Auf beeindruckende Weise gelungen

Ganz normal und doch so anders: Das Fernsehfilm-Festival Baden-Baden, diesmal digital

Von Steffen Grimberg
18.12.2020 •

Wenn man die Preisentscheidungen beim 32. Fernsehfilm-Festival Baden-Baden für sich nimmt, scheint es ein ganz normaler Wettbewerb gewesen zu sein. Den Hauptpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, die seit 1989 das Festival in der Kurstadt veranstaltet, ging an den Film „Sterne über uns“ (ZDF/Arte) von Christina Ebelt (Buch und Regie). Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die ihre Wohnung verliert und übergangsweise mit ihrem Sohn in einem Zelt im Wald haust, sei „kein Krisenkunstkino“. Vielmehr zeige hier ein Spielfilm „eine im Deutschland des Jahres 2020 offenbar mögliche Situation. Und das, lassen die strahlenden Sterne dieses Films erkennen, ist das eigentliche Drama“, so die Jury in ihrer Begründung.

Mit dieser Preisentscheidung – mit der auch eine Produktion der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ ausgezeichnet wurde (ein Film im Übrigen, der auch eine Kinoauswertung hatte) – war sich die wie im Vorjahr von der Medienmanagerin Christiane von Wahlert geleitete Hauptjury mit der studentischen Jury sogar einig, die den Film ebenfalls auszeichnete. In Baden-Baden ist eine solche Einigkeit beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Mit einem Sonderpreis für herausragende schauspielerische Leistungen ehrte die Hauptjury das Ensemble des Fernsehfilms „Der König von Köln“ (ARD/WDR; vgl. MK-Kritik). Die nur leicht fiktionalisierte Geschichte des einstigen Poliers und Selfmade-Bankers Josef Esch, von dem sich in den 2000er Jahren Deutschlands größte Privatbank Sal. Oppenheim (2009 an die Deutsche Bank verkauft) und Dutzende vor allem rheinische Promis im kölschen Klüngel vertreten ließen, spiele „virtuos auf, ohne Bremse, lustvoll, mitreißend und gleichzeitig verstörend“, so die Jury. Das Drehbuch für den als Gesellschaftssatire angelegten Film schrieb Ralf Husmann, Regie führte Richard Huber. Zum Schauspieler-Ensemble zählten Rainer Bock, Joachim Król, Jörg Hartmann, Serkan Kaya, Judith Engel und Eva Meckbach.

Hauptpreis für den Film „Sterne über uns“

Für das Drehbuch der ZDF-Produktion „Totgeschwiegen“ gab es einen Sonderpreis („Herausragende künstlerische Leistung“) für die Autorinnen Gwendolyn Bellmann und Franziska Schlotterer (die hier auch Regie führte). „Es gibt Dialoge, die sind nur auf ihrem Gesicht“, hieß es in der Jury-Diskussion über Katharina Marie Schubert, einer der Hauptdarstellerinnen des Films: „Das macht man eigentlich nicht im Fernsehen“, hieß es weiter, mit einem nicht gesagtem, aber im Gesicht deutlich abzulesenden „Leider“. Den 3sat-Publikumspreis schließlich gewann das bei der Jury eher durchgefallene Scheidungsdrama „Weil du mir gehörst“ (ARD/SWR; vgl. MK-Kritik) von Katrin Bühlig (Buch) und Alexander Dierbach (Regie). Denn während die Jury hier „eindimensionales, tendenziöses Erzählen“ konstatierte, traf der Film über die durch ihre Mutter inszenierte systematische Entfremdung eines Mädchens von ihrem Vater offenbar den Nerv der Zuschauer.

Ein ganz normales Jahr also mit ganz normalen Resultaten. Und doch war 2020 alles anders. Denn das Baden-Badener Festival fand coronabedingt ausschließlich digital statt. Was Akademie-Präsident Hans-Jürgen Drescher in seiner Grußbotschaft als „kreatives Experiment“ angekündigt hatte, ist dem Team um Festivalleiterin Cathrin Ehrlich dabei auf beeindruckende Art und Weise gelungen. Denn nicht nur alle zwölf Wettbewerbsfilme und die vier Bewerber-Produktionen um den Nachwuchs-Regiepreis „MFG-Star“ waren diesmal auf der Homepage des Festivals zum Anschauen abrufbar, sondern auch die für Baden-Baden konstitutiven öffentlichen Jury-Sitzungen. Sie hatten bereits im Sommer „auf Abstand“ im E-Werk der Kurstadt stattgefunden und sind weiterhin über die Website des Fernsehfilmfestivals abrufbar.

Dass die Jury – neben Christiane von Wahlert die Schauspielerin Gesine Cukrowski, die ehemalige HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen, die Filmkritikerin und Moderatorin Jenni Zylka und der Medienwissenschaftler Thomas Meder – pandemiebedingt in diesem Jahr ohne Publikum tagte, tat allerdings der Spontanität erheblichen Abbruch. Es gab deutlich weniger Reaktionen der Jury-Mitglieder aufeinander. Überhaupt diskutiert es sich einfach anders, wenn Publikum im Saal ist und im Verlauf der kritischen Diskussion auf dem Podium die Mienen anwesender Filmemacher immer länger werden oder sich immer mehr aufhellen. Und auch wenn sich in den vergangenen Jahren das Saalpublikum im Kurhaus immer weniger an der Debatte beteiligte, brachten doch gerade diese Einlassungen – oder die der verantwortlichen Redakteurinnen und Redakteure – Schwung in die Diskussion. Und sorgten manches Mal für erhellenden oder doch wenigstens amüsanten Streit. Andererseits gelangen die Jury-Diskussionen 2020 so deutlich konzentrierter und stringenter. Im Jahr zuvor hatte die manchmal erratisch anmutende Diskussionsleitung durch von Wahlert dagegen für Kritik gesorgt.

