WDR-Fernsehfilmchef Gunther Witte: Sein Tod ruft auch in Erinnerung, an was es dem deutschen Fernsehen mangelt

06.09.2018 • Gunther Witte, der am 16. August im Alter von 82 Jahren starb, bildete unter den Fernsehfilmredakteuren seiner Zeit wie der Gegenwart auch deshalb eine Ausnahme, weil ihm jedwede Eitelkeit fehlte. Auf den üblichen Branchenfotos musste man den WDR-Fernsehfilmchef eher suchen, als dass er in deren Mittelpunkt stand. Diese Zurückhaltung mag auch aus einer gewissen Skepsis allen Bildmedien gegenüber herrühren; so sehr wie das Theater und die Oper hat er das Kino und den Fernsehfilm jedenfalls nicht geliebt. Aber als der Zufall ihn, der Theaterwissenschaften in der DDR studiert hatte und der noch rechtzeitig vor dem Bau der Berliner Mauer in den Westen gewechselt war, in das junge Medium Fernsehen verschlug, nahm er dieses mit allem, was dazugehört, ernst.

Bei öffentlichen Auftritten agierte Witte eher leise und zurückhaltend, als dass er die Räume mit körperlicher Präsenz und markigen Worten eroberte. Vielleicht unterschätzten ihn deshalb viele, als er Günter Rohrbach nachfolgte, der im WDR das, was zunächst Fernsehspiel geheißen hatte, zum Fernsehfilm weiterentwickelte (wie kurz vor ihm Egon Monk beim NDR). Anders als Rohrbach, der 1979 wohl auch deshalb nach München zum Produktionsunternehmen  Bavaria wechselte, weil ihm der Aufstieg zum WDR-Fernsehdirektor – zu Unrecht – verwehrt blieb, war Gunther Witte kein Konzeptionalist, geschweige denn ein Polemiker. Er war stattdessen ein Mann des Ausgleichs, dem beim WDR beispielsweise die fast unlösbare Aufgabe gelang, eine Mannschaft aus sehr selbstbewussten Redakteuren wie Wolf-Dietrich Brücker, Joachim von Mengershausen, Hartwig Schmidt, Alexander Wesemann oder Martin Wiebel zusammenzuhalten und deren unterschiedliche Interessen an Kinokoproduktionen, Fernsehfilmen, Reihen und Serien zu moderieren. (Mit Helga Poche kam eine erste Frau erst unter Gunther Witte in diese Redaktion, deren Frauenanteil dann im Lauf der Zeit stark ausgebaut wurde.)

Tatsächlich haben denn auch viele das wirklich Grandiose an der Idee des „Tatorts“, den Witte auf Geheiß von Rohrbach 1969 entwickelte, nicht begriffen. Wittes Idee reagierte nämlich zunächst auf die Eitelkeiten der einzelnen ARD-Landesrundfunkanstalten, indem er deren Fernsehfilmredaktionen in sein Konzept einband und dieses jenen scheinbar unterordnete. Jede ARD-Anstalt (und später auch das öffentlich-rechtlich Fernsehen aus Österreich und der Schweiz) konnte sich, wenn man es dort denn wollte, am „Tatort“ beteiligen; wer nicht wollte, musste es aber auch nicht. Mit diesem föderalen Prinzip für die „Tatort“-Reihe, das ja dem der ARD entspricht, griff Witte zugleich etwas auf, was auch die reale Polizeiarbeit bestimmt, für die ja ebenfalls die Länder zuständig sind und eben nicht der Bund. Witte machte also aus einer gewissen Misere, die aus der Eitelkeit der Landesrundfunkanstalten resultiert und die bis heute deren Programm (siehe die diversen Talkshows) mitbestimmt, eine Stärke.

Wie liberal es in diesem Konzept Wittes zuging, kann man daran ermessen, dass der Film „Taxi nach Leipzig“ (NDR), der als erste „Tatort“-Folge gilt, schon lange vor Wittes Idee geschrieben und produziert worden war und er heute als deren originäres Produkt gilt. Auch die im WDR autonom geplante Serie um den Zollfahnder Kressin, die Wolfgang Menge als eine Art Travestie auf James Bond geschrieben hatte, ging mühelos in Wittes Konzept auf. Leider gelang das – aus naheliegenden Gründen – nicht mit den in derselben Zeit geplanten Verfilmungen der Romane von Nicolas Freeling um den holländischen Kommissar Van der Valk; die beiden dann von Wolfgang Petersen und Peter Zadek realisierten Filme konnten es mühelos mit den besten „Tatort“-Folgen der frühen Jahre aufnehmen.

Liberalität, Offenheit und die angedeutete Zurückhaltung, was die eigene Person angeht, kennzeichneten denn auch die Arbeit des WDR-Hauptabteilungsleiters Gunther Witte aus, der im persönlichen Gespräch durchaus auch (selbst)ironisch sein konnte. Den verschiedenen Fernsehdirektoren des Senders, unter denen er bis ins Jahr 1998, als er pensioniert wurde, seine Arbeit verrichtete, leistete er – öffentlich wahrnehmbar – eher selten Widerstand. Stattdessen entwickelte er, als der Quotendruck mit Aufkommen der privaten Sender zunahm, eine gewisse Doppelstrategie, zu der populäre Serien wie die „Lindenstraße“ ebenso gehörten wie weiterhin die (auch ästhetisch) avancierten Fernsehfilme. Er passte sich also auf der einen Seite den Gegebenheiten an, wie sie ihm aufgeherrscht wurden, um ihnen gleichzeitig eher leise Widerstand zu leisten. Und er hielt treu zu einer nicht gerade kleinen Zahl an Autoren und Regisseuren, die es ihm, dem Sender und vor allem den Zuschauern mit starken Filmen lohnten.

Dem hiesigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen fehlt die leise, aber stetige, nie aufgebende Intelligenz eines Gunther Witte schon seit längeren. Sein Tod mag daran erinnern, an was es diesem Fernsehen mangelt.

06.09.2018 – Dietrich Leder/MK
Gunther Witte (1935-2018) Foto: MK