Abschied von der Unfehlbarkeit

Von Erregtheiten, Geschmacksfragen, Besserwissern, grobem Unfug und anderen Peinlichkeiten: Noch was zum 32. Adolf-Grimme-Preis

Von Reinhard Lüke
29.03.1996 •

Ich gestehe: Ich war dabei!

Eigentlich war man gewillt, das ganze Gezeter um die diesjährige Verleihung der Adolf-Grimme-Preise mit Gelassenheit und Langmut über sich ergehen zu lassen, ohne auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten nun auch noch mitmischen zu wollen. Doch Ende letzter Woche nach der Preiszeremonie am 22. März in Marl war es des Schmutzes, der da von selbstgerechten Abonnenten der gesicherten Erkenntnis (in erster Linie) über die Nominierungskommission „Allgemeine Programme/Spezial“ ausgekübelt wurde, denn doch zu viel, um unwidersprochen zu bleiben. Nun ließe sich der eigene Impetus zur Replik mit „Es nervt!“ problemlos in zwei Wörter fassen. Doch innerhalb der wabernden Gipfelschwaden des deutschen TV-Olymps will schön diskursiv verfahren sein. Drum braucht’s halt ein paar Zeilen mehr. Wohlan.

Als jemand, der im Lauf der letzten Jahre insgesamt dreimal das zwiespältige Vergnügen hatte, der Nominierungskommission „Allgemeine Programme/Spezial“ anzugehören, räume ich gern ein, dass ich persönlich noch nie zuvor so wenig sicher war, mit meinen Voten nun auch wirklich die unstrittigen Highlights des vergangenen Fernsehjahrgangs getroffen zu haben, wie in diesem Jahr. Aber dafür gibt es Gründe. Schlichte, doch deshalb nicht weniger gute. Die haben mit Kunst, aber auch viel mit Mathematik zu tun. Davon später mehr.

Wohlfeiler Unsinn

Wer sich die Geschichte dieses deutschen Fernseh-Oscars vor Augen hält, kommt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Liste der Versäumnisse nur unwesentlich kürzer ist als die der Preisträger. Gleichermaßen gehört das Gemurre der jeweiligen Jurys über die eine oder andere Produktion, die die Nominierungskommissionen ihnen nicht zur Prämierung serviert hat, zum Grimme-Preis wie der Marler Stern zur Mittagspause. Doch während solche Zwistigkeiten in früheren Jahren vornehmlich hinter den Kulissen ausgetragen wurden, wählten in diesem Jahr gleich mehrere Jurymitglieder (von Außenstehenden ganz zu schweigen) mit der Attitüde des Skandalaufdeckers den Schritt in die Öffentlichkeit. Nun gut, warum sollte beim Grimme-Preis, der schon immer Transparenz auf seinen Fahnen stehen hatte, inzwischen anders verfahren werden als beim FC Bayern? 

Nur ein bisschen redlicher könnt’s vielleicht doch zugehen. Da zeigte sich beispielsweise Jurymitglied Tilmann P. Gangloff („Allgemeine Programme“) – unter anderem in der „taz“ vom 21. März – eminent empört, offenbarte jedoch gleichzeitig, dass er schon mit dem schlichten Procedere des Preises nur bedingt vertraut ist. So lastete er der Nominierungskommission „Allgemeine Programme/Spezial“ auch gleich noch die Serien und damit das Fehlen von Tom Toelles Mehrteiler „Deutschlandlied“ an. (Für diese Kategorie gibt es bekanntlich eine eigene Vorauswahl.) Des Weiteren tat er so, als habe die Kommission Hape Kerkelings „Club Las Piranjas“ aus der Kategorie Fernsehspiel weitergereicht. Dem war natürlich mitnichten so. Die Urlaubersatire (ich gestehe: ich habe über Judy Winters Auftritte gelacht!) wurde in die Unterhaltung umgruppiert, da dort schlicht und ergreifend gähnende Leere herrschte.

