Arte oder Ein Polit‑Kunstprodukt macht Fernseh‑Kunst

Am 30. Mai 1992 zündete in Straßburg der Nukleus des Europäischen Kulturkanals

Von Waldemar Schmid
04.06.1992 •

Die beiden Vorsitzenden Jérôme Clément und Dietrich Schwarzkopf gaben am 30. Mai etwa um 14.00 Uhr letzte offizielle Presse-Statements ab. Um 15.00 Uhr war Arbeitssitzung der Arte-Mitglieder in der Rue de la Fonderie Nr. 2 in Straßburg und um 20.00 Uhr sollte in der Rheinoper am nahen Broglieplatz der Sendestart sein. Die Statements waren so nichtssagend, dass selbst die Übersetzungen nichts Brauchbares mehr daraus machten. Verstehen und weitergeben sollte man aber: Es gibt einstweilen keine Probleme, wenigstens nach außen nicht. Das korrespondierte dann auffallend mit den Kohl- und Mitterrand-Imitationen von Stephan Wald und Yves Lecocq um Punkt 20.00 Uhr, als es dort beim ARTE-Start zu den lang erwarteten neuen, wenngleich satirischen Straßburger Eiden kam: „Wir haben keine Differenzen.“

ARTE ist das Kürzel für ein rein politisches Kunstprodukt. Auf die Schienen gehoben wurde das Projekt am 26. März 1988 von einer Arbeitsgruppe „Deutsch-französischer Kulturkanal“ durch die Ministerpräsidenten Lothar Späth und Bernhard Vogel und Hamburgs Ersten Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, nachdem es vorher durch intensive Kontakte zwischen dem französischen Kulturminister Jack Lang und dem Stuttgarter Landesherrn und Kulturförderer Lothar Späth vorbereitet worden war. Jack Lang hatte etwas zu bieten: den 1986 aus der Taufe gehobenen Kulturkanal La Sept; Lothar Späth erkannte die Möglichkeit, im Fernsehbereich etwas Europäisches zu fördern.

Das Lang/Späth-Projekt wurde am 4. November 1988 auf eine noch breitere Länderbasis gestellt und durch eine gemeinsame Erklärung der Länder zum Prüfungsgegenstand für einen möglichen „Europäischen Kulturkanal“ gemacht. Am selben Tag erklärten Helmut Kohl und FrançoisMitterand das Vorhaben auf dem 52. deutsch-französischen Gipfel zur jeweils nationalen Chefsache. Allerdings gerann es, obwohl als multinationales Vorhaben angedacht, immer mehr zu einer deutsch-französischen Tele-Entente, dem vorerst niemand sonst etwas abgewinnen mag. Das ist nicht nur deshalb so, weil das ausschließlich gebühren- bzw. steuergeldfinanzierte Projekt im Zeitalter der neuen kommerziellen Fernsehkanäle wie ein übertrieben gut erhaltenes Ideologiefossil aus guten alten Zeiten anmutet, mit dem man viel Staat machen und Geld ausgeben, aber kein Geld machen kann. Mit maßgebend für die Abstinenz vom Europäischen Kulturkanal mag – neben den gestressten Staatshaushalten anderwärts und damit mit der Frage nach der Lebensnotwendigkeit von Kultur pur im Fernsehen – auch der Umstand sein, dass dies mittlerweile neben dem Eurosport- und dem Euronews-Kanal das dritte europäisch firmierende Fernsehunternehmen ist, das sich die Franzosen nicht uneigennützig auf ihr Territoire gezogen haben. Immerhin, der Hauptstandort im elsässischen Straßburg und die faktische Aufteilung der Redaktionsabläufe auf die Orte Paris (La Sept), Baden-Baden (Arte Deutschland) und Straßburg (Arte G.E.I.E.) signalisieren Einsichten.

Aus dem Europäischen Kulturkanal wurde Arte

Die Buchstabenreihe ARTE steht für „Association Relative de la Télévision Européenne“; die Gesellschaft (G.E.I.E. heißt „Groupement Européen d’Interêt Économique) wurde am 30. April 1991 in Straßburg gegründet. Ihre Mitglieder sind zu gleichen Teilen La Sept S.A. in Paris und die Arte Deutschland TV GmbH in Baden-Baden, die ihrerseits von ZDF und den (alten) ARD-Landesrundfunkanstalten getragen wird. Finanziert wird Arte zu jeweils 50 Prozent deutsch-französisch, der französische Anteil kommt aus dem Staatshaushalt, der deutsche Anteil aus einem Aufschlag zur Rundfunkgebühr von 75 Pfennig pro Rundfunkteilnehmer/Monat.

