den kompletten Kaufpreis als Schulden aufbürdeten.

Springer geht es heute glänzend und auch die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe hat die „Heuschrecken“ (Wolfgang Clement) überlebt. Die oben angeführten drei Begriffe können aber in Zeiten von unerschöpflichen Informationsquellen nicht mehr ernsthaft als Grundlage einer sinnvollen Medienregulierung dienen. Im internationalen Vergleich, der eigentlich maßgeblich sein sollte, ist der Springer-Konzern keineswegs unangreifbar. In der Tabelle der 50 größten Medienkonzerne der Welt belegt er den fünftletzten Platz. Was geschähe, wenn beispielsweise der weltweit größte Medienkonzern Comcast (USA) beschlösse, Springer zu kaufen, wäre ein kleines Fernsehspiel des ZDF wert.

Eine kritische Prüfung der herrschenden Semantik unter der Prämisse des Realitätsbezugs wäre jedenfalls ein befreiender Schritt und ein Durchbruch zu einem aufgeräumten Medienstaatsvertrag. Freilich wäre es auch ein Schritt aus dem Rechtsrahmen hinaus, der aus Hamburger Sicht eben nicht angetastet werden sollte.

Bug 3: Reduktion auf den deutschen Kulturraum

Im Jahr 1948 trafen sich die Funksachverständigen der Welt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, um die für den Hörfunk zur Verfügung stehenden Mittel- und Langwellen auf die diversen Staaten zu verteilen. Deutschland war als Kriegsverlierer nicht vertreten und erhielt nur sehr wenige und sehr leistungsschwache Frequenzen zugeteilt. Die deutschen Landessender, allen voran der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), begannen deshalb rasch mit dem Aufbau von UKW-Sendern. Der Erfolg des deutschen UKW-Sendenetzes hatte zur Folge, dass Radiohören nationalisiert wurde und die deutsche Medienpolitik sich den Luxus erlauben konnte, die Grenzen der Bundesrepublik auch als Beschränkung ihres eigenen Denkens festzusetzen. Die Fernsehpolitik, die seit den 1950er Jahren die Rundfunkpolitik ablöste, hat diese Nabelschau noch verstärkt.

Internationale Erwägungen haben allenfalls eine Rolle gespielt, als die deutsche Politik den PAL-Standard gegen das französische Secam-System durchsetzte oder durch die Einführung des Privatfernsehens verhinderte, dass RTL in den 1980er Jahren von Luxemburg aus nach Deutschland sendete. Auch die Kultursender 3sat und Arte sind Gründungen aus einem internationalen Bewusstsein heraus. Internationale Entwicklungen und das Entstehen von neuen Geschäftsmodellen jenseits des Fernsehens hat Deutschland medienpolitisch unterdessen beflissen ignoriert. Dass Google einen großen deutschen Fernsehsender ohne Auflagen kaufen könnte, Springer hingegen nicht, ist das Ergebnis einer lange währenden Ignoranz internationaler technologischer Wechselwirkungen.

2005 haben Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim auf der Technologie des Flash-Players ein Unternehmen aufgebaut, das sie YouTube nannten. Das Unternehmen besteht seit zehn Jahren. Der geplante deutsche Medienstaatsvertrag hat dem mittlerweile zu Google gehörenden Unternehmen aber immer noch keinen Regulierungsansatz entgegenzusetzen und diesbezüglich wurde auch noch nie ernsthaft über eine Lösung nachgedacht. Wenigstens ein Hinweis auf diese entscheidende Schnittstelle hätte dem Beitrag Brosdas nicht geschadet.

Bug 4: Quantität statt Qualität

Die Stabilität der bundesrepublikanischen Ordnung verdankt sich aber ohnehin nicht der Quantität der veröffentlichten Meinungen, sondern deren Qualität. Wenn Meinungsvielfalt der alleinige Maßstab wäre, hätte die Weimarer Republik, deren publizistisches Spektrum weitaus meinungsreicher war als das der Bundesrepublik, nicht untergehen dürfen. Das Geheimnis der politischen Stabilität hierzulande liegt vielmehr gerade in der konsequenten Reduktion öffentlich vertretener politischer Haltungen.

