Trump oder Biden? Eindrücke von den Sondersendungen im Fernsehen zur US‑Präsidentschaftswahl

04.11.2020 •

Eine amerikanische Präsidentschaftswahl bedeutet: Wahlnacht im deutschen Fernsehen. Und es geht bis in den nächsten Vormittag. Am 3./4. November, von Dienstag auf Mittwoch, war es wieder einmal so. Und die große Frage war: Würde Donald Trump wiedergewählt werden? Die Enttäuschung stand einigen Moderatoren in dieser Nacht schon früh ins Gesicht geschrieben, beispielsweise diejenigen, die wie Nadja Bernhard und Andreas Pfeifer auf 3sat eine Sonderausgabe von „Zeit im Bild“ (ZiB), dem TV-Nachrichtenmagazin des Österreichischen Rundfunks (ORF), präsentierten, oder Gesa Eberl und Peter Kloeppel, denen RTL eine stundenlange Sondersendung anvertraut hatte. Denn die Hoffnung, die sie wie die meisten deutschen Beobachter hegten, dass der demokratische Bewerber Joe Biden den amtierenden republikanischen Präsidenten klar schlagen würde, wie es auch die Demoskopen angedeutet hatten, trog. Donald Trump war es gut gelungen, seine Anhänger zu mobilisieren. So kam ihm die enorm gestiegene Wahlbeteiligung zunutze, mit deren Hilfe er viele der Bundesstaaten halten konnte, die er vor vier Jahren bei seinem ersten Wahlsieg erobert hatte.

Im Ersten Programm der ARD hatte Jörg Schönenborn schon vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass die Demoskopen schon bei der ersten Trump-Wahl gewaltig daneben gelegen hatten. In dieser Nacht informierte der WDR-Programmdirektor in seinem Nebenjob als Wahlanalytiker kühl und sachlich über die Ergebnisse in den einzelnen US-Staaten. Er wirkte deutlich besser vorbereitet als sein ZDF-Kollege Christian Sievers, der gelegentlich mit der Technik des Touchscreens kämpfte. Ihm wurde auch durch Moderatorin Bettina Schausten weniger Zeit für seine Erklärungen eingeräumt. Man kann diese Differenz als Ergebnis der Hierarchie-Unterschiede deuten. Schönenborn als WDR-Programmdirektor war dem Moderator der ARD-Wahlnacht, Andreas Cichowicz, der im Hauptberuf Fernsehchefredakteur und stellvertretender Programmdirektor des NDR ist, mehr als gleichgestellt. Bettina Schausten als stellvertretende Chefredakteurin des ZDF hingegen ist Christian Sievers’ Vorgesetzte.

Endlose Gespräche bei ARD und ZDF

Statt also früh von einem Wahlsieg Joe Bidens zu künden, hatten alle deutschen Moderatoren nun ein „Kopf-an-Kopf-Rennen“ zu vermelden, so Schönenborn kurz nach 5.00 Uhr deutscher Zeit, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Doch statt die Spannung dieses Rennen nun detailliert zu schildern, wie es zur selben Zeit etwa im US-Nachrichtenkanal CNN geschah, füllten die deutschen Sender die Zeit, die zwischen den jeweiligen Endergebnissen aus den einzelnen Bundesstaaten lag, mit endlosen Gesprächen. Die ARD hatte dazu den für das Erste Programm geradezu unvermeidlichen Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“, und die Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver von der Harvard University ins Studio geholt.

Während Mascolo stets auf das Große und Ganze des überraschenden Wahlverlaufs abhob, sich also im staatsmännischen Kommentar übte, erklärte Clüver viele Details des Wahlabends und erläuterte auch früh, was geschehen würde, sollte es zu einem Patt bei den Stimmen der Wahlabgesandten kommen. Was der ARD der Mascolo ist schon viel länger dem ZDF der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, der bei dieser US-Wahl aber mehr durch seinen rostbraunen Cordanzug auffiel als durch besonders pfiffige Analysen.