Dafür, dass Gangloff den immergleichen Text in allen möglichen Blättern unterbrachte, kann man ihn kaum schelten. Als freier Autor muss man sehen, wie die Brötchen reinkommen. Für die Marketingleistung: Hut ab, Herr Kollege. Nur wird wohlfeiler Unsinn nicht schon deshalb wahrer, weil man ihn mannigfach verbreitet. Das Resümee von Jurymitglied Dieter Anschlag („Wer finden will, muss suchen“; vgl. FK-Heft Nr. 12/96) nahm sich demgegenüber zwar geradezu wohltuend differenziert aus, haute jedoch in manchen Teilen in dieselbe Kerbe, wonach die Mitglieder der Nominierungskommission in diesem Jahr nicht ganz bei Trost gewesen oder doch zumindest ihrer Pflicht überaus schlampig nachgekommen seien. An dieser Stelle in eine Diskussion über einzelne Fernsehspiele von „Hölleisengretl“ bis „Nikolaikirche“ einzusteigen, die da von der Jury so schmerzlichst vermisst wurden, macht wenig Sinn.

Dat alte Grimme kommt nich’ wieder

Zwar räumen selbst die erregtesten Kritiker des diesjährigen Vorgehens ein, dass die Arbeit der Nominierungskommission(en) aufgrund der Programmflut in den vergangenen Jahren aufwendiger geworden ist. Sie tun aber gleichzeitig so, als ginge es hier allein um Quantitäten. Was überhaupt nicht der Fall ist. In den vermeintlich guten alten Zeiten des Grimme-Preises war die Lage doch so: Da waren über das Jahr vielleicht zehn Fernsehspiele (beschränken wir uns hier einmal auf dieses Genre) bei ARD und ZDF zu sehen, die aus dem ein oder anderen Grund unschwer erkennbar über dem Durchschnitt lagen. Nicht zuletzt deshalb, weil es kaum mehr als eine Handvoll Autoren und Regisseure gab, die zu solchen Leistungen überhaupt in der Lage waren. Wer sich hingegen heute daran macht, die deutsche Jahresproduktion an Fernsehspielen zu sichten, sieht sich nicht nur mit einer ungleich größeren Zahl, sondern auch mit einem – auf die Breite gerechnet – deutlich gestiegenen Niveau konfrontiert. Das ist erfreulich, bringt freilich bei Entscheidungen unweigerlich jenes Moment ins Spiel, das man als Kritiker so gern verleugnet: die schlichte Geschmacksfrage.

Auch wenn sich der Adolf-Grimme-Preis nicht zuletzt durch die relative Einmütigkeit vergangener Jahre das Image erarbeitet hat, eine Art „Stiftung Warentest“ für TV-Programme zu sein, haben wir es hier noch immer mit ästhetischen Urteilen zu tun. Wegen dieser schrecklich banalen Tatsache – im Verbund mit jenen oben genannten Gründen – werden auch künftige Preisverleihungen so unweigerlich von „Skandal!“-Rufen begleitet sein wie die Oscar-Nächte in Hollywood seit eh und je. Das kratzt fraglos am Unfehlbarkeitsnimbus des Marler Preises, stellt ihn aber deshalb noch nicht auf eine Stufe mit dem „Bambi“. Faktum bleibt, dass die guten alten (im Sinne von: problemlosen) Zeiten des Grimme-Preises vorbei sind und so wenig wiederkommen werden wie „dat alte Schalke“. Letztlich eine simple Wahrscheinlichkeitsrechnung. Der Rest ist Nostalgie.

Dass es auf der anderen Seite an den Grimme-Statuten und beim Procedere dieser Best-of-Ermittlung vieles zu verbessern gilt, ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass es in diesem Jahr hinter den Kulissen eine Reihe von Merkwürdigkeiten gegeben hat, die keiner Kommission oder Jury anzulasten sind (vgl. dazu den Artikel von Dieter Anschlag). Die verschiedensten Optimierungsmodelle werden seit Jahren diskutiert – nur: Es müsste endlich was getan werden! Das nun vehement geforderte „Rückholrecht“ für Jurys mag ein Weg sein, aber auch ein neues, eher praktisches Problem aufwerfen. Wenn man die Nominierungskommission auf ein reines Dienstleistungsorgan mit beschränkter Haftung (das heißt letztlich: ohne Entscheidungskompetenz) reduziert, dürfte die Suche nach Freiwilligen für jene inzwischen drei Wochen währende Knochenarbeit bei minimalem Lohnausgleich nicht eben einfacher werden.

