Warner-Varianten: Der stete Wandel eines Namens und die US‑Mediengeschichte

19.05.2021 •

Die Nachricht, die am vorigen Montag (17. Mai) bekannt wurde, war nun wirklich überraschend: Das Medienunternehmen Warner Media soll in absehbarer Zeit mit dem Medienunternehmen Discovery fusioniert werden. Überraschend daran ist nicht die Fusion an sich, denn solche Zusammenschlüsse ereignen sich auf dem US-amerikanischen Markt regelmäßig. Nein, das Überraschende ist, dass Warner Media zu diesem Zweck aus jenem Großunternehmen herausoperiert wird, das es sich erst vor drei Jahren einverleibt hatte: 2018 nämlich erwarb der Telekommunikationsriese AT&T den damals unter dem Namen Time Warner geführten Konzern.

Ein neuer Mischkonzern schien zu entstehen, der die Produktion von Inhalten, für die alte Printtitel wie das Magazin „Time“, Fernsehsender wie CNN und Pay-TV-Kanäle wie HBO stehen, mit der Distribution von Medien, also der Telekommunikation vom Telefon über das Kabel und den Satelliten bis zum Internet, miteinander verband. Doch die Integration scheint der Spitze von AT&T, die nun nachweislich nichts vom Mediengeschäft verstand, misslungen. Die Erfindung und Durchsetzung des neuen Namens Warner Media für den neuen Konzernbestandteil ging noch einfach über die Bühne. Aber anschließend gab es mindestens zwei schwere und zudem kostenpflichtige Anläufe, Warner Media in den neuen Mutterkonzern AT&T zu integrieren. Versuche, die frustrierte Mitarbeiter hinterließen und mehr Kosten verursachten als eingespart werden konnten.

Die nun angestrebte Fusion von Warner Media mit Discovery scheint zu bedeuten, dass AT&T das Mediengeschäft schon wieder leid ist, ehe es einen Dollar damit verdient hat. Vor allem die Aktionäre des Konzerns hatten in den letzten Monaten erheblichen Druck auf AT&T ausgeübt. Die durch die Corona-Krise bedingte schwere Lage des Film- und damit vor allem des Kinogeschäfts mag die Unlust am neuen Konzernbestandteil noch gesteigert haben. In Zukunft will sich AT&T wieder auf das alte Kerngeschäft konzentrieren. Ob es den Aktienkurs von AT&T stimuliert? Noch ist davon nichts zu sehen.

Auf der Ebene des Portfolios scheint die neue Fusion von Discovery und Warner Media durchaus sinnvoll zu sein, denn die Sender beider Konzerne ergänzen sich eher, als dass sie sich doppeln. Discovery steht für Programme, die ein besonderes Interesse bedienen, ob sie auf dem Gebiet von Talk, Technik, Wissenschaft oder Sport liegen. In Deutschland sind folgende zu Discovery gehörende Sender zu sehen: DMAX, Tele 5, Eurosport, Animal Planet, Discovery Channel und TLC. Warner Media steht eher für Film- und Serienangebote sowie für politische Information. In Deutschland kann man davon neben CNN das Pay-TV-Angebot TNT Serie sehen.

Für Discovery bedeutet das von Warner Media auf den Weg gebrachte Streaming-Portal HBO Max, das im Mai 2020 in den USA gestartet ist und im Lauf dieses Jahres auch ein deutsches Angebot unterbreiten will, einen großen Zugewinn, während HBO Max durch Discovery neue Inhalte erhält. Auf den ersten Blick erscheint Warner Media der stärkere der beiden Partner zu sein. Doch das täuscht. Das Führungspersonal des neuen Unternehmens soll – so ist zu vernehmen – von Discovery kommen.

Ob dann der Namensbestandteil Warner erhalten bleibt, ist auch noch nicht geklärt. Warner steht für die Herkunft aus dem klassischen Filmgeschäft. Harry, Albert, Samuel und Jack L. Warner hatten in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen, auf Jahrmärkten Filme zu zeigen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erwarben sie ein erstes Filmstudio, ehe sie 1923 in Hollywood die Produktionsfirma Warner Brothers gründeten, zu der bald ein eigener Filmverleih und bis zur Zerschlagung durch die Kartellbehörde auch eine Kinokette gehörte. 

Als eine von sechs Major Companies bestimmte die Firma Warner Bros. bis Ende der 1960er Jahre das Filmgeschäft nicht nur in den USA, sondern auch im westlichen Ausland. 1972 wurde das Unternehmen, das mittlerweile einem Mischkonzern gehörte, in Warner Communications umbenannt. Den Komiker Groucho Marx wird das damals gefreut haben, denn der hatte 1946, als es zu einen Titelstreit bezüglich des Warner-Films „Casablanca“ von 1943 und der drei Jahre später von den Marx Brothers produzierten Komödie „A Night at Casablanca“ kam, gedroht, falls Warner seine Klage dazu nicht zurückziehe, werde er dem Unternehmen seinerseits die Beifügung des Titel „Brothers“ rechtlich streitig machen, denn er und seine Brüder seien deutlich länger mit diesem Namenszusatz im Geschäft als die Gebrüder Warner.

1989 wurde das Filmunternehmen mit dem Zeitungshaus Time, das neben vielen Printtiteln auch Buchverlage besaß, zu Time Warner fusioniert und behielt den Namen auch bei, als man sieben Jahre später mit dem von Ted Turner aufgebauten Sendeverbund Turner Broadcasting System (TBS) fusionierte, zu dem als Keimzelle der Nachrichtensender CNN gehörte. Als im Jahr 2000 das Internet-Unternehmen AOL den Medienkonzern übernahm, hieß das neue Unternehmen AOL Time Warner. Schon damals galt dieser Kauf als eine Fusion zwischen den Produzenten von Inhalten und denen, die für deren Distribution sorgten.

Doch nur wenige Jahre später wurde der vorangestellte Namenszusatz AOL, der für America Online stand, wieder getilgt. Das alte Medienunternehmen hatte sich als substanzieller und gewinnbringender erwiesen als die neue Internet-Firma. Das Stammgeschäft von AOL hatte auf im Bereich der Tech-Konzerne rasend schnell Terrain an neue Konkurrenten wie Google und damit viel an Bedeutung verloren, so dass das gekaufte Unternehmen Time Warner die Leitung des fusionierten vom Käufer AOL übernahm. 2009 trennte sich Time Warner dann von AOL, um dann seinerseits 2018 von AT&T erworben zu werden.

Wenn man die Mediengeschichte der USA als Krimi erzählen wollte, müsste man sie als Geschichte von Warner erzählen.

19.05.2021 – Dietrich Leder/MK

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