Tradition der Qualität: Produziert das ZDF wirklich zu viele Krimis?

23.01.2006 •

Beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden im November vorigen Jahres kam Kritik an der Krimiproduktion des ZDF auf. Wer nicht dabei war, vermochte diese Kritik nicht ganz nachzuvollziehen. Stören am ZDF-Programm im Allgemeinen und der Fiction-Produktion im Besonderen wirklich gerade die Krimis, die angeblich überhandnehmen?

In diesem Genre weist das Zweite jedenfalls eine große Bandbreite auf. Sie reicht von den klassischen Serien am Freitag („Ein Fall für Zwei“, „Der letzte Zeuge“) über die besonderen Reihen beim „Samstagskrimi“ („Bella Block“, „Unter Verdacht“), die internationalen Koproduktionen am späten Sonntagabend (zum Beispiel der letzte Film aus der Wallander-Reihe, „Mittsommermord“, oder zur Zeit „Hautnah – Die Methode Hill“) und die gelegentlichen Ausflüge ins Thriller- oder Krimi-Genre beim „Fernsehfilm der Woche“ am Montag („Solo für Schwarz – Der Tod kommt zurück“) bis hin zu den Spin-Offs der „SOKO“-Reihe innerhalb der Woche im Werberahmenprogramm.

Dieses Angebot (alle genannten Beispiele aus den vergangenen 14 Tagen) überzeugt und bindet erfolgreich Zuschauer durch die Kontinuität sorgfältiger Dramaturgien und ausgefeilter Produktionen (auch international). In seinen Qualitätsspitzen wie den erwähnten Einzelfilmen aus den Reihen am Samstag, Sonntag und Montag überragt die ZDF-Krimiproduktion das fiktionale Angebot aller anderen Fernsehsender.

Gewiss, die ARD hat mit ihrem „Tatort“ sicher die ältere und stabilere Marke mit dem entsprechenden Erfolg am Sonntagabend, aber in der Breite hat das Erste wenig zu bieten. Am Vorabend im ARD-Werberahmenprogramm muss das „Großstadtrevier“ einsam die Stellung halten neben den Daily Soaps und der Telenovela „Sophie – Braut wider Willen“, die sich gegen Ende auf die 10 Prozent Marktanteil zurobbt, was in München in der ARD-Programmdirektion sicher die Gläser klingen lässt. Am Abend sind im Ersten Serien wie „Die Kommissarin“ (montags) oder „Adelheid und ihre Mörder“ (dienstags) zu sehen, die mächtig in die Jahre gekommen sind. Gelegentlich gibt’s dann am Mittwochabend einen Thriller. Das war‘s dann auch schon. Der Rest ist Wiederholung.

Bei anderen Sendern ist die Kompetenz auf dem Krimisektor stark erlahmt. Sat 1 hat zwar eine Reihe von Formaten entwickelt, doch eine Serie wie „SK Kölsch“ wird nicht mehr fortgesetzt, andere – wie die vielversprechende Serie „Der Elefant“ – werden nach Probestaffeln nicht prolongiert. Bleibt, was Sat 1 angeht, der quotenstarke „Bulle von Tölz“, der alles niederwalzt, was sich ihm in den Weg stellt, einschließlich guter Drehbuchideen.

Der Marktführer RTL wiederum ist in Sachen Krimi auf die Übernahme US-amerikanischer Serien umgeschwenkt, auf die der Tochtersender Vox schon seit einigen Jahren erfolgreich setzt. RTL 2 hält sich vornehm zurück, zeigt aber zur Zeit jeden Samstag zwei Folgen der vierten Staffel von „24“, in der Jack Bauer diesmal als ausgeliehener Beamter des State Departments der Anti-Terror-Einheit CTU im Kampf gegen finstere, weil arabisch aussehende Terroristen und Gangster beisteht. Von Pro Sieben sollte man derzeit eigentlich besser schweigen. Der Sender zeigt zwar die teure US-Serie „Las Vegas“, setzt aber mehr auf Castingshows wie „Germany‘s Next Topmodel – by Heidi Klum“ (ab 25. Januar). Und Kabel 1 wiederholt dann und wann Uralt-Krimiserien.

Nein, es gäbe sicher vieles, was man am ZDF-Programm beklagen kann, aber die Krimis zählen in der Quantität des Zuschauerzuspruchs und der Qualität der einzelnen Filme und Folgen zum Besten, was in Deutschland produziert wird. Und wenn etwas in der Produktions- und Sendemenge des ZDF zunimmt, dann sind es die eskapistischen Herz-Schmerz-Geschichten in Gestalt der Telenovelas (neu und zusätzlich: „Leben für die Liebe“) und der Sonntagabendreihen à la Rosamunde Pilcher (am 22. Januar zuletzt die Folge „Land der Sehnsucht“).

23.01.2006 – Dietrich Leder/FK

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