Der Gegner Nummer 1

Der Wettbewerb um den 3sat-Zuschauerpreis fand in gewohnter Weise parallel zum eigentlichen Festival-Termin in Baden-Baden Ende November 2020 statt. Auch die Preisverleihung blieb am angestammten Termin, wechselte aber die Stadt. Statt von der sonst üblichen Gala vor Ort im Baden-Badener Kurhaus meldeten sich Festivalchefin Cathrin Ehrlich und Moderator Knut Elstermann am 27. November (Freitag) deutlich nüchterner aus dem Kino „Arsenal“ in Berlin – online, ohne Publikum und ohne leibhaftig anwesende Geehrte. Dafür aber mit liebevollen Einspielern von spontan-gestellten Dankesausbrüchen am Wickeltisch bis zur amüsanten Vorstellung der Preisträgerin beim Hans-Abich-Preis.

Akademie-Präsident Hans-Ulrich Drescher bescheinigte der erzwungenen neuen Form denn auch „eine erstaunliche Produktivität“, allerdings könne sie „die persönliche Präsenz und den Austausch nicht ersetzen“. Beides soll es 2021 nach Möglichkeit wieder geben, dann aber mit „gleichzeitig ganz selbstverständlich integrierter digitaler Technik“. Als nach rund einer Stunde der „gebotenen Kürze des Digitalen“ (Drescher) alles vorbei war, blieb nach dem Online-Preisverleihungsvideo die Erkenntnis: Für alles wirklich Wesentliche reicht das auch. Ja, mehr noch, die sonst bei der Bühnenshow je nach Temperament der Beteiligten manchmal nachrangiger scheinenden Festivalelemente wie der Hans-Abich-Preis und der „MFG-Star“ schienen sogar mehr an Gewicht zu haben als sonst.

„MFG“-Juror Christian Schwochow, Filmregisseur und Drehbuchautor, wählte unter den nominierten Filmen „Kids Run“ (ZDF, Buch/Regie: Barbara Ott), „Morgen sind wir frei“ (WDR/Arte, Buch/Regie: Hossein Pourseifi), „Kokon“ (ZDF, Buch/Regie: Leonie Krippendorff) und „Kopfplatzen“ (SWR, Buch/Regie: Savaş Ceviz) Pourseifis Liebesdrama über die iranische Revolution von 1979 als Preisträger aus. „In einer Zeit, in der große politische Ideen“ in all ihrer Widersprüchlichkeit „immer weniger sichtbar werden“, sei dieser „große, leise Film“ über eine ostdeutsche Chemikerin, die einem in der DDR lebenden iranischen Dissidenten in den Iran folgt, „sehr wichtig“, so Schwochow.

Das grau-grüne Grading des „Tatorts“

Innovation, Kreativität, Mut, Kontinuität“ – mit diesen Worten hat die Jury die diesjährige Hans-Abich-Preisträgerin beschrieben. Die gleichen vier Attribute lassen sich aber über die Preisentscheidung selber sagen. Denn dass Baden-Baden mit Anke Greifeneder eine überwiegend für Serien verantwortliche Pay-TV-Managerin auszeichnet, zeigt auch, das hier über den Tellerrand geschaut wird. Und wie die Brandrede der Vorjahrespreisträgerin Julia von Heinz gegen den angstbesetzten öffentlich-rechtlichen Mehltau (vgl. diesen MK-Artikel) wies auch Anke Greifeneders Dankesrede weit über die Welt von TNT Serie und Turner Broadcasting System Deutschland, für die sie arbeitet, hinaus. „Ich durfte machen“, so Greifeneder. Mit Chefs, die ihr vertrauten: „Sie übten keinen unnötigen Druck aus und ich hatte immer das Gefühl, dass Versagen sein darf. Mit diesem Gefühl im Rücken lässt es sich freier und mutiger sein.“ So könne man auch ganz anders an Produktionsfirmen und Kreative herantreten: „Und dessen bedarf es, damit man sich nicht im vorauseilenden Gehorsam verbietet, Dinge auszudenken, oder aus Angst lieber wieder auf Nummer sicher geht“, so Greifeneder weiter: „Denn Angst und Druck sind der Gegner Nummer 1 von Kreativität und Innovation.“

Was wiederum die in diesem Jahr von der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) und der Ludwigsburger Filmakademie Baden-Württemberg besetzte sechsköpfige Studentenjury mit ihrer ganzen Unbarmherzigkeit dem Festivalprogramm 2020 vor den Latz knallte: „Die Mehrzahl der Produktionen erzählt von weißen, heterosexuellen Kernfamilien des gehobenen Mittelstandes“, hieß es da zur mangelnden Diversität, die eben kein zeitgemäßes Bild der Gesellschaft abgebe. Überhaupt sei das mittlerweile auch in vielen anderen Produktionen angesagte „grau-grüne Grading des ‘Tatorts’, dieser verwaschene, einförmige Look“ fatalerweise „exemplarisch für die Eintönigkeit der hiesigen Fernsehlandschaft“. Und dann folgte ein Satz, der für alles steht, was auch Baden-Baden und sein Festival ausmacht: „Die Angst, ein Publikum zu verschrecken, ist unbegründet.“

18.12.2020/MK

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