Der Zweck, die Mittel und die Ignoranz

Aber vielleicht stellt sich ja dann mit Thomas Koebner ein glühender Verfechter dieses Vorschlags zur Verfügung. Nun hat die Nichtnominierung von Karl Fruchtmanns Film „Die Grube“ zwar schon vor Wochen für reichlich Zündstoff gesorgt, aber Koebners jüngster „Zwischenruf“ in dieser Sache („Was ist der Grimme-Preis noch wert?“; siehe seinen Text hier)  kann in dieser Form nicht einfach hingenommen werden.

Ohne diese Auseinandersetzung hier noch einmal in allen Einzelheiten referieren zu wollen: Selbstverständlich waren auch den Mitgliedern der Nominierungskommission Name und das verdienstvolle Wirken von Karl Fruchtmann bekannt. Deshalb jedoch von vornherein nicht darauf zu verzichten, eine in anderen Fällen bewährte Methodik an jedem Film erneut zu diskutieren und gegebenenfalls in Frage zu stellen, wird darum ja wohl noch erlaubt sein. Der Adolf-Grimme-Preis ist keine Körperschaft der Denkmalpflege. Oder soll man etwa schon aufgrund des Umstands, dass ein Bild (um es in Koebners Worten zu sagen) „stark berührt“ und diese Emotionalisierung einem fraglos hehren Ansinnen dient, nicht mehr nach der Angemessenheit von Zweck und Mitteln fragen dürfen?

Zugegeben, der in dieser Debatte gefallene Begriff der „Täuschung“ mag ein wenig glücklicher sein, sofern er neben dem Vorsatz auch noch unlautere Motive suggeriert. Wovon hier nicht die Rede sein kann. Tatsache bleibt indes, dass Fruchtmann, um jene Emotionalisierung überhaupt zu erreichen, die Bilder der weinenden Kinder dem Archivmaterial so weit ästhetisch angleichen musste, dass die Differenz zwar für den Medienprofi, nicht aber für den „Normal-Zuschauer“ auf Anhieb auszumachen war. Was Fruchtmann zumindest billigend in Kauf genommen hat. (Ich bekenne: Das mit dem „Normal-Zuschauer“ haben wir nicht empirisch überprüft und nicht eigens eine Sondervorführung für zufällig vorbeikommende Marler Bürger arrangiert. In diesem Punkt: Mag sein, wir waren arrogant.)

Über diese Mittel – das Zustandekommen jener Kinder-Bilder spielte dabei ebenfalls eine Rolle – haben die Mitglieder der Nominierungskommission ausführlichst diskutiert. Und sie sind dann mehrheitlich zu der Überzeugung gelangt, diesen Film nicht weiterzureichen. Den Mitgliedern nun, wie Koebner, mit oberlehrerhaftem Gestus eine Kurzvorlesung in Sachen Wahrheit, Wirklichkeit und Inszenierung zu halten, ist ebenso lächerlich, wie so zu tun, als habe man Fruchtmann mit der Ablehnung auf eine Stufe mit Fälscher Michael Born oder einer cleveren Emotionsschürerin wie Barbara Eligmann gestellt. Dass Koebner in seinem mit den Lesefrüchten eines Akademikerlebens garniertem Rundumschlag der gesamten Kommission „Kollektiv-Ignoranz“, „puritanische Bilderstürmerei“ und ein Beharren auf „banaler Provinzästhetik“ vorwirft (warum nicht gleich die Kollektiv-Verdrängung von NS-Verbrechen?), zeugt nun in der Tat von Ignoranz.

Tee kochen und hoffen, dass der Strom nicht ausfällt

Kommen wir nach all dem Gezänk um die verhinderten Preise endlich zu den paar Qualitätsproduktionen, die dann – es muss der pure Zufall gewesen sein – doch noch in die Endauswahl gelangten. Dass die Jury „Allgemeine Programme“ die „Tatort“-Folge „Frau Bu lacht“ nicht für preiswert hielt, darf man schon erstaunlich finden. Aber man wird ähnlich verfahren sein wie in der Nominierungskommission: Sichten, diskutieren, abstimmen – und dann war er halt draußen. Bedauerlich.

Nun müsste man über die Produktionen, die die Jury „Allgemeine Programme“ letztendlich für preiswürdig befunden hat, gar nicht weiter streiten. Hätte es da bei der Vergabe der einzelnen Trophäen nicht gleich eine Reihe von Peinlichkeiten gegeben, die doch erhebliche Zweifel (so viel Retourkutsche muss denn doch erlaubt sein) an der Kompetenz der Jury aufkommen ließen. In ein stilles Gebet kann man fraglos viele mit einschließen. Bei der öffentlichen Prämierung eines Produkts, an dessen Zustandekommen nun einmal eine ganze Reihe von Leuten beteiligt sind, stößt das Stellvertreterprinzip jedoch unweigerlich an seine Grenzen. Erst recht wenn im Einzelfall gänzlich uneinsichtig bleibt, wer da wen warum vertreten soll.

