Zum Abschied von „Leders Journal“ bei der MK ein Text zum 100. Geburtstag des großen Dokumentaristen Georg Stefan Troller

21.12.2021 •

Am 10. Dezember wurde Georg Stefan Troller 100 Jahre alt. Anlass für einen großen Dokumentarfilm über ihn, den großen Fernsehdokumentaristen, und für Wiederholungen einiger seiner Sendungen. Im Film „Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller“, den 3sat als Produktion des Österreichischen Rundfunks (ORF) am 13. Dezember um 22.25 Uhr ausstrahlte, porträtiert Ruth Rieser den Publizisten und Filmemacher, der mit seinem „Pariser Journal“ (ARD/WDR) und seiner Reihe „Personenbeschreibung“ (ZDF) Fernsehgeschichte schrieb. Für den Film spricht Rieser mit Troller in einem Kino, in dem sie wohl gemeinsam einige seiner Filme sahen, sie besucht ihn in seiner Pariser Wohnung, durch die eine Katze streift, reiste mit ihm in seine Geburtsstadt Wien, aus der er 1938 vor den Nazis fliehen musste und wo sie ihn im Gespräch mit Freunden in einem Wiener Kaffeehaus beobachtet. Und sie besichtigt mit ihm das Konzentrationslager Dachau, an dessen Befreiung durch die US-Armee Troller als amerikanischer Soldat beteiligt war.

Zwischen diese Gespräche setzt sie viele Ausschnitte aus seinen Sendungen. Manche bekannte, da oftmals wiederholte Szenen sind darunter, wie seine Gespräche mit der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve, aber auch viele weitgehend vergessene wie etwa Gespräche mit dem schweizerischen Schriftsteller Edmond Kaiser, der Ende 1959 das Kinderhilfswerk „Terre des Hommes“ gegründet hatte. Ihn besuchte Troller für den Film „Edmond Kaiser – Tropfen auf den heißen Stein“, den das ZDF 1980 ausstrahlte, in einer Hilfsstation in Indien. Man spürt, dass Kaiser die Kamera und ihr Blick auf die Kinder der Station stören. Er nennt die Kamera einen „Vergewaltigungsapparat“, weil sie sich die Bilder der gefilmten Menschen aneignet. Gleichzeitig sagt er aber, dass die Kamera und ihre Aufnahmen notwendig seien, damit man das Leben, das die Kinder in bitterer Armut fristen, sehen könne. „Man braucht euch“, sagt Kaiser und zeigt auf die ihn gerade filmende Kamera und den Kameramann. Und fügt hinzu: „Leider.“

Georg Stefan Troller hat solche Szenen, in denen die Situation oder auch die Bedingungen des Filmens selbst thematisiert wurden, häufig in den jeweiligen Film eingebaut. Oft wiederholt wurde der legendäre Moment aus dem Film „Annäherung an Thomas Brasch“ (ZDF, 1977), als Troller den Schriftsteller zeigt, wie dieser eine Schallplatte auflegt. In seinem Off-Kommentar sagt Troller dazu, dass er diese Szene nur dann verwenden dürfe, wenn er auch erwähne, dass er Brasch dazu animiert habe. Was er damit tat. Hier wird also in einem dokumentarischen Film eine Szene als das kenntlich gemacht, was sie de facto ist: eine Inszenierung des Dokumentaristen.

An solche Selbstreflexionen der dokumentarischen Arbeit knüpft Ruth Rieser mehrfach an, wenn sie mit Georg Stefan Troller über dessen Technik des Off-Kommentars spricht. Er sagt, dass dieser selbst gesprochene Kommentar am besten in die Pausen gesetzt werden sollte, damit er das Sprechen der Interviewten nicht überdecken würde. Ähnlich verfährt er, wenn es um Übersetzungen geht (zumeist aus dem Französischen oder Englischen), die möglichst nicht über dem Originalton liegen sollen, um ihn nicht zu überdecken.

Der eigene Kommentartext ist Troller wichtig. Er sei für ihn die vierte Dimension des Films. Er beschreibt, dass er ja von der Literatur komme, dass er sich das Filmische erst habe aneignen müssen, als man ihn 1961 frug, ob er das „Pariser Journal“ übernehmen würde. (In einem Text, den er 2016 in der Zeitschrift „Lettre“ veröffentlichte, schrieb er, dass der Mann, der diese Fernsehreihe begonnen hatte, „über die Handkasse seiner Sendung etwas zu persönlich verfügt“ habe). Er habe damals dem WDR gegenüber,als der Sender an ihn herantrat, so getan, als kenne er sich in der Herstellung von Filmen aus. Eine gewisse Chuzpe sei dafür schon notwendig gewesen.