Überflüssig bei ARD und ZDF waren die endlosen Interviews mit deutschen Politikern, denen die Enttäuschung über den Wahlausgang ebenfalls anzusehen waren, der sie nun mehr oder minder Ausdruck verliehen. Verblüffend allerdings schon, dass wohl kaum jemand mit einem erneuten Wahlsieg Trumps gerechnet hatte, so dass sie sich nun mit einer ungewöhnlichen Situation konfrontiert sahen. Einzig der AfD-Politikerin Beatrix von Storch war die Freude über jede Trump-Stimme anzusehen, als sie im ZDF neben der Linken-Politikerin Katja Kipping und dem Grünen-Politiker Cem Özdemir die Fragen von Bettina Schausten beantwortete.

Schaltungen quer durch die USA, vor allem zu den Stationen, in denen die Hauptquartiere der beiden Kandidaten aufgeschlagen waren, ergänzten die fünf und mehr Stunden währenden Sondersendungen im deutschen Fernsehen. Da die Reporter im Freien die Fragen aus den Heimatredaktionen zu beantworten hatten, mussten sie in der nächtlichen Kälte von Delaware (Biden-Lager) oder von Washington (Trump-Lager) ausharren, worunter sie, je weiter die Nacht fortschritt, durchaus litten. Gemütlicher hatte es da schon der ARD-Studioleiter in Washington, Stefan Niemann (NDR). Er saß im Studio vor einem Live-Bild vom Weißen Haus und also im Warmen.

Um 8.22 Uhr unterbrach im Ersten Andreas Cichowicz ein weiteres Politikerinterview von Tina Hassel (WDR, ARD-Hauptstadtstudio) in Berlin, um anzukündigen, dass man jetzt live die Erklärung von Donald Trump in Washington zeige. Es sollte ein Auftritt für die Geschichtsbücher werden, denn Trump zählte genüsslich all die Bundesstaaten auf, die er gegen viele Vorhersagen angeblich dennoch gewonnen habe – auch wenn dort die Stimmen noch gar nicht zu Ende ausgezählt worden waren. Das machte aber nach der simplen Logik des amtierenden Präsidenten nichts, da sein Vorsprung in einem so wichtigen Staat wie Pennsylvania uneinholbar sei.

Tina Hassel verschlug es die Sprache

„Es ist doch alles gelaufen“, erklärte Trump mal eben, „wir haben diese Wahl gewonnen“, um dann zu erklären, dass der Fall, wenn es doch noch anders käme, nur auf Betrug zurückzuführen sei. Deshalb werde er jetzt den Supreme Court anrufen, der veranlassen solle, die Auszählung der Stimmen jetzt zu beenden. Trumps Erklärung, die auf der einen Seite kleinteilig die Stimmenverhältnisse in einzelnen Staaten bilanzierte und auf der anderer Seite in der pompösen Geste eines selbstbehaupteten Sieges verfiel, basierte auf seiner alten Strategie, etwas als wirklich zu behaupten, ohne dafür irgendeinen Beweis zu liefern. Ja, entscheidender noch: durch diese Erklärung erst die Fakten zu schaffen, deren Existenz er zuvor behauptet hatte.

Bei CNN kommentierte eine Zeile im „Breaking-News“-Crawl die Ankündigung Trumps, den Supreme Court anzurufen, kurz und knapp mit der Frage: „Unclear why“. Die Kommentatoren von ARD und ZDF benötigten viel mehr Worte, um die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs zu erfassen und ihn dann unisono als Angriff auf das demokratische Verfahren zu bezeichnen. Tina Hassel verschlug es gar die Sprache. Als sie ihrerseits Trump vorwarf, mit dieser Strategie die Wähler zu betrügen, geriet sie aus dem Konzept und versuchte mühsam ihren Satz zu Ende zu bringen. Zu dieser Zeit nahmen die Spekulationen zu, was nun geschehen werde. Man sprach darüber, wie die Auszählung weiterginge oder wie mit den Briefwahlstimmen umgegangen würde, und spekulierte über mögliche Gerichtsverfahren. Nur Peter Kloeppel wies an diesem Morgen auf die Möglichkeit hin, dass Donald Trump die Wahl ja noch eindeutig gewinnen könne.

Die Wahlsondersendungen waren mittlerweile in eine lange Ausgabe der „Tagesschau“ (ARD) und ins „Morgenmagazin“ (ZDF) übergegangen. Bei RTL, das für diesen Sender eine überraschend lange Strecke der US-Wahl überlassen hatte, lief ab 9.00 Uhr dann wieder das normale Vormittagsprogramm. Das Wahlergebnis stand noch nicht fest.

04.11.2020 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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