13,80 Mio Zuschauer

„Wetten, dass..?“-Revival im ZDF oder: Als die Fernsehwelt für einen Abend wieder in Ordnung war

Von Dietrich Leder
08.11.2021 •

Um 23.46 Uhr war am Samstag (6. November) die Fernsehwelt wieder in Ordnung. Mit der üblichen Überziehung von mehr als 30 Minuten endete die Show „Wetten, dass..?“ im ZDF klassisch und also standesgemäß. Und an diesem Abend hatte sie die Aufmerksamkeit wieder so mobilisiert wie einst zu ihrer besten Zeit. 13,80 Mio Zuschauer hatten das ZDF eingeschaltet und verschaffte so dem Mainzer Sender einen Marktanteil von 45,7 Prozent. Besonders stolz war man im ZDF darauf, dass der Marktanteil in der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen, bei denen der Sender sonst eher schwächelt, noch größer war und 50,2 Prozent betrug (es waren 4,34 Mio Zuschauer in dieser Gruppe). 

Der Plan oder besser, um im Jargon der Show zu sprechen, die Wette war aufgegangen. Denn es war die erste Ausgabe nach dem vor sieben Jahren beschlossenen Ende von „Wetten, dass..?“. Damals hatte ein gewisser Markus Lanz die Show moderiert, bis die Zuschauerzahl unter die Grenze von zehn Millionen sank. 2014 wurde sie deshalb – 33 Jahre nach ihrem Beginn – eingestellt. Im Jahr 2020 wollte das ZDF die Show schon einmal wieder zum Leben erwecken. Es sollte eine Sonderausgabe geben, die quasi als Geburtstagsgeschenk für Thomas Gottschalk gedacht war, der die Sendung von 1987 bis 2011 (mit einer Unterbrechung von anderthalb Jahren zwischen 1992 und 1993) moderiert hatte und der als ihr Gesicht gilt. Erfunden worden war die Show einst von Frank Elstner, der ihr dann ab 1981 auch die ersten sechs Jahre als Frontmann vorstand.

Kinder-, Hunde-, Baggerwette

Doch aus der „Wetten, dass..?“-Sendung zu Gottschalks 70. Geburtstag im vorigen Jahr wurde nichts, da zur geplanten Zeit die erste Coronawelle durch das Land schwappte und Großveranstaltungen mit Publikum nicht zuließ. Nun wurde sie am vorigen Samstag in Nürnberg als eine Art Sonderausgabe veranstaltet, was Thomas Gottschalk wohl nicht ganz unrecht war, weil der Anlass so nicht mehr mit seinem Lebensalter verbunden war.

Ansonsten war alles so wie immer. Es begann um Viertel nach acht mit der Eurovisionsfanfare, die daran erinnerte, dass auch diesmal der Österreichische Rundfunk und das Schweizer Fernsehen mit dabei waren, es gab die klassische Kinder-, Hunde- und Baggerwette, die Show-Acts mit Stars wie Abba oder Zoe Wees und die ambitionslosen Gespräche des Moderators mit den wie immer auf dem großen Sofa platzierten Gästen bis zur erwähnten Überziehung.

Neu war, dass der zu Beginn mit stehendem Applaus vom Nürnberger Publikum begrüßte Gottschalk einige Male deutlich der Hilfe seiner Komoderatorin Michelle Hunziker, die schon seit 2009 an seiner Seite auftrat, bedurfte, wenn er sichtbar nicht mehr weiterwusste oder die einfachsten Dinge wie Überleitungen oder die Erklärungen der Wetten vergessen hatte. Michelle Hunziker leistete diese Hilfe mit der ihr eigenen Souveränität, war immer da, wenn sie gebraucht wurde, überließ aber die großen Momente Gottschalk, der wie vor zwanzig Jahren keinen Kalauer ausließ, über Abwesende wie den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) oder den österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) frotzelte und gelegentlich auch peinlich wurde, etwa als er die in Hamburg geborene Sängerin Zoe Wees fragte, woher sie denn komme.