Auf die Frage der Regisseurin, wie weit man in den Gesprächen, die für dokumentarische Filme geführt werden, gehen dürfe, antwortet Troller mit dem Hinweis, man solle „bei intimen Verhältnissen“ aufpassen: „Du musst stoppen, wo du das Selbstverständnis [der befragten Person] infrage stellst.“ Aber er gesteht auch ein, dass er die Grundlage der Interviewtechnik beim Verhör gefangener deutscher Soldaten in Italien gelernt habe, als er für die US-Armee erfahren sollte, wo sich die deutschen Truppen mit welchen Waffen befänden. Wichtig seien Fragen, die den Befragten überraschen, ihn ins Gespräch hineinziehen, statt ihn nur Standardfloskeln absondern zu lassen.

Troller erinnert an seine Kameramänner wie Joschi Kaufmann, der gerne mit dem Teleobjektiv drehte, oder Carl-Franz Hutterer, der viel näher an die Personen heranging. Ihnen verdanke er sehr viel. Ihren Blick auf die Wirklichkeit gäben die Filme wider und eben nicht die Wirklichkeit unmittelbar. Film sei also stets „Auslegung der Wirklichkeit“. Doch diese Auslegung dürfe nicht beliebig sein; so bestehe die Aufgabe des Dokumentaristen darin, „aus der Wirklichkeit das Symbolische herauszuschälen“. Diesen betont subjektiven Zugang goutierten im WDR nicht alle. Mehrfach habe ihn Kritik erreicht, dass man es so nicht machen dürfe. Doch der Erfolg der Sendungen des „Pariser Journals“ habe ihn vor dieser Kritik aus der Institution geschützt.

Ruth Rieser zitiert auch aus dem dreiteiligen Fernsehfilm „Wohin und zurück“, den Axel Corti inszenierte (1981, 1985, 1986). Die Produktion basiert auf einem Drehbuch Trollers, in dem er sein Leben von der Flucht vor den Nazis bis zu seiner Rückkehr als US-Soldat nach Wien erzählt. In dieser Trilogie wurde auch das deutlich, was Troller bei seinem Besuch mit Ruth Rieser in Dachau sagt: Er habe nach dem Krieg in Deutschland und in Österreich keinen Menschen getroffen, der sich schuldig bekannt habe; alle, mit denen er gesprochen habe, hätten immer nur bekundet, dass sie von den Verbrechen der Nazis nichts gewusst hätten. Viele Mitglieder seiner Familie wurden in den NS-Lagern ermordet: „Und ich habe überlebt. Zufall. Reines gewonnenes Hazard-Spiel. Dessen war ich mir immer bewusst. Und das, was ich getan habe, habe ich immer getan, um zu rechtfertigen, dass ich überlebt habe. Wenigstens hat es einen Sinn gehabt, überlebt zu haben.“

Das Ende des zweistündigen Films von Ruth Rieser inszenierte der Dokumentarist, der hier porträtiert wurde, selbst. Er sagt zum Schriftsteller Robert Schindel, mit dem er eine Gedenkstätte für die ermordeten Juden in Wien besucht: „Lass uns mal eine Schlusseinstellung machen.“ Und so gehen die beiden aus der Gedenkstätte durch ein Tor auf eine Wiener Straße und der Film endet. Zuvor hatte Rieser noch ein Rätsel gelöst, vor das diejenigen, die den Film sahen, gestellt waren. Denn Troller trägt bei seinen Spaziergängen und Besuchen einen hellen Trenchcoat, der von einem nun wirklich unpassenden Gürtel um die Hüfte zugebunden ist. Auf die Frage nach dem Grund dafür, die Ruth Rieser kurz vor Ende ihres Films stellt, antwortet Troller, den zum Mantel gehörenden Gürtel habe seine Katze angefressen.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezemberwiederholte das Dritte Programm WDR Fernsehen ab 2.35 Uhr die vierstündige Produktion „Pariser Nacht: Hommage an Georg Stefan Troller“, die Enno Hungerland 2011 zusammengestellt hatte. Hier konnte man viele Beiträge aus dem „Pariser Journal“ im Original studieren, wie sie Troller zwischen 1962 und 1971 realisiert hatte. Zu entdecken waren beispielsweise die vielen Aufsager, die er direkt in die Kamera sprach. Nicht gerade einfache, sondern kompliziert gebaute Sätze, die er mit einem leichten Lächeln unter dem buschigen Schnauzbart vortrug, der so etwas wie sein Kennzeichen war. Zu erkennen auch, wie viele unterschiedliche Themen er in den neun Jahren angepackt und wen er nicht alles interviewt hatte. Von den Stars der Chansons und des Kinos über viele Schriftsteller bis zu den Unbekannten der Pariser Nachtwelt, seien es Barkellner oder Prostituierte.

