Wahlen, Dressmen und #FreeDeniz: Ein Rückblick auf die medienpolitischen TV‑Ereignisse des Jahres 2017

12.01.2018 • Im Rückblick scheint es so zu sein, als sei im Jahr 2017 die politische Debatte in Deutschland – in der Gesellschaft wie im Fernsehen wie – allein und vollends durch die Bundestagswahl am 24. September bestimmt worden. Doch das täuscht. Erinnert sei an die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein (7.5.), Nordrhein-Westfalen (14.5.) und Niedersachsen (15.10.), die nicht durch bundes-, sondern vor allem durch landespolitische Themen entschieden wurden. Bei den ersteren beiden Landtagswahlen erlebte die SPD jeweils ein Desaster, was das Ende zweier rot-grüner Landesregierungen zur Folge hatte. Die an den Wahlabenden im Fernsehen sichtbar werdende Verblüffung von Schleswig-Holsteins abgewähltem Ministerpräsidenten Torsten Albig (SPD) und der ebenfalls nicht wiedergewählten NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) angesichts ihrer Niederlagen war ebenso groß wie die eigene Verblüffung, die man am Fernsehgerät ob der darin sich zeigenden Wirklichkeitsverdrängung dieser Politiker empfand.

Die SPD hatte im ersten halben Jahr den positiven Effekt überschätzt, der im Januar nach der Wahl von Martin Schulz zum Parteivorsitzenden von den Massenmedien behauptet worden war. Schulz, damit auch Kanzlerkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl, war für Wochen der Liebling der Medien, was er sich gerne gefallen ließ. Bei seinen Auftritten und in den Interviews betonte er stets das Private, als solle sein eigenes Leben – der soziale Aufstieg, der Kampf gegen den Alkoholismus, seine Arbeit als Buchhändler, das Leben als Nachbar in der Provinz – das legitimieren, was er politisch verkündete.

Doch diese Selbstinszenierung des Privaten überlagerte das, was er politisch wollte. Und was Martin Schulz beispielsweise anderes erreichen wollte als die große Koalition, an der ja die Sozialdemokraten beteiligt waren, wurde nicht klar. Das lag auch an den Diskussionen innerhalb der SPD um die richtige Wahlkampfstrategie, wie man nach der Bundestagswahl im „Spiegel“ aus einer großen Reportage von Markus Feldenkirchen über Schulz erfuhr. Dass diese Reportage zustande kam, war noch der alten Selbstinszenierung des Martin Schulz zu verdanken und wurde damit im doppelten Sinne zum Dokument seiner Niederlage.

Im Fernsehgespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 3. September, das erneut zum „TV-Duell“ hochstilisiert worden war und von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 (plus Phoenix) live ausgestrahlt wurde, implodierte diese Selbstinszenierung. Schulz konnte gegenüber der Kanzlerin kaum Profil gewinnen, was auch daran lag, dass Merkel ihn immer wieder geschickt in Komplimente für die große Koalition einband, gegen die er sich schlecht wehren konnte. Es lag zum anderen aber auch daran, dass die vier fragenden Journalisten – Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat 1) – fast die Hälfte der Gesprächszeit der Thematik ‘Einwanderung und Flüchtlinge’ gewidmet hatten, bei der es kaum Unterschiede zwischen Merkel und Schulz gab. Bei dieser Thematik agierte vor allem Claus Strunz als eine Art außerparlamentarische Opposition, als er Merkel und Schulz von rechts kritisierte und damit gleichsam den Wahlerfolg der rechtspopulistischen AfD vorwegnahm.