Carsten Brosda räumt fehlendes Qualitätsbewusstsein indirekt ein, indem er in seinem Text zum Medienstaatsvertrag anmerkt, dass Vielfaltsicherung „nicht nur eine Frage der quantitativ erreichbaren“ Information sei, sondern auch eine „der qualitativ verarbeiteten Informationen und ihrer Auffindbarkeit“. Diesen bemerkenswerten Ansatz nimmt er aber leider gleich wieder zurück, indem er ihn an die bestehende Regulierung rückkoppelt. Die deutsche Medienpolitik ist jedoch gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie qualitative Werturteile grundsätzlich meidet. Anstatt selbstbewusst zu definieren, was sie unter gutem und schlechtem Inhalt versteht, und von den Sendern den Gegenwert der Programmautonomie einzufordern, hält sie es mit den dehnbaren Begriffen des Bundesverfassungsgerichts, das Unterhaltung, Nachrichten, Kultur fordert, ohne sich in die inhaltliche Ausgestaltung einzumischen.

Wenn nun von der Medienpolitik erwartet wird, dass sie qualitative Werturteile über Medieninhalte fällen und dabei den Google-Algorithmus übertreffen soll, wäre das eine revolutionäre Kehrtwendung der deutschen Regulierungstradition. Für diesen Ansatz, so richtig er ist, fehlen in Deutschland bislang das passende Personal und das Werkzeug. Ein differenzierter und sezierender Blick auf die inhaltliche Substanz der Rundfunkproduktion wäre aber nötig, um den Leistungsabstand zum internationalen Maßstab in manchen Genres überhaupt erst zu erkennen. Eine Institution, die ihre Haltung nicht nach einem veralteten Rechtssystem, sondern nach einem journalistisch-qualitativen Werturteil ausrichten kann, wäre ein großer Schritt zu einer angemessenen Reaktion auf die veränderten technischen Umstände. Einmal in Gang gesetzt, würde eine solche Institution allerdings vor keiner Medienproduktion haltmachen und auch die Regulierung über die öffentlich-rechtlichen Sender beanspruchen.

Bug 5: Der Fetisch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Die Landesrundfunkanstalten der ARD sind nach 1945 von den Besatzungsmächten ins Werk gesetzt worden und waren damit von Beginn an von einem Nimbus der Unantastbarkeit umweht. Die Staatsferne, die vor allem die Briten den Sendern auferlegt haben, sind von den Parteien zwar konsequent unterlaufen worden (zuletzt durch den Wechsel des ehemaligen Regierungssprechers Ulrich Wilhelm als Intendant zum Bayerischen Rundfunk); nach außen haben die Sender ihre Staatsferne indes stets symbolträchtig vertreten.

Aufgrund der öffentlich-rechtlichen Monopolstellung waren Fernsehproduzenten dabei quasi Angestellte der Sender. Ein mehr oder weniger planwirtschaftliches Modell hielt die Risiken auf beiden Seiten in Grenzen. Die privaten Sender waren in der Folge eher daran interessiert, ihre Programme über Copyrights zu füllen. Sie haben Leo Kirch und Alexander Kluge zu reichen Männern gemacht, die deutschen Produzenten aber nicht aus ihrem öffentlich-rechtlichen Helotendasein befreien können.

Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk medienpolitisch als etwas besonders Schützenswertes zu begreifen, ist offenbar ein nicht zu erschütternder Glaube. Er hat verhindert, dass irgendwo eine Institution entstehen konnte, die mit einer eigenen Autorität das Gebaren der Sender angreifen könnte. Dass um die Sender herum ein System gewachsen ist, dass eben nicht unmittelbar dazu gehört, aber in kompletter Abhängigkeit vom gegenwärtigen Regulierungsrahmen besteht, gehört unbedingt berücksichtigt. Mit mehr als 60 Radioprogrammen und über 20 Fernsehsendern bietet der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande zwar in der Tat ein Angebot, das für ein Hörer- und Zuschauerleben deutlich zu viel ist; zu denken gibt jedoch, dass selbst der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor (NDR-Intendant) die Innovationskraft der öffentlich-rechtlichen Sender nur mit der Note „4“ bewertet.

Der Bug liegt hier vor allem darin, dass die bestehende Ordnung unbewegliche Strukturen belohnt und Kapital bindet, von dem man annehmen muss, dass es in kleineren, unabhängigen Einheiten wirkungsvoller wäre. Die Finanzierung einer erstarrten Struktur war so lange unproblematisch, wie die Sender eine Grundversorgung in allen Sparten garantierten und sie die einzigen waren, die eine Art Allgemeinkommunikation gewährleisten konnten. Die Relevanz des linearen Fernsehens nimmt jedoch exponentiell ab und man muss kein Hellseher sein, um den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Zukunft als eine Quelle unter vielen vorauszusagen. Diesen Walfisch im Karpfenteich bei einer Neuausrichtung der deutschen Regulierung außen vor zu lassen, ist so, als wolle man einen Elefanten mit einer Reißzwecke erschrecken.