Die Arte Deutschland TV GmbH wurde sechs Wochen vor der Straßburger Arte-Gründung, am 13. März 1991, in einem Gesellschaftsvertrag zwischen dem ZDF und damals erst sechs beitrittswilligen ARD-Landesrundfunkanstalten ins Leben gerufen. Mittlerweile sind neben dem ZDF – nach einigem Zögern – alle neun westdeutschen ARD-Anstalten beteiligt: WDR 12,5 Prozent am deutschen Zulieferkontingent, NDR 9,5, Bayerischer Rundfunk 8,0, Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunk je 4,5, Hessischer Rundfunk und Sender Freies Berlin je 4,00, Saarländischer Rundfunk und Radio Bremen je 1,5 Prozent; die ostdeutschen ARD-Sender MDR und ORB sind nicht mit dabei. Das für die Arte-Gründung nötige zwischenstaatliche Vertragswerk zwischen Deutschland und Frankreich wurde am 2. Oktober 1990 als Vertrag zwischen den elf alten Bundesländern und der französischen Republik abgeschlossen. In Artikel 3 dieses Vertrags verpflichtet sich die französische Regierung, dass die deutschen und französischen Zahlungen für den Europäischen Kulturkanal „nicht durch die Zahlung von Mehrwertsteuer verringert werden“. Die Führungspositionen besetzte der Kulturkanal schon auf der Gründungsversammlung am 30. April 1991 in Straßburg, unmittelbar nach der Unterzeichnung der Gründungsurkunde (vgl. FK-Heft Nr. 18/91). Mittlerweile hat sich auch der 18-köpfige Fernsehbeirat konstituiert. Auf deutscher Seite gehören dazu Katrin Rabus, Werner Hauser, Karsten Hoppenstädt, Johannes Niemeyer, Hermann Meyn, Peter Glotz, Lothar Gall und Karin Junker.

Möglichst vielen ihr Arte für die 75 Gebührenpfennig

Die technische Reichweite von Arte beträgt in Deutschland (wenn die Sendestrecken tatsächlich einmal sicher sind, am Eröffnungsabend waren sie es nicht) knapp 11 Mio Kabelhaushalte über unterschiedliche Sonderkanäle, außerdem die Parabol-Direktabnehmer von den Satelliten Kopernikus (PAL) und TDF1 (D2-MAC). Der Südwestfunk hat eine Liste der mit Arte belegten Sonderkanäle angefertigt. In Frankreich sind im Augenblick lediglich 850.000 Kabelhaushalte von Arte technisch erreichbar. Dieser Zustand entspricht zwar noch nicht dem Artikel 2 des Vertrags zwischen Frankreich und den elf alten Bundesländern sowie der angeschlossenen französischen Protokollerklärung, wonach zahlenmäßig gleichgewichtige Reichweiten diesseits und jenseits des Rheins angestrebt sind. Aber er hat auch mit knappem Geld zu tun: Die Arte-Einspeisung in das französische „Reseau Multivilles“, ein überkommunales (terrestrisches) Sendernetz, an dem 23 französische Städte angeschlossen sind und das 10 Mio Zuschauer erreicht, war staatlicherseits zwar genehmigt, wurde von Arte aber wegen des relativ kurzen Zeitraums bis zur geplanten Aufschaltung auf die Senderkette des verbleichenden Programms La Cinq im Herbst 1992 als zu teuer veranschlagt (Plakat- und sonstige Werbung, Technik).

Bis Arte auf dieses terrestrische La-Cinq-Sendernetz geschaltet wird, sitzt das Hauptkontingent der möglichen Arte-Freaks nun vorerst in Deutschland und empfängt das Programm in PAL, derjenigen Norm, in der es auch produziert wird. Erst von September an werden dann 85 Prozent der rund 36 Mio französischen Fernsehhaushalte das neue Kulturprogramm empfangen können, dort in Secam und über die gewöhnliche Hausantenne. Allerdings muss die französische Republik für die Arte-Aufschaltung auf die La-Cinq-Senderkette im Etatjahr 1992 noch 160 Mio Francs mehr als geplant zubuttern und im Etatjahr 1993 weitere 400 Mio Francs zusätzlich.