Insgesamt sahen in den fünf Programmen 16,30 Millionen Zuschauer das TV-Duell, das damit die meistgesehene Sendung des Jahres 2017 war, das aber in dieser überritualisierten Form wohl zum letzten Mal veranstaltet wurde. Eine Reform der Veranstaltung war im Vorfeld vom Kanzleramt abgelehnt worden. Informativer als das TV-Duell waren Sendungen wie die beiden Ausgaben der ARD-„Wahlarena“ mit Merkel (11.9.) und Schulz (18.9.) und ihr jeweiliges Pendant im ZDF mit dem Titel „Klartext!“ (12.9./14.9.), weil hier im Gespräch mit ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern der Dialog wichtiger als der Schlagabtausch war. Ähnliches gilt für die „Fünfkampf“ genannte Diskussion mit den Vertretern der kleineren Parteien (ARD/WDR/BR, 4.9.). Doch auch hier war in den Titeln eine gewisse Sportifizierung der Politik zu spüren, wie sie der „Duell“-Begriff ja schon vorgegeben hatte. Das schlug auch auf die Titelbildgestaltung im „Spiegel“ durch, der gleich zweimal innerhalb weniger Monate Merkel und Schulz in einem Boxring zeigte.

Angela Merkel schien weitgehend unberührt aus der auch für sie krachenden Wahlniederlage mit dem schlechtesten Wahlergebnis der CDU seit 1949 hervorgegangen zu sein. Sie machte sich geschäftig gleich daran, die nächste Koalition zu schmieden, der sie dann erneut als Kanzlerin vorstehen würde. Selbst der heftige Streit in der bayerischen Schwesterpartei CSU, in der Horst Seehofer und Markus Söder bis in den Dezember um die Macht kämpften, schien Angela Merkel nicht zu irritieren.

Doch die Verhandlungen zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen über eine Koalition zogen sich über Wochen hin. Und sie wurden im doppelten Sinne öffentlich: zum einen dadurch, dass sich die Verhandlungsführer in Berlin regelmäßig auf dem Balkon des Ortes ihrer Zusammenkunft für die Kameras zeigten, dort entweder staatstragend schauten oder wie Kinder herumalberten; zum anderen dadurch, dass in den fast täglichen Talkshows bei ARD und ZDF Parteifreunde parallel die Verhandlungen gleichsam nachstellten. Kein Wunder bei diesem Medienzirkus, bei dem die Politik fast verschwindet, dass die ganze Sache mit einem Theatercoup beendet wurde, als FDP-Chef Christian Lindner nachts vor den Fernsehkameras die geplante Koalition für gescheitert erklärte.

Vielleicht begann das Ende dieser geplanten Koalition aber schon mit der putzigen Benennung, die Journalisten für sie gefunden hatten und der sich jeder anschließend befleißigte: Jamaika‑Koalition. Die in diesem Begriff aufscheinende Verkindlichung des Politischen war kein Zufall. Schon während des Bundestagswahlkampfs hatten erwachsene Sozialdemokraten allen Ernstes erklärt, dass sie die „GroKo“ – ein Kürzel für die große Koalition, das sowohl aus der Kindersprache wie aus dem Schatz der DDR-Akronyme stammen könnte – nicht mehr wollten. Dieser infantile Stil zeigte sich auch, als angeblich volljährige und damit das Wahlrecht besitzende Mitglieder der Jungen Union (JU) der Kanzlerin am Wahlabend ein Schild entgegenhielten, auf dem in Anlehnung an einen Spitznamen für Merkel zu lesen stand: „Voll muttiviert“.