Was stets für Gottschalk spricht: dass seinem Geplapper keiner entgeht, sei er prominent, Wettkandidat oder nur Begleitperson. Diese zahlen es ihm heim mit der klassischen Autopromotion für die neue Platte wie die beiden Herren des Quartetts Abba, mit permanenten Hinweisen auf den Konkurrenzsender Pro Sieben, für den die Gäste Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf aka Joko & Klaas arbeiten, oder mit einer Dankesorgie an den Regisseur, für den der Schauspieler Heino Ferch derzeit an einem mehrteiligen ZDF-Fernsehfilm mitarbeitet. All das überhört man so, wie man die Namen der Wettkandidaten vergisst.

Das lineare Programm vorschnell abgeschrieben?

In der steten Abfolge aus Geplapper, Wette und Musikperformance – diesmal traten neben den beiden Abba-Abgesandten und Zoe Wees noch Helene Fischer, Udo Lindenberg und das Ensemble eines Musicals auf – geht ja vieles, wenn nicht alles unter. Auch die Spannung bei den Wetten hielt sich in Grenzen, da die annoncierten Einsätze der prominenten Wettpaten nicht sonderlich verheißungsvoll klangen. Benny Andersson und Björn Ulvaeus von Abba gingen denn auch gleich auf Nummer sicher. Der eine tippte darauf, dass die Wette gelänge, der andere dagegen, so dass es so oder so zum verabredeten, aber hier natürlich als spontan verkauften Auftritt mit Helene Fischer kam, die den Abba-Hit „SOS“ zu den von den Herren beigesteuerten Klavier- und Gitarrenklängen sang.

Aber man blieb als Zuschauer bis zum Ende dabei, als Thomas Gottschalk mühsam seine Blumensträuße an die beteiligte Damenwelt verteilte. „Wetten, dass..?“ war stets ein Live-Ereignis, bei dem man wie bei im Fernsehen übertragenen großen Sportereignissen dabei sein wollte, um nur nichts zu verpassen, damit man am nächsten Tag doch irgendwie mitreden konnte. So auch diesmal. Und wetten, dass das ZDF sich die Chance nicht entgehen lässt, die Show künftig doch noch einmal im Jahr zu präsentieren, solange Gottschalk noch halbwegs über die Bühne schreiten kann und Michelle Hunziker ihn vor den gröbsten Fehlern bewahrt? ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, der in einem strahlend blauen Anzug in der Nürnberger Messehalle in der ersten Reihe saß und mehrfach eingeblendet wurde, zeigte sich schon vor Ort vom „Wetten dass..?“-Revival begeistert. Diese seine Begeisterung wird sich am nächsten Tag angesichts der absoluten Zuschauerzahlen und des Marktanteils noch einmal kräftig gesteigert haben. Vielleicht wird sich Himmler – der im März 2022 beim ZDF von Thomas Bellut das Intendantenamt übernehmen wird (vgl. hierzu diese MK-Meldung) – sogar auch fragen, ob man in den Fernsehsendern das lineare Programm nicht zu vorschnell abgeschrieben hat.

Bleibt noch etwas, was wie früher war: Die Halle in Nürnberg war bis unter das Dach gefüllt. Die Menschen saßen dicht gedrängt in den Reihen und auf dem an sich übergroßen Showsofa waren die Prominenten eng platziert. An die Pandemie dachte augenscheinlich niemand, auch wenn Gottschalk pflichtgemäß darauf verwies, dass alle im Saal entweder geimpft, genesen oder getestet seien. (Er fügte hinzu, dass er sogar geduscht sei – was er vermutlich getan hatte vor dem Tönen seiner ewig-blonden Haare.) Für alle, die den Hinweis des Showmasters überhört hatten, wurde es dann vom ZDF auch noch schriftlich eingeblendet: „Alle Zuschauer und Mitwirkenden“ – dieser erste Teil des Satzes in fetter Schrift – „sind geimpft, genesen oder PCR-getestet“, stand da zu lesen. Abstandsregeln galt es also nicht einzuhalten. Es sollte halt wirklich alles wie früher sein. Und: Es war so wie früher. Die Fernsehwelt war für einen Abend wieder in Ordnung. Und damit waren die meisten, die dem Ereignis dreieinhalb Stunden zuschauten, zufrieden.

08.11.2021/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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