Das hat vorrangig mit der verworrenen Urheberrechtslage zu tun: Für die geplante Arte-Nachrichtensendung „Halbneun“ kann der Straßburger Sender zwar beispielsweise die Fernsehnachrichten von ARD und ZDF bekommen, aber nicht umsonst; unter anderem deshalb kann mit diesen zweisprachig im Off zu verlesenden Nachrichten erst ab Juli begonnen werden. Für die meisten Fremdproduktionen, die Arte ausstrahlen will, sind die Rechte für die terrestrische Ausstrahlung in Frankreich in der französischen Etathälfte (50 Prozent von 340 Mio DM jährlich) noch nicht mitkalkuliert. Die Finanznachschläge sind zwar einstweilen beschlossen, verursachen aber dennoch Unsicherheiten, denn das Polit-Kunstprojekt Arte ist sensibel von den Mehrheitsverhältnissen im Pariser Parlament abhängig.

Wem nimmt Arte die Butter vom Brot?

Dass ein Fernseh-Kulturprojekt die Betreiber von entfernt Vergleichbarem aufschreckt, versteht sich. So gab es auf französischer Seite Unruhe bei den öffentlich-rechtlichen Kanälen Antenne 2 und FR 3, deren Chef übrigens auch mit in der Arte-Mitgliederversammlung sitzt; auf deutscher Seite waren natürlich Überlegungen zu möglichen Kooperationen angestellt worden, auch beispielsweise zu einer möglichen Fusion von 3sat mit dem Europäischen Kulturkanal. Im April vergangenen Jahres hat der ZDF-Fernsehrat allerdings solche Überlegungen deutlich zurückgewiesen (vgl. FK-Heft Nr. 17/91).

Dass die Frage der – politisch erwünschten – „Integration“ von Kulturkanälen noch lange nicht vom Tisch ist, deutete der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau bei der Eröffnung des Medienforums NRW 1992 am 1. Juni in Köln an, als er sagte: „ARD und ZDF sollten zügig darangehen, eine Integration von Eins Plus, 3sat und dem Europäischen Kulturkanal zu prüfen. Das haben ihnen auch die Regierungschefs der Länder nahegelegt.“ Einer indirekten Beteiligung von ARD und ZDF am Europäischen Kulturkanal über die Arte Deutschland TV GmbH mit Sitz in Baden-Baden wurde am 8. Juni 1990 vom ZDF-Fernsehrat bzw. am 26./27. Juni 1990 auf der ARD-Arbeitssitzung unter bestimmten politischen und rechtlichen Bedingungen zugestimmt (vgl. FK-Hefte Nr. 25/91 und 26/91); dort ging es unter anderem um die Frage nach der juristischen Klärung von Beteiligungsmodalitäten der beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsysteme in Deutschland am Europäischen Kulturkanal.

Mittlerweile hat sich die Diskussion über die mögliche Alibifunktion eines supranationalen, dezidiert als Fernseh-Kulturkanal ausgewiesenen Programms in der Programmlandschaft intensiviert: Ob nicht nach dorthin alles Sperrige, Alternative, quotenvernichtend Kulturelle abgeschoben würde, zugunsten eigener stromlinienförmig massenattraktiver Gesamtprogramme von 0.00 bis 0.00 Uhr, so heißt nach wie vor die Befürchtung. Andersherum wird natürlich auch ein Schuh daraus: Der neue Kanal könnte, wenigstens in einer langen Anfangsphase, für die beteiligten Anstalten eine hochwillkommene Abspielstätte für Produktionen sein, die zwar von der personellen Besetzung in den Kulturredaktionen her produzierbar sind, aber im Programm nicht mehr untergebracht werden können. Somit könnte er Synergieeffekte erbringen, auf die niemand mehr in öffentlich-rechtlichen Funkhäusern zu hoffen gewagt hatte. In der Arte-Eröffnungsgala wurden diese Fragen angesprochen, allerdings konnte keiner der vier Diskutanten Axel Corti, Wolf Biermann, Wim Wenders und Jérôme Savary, weil sie weder TV- noch Landes-Hierarchen sind, darauf andere als feuilletonistische Antworten geben.

