Wunderbar leicht und von Tragik umflort: Der Spielfilm „Hanne“ von Dominik Graf und Beate Langmaack in Erstausstrahlung bei Arte

30.06.2019 •

„Hanne“, der jüngste Fernsehfilm von Regisseur Dominik Graf, den er nach einem Drehbuch von Beate Langmaack inszenierte und den Arte am 7. Juni in Erstausstrahlung zeigte (20.15 bis 21.45 Uhr), mutet auf den ersten Blick wie die klassische Erzählung einer Krisenerfahrung an. Die Hauptfigur Hanne (Iris Berben) erfährt an jenem Freitag, an dem sie in Rente geht und an ihrem Arbeitsplatz verabschiedet wird, dass es Hinweise darauf gibt, dass sie an Blutkrebs erkrankt sein könnte; als sie bei ihrem Arzt nachfragt, wird sie auf die endgültigen Ergebnisse der Diagnose vertröstet, die erst am Montag vorlägen. In den nächsten zwei Tagen bewegt sie sich nun merklich irritiert durch die Stadt, in der sie wohnt, und in dem diese Stadt umgebenden Landstrich. Der im Auftrag des NDR entstandene Film spielt in der Nähe von Wilhelmshaven, also in Niedersachsen, so dass man hier in wunderbaren Totalen (Kamera: Michael Wiesweg) eine Reihe von Orten wahrnimmt, die man so noch nicht in einem deutschen Fernsehfilm zu Gesicht bekam.

Ein Off-Kommentar gliedert den Film in zwölf Kapitel. Während der Regisseur die jeweilige Kapitelnummer sagt, wird diese von der Protagonistin durch überschriftenartige Zusätze ergänzt, die man als selbstgesetzte Handlungsanweisungen deuten kann: Es handelt sich um Handlungen, die sie sich schon immer einmal vorgenommen hatte und nun in der Krise ausprobieren will. Dadurch gewinnt der Film die Form einer Versuchsanordnung: Die Frau probiert Dinge und Situationen aus, über die sie schon öfters nachgedacht hatte. Das beginnt mit der Idee, einen gewissen Schwimmstil zu erproben oder mal einen Truck zu lenken, und endet mit dem Besuch eines Mannes, in den sie einst verliebt war. Am Ende des Films ist sie, am Montag, wieder im Krankenhaus, um zu erfahren, wie der Befund genau ausgefallen ist.

Der Film berichtet von dem, was Hanne erlebt, in einer chronologischen Erzählung, die nur an wenigen Stellen von kurzen Erinnerungsbildern durchbrochen ist und die mit Ausnahme einer Szene stets die Protagonistin in den Mittelpunkt des Bildes stellt. (Die Ausnahme ist ein – übrigens erzählerisch unnötiges – Gespräch, das ihr Arzt mit seiner Ehefrau über sie führt, während sie deren Haus mittlerweile wieder verlassen hat.) Diese epische Erzählweise, die von ferne an den Film „Cléo de 5 à 7“ („Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“) von Agnès Varda aus dem Jahr 1961 erinnert, bringt komische, tragische und absurde Momente hervor. Von der spontanen Freundschaft zu einer Frau (Petra Kleinert), der sie in einem Restaurant bei einer Geburtstagsfeier begegnet, bis zur Stippvisite auf einem Bauernhof, auf dem mehrere Generationen in einem wunderbaren Chaos aus Tradition und Moderne zusammenleben.

Diese Szenen besitzen eine gewisse erzählerische Autonomie und leben von wunderbaren Gegensatzkonstruktionen, wenn etwa der Unternehmer, dessen Truck sie gefahren hat, den Zaun seines Firmengeländes durchtrennen muss, um dort herausgelangen zu können, oder wenn eine junge Frau, der Hanne aus klassischer Frauensolidarität hilft, sich als Diebin ihrer Geldbörse entpuppt. Der Gehilfe eines Malermeisters, der ihre Wohnung renoviert, plappert seine Weisheiten vor sich hin wie die Prinzipalin des Bauernhofs die ihren, nur dass die des jungen Mannes vermutlich aus dem Internet stammen und die der alten Frau aus ihrer ostpreußischen Heimat.

