Washington, Sturm aufs Kapitol: Ein Ereignis bewegt die Welt – und ARD und ZDF stehen abseits

07.01.2021 •

Im vergangenen Jahr feierten sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dafür, dass in ihrem Fernsehangebot die Nachrichten- und Sondersendungen, die politischen Magazine und Gesprächsrunden in den Zeiten der Corona-Krise in hohem Maße wahrgenommen wurden. In der Krise – so der Tenor der sich in ihren Erklärungen selbst lobenden Sender – habe sich die Informationskompetenz von ARD und ZDF bewährt. Einen Nachweis dafür hätten sie am Abend des 6. Januar (Mittwoch) liefern können. Der Berichterstattung in der ARD-„Tagesschau“ um 20.00 Uhr konnte man entnehmen, dass dieser Tag in der Hauptstadt der USA kein gewöhnlicher werden würde.

Die formale Bestätigung des Ergebnisses der Präsidentschaftswahl – Sieg des Demokraten Joe Biden – durch den Kongress, also durch das Repräsentantenhaus und den Senat, war durch die Agitation, die der Amtsinhaber Donald Trump gegen seine Niederlage seit Wochen und auch an diesem Tag betrieb, zu einem besonderen Ereignis geworden. Entscheidender noch, dass Trump seine Anhänger zu einer Kundgebung nach Washington gerufen hatte, auf der er seine durch nichts belegten Vorwürfe des Wahlbetrugs erneuerte und dazu aufforderte, dies dem Kongress auch mitzuteilen. Die für die „Tagesschau“ berichtende ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier (NDR) stand in einer Live-Schaltung vor dem Kapitol, in dem der Kongress tagte, und sie bekam mit, wie sich die Stimmung unter den hierher gezogenen Demonstranten aufheizte. Wer Claudia Buckenmaier ins Gesicht sah, bemerkte so etwas wie Furcht. Es würde etwas geschehen – nur was?

Verantwortliche in den Sendeleitungen der ARD und auch des ZDF können das nicht registriert haben, denn sie starteten um 20.15 Uhr das Normalprogramm. So gab es im Ersten keine Sondersendung, also keinen „Brennpunkt“, kein „ARD Extra“, zur Lage in Washington. Auch – und das verwunderte als erstes –, auch der von ARD und ZDF gemeinsam betriebene Informations- und Dokumentationssender Phoenix spulte sein Normalprogramm ab, was für ihn, wenn er nicht gerade live etwas zu berichten hat, bedeutet, gut abgehangene Konserven zu zeigen. Auf dem Programm stand ein Film über Elefanten. Nun gut, könnten manche sagen, indirekt handelte der Film denn doch von den USA, ist doch der Elefant das Tier, das die Republikaner, also Donald Trumps Partei, als Logo symbolisiert. Wer – anders als die Sendeleiter von ARD, ZDF und Phoenix – durch den Bericht der ARD-Korrespondentin nervös oder nur neugierig geworden war, wurde im hierzulande empfangbaren Fernsehangebot über das, was da in Washington geschah, allein durch den US-Nachrichtensender CNN aktuell informiert.

Dort sah man – jeweils leicht zeitversetzt –, wie die Demonstranten, aufgebrachte Anhänger von Präsident Trump, die Treppe zum Kapitol besetzten, dann das Gebäude stürmten, die Abgeordneten vertrieben und sich wechselseitig fotografierten, wie sie in den Sitzungsräumen und Büros die Positionen der von ihnen gehassten Politiker einnahmen. Das war auf Fotos zu sehen, die CNN im Lauf des Abends immer wieder einblendete. Auf einem der Bilder sah man, wie Polizeikräfte, die zuvor die Abgeordneten in Sicherheit gebracht hatten, ein Möbelstück vor eine Eingangstür geschoben hatten und dahinter mit gezogener Schusswaffe Demonstranten, die auch in diesen Saal eindringen wollten, davon abzuhalten versuchten.

Im Ersten wie im Zweiten Programm sah man davon zu diesem Zeitpunkt nichts. Die ARD zeigte den sicherlich komischen Fernsehfilm „Für immer Sommer 90“ und das ZDF eine Folge der sicher ebenso komisch gemeinten Krimireihe „Nord Nord Mord“. Und Phoenix zeigte weiter Elefanten. Auch die privaten Nachrichtensender blieben noch bei ihrem Normalprogramm. Erst gegen 20.45 Uhr begannen dann Phoenix und die privaten Nachrichtenprogramme mit Sondersendungen zu den Ereignissen in Washington. Während die ARD nach Ende des Fernsehfilms um 21.45 Uhr eine zehnminütige Sonderausgabe der „Tagesthemen“ ins Programm nahm (Moderation: Ingo Zamperoni), setzte das ZDF auf das „Heute-Journal“, das um 21.44 Uhr begann und mit den Bildern aus Washington aufmachte (Moderation: Marietta Slomka).

Doch dann folgte das nächste Desaster, denn das, was ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen vor dem Kapitol für die „Heute-Journal“-Sendung in die Kamera aufsagte, enthielt weniger Informationen als das, was ein gewöhnlicher Zuschauer nach anderthalbstündiger CNN-Berichterstattung hätte sagen können. Hier rächt sich die Personalpolitik des ZDF, das den ehemaligen „Terrorismus“-Experten zum USA-Experten promovierte, der sicher als Sitzredakteur seine Erfahrungen haben mag, aber zum Reporter, der wahrnehmen muss, was um ihn herum geschieht und das dann in Worte fassen muss, halt nicht taugt.

Aber das Versagen hielt an. Denn die ARD setzte nach dem „Tagesthemen Extra“ ab 21.55 Uhr ihr Normalprogramm fort und strahlte einen auf 90 Minuten angelegten Film über den Schauspieler Hans Albers aus, der einst „Goodbye Johnny“ sang. Es dauerte dann noch eine geschlagene Stunde, ehe ein Laufband eingeblendet wurde, das ankündigte: „Aus aktuellen Gründen brechen wir den Film demnächst ab. ‘Die Liebe des Hans Albers’ komplett in der Mediathek“. Und erst dann kam um 23.00 Uhr erneut eine „Tagesthemen“-Sondersendung ins Programm, die sich eine Stunde lang dem widmete, was in Washington geschehen war und weiterhin geschah. Claus Kleber, Moderator des „Heute-Journals“ (allerdings nicht an diesem Abend), hatte via Twitter zuvor schon geschrieben: „Unfassbare Szenen im US #capitol #CNN einschalten Sofort“. Da hatte er recht. Ein Ereignis bewegt die Welt und die Hauptprogramme von ARD und ZDF stehen erst einmal abseits.

Bleibt die Frage, ob sich ARD und ZDF zuerst für dieses Desaster entschuldigen und dann den Quotenerfolg ihrer zu spät eingesetzten Sondersendungen feiern oder umgekehrt?

07.01.2021 – Dietrich Leder/MK

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