Wahlabend oder: Das nichtssagende Interview, bei dem allein die Präsenz der interviewten Politiker zählt und nicht das, was sie sagen

27.09.2021 •

Eine Floskel an diesem Wahlabend des 27. September, an dem im Fernsehen unendlich viele Floskeln zu hören waren, erwies sich als besonders dumm. Gemeint ist die Rede davon, dass es noch „ein langer Wahlabend“ werden würde, so dass man derzeit noch nichts Genaues sagen könne, was stets von denen, die es sagen, recht umständlich ausgedrückt wurde. Tatsächlich ähnelte die Prognose, die das ZDF am Sonntag um 18.00 Uhr zum Ausgang der Bundestagswahl 2021 veröffentlicht hatte, dem vorläufigen Endergebnis, das am späten Abend auf Basis der Hochrechnungen verkündet wurde.

Diese Prognose sah die SPD mit zwei Prozentpunkten vor CDU/CSU, registrierte große Gewinne bei den Grünen und kleine bei der FDP und prophezeite, dass die Linke es, wenn, dann nur knapp in den Bundestag schaffen würde. Die ARD hingegen sah SPD und CDU/CSU noch länger gleichauf, bei ähnlichen Werten um die 25 Prozent. Im Lauf des Abends näherten sich die ARD-Zahlen denen des ZDF an, ehe das am Montagmorgen um 6.00 Uhr vermeldete vorläufige amtliche Endergebnis für die SPD 25,7 Prozent und für CDU/CSU 24,1 Prozent nannte.

Nun wollte die Floskel, die einen langen Wahlabend versprach, zum einen eine gewisse Spannung erzeugen. Angesichts des enormen Aufwands, den ARD und ZDF, begrenzt auch RTL und Sat 1 an diesem Abend betrieben, sollten die Zuschauer möglichst lange vor den Fernsehgeräten aushalten, um die hektische Abfolge von Berichterstattung, Analysen und Diskussionen zu verfolgen. Dadurch, dass mittlerweile die Zahl der Parteien, die in den Bundestag gelangen können, größer geworden ist, ist ja nicht nur die Zahl der Teilnehmer an der „Berliner Runde“ gestiegen, in der von 20.15 bis 21.15 Uhr gleichzeitig bei ARD und ZDF von den Spitzenpolitikern das Wahlergebnis erstmalig erörtert wurde, sondern auch die Zahl der Reporter, die aus den Parteizentralen erste Reaktionen vermeldeten und frühe Interviews führten. Die Folge: Die Moderatoren in den Wahlstudios – Ingo Zamperoni (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) – hetzten von Schaltung zu Schaltung, von Hochrechnung zu Hochrechnung, von Kurzinterview zu Kurzinterview, um nebenbei all das, was sie da an Zahlen und Meinungen gehört hatten, noch einzuordnen und zu kommentieren.

Dass das an diesem Abend ohne größere technische Probleme geschah, weist auf eine gewisse Professionalisierung bei komplizierten Live-Übertragungen hin. Gleichzeitig erschöpfen sich die Stimmungsbilder rasch und bestehen die Kurzinterviews aus Floskeln wie der oben erwähnten. Die Häufung der Floskeln kann man als Folge der Professionalisierung der politischen Kaste deuten; in der Einübung des Umgangs mit dem Fernsehen hat sich das nichtssagende Interview, bei dem allein die Präsenz der interviewten Politiker zählt und nicht das, was sie sagen, als eine vielgeübte Praxis herausgebildet. Möglichst nichts Falsches sagen – dann lieber wortreich nichts.

