ARD-Frau gegen ZDF-Mann

Intendantenwahl beim ZDF: Tina Hassel und Norbert Himmler nominiert

Von Dietrich Leder
27.06.2021 •

Für Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin, war es gewiss einer der ungewöhnlichsten Termine, die sie in ihrer Karriere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk am 15. Juni wahrnahm. Sie war nämlich eine von zwei Personen, die aus dem Fernsehrat des ZDF für die Nachfolge von Intendant Thomas Bellut vorgeschlagen worden war und deshalb an diesem Dienstag zu einer Sitzung des erweiterten Präsidiums des Fernsehrats nach Mainz fuhr, wo das Zweite Deutsche Fernsehen auf dem Lerchenberg sein Domizil hat. Hier stand sie wie ihr Konkurrent in Sachen Intendantenwahl, der derzeitige ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, diesem Gremium, das die Intendantenwahl vorbereitet, Rede und Antwort.

Tina Hassel ist eine Überraschungskandidatin. Vorgeschlagen wurde sie aus einer Fraktion des ZDF-Fernsehrats, die es offiziell gar nicht gibt, nämlich dem „roten Freundeskreis“, der sich um die SPD-Vertreter in dem Gremium bildet. Er ist das Pendant zum „schwarzen Freundeskreis“, in dem sich die CDU/CSU-nahen Fernsehratsmitglieder versammeln. Beide Freundeskreise haben seit der Gründung des ZDF im Jahr 1963 die Personalpolitik des öffentlich-rechtlichen Senders bestimmt. Mitglied in einem der beiden Freundeskreise wurde man – berichteten manche, die zum ersten Mal in den Fernsehrat gewählt worden waren – nahezu zwangsweise; man hatte sich einem der beiden Lager zuzurechnen (selbst wenn man sich selbst eher als ‘neutral-grau’ betrachtete).

Im doppelten Sinn eine Überraschung

Spätestens seitdem 2014 das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die jahrzehntelange Besetzung des ZDF-Fernsehrats mit überproportional vielen Politikern aus den Parlamenten, der Bundesregierung und den Landesregierungen als verfassungswidrig bezeichnet hatte (vgl. diesen FK-Artikel und diesen FK-Artikel), war der Einfluss der Freundeskreise geschrumpft. Intendantenwahlen, die noch 2002 zu einem tagelangen Tauziehen beider Freundeskreise mit erstaunlichsten Kandidatenbenennungen ausarteten, gingen seither wesentlich schneller und oft einvernehmlich über die Bühne (obwohl die Zusammensetzung des Fernsehrats sich zunächst noch nicht veränderte; aber solch ein Urteil des höchsten deutschen Gerichts hat mit Blick auf Handlungsverhalten wohl nicht zuletzt auch eine psychologisch-appellative Wirkung).

Nachdem der amtierende Intendant Thomas Bellut am 2. März dieses Jahres seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekanntgegeben hatte (vgl. MK-Meldung), rechnete deshalb auch niemand mit einer größeren Wahlauseinandersetzung. Es lief als Nachfolger alles auf Norbert Himmler hinaus, der seit 2012 die Programmdirektion des ZDF leitet. Bellut hatte wie vor ihm die Intendanten Markus Schächter, der von 2002 bis 2012 amtierte, und Dieter Stolte, der von 1982 bis 2002 den Sender führte, ebenfalls der Programmdirektion vorgestanden.

Umgekehrt hat es bislang noch nie eine Person direkt aus dem journalistischen Bereich, also der Chefredaktion, auf den ZDF-Intendantensessel geschafft; Bellut hatte immerhin vor seiner Zeit als Programmdirektor in der Chefredaktion gearbeitet. Dieses Herkunftsprinzip kann man im Sender gut mit den vielgestaltigen Aufgaben eines Intendanten begründen, der sich in mehr Bereichen als in der Politik auskennen muss. Hinzu kommt beim ZDF die Sozialisation im eigenen Haus, die vor allem die Programmdirektoren nachweisen mussten. Viele ARD-Sender sehen das anders. Im WDR wählte der Rundfunkrat beispielsweise gerne Personen wie zuletzt Tom Buhrow und zuvor Friedrich Nowottny oder Fritz Pleitgen zu Intendanten, deren Gesichter die Mitglieder des Aufsichtsgremiums von den Nachrichten- und Politiksendungen kannten.

Dass Tina Hassel, die ihr gesamtes berufliche Leben im WDR verbrachte (vom Volontariat über ihre Korrespondentenposten bis zur Leitung des Hauptstadtstudios), für das ZDF-Intendantenamt ins Spiel gebracht wurde, war also im doppelten Sinn eine Überraschung – als politische Journalistin und als nicht im ZDF sozialisierte Person. Doch genau das spricht in einem so traditionsbewussten Sender wie dem ZDF, in dem die Büros streng nach Hierarchie vergeben werden, gegen sie. Wieso wurde sie dann benannt und nun in ein Rennen geschickt, in dem sie eigentlich gar keine Chance hat, gewählt zu werden? Der erste Grund dafür ist stark. Tina Hassel wäre die erste Frau, die Intendantin des ZDF würde. Kein öffentlich-rechtlicher Sender hierzulande hat Frauen bisher den Aufstieg in Hierarchiepositionen stärker erschwert als das ZDF. Nie war eine Frau beispielsweise Programmdirektorin oder Chefredakteurin. Mit Karin Brieden, die 2014 Verwaltungsdirektorin wurde, hat es in 58 Jahren ZDF-Geschichte bis heute gerade erst einmal eine Frau in die Geschäftsleitung des Senders geschafft.

Der SPD-Freundeskreis will noch einmal seine Bedeutung zeigen

Doch das Argument, endlich einmal eine Frau an die Spitze des Mainzer Senders zu hieven, ist nur vorgeschoben. Denn wäre es den Frauen und Männern im „roten Freundeskreis“ damit ernst gewesen, dann hätten sie jemanden vorgeschlagen, die anders als Tina Hassel im ZDF sozialisiert wurde und dort schon Leitungsfunktionen innehatte. Bettina Schausten, derzeit stellvertretende Chefredakteurin, oder Heike Hempel, momentan stellvertretende Programmdirektorin, hätten sich zum Beispiel dafür angeboten.

Dass keine von diesen beiden vorgeschlagen wurde, sondern ARD-Frau Tina Hassel, weist daraufhin, dass es dem „roten Freundeskreis“ um etwas anderes geht. Tina Hassel gilt nach mancher unglücklich formulierten Erklärung, die sie über Twitter verbreitete, als Sympathisantin einer grün-roten Koalition im Bund. Der Vorschlag muss also als eine Art von rhetorischer Übung betrachtet werden, mit dem der „rote Freundeskreis“ vielleicht ein letztes Mal angesichts der immer schwächer werdenden Wahlergebnisse der SPD seine Existenz und seine Bedeutung im ZDF-Fernsehrat und damit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beweisen kann. Im Hintergrund spielt wohl auch der ZDF-Verwaltungsrat eine indirekte Rolle; dessen Vorsitzende ist die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Wie schwach die SPD mittlerweile politisch geworden ist, bewies zuletzt ja die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die Traditionspartei weniger als zehn Prozent erreichte.

Was der SPD-Freundeskreis in Sachen ZDF-Intendantenwahl veranstaltet, sieht nach einer Machtdemonstration um der Macht willen aus. Ob das zum Nutzen des ZDF ist, scheint dabei eine nachgeordnete Frage zu sein. Einen einzigen Vorteil hat die rhetorische Übung dann womöglich aber doch: Norbert Himmler stünde nach seiner zu erwartenden Wahl in der Pflicht, die Zahl der Frauen in der Geschäftsleitung des ZDF zu erhöhen. Dafür hatte Volker Nünning bereits im März ein mögliches Personaltableau skizziert (vgl. MK-Meldung). Diesem Planspiel zufolge übernähme Heike Hempel von Himmler die Programm­direktion und Bettina Schausten würde, wenn Peter Frey im September 2022 aus Altersgründen sein Amt abgibt, neue Chefredakteurin. Mit Karin Brieden wäre die sechsköpfige Geschäftsleitung des ZDF zum ersten Mal paritätisch mit Frauen besetzt. Die drei Männer neben ihnen wären Norbert Himmler, Justiziar Peter Weber und Produktionsdirektor Michael Rombach.

Was die ZDF-Wahl mit dem WDR zu tun haben könnte

Tina Hassel wird vermutlich, als sie am 15. Juni nach Mainz fuhr, gewusst haben, dass ihre Chance auf die ZDF-Intendanz – vorsichtig formuliert – recht gering ist. Warum aber ließ sie sich dann auf das Spiel des „roten Freundeskreises“ ein? Neben der Ehre einer solchen Einladung könnte ein Grund auch der Gedanke sein, der zu ihrem Heimatsender, dem Westdeutschen Rundfunk (WDR), und damit zurück von Berlin nach Köln führt. Durch die Einladung nach Mainz wurde ja öffentlich demonstriert, dass die Journalistin, die im Ersten den „Bericht aus Berlin“ moderiert, als Intendantin durchaus denkbar ist.

Im WDR würde die zweite sechsjährige Amtszeit von Tom Buhrow im Juni 2025 auslaufen. Doch es mehren sich Gerüchte, dass Buhrow sein Amt womöglich schon früher aufgeben wird, beispielsweise nachdem er seinen 65. Geburtstag im September 2023 gefeiert hat. Als sein Nachfolger wird seit längerem Jörg Schönenborn gehandelt, Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung im WDR. Doch Schönenborn hat nicht nur Freunde im eigenen Haus. Und denjenigen, die er durch sein Auftreten und Walten vor den Kopf gestoßen hat, käme für die Buhrow-Nachfolge eine Gegenkandidatin aus dem eigenen Haus gerade recht. Tina Hassel hätte zudem auch deshalb große Chancen, da im WDR-Rundfunkrat mit dem Beginn seiner neuen Amtszeit am Ende dieses Jahres deutlich mehr Frauen als derzeit sitzen werden. So könnte die Reise nach Mainz ein Umweg für eine erfolgreiche Rückkehr nach Köln werden.

Das Büro des ZDF-Fernsehrats gab am 15. Juni nach den Gesprächen des erweiterten Präsidiums mit Tina Hassel und Norbert Himmler bekannt, dass beide offiziell für die ZDF-Intendantenwahl nominiert seien. Wahltermin: 2. Juli in Mainz. Thomas Bellut wird am 15. März 2022 als Intendant des ZDF nach zehn Jahren aus dem Amt ausscheiden und in den Ruhestand gehen.

27.06.2021/MK

` `