Bug 6: Der Glaube an die Öffentlichkeit

Der Befürchtung, dass eine „gesellschaftliche Öffentlichkeit“, wie Brosda sie nennt, mit dem Niedergang des bestehenden Mediensystems untergeht, ist trotz alledem kaum berechtigt. Der Blick in die DDR, die Ukraine oder die Länder des „Arabischen Frühlings“ zeigt, dass sich Öffentlichkeit unterhalb der Leitmedien oder sogar ohne sie entwickeln kann. Doch auch im Kleinen lässt sich das Entstehen einer öffentlichen Meinung ohne massenmedialen Einfluss leicht nachvollziehen. 45 Prozent der Bundesbürger fühlen sich durch Verbrechen „bedroht“ oder „sehr bedroht“, ohne dass dies medial gestützt würde. Eine Reihe von Wohnungseinbrüchen genügt manchmal schon, um subjektive Bedrohungsszenarien ganz unabhängig von medialer Berichterstattung zu manifestieren.

Dass sich der Öffentlichkeitsbegriff von Jürgen Habermas gegen den weitaus subtileren von Reinhart Koselleck durchsetzen konnte, ist für die Geschichte der deutschen Medienpolitik grundlegend. Denn Koselleck war überzeugt, dass nicht die mediale Öffentlichkeit, sondern das private Gespräch der entscheidende Faktor für politische Willensbildung sei. Die Gespräche in dieser Sphäre fänden aber genau dann statt, wenn Menschen zusammenfinden, also eben nicht fernsehen, Zeitung lesen oder sich hinter einem Tablet-Computer isolieren. Alles, was wir über die Kommunikation in der digitalen Welt wissen, spricht dafür, dass Kosellecks These einiges für sich hat. Wenn sie aber zutrifft, kann man dem Zusammenbruch unserer jetzigen Medienordnung gelassen entgegensehen. Denn dann steht sie einer „gelingenden gesellschaftlichen Öffentlichkeit“ (Brosda) nicht entgegen.

Was also folgt daraus? Wie sind die so klar auf der Hand liegenden Aufgaben in eine Institution zu überführen, die diese Herausforderungen administrierend bewältigen könnte? Wie müssten die Personen, Fähigkeiten und Werkzeuge beschaffen sein, um einer solchen Institution ein Profil zu geben? Einer solchen Institution müsste es gestattet sein, die deutsche Medienordnung von einigen Bugs zu befreien. Sie dürfte sich nicht so sehr als „Plattform für Streitbeilegung“ verstehen, wie Brosda meint, sondern müsste vielmehr schon als Exekutive mit einer konsistenten Philosophie auftreten. Sie müsste genügend Autorität besitzen, um eine Steuerungsfunktion auszuüben oder zumindest anzuregen.

Um eine solche Autorität zu schaffen, müssten wohl einige der konkurrierenden medienpolitischen Machtpositionen abgebaut werden, etwa die Landesmedienanstalten. Die scharfsinnigen unter ihren Direktoren, etwa der scheidende Hans Hege von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), widersprechen dem nicht. Die Autorität würde sich auch erhöhen, wenn veraltete oder nicht praktikable Regulierungsansätze fallengelassen würden, so dass eine Konzentration auf das Wesentliche stattfinden könnte. Die neue Institution müsste ferner von einer Person geführt werden, die den Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender auf Augenhöhe begegnen könnte und die aus dem riesigen Budget des Rundfunkbeitrags Teile herausnehmen dürfte, um zentrale kommunikative Aufgaben neu auszuschreiben. Die Amtszeit einer solchen Person wäre, nebenbei bemerkt, idealerweise nicht an die Legislaturperiode der Bundesregierung gebunden.

Ob die „rasante Beschleunigung“ notwendigerweise dazu führt, dass „die rechtlichen Rahmenbedingungen den technologischen hinterherhinken“, wie Brosda schreibt, wäre dann abzuwarten. Der neue Medienstaatsvertrag kann jedenfalls nur ein Anfang sein, da ist Carsten Brosda Recht zu geben. Und um ihn ein letztes Mal zu zitieren: Der Medienstaatsvertrag sei dazu da, „sich für zukünftige Entwicklungen schon einmal gedanklich in Stellung zu bringen“. „Na, denn man to!“, wie der Hamburger sagt.

Kai Burkhardt, 43, ist Kommunikationsberater und Fellow am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM, Berlin/Köln)

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Text aus Heft Nr. 51-52/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

19.12.2014/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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