Wie gefährlich ein falsches Wort, eine fatale Geste, eine unwillkürliche Reaktion sein kann, erfuhr einmal mehr der Mann, der sich in diesem Wahlkampf als Meister des medialen Ungeschicks erwiesen hatte: Armin Laschet. Den Tag über machte ein Bild die Runde, das den Kanzlerkandidat der CDU/CSU bei der Stimmabgabe in Aachen zeigte. Dabei hielt er den entsprechend gefalteten Wahlzettel so, dass man gut erkennen konnte, dass er mit Erst- und Zweitstimme seine Partei gewählt hatte. Damit verstieß er gegen die Wahlvorschriften, was ihm so einige Kritik einbrachte und ihn in ein schlechtes Licht rückte, auch wenn der Bundeswahlleiter schließlich per Twitter bekannt gab, dass Laschets Stimmzettel, wenn er einmal in der Urne war, trotz falscher Faltung gültig sei, da er nicht mehr ausgetauscht werden könnte.

Die Floskel vom langen Wahlabend wurde aber auch von den Politikern bemüht. Besonders die Vertreter von CDU und CSU verwendeten sie auffallend oft. Hier war sozusagen der Wunsch, dass bezüglich der Hochrechnungen möglichst nicht das ZDF, sondern dass die ARD recht behalte, Vater oder Mutter der Floskel. So konnten die Unionspolitiker stundenlang von der Tatsache ablenken, die für die Prognosen von ARD und ZDF gleichermaßen galt, dass nämlich das Ergebnis dieser großen und letzten Volkspartei (CDU und CSU zusammengenommen) bei dieser Bundestagswahl um rund acht Prozent geschrumpft war.

Die Union machte an diesem Abend durch, was der anderen Volkspartei SPD in den letzten Jahren widerfahren war. Dass die SPD dann CDU/CSU noch überflügeln sollte, wollten die Unionsgranden für die Öffentlichkeit lange nicht wahrhaben. Als das nicht mehr ging, versuchten sie die enormen Verluste wie die Niederlage gegen die SPD dadurch zu relativieren, indem Armin Laschet und CSU-Chef Markus Söder erklärten, dass die Meinungsumfragen vor der Wahl ja noch drastischere Verluste prognostiziert hätten. Solche rhetorischen Klimmzüge sollten das Offensichtliche des Wahlergebnisses, das das schlechteste von CDU/CSU in der Geschichte der Bundesrepublik war, überdecken.

Früh lancierte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak einen Plan, mit dem seine Partei ihre Handlungsfähigkeit demonstrieren wollte. Er plädierte bereits gegen 18.30 Uhr für eine Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen, die er als „Zukunftskoalition“ bezeichnete. Der Plan wie der Reklamebegriff, mit dem er lanciert wurde, sollten signalisieren, dass die Unionsparteien nicht in einer Schockstarre verharrten, sondern sich als diejenigen betrachteten, die das Heft des Handelns in der Hand behalten wollten.

Dieser Eindruck verstärkte sich, als Armin Laschet gegen 18.50 Uhr vor die Kameras trat und unter dem Beifall seiner Partei bekannt gab, dass die nächste Regierung nur unter „Führung der Union“ und damit unter ihm als Bundeskanzler gebildet werden könne. Wichtiger noch als diese Worte war das Bild, das Laschet bei seiner Rede zeigte. Denn mit ihm waren viele Parteifreunde auf das Podium gekommen, unter ihnen auch die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel. Alle, mit Ausnahme des Redners Laschet, trugen eine Mund-Nasen-Maske, was in dieser Situation den Vorteil bot, dass man nichts in ihren Gesichtern etwa an Enttäuschung lesen konnte. Laschet selbst, auch wenn er sich in der „Berliner Runde“ staatsmännisch gab, für eine Koalition warb, die „man gerne macht“, und Erklärungen der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock als „sehr hilfreich quittierte“, merkte man an, dass die Niederlage an ihm zerrt. Die Frage bleibt, wie lange er das durchhalten kann.