Vergangenheit und Gegenwart schieben sich im Film unmerklich ineinander und welche Geschichte nun stimmt, die sich Hanne und ihr Liebhaber wechselseitig von ihren Beziehungen erzählen, bleibt unklar. Anders ist es mit den Geräuschen, die aus den Häusern klingen, an denen Hanne zufälligerweise vorbeikommt; da wird geschrien und gebrüllt, als sei dort eine Art Bürgerkrieg im Gang. Oder mit dem Übermaß an sinnstiftenden Hilfsmitteln des Alltags, ob es sich um die Wandfarbe handelt, die „Wellness-Weiß“ heißt, oder um die Gesprächsstrategie des Arztes, der Hanne unter stetem Blick auf die Wanduhr auf den endgültigen Befund vertröstet, oder um eine absurde Wassergymnastik, die in einem Hallenbad betrieben wird.

„Hanne“ (Produktion: Provobis) ist das filmisch reiche Porträt einer selbstbewussten Frau, die in eine Lebenskrise gerät. Iris Berben spielt die Hauptfigur mit großer Souveränität. Ihr folgt man noch in die absurdesten Situationen mit einer staunenden Sympathie. Und manche der Manierismen, die sich bei Iris Berben wie bei all ihren Kolleginnen und Kollegen eingeschlichen haben, fehlen hier vollkommen; es gibt kein Psychologisieren in dieser Darstellung, sondern physische Präsenz und körperliches Handeln auf das Beste.

Der Film ist durchweg realistisch gehalten. Nur zwei Momente irritieren diese Wahrnehmung. Da ist zum einen der rote Kapuzenmantel, den die von Iris Berben gespielte Protagonistin immer dann trägt, wenn sie sich draußen durch die städtischen und ländlichen Regionen bewegt. Und da ist zum anderen der Tod, der als Nachricht, als mögliche Diagnose, als Erinnerung oder in der konkreten Gestalt eines geköpften Huhns durch den Film geistert. Der rote Mantel und der Tod hängen für alle, die den – von Dominik Graf verehrten – Kinofilm „Don’t look now“ („Wenn die Gondeln Trauer tragen“) aus dem Jahr 1973 jemals sahen, eng zusammen; einen roten Mantel trägt in dem Film von Nicolas Roeg sowohl das Mädchen, das zu Beginn in einem Teich ertrinkt, wie auch die kleinwüchsige Frau, die am Ende den Vater des Kindes ermorden wird.

Diese Beobachtung und der Verweis auf den Film von Roeg mögen sich wie eine ausgeklügelte Kleinigkeit am Rande lesen, sind vielleicht aber doch mehr. Denn sie eröffnen einen zweiten Blick auf diesen Film von Dominik Graf. Man kann ihn denn auch als eine Traumerfahrung deuten, in der Hanne all das durchlebt, was sie sich nicht zu leben traut. Dafür sprechen viele kleine anti-realistische Details (das überlaute Rauschen der Klimaanlage zu Beginn, der Auftritt des Arztes als Clown auf einem Kindergeburtstag, das plötzlich aufkommende Unwetter, der verwunschene Bauernhof, ein Feuerwerk) und auch das Ende, in dem der Film beide Möglichkeiten andeutet, dass der Blutkrebsbefund zutrifft oder eben auch nicht. Beides gleichzeitig kann ein realistischer Film nicht zulassen, aber es geht in eben diesem wunderbar leichten und zugleich von Tragik umflorten Film zusammen, in dem das Wünschen vielleicht noch geholfen hat. „Hanne“ wird auch noch im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt.

30.06.2019 – Dietrich Leder/MK