Wieder ein starker „Polizeiruf“ mit Kommissar von Meuffels: Leider verabschiedet sich Matthias Brandt bald von dieser Figur

20.08.2018 • Die Folgen der ARD-Krimireihe „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt als Hauptkommissar Hanns von Meuffels zählen mit Recht zu den besten. So muss man mit einer gewissen Trauer registrieren, dass der Schauspieler sich Ende dieses Jahres von dieser Figur verabschieden wird. Eine Episode steht noch aus und vielleicht nimmt in dieser Folge, die Christian Petzold geschrieben und inszeniert hat, die Liebesgeschichte, die von Meuffels mit einer von Barbara Auer gespielten Kollegin verbunden hat, einen positiven Verlauf. Der Figur wäre es zu wünschen, denn in der am 19. August unter dem Titel „Das Gespenst der Freiheit“ (ARD/BR) ausgestrahlten vorletzten Folge wirkte dieser Hanns von Meuffels noch isolierter als je zuvor.

In dem von Jan Bonny „nach einer Idee von Günter Schütter“ (so vermerkte es der Vorspann ein wenig kryptisch) inszenierten Film muss der Münchner Kommissar den Angriff auf einen Flüchtling klären, der am nächsten Tag an den dabei erlittenen Verletzungen stirbt. Bald stellt sich heraus, dass es sich nicht um einen Akt der Notwehr handelte, als vier junge Männer auf den Ausländer einschlugen und eintraten, sondern um eine gezielte Aggression. Die jungen Männer und eine junge Frau, die der Polizei vorgespielt hatte, das angebliche Vergewaltigungsopfer des Getöteten zu sein, gehören einer rechtsradikalen Gruppe an; sie schreien in ihrer Freizeit rechte Parolen, wollen München von rumänischen Zuhältern befreien und betrinken sich ansonsten regelmäßig und heillos in einer Kaschemme am Rande der Stadt. Der Kommissar ist sicher, dass er den Fall rasch lösen wird. Die rechtsradikalen Schläger verwickeln sich in Widersprüche und einer von ihnen könnte von Meuffels, wie er spürt, bald die Wahrheit gestehen.

Doch da mischt sich ein Mann des Verfassungsschutzes in den Fall ein. Er will denjenigen Täter, den der Kommissar kurz vor einem Geständnis hat und den er als Kronzeugen zu gewinnen versucht, als V-Mann rekrutieren, der die rechtsradikale Truppe ausspionieren soll. Damit entwickelt sich der Film zu einem Zweikampf zwischen den beiden Beamten und zwei unterschiedlichen Rechts- und Dienstauffassungen. Dass das weder zu einem trockenen juristischen Brevier noch zu einem simplen Showdown zwischen Funktionären des öffentlichen Dienstes wird, liegt an den beiden Schauspielern. Denn Joachim Król, der den Verfassungsschützer spielt, ist hier auf der Höhe seiner (oft unterschätzten) Leistungsfähigkeit, wie er den V-Mann mit einer Mischung aus Drohungen und Versprechungen zu gewinnen versucht, wie er von Meuffels erst jovial, dann drakonisch in die Ecke drängt.

Neben und im Zusammenspiel mit Joachim Król zeigt sich auch die Stärke der zurückgenommenen Darstellung, derer sich Matthias Brandt befleißigt, ganz besonders. Grandios die Szene, als der Verfassungsschützer sein Handy nimmt, eine Nummer wählt und behauptet, sich jetzt beim bayerischen Innenminister zu beschweren, der Hauptkommissar ihm das aber nicht glaubt und beide dann auf der Straße nebeneinander herrennen.

Jan Bonny versteht es in all seinen Filmen, Augenblicke von höchster Intensität zu schaffen, ob es sich wie diesmal um einen Moment der Trauer handelt, wenn die Mutter des Opfers die Entschuldigung eines der Täter annehmen muss, oder um eine Feier der rechtsradikalen Truppe, wenn deren Mitglieder mühelos vom Singen und Lachen zum Schlagen und Treten wechseln. Oder um die Tötung des vermeintlichen Verräters – eben jenes dann vom Verfassungsschutz rekrutierten V-Manns –, bei dem keiner der Rechtsradikalen seinem Opfer ins Gesicht sehen kann, als sie auf den jungen Mann schießen. Bonnys Filme sind nicht, wie manche schreiben, gewalttätig. Sie sind in der Darstellung von Gewalt sogar eher zurückhaltender als viele andere. Aber in seinen Filmen ist die Gewalt nicht von pädagogischen, psychologischen oder politischen Erklärungen eingehegt. Sie bricht los und reißt die Menschen mit. Das ist schwer auszuhalten und folglich immer noch eine Provokation.

Eine Provokation war sicherlich auch das Ende des Films, als der Verfassungsschutz die Akten schließen und damit die rechtsradikalen Täter ein zweites Mal davonkommen lässt. Sie können alle sofort das Gefängnis wieder verlassen. Jan Bonny hat den langen Prozess um die Morde der Neonazi-Gruppe NSU gut genug verfolgt, um eine solche Wendung seines „Polizeiruf“-Films nicht zur billigen Pointe verkommen zu lassen, sondern als einen trocken dargelegten Tatbestand zu schildern.

Sicher, manches an dem Film (4,44 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,9 Prozent) schien nicht ausentwickelt oder überambitioniert zu sein, dass etwa der Täter, Kronzeuge und V-Mann selbst auch noch ausländische Wurzeln hatte oder dass die Wirtin der Kaschemme ebenfalls eine Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes war. Doch das störte nicht weiter, dazu war die Hauptgeschichte zu robust erzählt und das Spiel der beiden Hauptdarsteller viel zu stark. Auf den Abschiedsfilm des Herrn von Meuffels darf man gespannt sein. Der Dreh zu seinem 15. und letzten Fall wurde Mitte August beendet. Die Ausstrahlung ist nach Angaben des Bayerischen Rundfunks „für das zweite Halbjahr 2018 geplant“.

20.08.2018 – Dietrich Leder/MK