Auf dem Führungsanspruch der Union beharrten deren Politiker auch noch in den Talkshows von Anne Will (ARD), die fast zur angestammten Sendezeit ausgestrahlt wurde (21.30 bis 22.30 Uhr), und von Maybrit Illner (ZDF), die an diesem Wahlabend eine Extra-Ausgabe ihrer Sendung moderierte (22.30 bis 23.30 Uhr). Wie klein das Personal für diese Runden ist, konnte man erleben, als Norbert Röttgen, der einst im Kampf um den CDU-Vorsitz Armin Laschet unterlegen war, live bei Illner im Studio saß, während parallel in den ARD-„Tagesthemen“ ein Interview mit ihm, das Caren Miosga geführt hatte, als Aufzeichnung eingespielt wurde. Zur Personalknappheit gehört auch eine gewisse Inhaltsleere. Es wurde auch hier weiterhin alles das an Allgemeinplätzen aufgerufen, was schon im Wahlkampf unendlich oft aufgerufen worden war.

In den Talkshows von Will und Illner verstärkte sich ein Eindruck, der sich schon in der „Berliner Runde“ angedeutet hatte, dass nämlich die wirklichen Handlungsoptionen weder bei Armin Laschet noch bei dessen SPD-Widersacher Olaf Scholz liegen, sondern bei den beiden für entsprechende Koalitionen in Frage kommenden kleineren Parteien, der FDP und den Grünen. Sie sind – so die steile Metapher von ZDF-Chefredakteur Peter Frey – „die beiden Zünglein an der Waage“. Denn sie entscheiden letztlich, wer Kanzler wird. Entweder Laschet in einer Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP. Oder Scholz in einer Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Christian Lindner deutete an, dass die FDP sich durchaus vorstellen könne, schon früh mit den Grünen zu sprechen. Olaf Scholz, der knappe Wahlsieger, hatte an diesem Abend bei seinem ersten Auftritt in der SPD-Zentrale verkündet, dass der nächste Bundeskanzler Olaf Scholz heißen werde. Ansonsten hielt er sich zurück, versprach aber, dass die Regierungsbildung vor Weihnachten beendet sein solle.

Das ZDF hatte nicht nur die bessere Prognose an diesem Bundestagswahlabend, auch die Abläufe im Wahlstudio, in dem Bettina Schausten alles fest in der Hand hielt, funktionierten besser als im Ersten. Selbst die Präsentation der Zahlen durch Matthias Fornoff erschien im ZDF besser als in der ARD, wo Jörg Schönenborn (WDR) die Seiten durch Fingerdruck auf dem Display selbst abrufen musste. Im ZDF übernahm das die Studioregie, so dass sich Fornoff auf die Daten selbst und ihre Deutung konzentrieren konnte.

Störend im ZDF waren hingegen die kurzen Einspielfilme, die hinter Bettina Schausten immer und immer wieder eingeblendet wurden. Sie wirkten in einer ohnehin zwangsläufig hektischen Sendung für eine weitere visuelle Unruhe. Ähnliches gilt für bizarre Kamerafahrten durch das ARD-Wahlstudio, in dem Ingo Zamperoni stets seinen Standort wechselte, als wollte er seine Sportlichkeit unter Beweis stellen. Diese visuelle Hektik kann man als Pendant zu einer Haltung der Politiker sehen, die an einem solchen Wahlabend kein Innehalten kennen, sondern einfach immer weitermachen.

Auch wenn der Abend, was die Tendenz des Wahlausgangs anging, kurz war, wird es eine längere Zeit dauern, in der nun vor und hinter den Kameras nach einer Regierungskoalition gesucht wird. So erwies sich eine Frage, die die Moderatoren Rainald Becker (ARD) und Peter Frey am Ende der „Berliner Runde“ stellten, als die wirklich spannende: Wird Angela Merkel noch ein letztes Mal die Neujahrsansprache halten oder wird das ihr Nachfolger übernehmen, ob er dann Laschet heißt oder Scholz?

27.09.2021 – Dietrich Leder/MK

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