Dazu passen Kindereien wie die, dass ausgerechnet der Innenpolitiker Wolfgang Bosbach (CDU), der bis dahin wirklich jede nur erdenkliche Talkshow lächelnd bis zum jeweiligen Ende durchgesessen hatte, nun plötzlich die Sendung von Sandra Maischberger, in der es am 12. Juli um die Demonstrationen gegen den G20-Gipfel ging, meinte mittendrin verlassen zu müssen. Womit er die AfD-Politikerin Alice Weidel auf die Idee brachte, mit einem ähnlichen Abgang, diesmal aus einer Talkdebatte mit ZDF-Moderatorin Marietta Slomka („Wie geht’s, Deutschland?“, 5.9.), für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Medial war die AfD in diesem Wahlkampf, an dessen Ende sie in den Bundestag einzog, ohnehin bestens aufgestellt. Sie bot für jeden Anlass ein Gesicht: Björn Höcke skandalisierte für den rechten Rand, Alice Weidel gab die kühle Ökonomin, Frauke Petry das politische Irrlicht, das auch mal das neugeborene Kind für Wahlzwecke einsetzte, und Alexander Gauland inszenierte sich als der Patriarch, der scheinbar über den Dingen steht. Mit dieser Diversität konnte die AfD ihre Kritiker stets ins Leere laufen lassen. Nach der Wahl, als die frisch in den Bundestag gewählte Frauke Petry ihren Austritt aus der Fraktion bekannt gab und die Partei verließ, zeigte sich, dass die Diversität nur ein Trick war. Die AfD ist eine Partei des äußersten rechten Randes, die von Nationalkonservativen, Rassisten und Reaktionären dominiert wird.

Am Abend der Bundestagswahl hatte der CSU-Politiker Joachim Herrmann in der von ARD und ZDF übertragenen „Berliner Runde“ erklärt, es werde darüber zu reden sein, „in welchem Ausmaß die öffentlich-rechtlichen Sender massiv dazu beigetragen haben, in der Tat nicht die AfD kleinzumachen, sondern großzumachen“. Mal abgesehen davon, dass Herrmann durch diesen Vorwurf vom eigenen Versagen ablenken wollte, lag in der Aussage ja ein kleiner Rest von Wahrheit. Denn die Unterhaltungssendungen, die ja die politischen Talkshows nicht nur dem Gattungsnamen nach sind, profitierten ohne Zweifel vom Erregungspotenzial der AfD und von deren Skandalisierungsstrategie. Den Zugewinn an Aufmerksamkeit konnten die Talkshows aber nicht in politische Erkenntnisse über diese Partei ummünzen, so dass die AfD letzten Endes mehr davon hatte als die Sendungen, in denen es um sie ging.

Dass die Frage, wie man mit der neuen Rechten umzugehen habe, aber nicht nur das Fernsehen betrifft, zeigte die Diskussion, die nach der Bundestagswahl auf den Feuilletonseiten der Tageszeitungen begann. Ausgelöst unter anderem durch die Streitschrift von Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, die im Oktober erschien und im Titel erklärte: „Mit Rechten reden“. Was man ja durchaus versuchen kann, solange dabei nicht ähnliche kitschige Homestorys herauskommen, wie sie dem rechten Verleger Götz Kubitschek in diesem Jahr mehrfach zuteil wurden. Verschwiegen sei nicht, dass der Erfolg der AfD zu einem Zeitpunkt eintrat, in dem in ganz Europa nationalistische Kräfte erstarkt sind. In den Niederlanden und in Frankreich wurden Triumphe äußerst rechter Parteien gerade mal knapp vereitelt. In Österreich schaffte es mit der FPÖ jedoch 2017 eine solche rechte Partei in die Regierung, während die Rechten in Polen und Ungarn weiterhin an der Macht sind.

Anders als im Fernsehfilm oder im Sport ist in der Bundespolitik nicht mit der Rückkehr der alten Männer zu rechnen. Der 76-jährige AfD-Politiker Alexander Gauland, Biedermann wie Brandstifter in Personalunion, dürfte im Deutschen Bundestag eine Ausnahme darstellen. Stattdessen ist eine jüngere Politikergeneration auf dem Vormarsch, die man als Dressmen des Politischen bezeichnen könnte. Es handelt sich um sportive, gut aussehende und bestens gekleidete Charmebolzen, die jederzeit für Kameras sichtbar Politik im Wortsinne verkörpern.

