Zum Tod des früheren WDR‑Filmredakteurs Werner Dütsch: Seine klaren Anmerkungen, sein unbestechlicher Blick, seine Solidarität werden fehlen

12.12.2018 •

12.12.2018 • Werner Dütsch, der viele Jahre als Filmredakteur des WDR gearbeitet hatte, ist am Mittwoch (5. Dezember) im Alter von 79 Jahren gestorben. Noch wenige Tage zuvor hatte er an der Duisburger Filmwoche teilgenommen, der er lange Zeit auch als Mitglied der Auswahlkommission verbunden war. Dem Dokumentarfilm hatte er sich in den letzten Berufsjahren im WDR gewidmet, als der damalige Leiter des Programmbereichs ‘Kultur und Wissenschaft’, Hansjürgen Rosenbauer, ihn und seinen Kollegen Knut Fischer, der damals für Architektur im Fernsehen zuständig war, gebeten hatte, sich künftig um den Dokumentarfilm zu kümmern. Neuland war das für Werner Dütsch nicht, denn manche filmkritische Arbeiten, die er in der Filmredaktion betreute, hatten sich wie etwa die Arbeiten von Hartmut Bitomsky und Harun Farocki zu eigenständigen Dokumentarfilmen ausgewachsen. Was also zunächst quasi klandestin geschah, wurde durch die Idee von Rosenbauer amtlich und der Autorendokumentarfilm, der zuvor über viele Redaktionen verteilt redaktionell betreut worden war, fand bei Dütsch und Fischer, der allerdings früh verstarb, eine Heimat.

Der passionierte Kinogeher Dütsch, der über seine Leidenschaft vor zwei Jahren ein schönes Erinnerungsbuch verfasste („Im Banne der roten Hexe. Film als Lebensmittel“), war zu einer Zeit in den WDR gekommen, als der Sender weniger nach Funktionären denn nach Persönlichkeiten suchte. Die formalen Kriterien, die heute an Redakteure gestellt werden, hätte Dütsch nie erfüllt. Doch er besaß enorme Kenntnisse der Filmgeschichte und war neugierig auf alles, was im Licht der Kinoprojektoren Leben gewann. So wurde der gelernte Chemiefachlaborant Dütsch Mitarbeiter der 'Freunde der Deutschen Kinemathek' in Berlin und wechselte später zum WDR nach Köln, als der Sender Fachleute für sein Kulturprogramm suchte. Die Kenntnisse der Redakteure, die unter Hans-Geert Falkenberg das Kulturprogramm beim Fernsehen des WDR aufbauten, waren enorm. Und das zählte damals, anders als heute etwa die formale Qualifikation eines Volontariats, mit dem die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt seit Jahren ihren Nachwuchs vor allem auf das Prinzip von Befehl und Gehorsam und das Funktionieren im Betrieb drillt.

Als Autor war Dütsch an einigen filmhistorischen Arbeiten beteiligt. Unvergessen seine Texte über Fritz Lang oder – zusammen mit Martina Müller – über den Spielfilm „Lola Montez“ von Max Ophüls. Die Liste der Filmreihen und Sendungen, die Werner Dütsch als Redakteur betreute, ist groß und umfassend. Sie beinhaltet den populären Genrefilm ebenso wie die spezialisierten Produktionen eines filmischen Ethnografen wie Jean Rouch. Früh wurde Dütsch Partner für die Absolventen der 1966 gestarteten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), denen er im WDR eine Heimstatt gab. Sie bildeten denn auch den Grundstock der Dokumentaristen, die dann in seiner Spätphase den Ruf des WDR als Produzent des Autorendokumentarfilms prägten. Er war Redakteur bei großen Dokumentarfilmen etwa von Romuald Karmakar, Volker Koepp oder Gerd Kroske – oder im Ausland von Filmen, die etwa Johan van der Keuken oder Eyal Sivan drehten. Diesen Filmemachern war Dütsch ein verlässlicher Partner. Ein Redakteur, der sich zurückhielt, der aber genau hinsah und hinhörte und manchen Filmen durch seinen klugen Ratschlag eine überraschende Wende gab.

Wenn man mit Werner Dütsch, der mit seiner Körpergröße und seinen weißen Haaren eine auffallende Erscheinung war, durch den Sender ging, fiel auf, dass er wirklich von jedem herzlich begrüßt wurde. Das war bei den meisten seiner Kollegen in seiner wie in anderen Hauptabteilungen anders. Bei diesen Kollegen grüßte immer nur eine Fraktion freundlich, seien es die, die der betreffenden Person politisch, redaktionell oder hierarchisch wohlgesonnen waren, seien es die, die durch ihre Auftritte stets polarisierten und sich auf diese Weise Freunde wie Feinde geschaffen hatten. Dem stets freundlichen und zugleich verbindlichen Werner Dütsch war niemand gram, so wie er sich für sie alle interessierte, ob es die Cutterinnen waren oder diejenigen, die sich um Rechtefragen kümmerten, oder solche, die für technische Abläufe zuständig waren.

Sich selbst und seine Rolle im Sender beschrieb Dütsch gerne selbstironisch. Den Heldengeschichten, wie sie andere gerne erzählten, glaubte er nicht. Deshalb ließ sich mit ihm über die Geschichte des WDR, die er ja hautnah miterlebt hatte, so entspannt reden. Hierarchen beispielsweise beurteilte er nicht nach ihren politischen Grundsätzen und ihren Fensterreden, sondern danach, wie sie sich im Alltag verhielten, ob sie das Programm kannten und nicht allein die Quoten, die die Sendungen erzielten.

Mancher Film, den Werner Dütsch betreute, erhielt einen Grimme-Preis. Das war für ihn nicht ohne Ironie, denn er war in Hüls aufgewachsen, jenem Teil der heutigen Stadt Marl, der einst mit der Zeche Auguste-Victoria das ökonomische Zentrum von Marl ausmachte, wo seit 1963 der Grimme-Preis beheimatet ist (1964 erstmals verliehen). Das erwähnte Buch von Dütsch über seine Kinoleidenschaft erzählt ganz nebenbei auch ein Stück Kinogeschichte dieser Stadt am Rande des Ruhrgebiets. Öffentlich hat er von dieser Nähe zu der Stadt, in der weiterhin der wichtigste deutsche Fernsehpreis vergeben wird, nicht viel Aufhebens gemacht. Wie er sich oft im Hintergrund hielt, bis er sich etwa in den Filmdiskussionen mit leiser, aber prägnanter Stimme zu Wort meldete. Seine klaren Anmerkungen, sein unbestechlicher Blick, seine Solidarität werden fehlen – vor allem dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das heute vermutlich gar nicht mehr weiß, was es an ihm hatte.

12.12.2018 – Dietrich Leder/MK
Werner Dütsch (1939-2018) Foto: Kurzfilmtage Oberhausen