Wider die ZDF-Monokultur: Eine positive Überraschung beim „Fernsehfilm der Woche“

16.05.2020 •

Mitunter wird man nun doch – und das geschah durch diesen Film – vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen im positiven Sinn überrascht. Der montägliche „Fernsehfilm der Woche“ im ZDF um 20.15 Uhr ist in den letzten Jahren immer stärker zu einem Abspielplatz von Kriminal- und vor allem Polizeifilmen – als Einzelstücke oder als Teile von Reihen – heruntergewirtschaftet worden. Nichts gegen Krimis, die jüngste Folge der „Nachtschicht“-Reihe von Lars Becker, die am 4. Mai unter dem Titel „Cash & Carry“ auf diesem Sendeplatz lief, war in ihrer Überdrehtheit und der Absurdität der Handlung Unterhaltung im guten Sinne des Wortes. Also nichts gegen Krimis, wenn sie denn gut erzählt, besetzt und inszeniert sind. Aber das gelingt angesichts der Monokultur, die das ZDF auf diesem Sendeplatz walten lässt – neben den angestammten Krimiplätzen am Freitag und mittlerweile auch am Samstag –, immer seltener. Vieles erscheint auserzählt, alle Konstellationen sind irgendwie durchgespielt.

Auf den ersten Blick schien auch die Produktion „Ich brauche euch“, die am 11. Mai als „Fernsehfilm der Woche“ ausgestrahlt wurde, von einem Kriminalfall zu erzählen. Tötet doch zu Beginn – was aber nicht gezeigt wird – ein Mann seine Ehefrau. Doch es geht in dem Film, den Max Färberböck inszenierte und dessen Drehbuch er zusammen mit Catharina Schuchmann geschrieben hat, nicht um diese Tat, die scheinbar aus dem heiteren Himmel eines Familienidylls geschah.

Es geht vielmehr darum, wie die Überlebenden – die beiden Kinder des Ehepaars, die Schwester der Ermordeten und der Vater beider – damit umgehen. Zwar ist auch die Konstellation, dass eine Business-Frau wie die Modeschöpferin Silvi Jäger, die von Mavie Hörbiger auf eindrucksvolle Weise verkörpert wird, sich durch einen Notfall um Kinder zu kümmern hat, die sie kaum kennt und zu denen sie zunächst auch keine Beziehung aufbauen kann, bekannt, doch in den meisten Filmen wird dies nur vordergründig für Scherze und Pointen genutzt.

Gewiss, auch in „Ich brauche euch“ gab es manche komischen Pointen, etwa wenn sich der Neffe der Modeschöpferin im Umgang mit alltäglichen Problemen gelegentlich als erwachsener erwies als seine hyperumtriebige Business-Tante. Doch hinter der Altklugheit des 14-jährigen Jungen – eine Entdeckung: Elias Eisold – verbarg sich eine tiefe Trauer um die Mutter und wohl auch die Last, seit einigen Jahren die Fassade einer glücklichen Familie aufrechterhalten zu müssen. In Wirklichkeit war es eine Familie mit Problemen, die auf überhöhten Erwartungen beruhten. Wie sich das Drama, das sich in einer dann nicht mehr zu übertünchenden moralischen wie finanziellen Überschuldung offenbarte, langsam und wie nebenbei entfaltete, das war bestens erzählt.

Die größte Stärke des Films (5,24 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,6 Prozent) bestand in der Schauspielführung. Max Färberböck ist ein Regisseur, der seinen klug von ihm ausgewählten Schauspielern Zeit zur Entfaltung lässt. Anders als sonst dienen die Dialoge im Film nicht der Wissensvermittlung für die Zuschauer, sondern der Entfaltung von Individuen, die im Wechselgespräch mehr von sich verraten, als sie selbst glauben. Mitunter gerinnen solche Gesprächsszenen zu Monologen, in denen die Selbsterkenntnis durch die allmähliche Verfertigung der Gedanken im Sprechen zutage tritt, ohne dass dies theatralisch wirkt. Eine weitere Stärke von Färberböck besteht in der Auslassung: Wenn der Vater der Ermordeten in der Trauerfeier seiner Wut freien Lauf lässt, bleibt die Kamera außen vor, so dass man die Gefühlsexplosion nur hört, aber nicht sieht.

Das Drama „Ich brauche euch“ (Produktion: Bavaria Fiction) hat zum Handlungskern das, was nach dem geschieht, was die Kriminalfilme erzählen. Es schilderte, wie die Menschen weiterleben, denen eine Mutter, eine Schwester, eine Tochter durch die Tötungstat genommen wurde. Der klassische ZDF-Krimi kehrt nach der Aufklärung des jeweiligen Falls zur Normalität zurück. Dass es eine solche Normalität dann nicht mehr gibt, darum betrügen diese Krimis die Zuschauer. Und der Film von Max Färberböck setzt sie in ihr Recht auf Hilflosigkeit und Trauer.

16.05.2020 – Dietrich Leder/MK