Gemeint sind Politiker wie Christian Lindner in Deutschland, der die FDP als Einmannpartei wieder in den Bundestag führte. Oder Emmanuel Macron in Frankreich, der es mittels einer eigenen Bewegung namens „En Marche“ in wenigen Monaten vom Außenseiter zum Staatspräsidenten schaffte. Oder Sebastian Kurz in Österreich, der die angestammte konservative ÖVP unter dem Namen „Liste Sebastian Kurz“ mit Erfolg bei den Nationalratswahlen antreten ließ. Oder Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, der die konservativ-liberale Partei VVD umstrukturierte und auf sich einschwor. Allesamt politische Ich-AGs, die auch im Fernsehen – vor und hinter den Kameras – bestens funktionierten. Nur was sie politisch außer der Macht an sich wollen, bleibt unklar.

Die ihnen allen gemeinsame Selbstverliebtheit brachte die Sendung „Extra 3“ (ARD/NDR) im Mai in einer schönen Collage auf den Punkt. Dem Schwarzweiß-Foto von Christian Lindner, mit dem die FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für sich geworben hatte, fügte das Satire-Magazin die Textzeile bei: „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Liberaler in sich selbst“.

Unter den politischen Themen aus dem Ausland dominierte der neue US-Präsident. Der zwar weder gut aussieht noch schlank ist noch über Charme verfügt, der aber als Fernsehmoderator („The Apprentice“) erfolgreich war. An Donald Trump, der am 20. Januar sein Amt antrat, arbeiteten sie sich alle geradezu wollüstig ab. Als was wurde er nicht alles in Korrespondentenberichten wie auf Titelbildern bezeichnet: als Dummkopf, als Narziss, als mächtigstes Kind der Welt, als Rassist, als Kriegstreiber.

An all dem ist ja was dran: Der Mann verfügt über den Sprachschatz eines elfjährigen Jungen, sein politisches Denken speist sich aus den Umkleideräumen von Footballteams, er liebt nichts außer sich selbst und seine Selbstbezüglichkeit geht vermutlich soweit, dass er nachts die Imitationen studiert, mit denen Alec Baldwin in „Saturday Night Live“ (NBC) ihn karikiert, um seiner Karikatur noch ähnlicher zu werden. Doch all das darf nicht davon ablenken, was Donald Trump in Wirklichkeit betreibt, nämlich die radikale Umverteilung von unten nach oben, wovon die alte wie die neue Elite auf unfassbare Weise profitieren: Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

Noch ein außenpolitisches Thema sei annotiert, es betrifft Spanien: Als der Kampf um die Unabhängigkeit Kataloniens im Herbst an Schärfe zunahm, wurde in den Fernsehnachrichten der Name des Regionalpräsidenten Carles Puigdemont von Tag zu Tag deutlicher folgendermaßen ausgesprochen: Putschdämon. Darüber allerdings, wie dieses Unabhängigkeitsstreben, in dem rechte wie linke Katalanen zusammenfinden, politisch zu deuten ist, herrschte auch in der Bundesrepublik weitgehende Ratlosigkeit.

Ein außenpolitisches Thema wurde zu einem innenpolitischen: Die Inhaftierung deutscher wie türkischer Journalisten in der Türkei durch die Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan blieb das ganze Jahr über ein Skandal. So lautet der richtige Ruf weiterhin – und der seit Ende Februar 2017 inhaftierte „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel steht hier für viele: #FreeDeniz! ++++++ 12.1.18 – Dietrich Leder/MK

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2017 von Dietrich Leder in Heft Nr. 1/2018 der „Medienkorrespondenz“. Die 36-seitige Print-Ausgabe ist am 12. Januar 2018 erschienen. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000251.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Der Rundfunk und Politik. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2017 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10 Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Die öffentlich-rechtlichen Sender, 3) Die privaten Medienunternehmen, 4) Internet, Technik, Recht, 5) Dokumentarfilm, 6) Serien und Reihen, 7) Fernsehfilm, 8) Unterhaltung, 9) Sport, 10) Kultur, Literatur, Musik.

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12.01.2018 – MK

Print-Ausgabe 3-4/2018

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