TV-Talks in Zeiten der Coronakrise: „Hart aber fair“ im Ersten und „Die Quarantäne‑WG“ bei RTL

24.03.2020 •

Früher, so formulierte es einst der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec, standen die Menschen einander näher, damals trugen die Schusswaffen noch nicht so weit. An diesen Satz muss man denken, wenn man die Menschen in den gegenwärtigen Fernseh-Talkshows sieht, die aufgrund der Coronakrise nun im Mindestabstand von zwei Metern voneinander entfernt in Sesseln oder auf Stühlen sitzend miteinander sprechen. Dem Gespräch scheint diese räumliche Distanz zu helfen.

Das gilt aber nicht für die Personen, die – in den letzten Wochen verstärkt – über ein Fernsehbild ins Studio geschaltet werden. Schon in den Nachrichtensendungen haben diese Schaltgespräche, wie sie etwa bei „Heute“ im ZDF um 19.00 Uhr gerne gepflegt werden, etwas Absurdes an sich. Das beginnt damit, dass die Moderatorin oder der Moderator knapp an der Fläche, auf die der Gesprächspartner elektronisch gestanzt wird, vorbei schaut, um ihn dort auf einem Monitor tatsächlich erblicken zu können. Ihr Blickkontakt ist imaginär, meist ist es ihr Dialog auch. Denn die Frage aus dem Studio will nicht wirklich beantwortet werden, sondern dient allein dem Zweck, dass der Gesprächspartner, der sich meist am Ort eines Geschehens aufgebaut hat, das loswird, was er sich vorgenommen hat.

Es gibt auch Schaltungen von externen Personen in die Talkshows. Dies soll nun eine Teilhabe des entsprechenden Gesprächspartners an der Debatte der Gäste im Studio ermöglichen. Doch das gelingt selten. In der Ausgabe von „Hart aber fair extra“ (ARD/WDR) zur Lage in der Coronakrise am Montag (23. März) – die Sendung wurde dabei zu einem zweistündigen Marathon ausgedehnt (20.15 bis 22.15 Uhr) – wies einer der beiden zugeschalteten Gäste, der Heinsberger Landrat Stephan Pusch, einmal darauf hin, dass ihn der Ton aus dem Studio zeitversetzt erreiche, was ein schnelles Reagieren auf die Debatte erschwerte.

Handzeichen der Gäste oder das Heben der Augenbraue, die der Moderator im Studio, wenn er denn hellwach ist, erkennt, übersieht er, wenn er die live dazugeschaltete Person nur in einer Nahaufnahme auf einem zudem weiter entfernt stehenden Monitor sieht. So kam es in der „Hart-aber-fair“-Sendung dazu, dass ein weiterer leibhaftig anwesender Studiogast, der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam (SWR), auf eine Zuschauerfrage, die sich explizit auf die Corona-Situation in Rheinland-Pfalz bezog, nicht zu antworten wusste und das, für ihn eher selten, auch umständlich ausdrückte, während sich die dazugeschaltete Sozialministerin aus eben diesem Bundesland zu der Frage erst nach einer umständlichen Wortmeldung äußern konnte.

Parallel zur Plasberg-Talkshow startete RTL an diesem Montagabend die neue Sendung „Die Quarantäne-WG – Willkommen zuhause“ zum selben das Land bewegenden Coronathema. In dieser Live-Sendung, die (so der Sender) „vorerst täglich live“ von 20.15 bis 21.15 Uhr läuft, werden Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher, die jeweils in ihren Wohnungen oder Büros sitzen, über ihre Computer live zusammengeschaltet. Das Konzept basiert auf der Anordnung der Bundesregierung, dass ab diesem Montag die sozialen Kontakte drastisch eingeschränkt werden. Und es hatte einen weiteren Grund darin, dass Oliver Pocher positiv auf das Coronavirus getestet wurde und er deshalb ohnehin in Quarantäne sitzt. 

Das, was allgemein für professionelle Schaltungen in Fernsehstudios gilt, galt für diese Sendung im Besonderen. Hier sprachen entweder immer alle gleichzeitig oder schwiegen peinlich und pikiert, weil sie gerade den anderen über den Mund gefahren waren. Ein Gespräch unter diesen drei Unterhaltungsmoderatoren wie mit ihren Gästen kam kaum zustande, es sei denn, einer schwang sich für kurze Zeit zum Obermoderator auf.

Interessanterweise war das meist Oliver Pocher, der dank der eigenen Erfahrung mit dem Virus auch über die meiste Sachkenntnis verfügte. Thomas Gottschalk besaß von den dreien entweder den schlechtesten Heimcomputer oder die miserabelste Internetleitung. Wenn er mal im Gesprächschaos zu Wort kam, stotterte das Bild und er war akustisch kaum zu verstehen. Das machte aber auch nichts, da er wie immer vor allem über sich selbst sprach. Als eine der Gastpersonen wurde eine Zeitlang eine Krankenhausärztin aus Essen hinzugeschaltet, die schlagfertiger und witziger als die drei Unterhaltungsmoderatoren erschien. Wer in dieser Phase zu „Hart aber fair“ zurückschaltete, konnte dieselbe Ärztin auch dort in einer eingespielten Reportage sehen, wie sie Maßnahmen des Essener Klinikums erläuterte.

Das Ideal einer Plasberg-Talkshow ist ein Gespräch, bei dem alle Gäste nur noch auf Monitoren präsent sind und in dem sie aufgerufen werden wie kleine Kinder in der Schule vom Lehrer. Das Sprechen untereinander wäre unmöglich. Das Ideal einer Jauch-Gottschalk-Talkshow besteht in einer Gesprächsform, in der schon seit 20 Jahren alles gesagt ist, aber beide Gedächtnismaschinen das unter allerlei Gelächter immer langsamer werdend abrufen und in der es egal ist, wer von ihnen spricht, am besten beide gleichzeitig.

Jede gesellschaftliche Krise bringt eigene Fernsehfiguren hervor. Wer erinnert sich noch an die Terrorismusexperten? Der, der das vor einiger Zeit im ZDF war, ist nun las Korrespondent in Washington ein Trump-Versteher. Die Coronakrise beschert uns die fernsehtauglichen Virologen. Dr. Hirschhausen von der ARD muss zittern. Er ist nicht mehr allein.

24.3.2020 – Dietrich Leder/MK

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Nachtrag am 26. März: RTL stellte „Die Quarantäne-WG“ schon nach der dritten Ausgabe wegen schwacher Quoten schon wieder ein. 

24.03.2020 – MK