Vielgestaltiges Bild statt weitere Huldigung: Ein ZDF-Film über die ehemalige Lichtgestalt Franz Beckenbauer

10.09.2020 •

Der größte Nachteil der Produktion des Films „Mensch Beckenbauer! Schau’n mer mal“ von Uli Weidenbach, den das ZDF am 8. September zur besten Sendezeit ausstrahlte (20.15 bis 21.00 Uhr), erwies sich im Nachhinein als enormer Vorteil. Da sich der Porträtierte seit einiger Zeit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und sich auch keinem Interview mehr stellt, musste der Film ohne Beobachtungen von und Gespräche mit ihm auskommen.

Dem Film fehlten somit eigene Beweise für eine grundsätzliche Menschenfreundlichkeit, die Franz Beckenbauer nach Ansicht vieler, die ihn kennen, auszeichnet. Eine Menschenfreundlichkeit, die auch die Journalisten, die mit ihm zu tun hatten, auf eine Weise für ihn eingenommen hat, dass sie Beckenbauers Schwächen, Schattenseiten und Irrtümer lange übersahen. Eine Menschenfreundlichkeit, der zuletzt auch Thomas Schadt in seinem Dokumentarfilm „Fußball – ein Leben: Franz Beckenbauer“ (ARD/BR 2015) erlegen war, als er die damals schon laut gewordenen Vorwürfe gegen den Porträtierten im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland nur am Rande behandelte.

Das ging nun fünf Jahre später nicht mehr. So räumte der Film, der im Rahmen der Reihe „ZDFzeit“ zum 75. Geburtstag Beckenbauers (11. September) entstanden ist, den Skandalen, in die er verwickelt war, größeren Raum ein. Allerdings konnte auch Uli Weidenbach nicht die Hintergründe um jenen Geldstrom von 10 Mio Schweizer Franken erklären, der von einem damaligen Chef des Unternehmens Adidas über das Konto von Franz Beckenbauer zu einem Fußballfunktionär aus Katar floss. Ob damit eine entscheidende Stimme bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland bezahlt wurde oder ob es um Bestechung für die Vergabe von WM-Senderechten ging, ist bis heute ungeklärt. Nicht zuletzt deshalb, weil Beckenbauer jede Erklärung in dieser Sache verweigert. Ein Strafverfahren dazu in der Schweiz verlief im Sande; die Anklage gegen Beckenbauer war dabei schon früh eingestellt worden, da dieser aus gesundheitlichen Gründen als nicht vernehmungsfähig galt.

Da Uli Weidenbach weder Licht in das Dunkel der erwähnten obskuren Zahlungsvorgänge bringen noch die Frage beantworten konnte, ob Beckenbauer sich in seiner damaligen Funktion als FIFA-Funktionär bei der Stimmvergabe für die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar hatte bestechen lassen, widmete er sich eher der Frage, wie die ehemalige Lichtgestalt des deutschen Fußballs in den Ruch solcher Verdächtigungen geraten konnte. Der Filmemacher befragte dazu den älteren Bruder von Franz Beckenbauer, eine langjährige Lebensgefährtin, ehemalige Mannschaftskameraden vom FC Bayern München wie Paul Breitner und Uli Hoeneß, aber auch Historiker, Journalisten und Autoren wie Torsten Körner oder Gunther Latsch, die über den Fußballstar geschrieben hatten.

Durch eine kluge Montage der Originaltöne der Befragten wurde deutlich, wie der junge Fußballspieler Beckenbauer Teil eines „Schlawinertums“ – so sein Biograf Torsten Körner – wurde, mit dem private Skandale oder aber auch Steuerdelikte um Schwarzgeldzahlungen unter den Tisch gekehrt wurden. Und das mit Hilfe eines Bündnisses, zu dem bayerische Politiker ebenso gehörten wie Zeitungen des Springer-Konzerns. Beckenbauer, dem sportlich so vieles gelang, musste bereits Mitte der 1980er Jahre, als er auf Druck der „Bild“-Zeitung zum Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde, das Gefühl gewonnen haben, er bewege sich gleichsam in einem gesellschaftlichen Freiraum.

Nebenbei zeichnete der Film (2,76 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,6 Prozent) die Veränderungen des professionellen Fußballs nach. Waren die Weltmeister von 1954 um Fritz Walter noch allein Idole ihres Sports, wurde ihr Nachfolger Franz Beckenbauer, der 1974 durch einen 2:1-Endspielsieg gegen die Niederlande mit der deutschen Mannschaft den Weltmeistertitel gewann, zu einer Art Popstar, der seine Prominenz weit über den Sport hinaus auskostete und der sich seine mediale Präsenz sehr gut bezahlen ließ.

Von dieser Präsenz profitierte nun auch der Film von Uli Weidenbach, denn seine solide Recherche in den Archiven förderte viele Szenen zutage, in denen Beckenbauer stets eine besondere Figur machte – als eleganter Spieler auf dem Platz, als grantelnder Nationalmannschaftstrainer, der nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 im römischen Olympiastadion einsam über den Platz des Endspiels spazierte, als Medienstar, der stets für einen feschen Spruch gut war wie seinem legendären Diktum „Schau’n mer mal“, das hier Teil des Filmtitels war, oder als frühe Werbe-Ikone, die den Satz „Kraft auf den Teller, Knorr auf den Tisch“, mit dem der Fußballstar für eine Tütensuppe warb, wie ein Gedicht aufsagte. Dass Beckenbauer seit fünf Jahren zu den genannten Vorwürfen schweigt, die gegen ihn laut wurden, dass er sie nicht mit einem lockeren Eingeständnis und einer sanften Entschuldigung auf eine Weise, wie sie nur ihm möglich gewesen wäre, aus der Welt schaffte, erstaunte den „Spiegel“-Journalisten Gunther Latsch so sehr, dass er es im Film gleich mehrfach betonte.

Aber Franz Beckenbauer schweigt so, wie einst auch Altkanzler Helmut Kohl (CDU) nichts zu den Spendenzahlungen sagte, die ihn schließlich seinen guten Ruf in der eigenen Partei kosteten. In diesem Sinne kann man die Biografie des Franz Beckenbauer tatsächlich als exemplarisch für die Geschichte der Bundesrepublik ansehen, wie es einige der Interviewpartner im Film andeuteten. Ein vielgestaltiges Bild von Beckenbauer gezeichnet zu haben, statt ihm ein weiteres Mal nur zu huldigen, muss man dem Beitrag von Uli Weidenbach testieren. Das fiel vielleicht auch besonders deshalb auf, weil der ausstrahlende Sender in den Tagen zuvor rund um die Übertragungen der Nations-League-Spiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien (1:1) und die Schweiz (1:1) sich für keinen Kotau vor dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu schade war.

10.09.2020 – Dietrich Leder/MK

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