An einer Produktion wie dem „Polizeiruf 110: 1a Landeier“ nahezu alles löblich zu finden (und auszuzeichnen), nur die Regie nicht, ist nun wahrlich ein bemerkenswertes Votum. (Ein solcher Film muss erst noch gedreht werden!) Bei „Der Sandmann“ (Gold!) traf es Autor Matthias Seelig: Alles prima an dem Film, nur das Buch… Wie die Würfel eben manchmal fallen. Die Preisträger taten am Abend der Verleihung natürlich das Naheliegende (und nur allzu Verständliche), zeigten Unverständnis ob dieser Voten, bedankten sich ausdrücklich bei den Missachteten im Saal und holten sie in einem weiteren Fall (Sophie von Kessel) sogar auf die Bühne. Denn bei dem ausgezeichneten Fernsehspiel „Zu treuen Händen“ hatte es (Abwechslung muss schließlich sein) die Darsteller getroffen: Alles prima, nur die Schauspieler…

Was auch immer der Grund für einen derartig groben Unfug gewesen sein mag – der Zwang zur Sparsamkeit (auch die silbernen Trophäen haben ihren Preis) kann es kaum gewesen sein. Wie sonst sollte der Grimme-Preis für Monika Neven DuMont zu rechtfertigen sein, die bei dem (zu Recht) prämierten Film „The Big Pink“ im Prinzip nur das gemacht hat, was heute jeder Camcorder-Enthusiast im Urlaub treibt. Die Auszeichnung macht ungefähr so viel Sinn, als würde man bei einer superben Dokumentation über den Eiffelturm dem Erbauer posthum einen Spezial-Preis für die gute Ausstattung zukommen lassen.

Nun kann man Jurymitglied Dieter Anschlag zugute halten, dass er in seinem Artikel zumindest ein gewisses Unwohlsein ob dieser Kuriosa eingesteht. Plausibler werden sie dadurch kaum. Wer derart schwachsinnige Entscheidungen zu verantworten hat oder zumindest mitträgt, sollte sich künftig doch vielleicht erst nochmal einen Tee kochen, bevor er andere Jurys mit dem öffentlichen Vorwurf der kollektiven Inkompetenz bedenkt.

Dass sich dann auch noch die Organisatoren der Preisverleihungszeremonie einen klassischen „unforced error“ leisteten, indem sie der (nicht einmal nominierten, geschweige denn in diesem Jahr prämierten) „Sendung mit der Maus“ auf der Bühne eine obskure Urkunde des Marler Bürgermeisters zukommen ließen, steht auf einem anderen Blatt. Eine Sendung des WDR, der bekanntermaßen zu den Finanziers dieses Preises gehört. Was sollen die Menschen daheim an den Geräten dabei anderes gedacht haben als: Aha, Grimme-Preis für die Maus! Wer auch immer diesen Deal eingefädelt hat (der Marler Bürgermeister dürfte es kaum gewesen sein) – so viel Instinktlosigkeit gegenüber dem Renommee dieses Preises ist schon bemerkenswert.

Sei’s drum. Grundsätzlich kann es angesichts all dieser Erregtheiten nicht schaden, sich gelegentlich jenes Bonmot vor Augen zu halten, das Ron Williams in seine Moderation der Preisverleihung einflocht: „It’s only TV!“ Wer will, kann da je nach eigener Verfallenheit dem Medium gegenüber noch ein „but I like it“ anfügen. Aber der GAU des Fernsehens ist nicht ein versagter Grimme-Preis. Auch wenn Tilmann P. Gangloff mit selbstlosem Kritikerleiden meint, dass den Schaden aus dem diesjährigen Preisgerangel „in erster Linie das Medium“ habe, „dem der Preis verpflichtet ist: das Fernsehen“. Die größte Gefahr für das Fernsehen heißt noch immer schlicht und ergreifend Stromausfall.

29.03.1996/FK

 

• Text aus Heft Nr. 13/1996 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

29.03.1996/MK

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