Wenn das Komische jeden ernsthaften Gesprächsansatz zerdeppert: Zur Sendung „SERIöS – Das Serienquartett“ bei One

30.10.2019 •

Das Fernsehen hat sich mit sich selbst, seiner Struktur, seinen Produkten und seinen Protagonisten eher selten beschäftigt. Vielleicht um davon abzulenken, wie selbstbezüglich und selbstverliebt ein System ist, das jeden, der halbwegs erfolgreich eine Sendung moderiert, automatisch für alle anderen Funktionen vor einer Kamera qualifiziert. Oder auch davon, dass Fernseh- und Rundfunkräte auf der Suche nach Leitungsfiguren am ehesten auf Menschen kommen, die sie vom Bildschirm her kennen. Kritische, erst recht selbstkritische Einlassungen sind rar, so dass einem das im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlte Medienmagazin „Zapp“ (das von 3sat und One wiederholt wird) wie eine exotische Ausnahme erscheint. Umso lobenswerter erscheint es da, wenn der vom WDR verantwortete ARD-Spartenkanal One, der bislang mit Eigenproduktionen gegeizt hat, seit dem 27. September mit der Sendung „SERIöS – Das Serienquartett“ eine monatliche Talkshow ausstrahlt (freitags, 21.00 bis 21.45 Uhr), in der es um das serielle Fernsehen geht.

Die Schreibweise des Titels deutet allerdings bereits an, dass es in dem neuen Format nicht vorzugsweise seriös, sondern vielmehr komisch zugehen soll. So versuchen sich die vier Diskutanten, der Comedian Kurt Krömer, der Drehbuchautor Ralf Husmann, die TV-Moderatorin Annie Hoffmann und die Drehbuchautorin Annette Hess, wechselseitig mit Kalauern und Wortspielereien zu überbieten. Das kann durchaus mal witzig sein, erschöpft sich jedoch schnell und zerdeppert jeden ernsthaften Gesprächsansatz. Solche Ansätze gab es in der zweiten Ausgabe am 25. Oktober mehrfach, als die Runde am Begriff der „starken Frau“ als Serienfigur debattierte, ob diese Bezeichnung nicht unterstelle, dass alle anderen weiblichen Figuren in Fernsehserien damit gleich automatisch als schwach einzustufen seien. Auch der kurze Austausch darüber, wie man mit Serien umzugehen habe, bei denen vor oder hinter der Kamera Männer mitarbeiteten, die des sexuellen Übergriffs beschuldigt würden, war ernsthaft und zwang somit diese Frage auch den Zuschauern auf.

Neben den Witzeleien, für die vor allem Kurt Krömer als Comedian und Ralf Husmann als Comedy-Autor sorgten, störte ein sich bei Jugendlichen anbiedernder Slang, mit dem die Serien als „geil“, „mega“ oder „tierisch gut“ beurteilt wurden und der als besondere Wirkungskategorie etablierte, wenn jemand vom Anblick eines tragischen Geschehens „Pippi in den Augen“ bekomme. So etwas von Männern und Frauen zu hören, von denen die jüngste nun auch schon 35 Jahre alt ist, erinnerte an die dümmsten Serien, die auf Teufel-komm-raus versuchten, ein junges Publikum zu gewinnen, was eben diese Runde natürlich auf das Schärfste kritisiert hätte. Über diese Floskelsprache gelangte die Auseinandersetzung um die vier Serien, die in der Sendung jeweils von einem Gesprächsmitglied vorgestellt wurden, mitunter dann doch hinaus, wenn etwa Annette Hess voller Neid über das enorme Produktionsbudget für „The Marvelous Mrs. Maisel“ (Amazon Prime Video) sprach, oder wenn Ralf Husmann in „Fleabag“ (BBC/Amazon Prime Video) besondere Momente ausmachte, in denen sich das Großstadtleben in einer kurzen Szene verdichtete.

Beides kluge Beobachtungen, aber zugleich die Aufmerksamkeit auf ein strukturelles Defizit der Gesprächsrunde lenkten. Hess und Husmann schreiben beide erfolgreich für deutsche Serien. Das führt zu einer gewissen Sachkunde und einer Genauigkeit des Blicks. Andererseits sprechen sie stets auch in eigener Sache, wenn sich Ralf Husmann selbstironisch auf seine komischen Serien bezieht oder wenn Annette Hess unvermittelt zu einer Attacke auf die Fernsehfilm-Reihe „Nachtschicht“ (ZDF) von Lars Becker ausholt, der sie unterstellt, dass in ihr alle weiblichen Figuren durchweg stereotyp angelegt seien, was die Kritik permanent in ihren Lobgesängen übersehe. Hier klang ein gewisser Neid auf Lars Becker durch, der in der Tat lange Jahre im ZDF besondere Produktionsbedingungen genoss, die anderen verwehrt blieben. Aber ob es in seiner Reihe mehr stereotype Figuren gibt als etwa in den ZDF-Fernsehfilm-Dreiteilern „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“, deren Folgen Annette Hess schrieb, wäre noch zu überprüfen.

Ein weiteres Dilemma von „SERIöS“: Drei der vier präsentierten Serien in der Oktober-Sendung wurden nur mit dem offiziellen Trailer vorgestellt, für den man sich jeweils durch ein Insert bei den jeweiligen Streaming-Plattformen, von denen sie stammten, auch artig bedankte. Analytisch mit Bildern und Tönen arbeitete die Runde also nicht, was ihr Gespräch entweder ins Allgemeine aller Folgen und Staffeln abgleiten ließ oder bedeutete, dass Details erwähnt wurden, die so schnell keinem der Zuschauer geläufig gewesen sein dürften. Das verstärkte den Grundtenor eines eher auf Komik angelegten Räsonnements, das zwar die attraktiven Momente der vorgestellten Serien mit den oben zitierten Reklamebegriffen einer angeblichen Jugendsprache herausstrich, aber in der Kritik nur selten überzeugend wirkte. Noch ein Defizit zeigte sich in der zweiten Ausgabe, als die spanische Serie „Haus des Geldes“ (Netflix) erörtert wurde: Von Krimis haben die vier Diskutanten keine Ahnung. Ihr Fach ist und bleibt die komische Unterhaltung.

30.10.2019 – Dietrich Leder/MK