Die Eröffnungsveranstaltung in der Straßburger Rheinoper litt aber nicht nur am Glanz der Abwesenheit kulturpolitischer Prominenz, sondern auch an ganz schlichten technischen Malaisen, von denen die Übertragungsmängel (die der Besucher im hocherhitzten Plüschgehäuse natürlich nicht mitbekam) nur das letzte Glied waren: Die diskret mitanwesende Konkurrenz hämte anschließend zu Recht, weil Produktionspannen heute nicht zur Grundausstattung von TV-Premieren, auch zweisprachigen, nicht, gehören sollten.

Das Programmschema und die Legimation

Arte soll von der Straßburger Zentrale aus jährlich 300 Stunden Programm, hauptsächlich Information und Magazine produzieren; die beiden Arte-Teilhaber La Sept und Arte Deutschland werden jährlich jeweils 750 Stunden Programm zuliefern, die aber von der Straßburger Zentrale ausgewählt werden. Gesendet wird täglich ab 19.00 Uhr fünf Stunden lang, vor dem quasi-offiziellen Sendebeginn strahlen die Deutschen allerdings ab 17.00 Uhr zwei Stunden Wiederholungen aus. Dieser Programmvorlauf soll dazu dienen, möglichst viele Zuschauer abzufangen, die sich, wie man vermutet, schon am späten Nachmittag ihr Programm-Menü zusammenstellen.

Arte startet um 19.00 Uhr werktäglich mit dem Genre Dokumentation: Montags mit den allgemeinen Themenbereichen Wissenschaft und Technik, dienstags Gesellschaft, mittwochs Anthropologie/Ethnologie/Natur und Umwelt, donnerstags Geschichte, freitags Kunst und Kultur, samstags „Die Woche in 50 Jahren“. Eine große 90-minütige Dokumentationsleiste steht am Samstag zusätzlich ab 21.00 Uhr auf dem Programm. Den Bereich Information will Arte (neben den „Halbneun“-Nachrichten) montags mit einem „Interview der Woche“ um 20.00 Uhr besetzen, freitags mit dem großen 90-minütigen Wochenüberblick „Transit“ um 21.00 Uhr und samstags mit der Regionalsendung „Via Regio“ um 20.00 Uhr (das sind die hauptsächlichen ersten Eigenproduktionen des Straßburger Senders), außerdem mit dem einmal monatlichen „Club Straßburg“ mittwochs nach dem 21.00-Uhr-Spielfilm.

Wesentliches Merkmal des Arte-Programms sind die sogenannten „Themenabende“ jeweils am Dienstag, Donnerstag und Sonntag, auch als „vertikales Programm“ bezeichnet. Hier sollen (dienstags und donnerstags) auf großen Dreistunden-Flächen monothematische Produktionen gezeigt werden, sonntags ist die Fläche sogar fünf Stunden lang (von 19.00 bis 0.00 Uhr). Das Fernsehspiel wird in Arte außerdem gepflegt, wenn auch nicht zur Hauptsendezeit: montags nach 22.00 Uhr nach der Leiste „Europäische Cinemathek“, abwechselnd mit einem weiteren Spielfilm, und am Freitagabend im Anschluss an „Transit“; außerdem ist samstags nachts nach der „Late Show“ noch ein 30-minütiger Fernsehspieltermin vorgesehen.

Arte wird sich für sein Überleben politisch legitimieren müssen und das wird dieser Kulturkanal neben dem Aufbau eines soliden, auch im politischen Bereich klar erkennbaren Profils eigentlich nur über die Quoten tun können. Dass die nach allen Erfahrungen mit Kulturprogrammen klein sein werden, dürfte allen einleuchten, auch den politisch Verantwortlichen; die Quoten werden allerdings nicht unter die Messbarkeitsgrenze rutschen dürfen. Entscheidend wird es sein, den Programmgroßereignissen von Arte vielleicht einen gewissen Raum in den überlasteten Seiten der Programmvorankündigungen in der Presse zu sichern. Es sei denn, der Sender entschlösse sich, Interessenten eine eigene Monatsprogrammvorschau zuzusenden, wie das etwa der Kölner Deutschlandfunk tut. Das wäre bis zu einer gewissen Auflage eher zu verkraften als minimale Zufallseinschaltquoten per Zapping.

• Text aus Heft Nr. 23/1992 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.06.1992/MK

Print-Ausgabe 10/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren