Abspielbasis für den Geheimdienst

Als der „Spiegel“, die Organisation Gehlen und frühere Nazis kooperierten

Von René Martens
12.03.2019 •

Dass in den 1950er Jahren der Bundesnachrichtendienst (BND) und sein Vorläuferapparat, die Organisation Gehlen, mit dem Magazin „Der Spiegel“ eine für beide Seiten vorteilhafte Geschäftsbeziehung pflegten, ist seit längerem bekannt. Vor allem der Publizist und Medienforscher Lutz Hachmeister hat das in verschiedenen Veröffentlichungen beschrieben, zuletzt in seinem Buch „Heideggers Testament. Der Philosoph, der ‘Spiegel’ und die SS“ (vgl. FK-Heft Nr. 22/14).

Neues reichhaltiges Anschauungsmaterial für die Art der Verbindung zwischen der von ehemaligen NS-Funktionsträgern geprägten Organisation Gehlen, die am 1. April 1956 in den BND überführt wurde, und dem Hamburger Magazin liefert ein Buch aus der Reihe „Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968“. Klaus-Dietmar Henke hat diesen zehnten Band der Reihe verfasst; der Band trägt den Titel „Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946-1953“. Die Unabhängige Historikerkommission (UHK) wurde im Jahr 2011 vom BND installiert, damit sie die Geschichte des Geheimdienstes und seiner Vorläuferorganisation aufarbeitet; der damalige BND-Chef Ernst Uhrlau hatte die Etablierung der Historikerkommission schon 2009 in Berlin bei einem Colloquium des Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) angekündigt, nicht unbedingt zur Freude aller BND-Mitarbeiter.

Berichte über Redaktionskollegen

Reinhard Gehlen, der Namensgeber der Organisation Gehlen, war vorher als Leiter Fremde Heere Ost für Hitlers Wehrmacht nachrichtendienstlich tätig gewesen – was nach Ende des Zweiten Weltkriegs die US-Behörden in der amerikanischen Besatzungszone aber nicht davon abhielt, Gehlen mit dem Aufbau eines deutschen Geheimdienstes zu betrauen. Die Zusammenarbeit zwischen dem „Spiegel“ und den Schlapphüten, eines der essentiellen Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegs-Mediengeschichte, wird in Henkes Buch auf 31 Seiten anhand von BND-Akten dokumentiert, die eine Fülle teilweise geradezu süffiger Details enthalten. Der Autor und Journalist Willi Winkler („Süddeutsche Zeitung“) geht in mehreren Abschnitten seines im Februar erschienenen Buchs „Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde“ ebenfalls auf dieses harmonische Verhältnis ein.

Als zentrale Figur in der Beziehung erwies sich der „Spiegel“-Redakteur Horst Mahnke, der ab 1950 für die Org, so der Kurzname für die Organisation Gehlen, arbeitete. In der NS-Zeit war er unter anderem SS-Hauptsturmführer, Angehöriger des SS-Geheimdienstes SD und Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin gewesen. Mahnke lieferte dem Geheimdienst Berichte über seine Redaktionskollegen, „vor allem aber wird mit ihm die Veröffentlichungspolitik des ‘Spiegel’ besprochen, der damit zur wichtigsten Abspielbasis für die Organisation Gehlen und später für den Bundesnachrichtendienst wird“ (Winkler). Gehlen war bis 1968 auch Präsident des 1956 gegründeten BND.

Die neben dem früheren SS-Hauptsturmführer Mahnke zentrale Figur in dem Beziehungsgeflecht war Hans-Heinrich Worgitzky, bei der Org Leiter der „Außenstelle im Nordraum“ und später BND-Vizepräsident. Er diente als, so Henke, „Verbindungsmann“ zum Magazin. Der BND-Historiker Henke liefert zahlreiche konkrete Beispiele dafür, inwiefern der „Spiegel“ dem Geheimdienst als „Abspielbasis“ (Winkler) diente – und nicht zuletzt auch dafür, wie Worgitzky gemeinsam mit Mahnke bzw. „Dr. Mahnke“ die Verbreitung von Nachrichten und Einschätzungen verhinderte, die für die Org unvorteilhaft waren. Aus den Dokumenten geht hervor, dass Worgitzky mal seine „Mitarbeit“ an einer Serie „zusagt“, mal heißt es, „eine Veröffentlichung wird nicht erfolgen“, mal „möchte sich Dr. Mahnke mit mir abstimmen“. Oder er schreibt an einen Vorgesetzten: „Er, Dr. Mahnke, werde darüber wachen, dass nichts für uns Nachteiliges in den Artikel hineinkomme. Vorsichtshalber verabredeten wir, dass ich am Sonnabend vor dem Umbruch noch einmal beim ‘Spiegel’ hereinschauen werde.“

„Ein freundliches Bild der Wehrmacht“

Auf den Seiten 531 und 532 ist so ein Vorsichtsbesuch inklusive Folgen näher beschrieben: Im November 1953 verhinderte Worgitzky bei Rudolf Augstein das Erscheinen eines bereits gesetzten Textes, änderte dann mit einem anderen Geheimdienstmitarbeiter einen Teil des Artikels ab, weshalb man sich dann in Pullach (dem Sitz des Geheimdienstes) hochzufrieden zeigte, als der Bericht später „in der besprochenen Form“ erschien. Bemängelt wurde nur, dass jemand aus der Redaktion die von den beiden Schlapphüten formulierte Headline geändert hatte.

Reinhard Gehlen, schreibt Henke, sei „an einem freundlichen Bild der Wehrmacht“ und vor allem „seiner früheren Abteilung Fremde Heere Ost interessiert“ gewesen – nicht zuletzt weil er aus dieser Abteilung zahlreiche alte Kameraden zur Org geholt hatte. Die „Jahre währende wunderbare Freundschaft“ (Henke) zwischen Rudi, Horst und Worgi (wie sie einander nach einer Kennenlernphase sich selbst zu nennen pflegten) trug somit zumindest dazu bei, dass die im „Spiegel“ verbreiteten Sichtweisen auf den Nationalsozialismus zumindest in Teilen von Personen mitbestimmt werden konnten, die im „Dritten Reich“ als Täter in Erscheinung getreten waren. Dass sie bis heute geschichtspolitisch wirkmächtige Fälschungen und Verzerrungen in den „Spiegel“ lancieren konnten – das hat, um einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen, natürlich eine ganz andere Tragweite als die gewiss nicht kleinzuredenden Erfindungen des Reporters Claas Relotius, die das Magazin selbst Ende 2018 aufdeckte (vgl. MK-Artikel).

Natürlich muss man an dieser Stelle einräumen, dass schriftliche Berichte von Geheimdienstmitarbeitern mit Vorsicht zu genießen sind, weil nicht wenige Personen aus dieser Berufsgruppe dazu neigen, ihre eigene Arbeit glorreicher darzustellen, als sie es in Wirklichkeit ist oder war. Möglicherweise war, wenn Worgitzky und die „Spiegel“-Leute über Gott und die Geheimdienstwelt palaverten, auch viel Alkohol im Spiel, jedenfalls dann, wenn die Herren bis in die frühen Morgen zusammenhockten. „Bis Mitte 1951 hatte sich Worgitzky bereits mehrfach mit leitenden Redakteuren und dem selbstbewussten Herausgeber getroffen. In Pullach sagte er jetzt, Augstein habe ihm in ‘vorgerückter Stunde gestanden, dass er Faschist ist’“, heißt es an einer Stelle. Der von Worgitzky behauptete Einfluss auf zahlreiche Artikel ist aber zu einem großen Teil überprüfbar, weil das „Spiegel“-Archiv online zugänglich ist. Im „Spiegel“-Nachruf auf den 1969 verstorbenen Worgitzky blieb dessen quasi-redaktionelle Tätigkeit natürlich unerwähnt. Dafür brachte der Verfasser die Insider-Information unter, dass Reinhard Gehlen der Beerdigung „wegen Grippe“ hatte fernbleiben müssen.

Der NWDR als Hauptfeind

Ein weiterer Abschnitt in Henkes Unterkapitel „Medien: Diskreditierung, Kritikabwehr, Einflussnahme“ ist jenem Unternehmen gewidmet, das die Organisation Gehlen als ihren „Hauptfeind“ (Henke) ausgemacht hatte: Es war der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), der sich zum Jahreswechsel 1955/56 in den Norddeutschen Rundfunk (NDR) und Westdeutschen Rundfunk (WDR) aufspalten sollte. Insbesondere Adolf Grimme, den ersten Generaldirektor des NWDR und späteren Namensgeber des Grimme-Instituts in Marl, hatten Gehlen & Co. im Visier.

„Die Diskreditierung einer unabhängigen Publizistik und kritischer Journalisten“ sei Teil des Pullacher Programms gewesen, schreibt Henke in diesem Zusammenhang. Ein bevorzugtes Propaganda-Objekt der Org war die NS-Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“, der Grimme angehört hatte. Sie wurde von der Org mit allen Mitteln der Erfindungskunst und gewissermaßen in „bewährter“ Gestapo-Manier als sowjetischer Spionagering denunziert. Unter Bezug auf Gerhard Sälter („Phantome des Kalten Krieges. Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes ‘Rote Kapelle’“, Berlin 2016) beschreibt Klaus-Dietmar Henke, wie die Org den NWDR „bereits wenige Wochen nach Bildung der Bundesregierung 1949 in sein Phantombild von der weltumspannenden sowjetkommunistischen Spionageorganisation ‘Rote Kapelle’ einzupassen begann.“ Auch dieses Thema kommt in Willi Winklers erwähntem Buch „Das braune Netz“ zur Sprache.

Laut Henke „entwickelte sich die Ausforschung und Diskreditierung des NWDR als einer angeblichen Spionagezentrale“ ab 1951 „zu einem wichtigen Arbeitsfeld des Gehlen-Dienstes“. Der wichtigste Spion der Organisation Gehlen beim NWDR war der Rundfunkredakteur August Hoppe; er „berichtete ein Vierteljahrhundert lang aus Rundfunk- und Zeitungsredaktionen einschließlich freimütiger Kollegenauskünfte“ und avancierte somit zu einem „der fleißigsten und ergiebigsten innenpolitischen Informanten des BND“. Hoppe stieg später zum stellvertretenden Chefredakteur im WDR-Hörfunk auf.

Ein weiterer Org-Mann an der Anti-Grimme-Front: Heinrich Reiser, ein alter Gestapo-Mann. „Ohne den Schatten eines Beweises zu bieten, berichtete Reiser im ungebrochenen Jargon, wie Grimme seit Mitte der dreißiger Jahre mit kommunistischen Kreisen ‘gegen die Sicherheit des Reiches konspiriert’ habe“, schreibt Henke. Laut Reiser war Grimme „mit einer solchen Vorbelastung und persönlichen Haltung an Stellen wie der Leitung des NWDR für die Sowjets stets ein Gewinn, für den Westen dagegen eine zumindest latente Gefahr“. Zumal, wie Reiser beobachtet haben wollte, auch noch viele „sowjetophile Elemente“ zum „engsten Mitarbeiterkreis“ Grimmes gehörten.

Mit solch haltlosen Behauptungen seien „im Ton angebenden konservativen Lager die dort ohnehin bestehenden Ressentiments gegen ‘linke’ Medien“ noch angeheizt worden, bemerkt Henke. Zudem konstatiert er, dass Org-Leute „linksliberale Auffassungen“ von Grimme und anderen in diffamierender Absicht als „prokommunistisch“ dargestellt hätten. Die Diffamierungen, Verleumdungen und Denunziationen, die Hoppe und Reiser gegen Adolf Grimme in Umlauf brachten und die auch das Bundeskanzleramt, die Oberbehörde des Geheimdienstes, erreichten – sie ähneln durchaus den anti-öffentlich-rechtlichen Invektiven, die heute bei rechten Medien en vogue sind.

Eine ziemlich verrückte Gemengelage

Nachdem man die Passagen über den „Spiegel“ und den NWDR gelesen hat, ergibt sich der Blick auf eine aus heutiger Sicht ziemlich verrückte Gemengelage im Verhältnis der einstigen Alliierten: Ein mit amerikanischem Geld finanzierter Geheimdienst, der nach amerikanischen Vorbild gestaltet werden sollte, versuchte, einen nach britischem Vorbild und auf britische Initiative hin konzipierten öffentlich-rechtlichen Sender zu destabilisieren, den die Briten als einen maßgeblichen Faktor für die Entstehung eines neuen demokratischen Deutschlands sahen. Passenderweise mischte – was Winkler erwähnt – der „Spiegel“ dann ganz im Sinne der Org mitunter mit im Kampf gegen den NWDR. Der Ex-Zeitungswissenschaftler und frühe Privatfernsehlobbyist Gerhard Eckert, einst für die „Nationalsozialistische Rundfunkkorrespondenz“ im Einsatz gewesen, schrieb dort 1954: „Der bei Dr. Grimmes Amtsantritt kleine Apparat der Generaldirektion hat eine schwungvolle Entwicklung erlebt. Wie ein Alpdruck lastet dieser organisatorische Wasserkopf auf den Funkhäusern.“ Auch das klingt in gewisser Weise aktuell.

Winkler weist auch darauf hin, dass zumindest im „Spiegel“ das Phantom der Spionagegruppe „Rote Kapelle“ lange spuken konnte. Er erwähnt eine von Scheininformationen aus der NS-Zeit geprägte „Spiegel“-Serie, „die fest und treu auf dem Schlachtfeld des Kalten Krieges stand“ und in der „die ‘Rote Kapelle’ ein weiteres Mal als Feind erstehen konnte“. Bemerkenswert daran: Veröffentlicht wurde die Serie 1968 – in einem Jahr, als andere Zeiten angebrochen zu sein schienen.

12.03.2019/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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