Gegliedert wird diese sehr sorgfältig montierte Sammlung durch ein Gespräch, das Heinrich Breloer mit Troller führte. Hier sagt er beispielsweise, dass er mit dem „Journal“ seine Gefühle zu Paris, auch eine wichtige Station auf seiner Flucht vor den Nazis, habe ergründen wollen. Dass Troller sich selbst mit den Jahren, auch was seine Fragetechnik angeht, entwickelte, arbeitet Breloer heraus, indem er ihm Fragen stellt, wie Troller sie in seinen frühen Beiträgen selbst gestellt hatte. Etwa: „Würden Sie das Leben noch einmal leben wollen?“ Oder: „Sind Sie glücklich?“ Oder: „Gibt es einen Tag, den Sie noch einmal wieder erleben wollen?“ Troller muss grinsen, als er das hört, und sagt zuerst nur: „Furchtbar.“ Und: „Darf man nicht stellen.“ Auf Nachfrage gesteht er, dass diese Fragen von einem „Mangel an Einfühlungsvermögen“ in seiner Anfangszeit zeugen würden. Über eine Frage, die er an Jean-Paul Belmondo stellte, freut er sich hingegen: Ob er, der Schauspieler, denn mit seinem Gesicht zufrieden sei.

Die späteren Interviews subsummiert Breloer unter dem Satz: „Troller auf der Suche nach dem Glück in Paris und alle fragt er danach.“ In späteren Folgen des „Pariser Journals“ hätten ihn vor allem die Überlebensstrategien interessiert, wie man etwa über ein Unglück hinwegkommt. Er habe dann oft erlebt, dass die Menschen ihm vor der Kamera Dinge anvertrauten, die sie im privaten Gespräch nicht so leicht preisgegeben hätten. Es gelte auch das Umgekehrte: Er habe oft Fragen gestellt, die er sich nur in Anwesenheit der Kamera zu stellen getraut habe.

Der Dokumentarfilm von Ruth Rieser, die Kompilation von Enno Hungerland und einige Folgen der Reihe „Personenbeschreibung“, die von 1972 bis 1993 lief, sind weiterhin in den Mediatheken von ARD, ZDF und 3sat zugänglich. Wer mag, kann mit ihnen eine wunderbare und erkenntnisstiftende Reise in die Geschichte erleben (und auch in die des öffentlich-rechtlichen Fernsehens). Leider gab es zum 100. Geburtstag, zu dem Georg Stefan Troller auch an dieser Stelle herzlich gratuliert sei, keine Wiederholung des erwähnten starken dreiteiligen Fernsehfilms von Axel Corti. Vielleicht kann man das ja noch nachholen.

Und nun noch ein persönlicher Nachtrag: Der Zufall will es, dass mit dem Hinweis auf das „Pariser Journal“ diese Kolumne namens „Leders Journal“ hier nun ein Ende findet. Die „Medienkorrespondenz“ (MK) wird zum Jahresende 2021 eingestellt und dann wird auch ihre Internet-Website, auf der dieses „Journal“ erscheint, nicht mehr aktualisiert.

Vor über 20 Jahren überlegten Chefredakteur Dieter Anschlag und ich, was man auf der neu etablierten Internet-Seite der damaligen „Funkkorrespondenz“ (FK) an Originärem neben den Texten aus der Printausgabe präsentieren könnte. Ich schlug vor, jede Woche ein „Journal der Bilder und der Töne“ zu schreiben, in dem ich weniger einzelnen Sendungen kritisch nachgehen wollte, sondern eher Details – eben Bilder und Töne – festhalten oder den Zusammenhang kreuz und quer durch die Programme stiften wollte. (Der Titel der Kolumne wurde dann später in „Leders Journal“ geändert.)

Die wöchentliche Produktion, mit der es anfing, wurde bis 2014 durchgehalten, ab 2015 erschien das „Journal“  dann alle 10 bis 14 Tage. So sind den zwanzig Jahren über 750 Texte entstanden, die an dieser Stelle erstmalig publiziert wurden. Sie alle hat Dieter Anschlag redigiert. Eine oft nicht leichte Aufgabe, die Dieter neben seiner Hauptaufgabe als Chefredakteur der „Funkkorrespondenz“ und späteren „Medienkorrespondenz“ mit enormer Sachkenntnis und einem starken Gefühl für die Sprache nachging. Für diese lange vertrauensvolle Zusammenarbeit möchte ich mich herzlich bedanken. Dir, lieber Dieter, wünsche ich alles Gute für die Zukunft. Das „Journal“ werde ich auf Einladung von Chefredakteur Josef Lederle beim (mit der „Medienkorrespondenz“ verschwisterten) „Filmdienst“ fortsetzen. Wer mag, kann „Leders Journal“ ab Ende Januar unter www.filmdienst.de finden.

21.12.2021 – Dietrich Leder/MK

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